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Letzte evangelische und deutsche Predigt in der St.
Elisahethkirche1
Am 30. Juni 1946 gehalten durch Joachim Konrad, der letzte Stadtdekan
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Und der Herr sprach zu Abraham: Gehe aus deinem
Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters
Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will
dich zum großen Volke machen und will dich segnen und dir
einen großen Namen machen, und sollst ein Segen sein.
(1.
Mose 12, 1. 2)
Liebe Gemeinde!
Täglich rollen Züge mit Tausenden von Schlesiern am
Freiburger Bahnhof ab. Sie müssen ihre Heimat verlassen,
teils, weil man sie dazu zwingt, teils, weil sie ihr Letztes
verkauft haben und nun keine Existenzmöglichkeit mehr für
sie da ist. Wenn man diese Elendszüge, von Miliz bewacht,
Breslau verlassen sieht, krampft sich einem das Herz. Gottes
Gericht liegt hart auf dem deutschen Osten. Es fällt einem
nicht leicht, den scheidenden Brüdern und Schwestern ein
Wort zu sagen, das angesichts dieser fürchterlichen Not von
wirklich tragender und tröstender Kraft ist. Es kann nur
gefunden werden von dem her, der der Herr aller Schicksale
und darum auch unseres Schicksals ist, zu dem wir allein
unsere Zuflucht nehmen wollen auch in diesen schweren
Tagen.
I.
Die Geschichte des Volkes Israel, die biblische
Geschichte, vom Neuen Testament her gesehen die
Heilsgeschichte des Volkes Gottes, beginnt mit einem
Abschied aus dem Vaterlande auf Gottes Geheiß. Abraham muß
seines Vaters Haus, seine Freundschaft, seine Heimat
verlassen, um ein Pilger Gottes zu werden, um dahin zu
ziehen, wo Gott ihm Weg und Heimat anweisen will. Und gerade
dieser Weg und dieses Ziel sollen unter der Verheißung des
Segens stehen. Unter dem Zeichen des Abbruchs vollzieht sich
ein Aufbruch, unter der Maske des harten fordernden Gottes
ist seine Güte verborgen.
Der Herr sprach zu Abraham: "Gehe aus deinem Vaterlande."
Vernehmen wir Gottes Sprache auch in unserem Schicksal, sein
Wort auch in unserer Situation? Man muß vorsichtig sein, daß
man Gottes Willen nicht mit den eigenen Wünschen
verwechselt. Man könnte versucht sein, von Gottes Willen zu
reden, wo Angst und Feigheit vielleicht unterbewußt einen
zur Flucht vor der Aufgabe bestimmen möchten. Die Kirche
mußte bleiben, auch als vor anderthalb Jahren die Russen
kamen, und ihres Amtes walten, solange ihre Gemeinden da
waren und des Trostes und Haltes des Evangeliums bedurften.
Und wahrhaftig, Gott hat die schwere Aufgabe der
evangelischen Kirche in der Belagerung und Besatzungszeit
reich gesegnet. Wir haben es lernen und erfahren dürfen, was
es heißt, bar aller menschlichen Sicherheiten allein aus der
Gnade zu leben. Wir haben gerade auch in unseren Breslauer
Gemeinden ein Stück Gemeinschaft in unserer Not erleben
dürfen, wie wir sie vorher nie gekannt haben.
Wenn aber nun doch all die menschlichen Hoffnungen
zerschlagen werden, die wir für unsere Heimat hegten, wenn
uns unsere Gemeindehäuser und Kirchen genommen werden, wenn
Straßenzug um Straßenzug evakuiert wird, dann redet doch
Gott auch über das Unrecht, das uns geschieht, seine Sprache
mit uns. Wenn die Dinge reif werden, dann richtet Gott
jedem, der unter seinem Worte zu leben bereit ist, seine
Zeichen auf und zeigt uns neue Wege und Aufgaben, in denen
wir seinen Willen erkennen können, und fordert neuen
Gehorsam.
II.
Ich glaube, erst die Abschiedsstunde läßt uns ganz klar
erkennen, was uns die Heimat bedeutet. Das Land unserer
Väter und Kinder, das Land, dessen Charakter unser Wesen
geprägt hat, das uns leiblich und seelisch ernährt hat, das
Land, dessen Häuser und Straßen, Felder, Berge und Wälder
uns ansprechen und anheimeln, wie sonst nie eine Landschaft,
weil wir darin seit Generationen verwurzelt sind! Was
bedeutet uns Breslauern die Elisabethkirche, ihre Mauern,
ihre Glocken, ihre Orgel, ihre Gottesdienste? Seit den Tagen
der Reformation ein Inbegriff seelischer Beheimatung! Wie
haben wir um sie gezittert in den Monaten der Belagerung,
wie haben wir sie gehütet und bewacht in den Brandzeiten
nach der Eroberung. Und Gott hat sie uns stehen lassen mit
ihrem mächtigen Turm als ein Zeichen seiner Treue und
Barmherzigkeit. Und wenn nun sonntäglich ihre Kapelle
gefüllt ist mit Abendmahlsgästen, die zum Abschied hier noch
einmal zum Tisch des Herrn kommen wollen, dann ist es uns
allen spürbar, wie schwer es ist, das zu lassen, woran unser
Herz hängt.
