Einleitung.
Die Vaterlandsliebe beruht auf der Heimatliebe. Wenn diese durch das
Kennenlernen der
Vorzüge und Eigenheiten der engeren Heimat wie durch das Eindringen in
ihre geschichtliche Vergangenheit bei treuer Arbeit in Schule und
Familie wohl auch im Vereinsleben in gleicher Weise gepflegt und
gefördert wird, wie die vaterländische Geschichte, werden die finstern
Mächte des Umsturzes
sich vergebens bemühen, unserm Volke die Freude am großen weiten
Vaterlande und die Liebe zu ihm
zu rauben. Nicht so leicht und einfach wie die Einführung in die
Kenntnis der Heimat durch die Anschauung, ist das Studium ihrer
früheren Geschicke. Denn wie bei zunehmender Tiefe das Meer immer
dunkler wird, so treten die geschichtlichen Ereignisse, je weiter sie
zurückliegen, um so ungenauer und
spärlicher hervor, bis sie in fernster Vergangenheit völlig schwinden.
Begierig sucht daher die Altertumsforschung über die Zeit der
schriftlichen Urkunden hinaus nach Denkmälern der Vergangenheit:
Heidengräbern mit Aschenurnen, uralten Stein- und Bronzegeräten,
ebensolchen Waffen und Schmucksachen,
Höhlenwohnungen usw., aus denen auf die Volksart und den Kulturstand
vormaliger Bewohner, ihre
Lebensweise u. a. scharfsinnig Schlüsse gezogen werden.
Weniger beachtet - wenigstens von der großen Menge - waren bis jetzt
jene Denkmäler,
die durch die Sprache der Vorbewohner unserer Heimat in den On uns
überliefert sind. Das erklärt
sich daraus, daß sie allen von Jugend an geläufig sind und darum das
allgemeine Interesse nicht in
dem Maße erwecken, wie etwa eine Urne, die nach tausendjähriger Ruhe
gleichsam als etwas Neues
ans Tageslicht gefördert wird. Ein weiterer und wohl der
hauptsächlichste Grund, weshalb die On den
meisten Menschen, selbst vielen gebildeten, nichts Anziehendes bieten,
liegt darin, daß ihre große Mehrzahl in den jetzigen Formen nicht ohne
weiteres erkennen läßt, was sie bedeuten, woher sie stammen.
Dazu kommt, daß dieselben Schwierigkeiten bei den Pn einschließlich
der Taufnamen obwalten,
so daß auch deren scheinbare Bedeutungslosigkeit dazu beigetragen hat,
die Gleichgültigkeit gegen die
N und die Namenkunde zu verallgemeinern und die Meinung zu verbreiten,
in den N stecke kein besonderer Sinn.
Es ist aber sicher, daß alle N, welcher Art sie sein mögen, nicht
seelenlose Klänge sind, und
daß insbesondere die On durch bestimmte Veranlassungen begründete
bedeutungsvolle Bezeichnungen
vorstellen, die mit den O, die sie benennen, in Beziehung stehen, oder
doch zur Zeit der Namengebung
gestanden haben. Durch eine nicht unerhebliche Anzahl On, deren
Bedeutung an sich klar ist, wie
Königshütte oder -zelt, -berg, Langenbrück, Fünfkirchen, St.
Petersburg, Swinemünde u. a. wird dies
deutlich genug erwiesen. Denn wenn diesen On unstreitig ein bestimmt
ausgedrückter Sinn innewohnt,
warum sollten die übrigen On wie Breslau, Glatz, Prag, Berlin,
Hannover, Rostock usw. nichts andres
bedeuten, als daß ihre Schreibform und ihr Sprachklang die bloße
Vorstellung der O, oder, wenn wir
sie aus der Anschauung nicht kennen, ihre Lage auf der Landkarte
vermittelt?
Die Schwierigkeiten, die die meisten On der Erklärung ihrer Bedeutung
entgegensetzen, sind
hauptsächlich entstanden durch die Veränderungen, die sie im Laufe der
Zeit erfahren haben. Sie sind
vielfach bis zur Unkenntlichkeit entstellt und mit alten verwitterten
Denkmälern zu vergleichen, deren Inschriften zu entziffern zuweilen
gar nicht, oft nur mit vieler Mühe gelingt.
Die alten deutschen On waren in ihrer Mehrzahl zu lang und vielfach
mit Pn verbunden, die
im Laufe der Jahrhunderte ebenfalls Veränderungen erfahren haben und
deshalb nicht voll verstanden
werden können. Durch die später erfolgte Verkürzung und Verstümmelung
wurde aber ihr Inhalt
völlig unverständlich.1)
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1) Aus Hruodinesheim wurde Rüdesheim, aus Haderichesbrucca Hersbruck,
Beringerishusin wurde zu Berghausen, Adalolteshusun zu Arolsen verkürzt,
und die Insel Bornholm hieß ehemals Burgundarholm.
In Schlesien hieß Blasdorf Kr. Landeshut 1343 Blasiansdorf; die
Arnsdorf in den Kreisen Glogau, Liegnitz,
Hirschberg, Schweidnitz, Strehlen, Ohlau und Neiße sind nachweislich
verkürzt aus Arnoldisdorf, während
die jetzigen Hermsdorf in den Kreisen Brieg, Ohlau, Neiße,
Habelschwerdt, Landeshut, Hirschberg,
Goldberg und Sagan früher sämtlich den N Hermannsdorf führten.
Dieser Text wurde von Andreas Meininger zur Verfügung gestellt. (2005)
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