Und doch geht für uns Christen die Verwurzelung tiefer.
"Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die
zukünftige suchen wir." Zeiten wie die unsrigen
verdeutlichen es uns, daß wir in unserer Welt Wandernde und
nicht Einsässige sind, Pilgrime Gottes, Menschen, die
unterwegs sind und ihre letzte Geborgenheit nur in Gottes
Ewigkeit finden können. Besitztum ist ein Lehen Gottes,
keine Endgültigkeit. Wir müssen die Dinge dieser Zeit
gebrauchen - so sagt Luther - wie der Schuster die Ahle, wie
der Wanderer die Herberge. Und das gilt auch von dem
kostbaren Gut unserer Heimat. Wenn es Gottes Wille ist,
müssen wir sie lassen. Aber wenn wir nur wirklich in seinem
Willen verankert sind, dann haben wir mitten in aller Unruhe
der Zeit eine letzte Geborgenheit, eine Zuflucht, eine feste
Burg, die keine Macht der Welt uns rauben kann. Von da her
können wir tragen, was uns sonst schier untragbar
scheint.
Es ging einer durch die Zeit, für dessen Geburt kein Raum
in der Herberge war, der als Heiland dieser Erde nicht
hatte, da er sein Haupt hin legen konnte, der das Elends-
und Todesschicksal dieser Welt in der Einsamkeit am Kreuz
für uns trug und der uns mit dem allen Heimatrecht bei
seinem Vater im Himmel erwarb. Auf den gilt es zu schauen,
wenn uns die Bitterkeit über die Ungerechtigkeit der Welt
ankommen will. Im schwersten Schicksal vermag die höchste
Gnade, im tiefsten Leid der reichste Segen verborgen zu
liegen. Das ist die heimliche Weisheit des Kreuzes, deren
sich die hart geprüfte Kreuzgemeinde trösten soll. Gott
nimmt nicht, ohne zugleich zu beschenken, er verlangt nicht
das schwere Opfer der Heimatlosigkeit, ohne uns zugleich
hoher Aufgaben zu würdigen und uns unter die Verheißung
seines Segens zu stellen, wenn wir nur seinem Willen, und
das heißt doch zugleich seiner ewigen Güte, trauen
wollten.
III.
Allerdings, wir werden nicht in ein gelobtes Land ziehen,
wo Milch und Honig fließt, wenn es auch der Rest unseres
deutschen Vaterlandes ist, von dem wir etwas mehr Sicherheit
erhoffen als hier, und vielleicht auch die Grundlagen einer
neuen Existenz. Aber wir wollen uns keine Illusionen machen.
Wir werden drüben im Reich als unerwünschte Gäste
erscheinen, als Leute, für die es eigentlich keinen Platz
mehr gibt und die in Anbetracht der allgemeinen Verknappung
als Mitverzehrer der wenigen Vorräte, mißgünstig aufgenommen
werden. Die meisten von uns wissen noch nicht, wo sie landen
werden, und Nöte und Schwierigkeiten werden sich
unübersehbar vor uns auftürmen. Und doch kann ich keinen
Augenblick den Glauben lassen, daß Gott mit unserem
Schlesierschicksal etwas will, daß er uns in unserer
schweren Betroffenheit in eine besondere Aufgabe an unserem
Volke stellt. Wir kommen nicht nur als die, die den Brüdern
drüben das letzte Brot wegessen wollen und als unangenehme
Eindringlinge ihre letzte Kammer besetzen. Allerdings, wir
kommen arm und elend genug an, aber als Menschen, denen Gott
in den Zeiten schwerster Not besonders nahegekommen ist, und
darum als Menschen, die etwas zu bringen haben. Wir haben es
in besonderer Weise erfahren dürfen, was in Brand und Chaos
und völliger Rechtlosigkeit allein hält. Wir waren und sind
in unseren schwersten Stunden allein auf Gott geworfen und
wissen nun aus einer schicksalhaften Gewißheit: Dieser Grund
trägt! Wir haben es erlebt, was es heißt, Kirche unter dem
Kreuz zu sein, und haben darin einen unaussprechlichen
Reichtum gefunden. Davon können und wollen wir nicht mehr
lassen, und dort liegt unsere Mission.
Das arme, schuldbeladene und zertretene Deutschland ist
heute vor eine Frage gestellt, die es ganz unabhängig von
seinen Besiegern zu beantworten haben wird: auf welcher
geistigen und seelischen Grundlage es weiterzuleben gedenkt.
Will es in stumpfer Resignation seinem völligen Verfall
entgegengehen? Will es in brutalem Egoismus und
Materialismus den verwüstenden Kampf aller gegen alle
aufnehmen? Will es in fieberndem Wahn alten oder neuen
Ideologien und Weltbeglückungslügen anheimfallen? Oder wird
es das Gericht und die Heimsuchung Gottes verstehen und da
einen neuen Anfang machen, wo er allein zu finden ist: im
Gehorsam unter dem Willen Gottes, der allein uns den Weg zum
Leben führen kann?
Noch hat Deutschland seine Schicksalsfrage nicht
verstanden, geschweige denn eine klar entscheidende Antwort
gefunden. Sollte es nun nicht einen Sinn haben, daß wir
Schlesier in die Städte und Dörfer des Reiches verstreut
werden als Boten und Apostel einer Besinnung auf das Letzte,
Entscheidende? Man verstehe das nicht anmaßend! Nicht daß
wir klüger wären und frömmer, oder daß wir unserer Eigenart
eine verkehrte Wichtigkeit beilegen möchten; sondern als die
nunmehr am härtesten Betroffenen, als die Menschen des
Grenzlandschicksals, ruft Gott uns in seine Aufgabe. Wir
sind durch ein Stirb und Werde hindurchgegangen, das wir uns
nicht erwählt haben. Aber Gott hat zu uns gesprochen, und
dieses Wortes Zeugen dürfen und sollen wir sein.
Es kommt nicht darauf an, daß wir Zeitungsartikel
schreiben oder irgendwie an die Offentlichkeit treten. Mit
Aufwand und Propaganda ist wenig zu machen. Aber es kommt
darauf an, daß wir da, wo Gott uns hinstellen wird, als
Christen leben, daß wir mit unserer Existenz Zeugnis ablegen
für das, was uns von seiner Gnade her erfüllt. So können wir
Salz der Erde und Licht der Welt sein, so werden wir unsere
Schicksalsaufgabe an unserem Volk erfüllen, Wegweiser zum
tragenden Grunde des Lebens zu sein. Zu lebendigen
Bausteinen der Gemeinde Jesu Christi sind wir berufen. Gott
gebe, daß wir an dieser Aufgabe nicht versagen, daß wir uns
unserem Schicksal gewachsen zeigen, nicht müde werden und
nicht versanden.
IV.
Heimat findet ein Mensch da, wo er seine wurzelhafte und
wesenhafte Aufgabe findet, wo er nicht vegetiert, sondern
den Ewigkeitssinn seines Lebens lebt. Aus diesem Grunde
strömt Kraft und Trost, erwächst Wille und Einsatz. Auf
diesem Grunde erwächst Segen. "Ich will dich segnen ... und
du sollst ein Segen sein." Diese Verheißung an den aus
seiner Heimat berufenen Abraham will auch uns und unserer
Treue gelten. Wo der Segen Gottes mit uns ist, der Segen des
Kreuzes und der Gnade, wird auch das ärmste Leben reich.
Segen ist nicht mit Glück und äußerem Erfolg zu verwechseln.
Gesegnet sein heißt, auch mitten in aller Mühsal und Schwere
der Güte Gottes gewiß sein, die mit uns ist. Gesegnet sind
die, die Gott lieben, denen nach dem gewaltigen Wort des
Apostels Paulus "alle Dinge zum Besten dienen", auch ihre
Heimatlosigkeit, und die darum anderen zum Segen werden
müssen, die also in einer begnadeten Aufgabe stehen.
Als die also Berufenen wollen wir Abschied nehmen von
unserem geliebten Schlesien, wenn es Gottes Wille ist;
Abschied, wenn es sein muß, auch von unserer geliebten
Elisabethkirche, die unsere Seele mütterlich umhegt hat. Wir
haben für das, was uns anvertraut war, Gott viel zu danken.
Es halte uns fest in seinen Armen und geleite uns!
Laßt mich schließen mit einem Vers, den ich während
meiner Ausweisung aus Schlesien vor acht Jahren geschrieben
habe, wo es mir zum ersten Male aufgegangen ist, wie reich
Gott da segnen kann, wo er einem viel nimmt:
Ich will dich führen über dein Verstehen
Den seltnen Weg der heiligen Pilgrimschaft.
Wenn deine Augen nichts als Dunkel sehen,
Dein Plan und Hoffen dir im Nichts vergehen,
Du stehst in mir, und ich bin deine Kraft.
Ich will dir wundersame Brücken bauen
Von Schritt zu Schritt durch alle deine Zeit,
Auf meinen Händen tragen dein Vertrauen,
Dich sorgsam heben über alles Grauen
Mit Segensfittichen der Ewigkeit.
Was dir geschieht, ist ja von mir gesegnet;
Was noch bedrückt, ist deiner Unrast Traum.
Im Kreuzesantlitz ist dir zugewendet
Die Güte, die dich sucht und nur vollendet,
Was dir verloren schien in Zeit und Raum.
Amen.
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1Entstehen und Vergehen der Evangelischen Krichen Breslaus,
Urlich Bunzel, Bergstadt Verlag Wilh. Gottl. Korn, 1964, S. 37-42,
2Die Geistlichen von St. Elisabeth
Than Kirchenrat (1907), + 1956 (pens. 1939)
Aust Lic. (1913), + 1960
Schwarz Ober-Kons.-Rat (1924), + 1957
Noth Lic. (1925), + ?
Konrad Lic. Dr. (1940),+?
Univ-Prof. D. Leder,
in der "Festungszeit" nach St. Eliabeth, 1947 Stadtdekan, +
1963 Görlitz
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