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Eine schlesische Familiengeschichte
Kinderjahre in Breslau. Aufgeschrieben von Karla Postrach - Rast

Im Familienkreis

Meine Vorfahren haben in Brieg oder im Umkreis von Brieg gelebt. Etwa 50km südöstlich von Breslau. Da sie meist kleine Bauern waren, Stellenbesitzer nannte man das damals, reichte der Ertrag der kleinen Felder nicht aus, um die meist kinderreichen Familien zu ernähren. Am Ende des 19ten Jahrhunderts zog es darum die Söhne in die Stadt. Mütterlicherseits sind leider nur wenige Urkunden erhalten geblieben: mein Großvater Ernst Fuchs wurde Sattler, und arbeitete im Tattersaal in Breslau. In seiner Sterbeurkunde von 1924 steht als Berufsbezeichnung Sattlermeister, ihm ist schon ein kleiner beruflicher Aufstieg gelungen.

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In Mutters Familie war die Hausmusik sehr wichtig, und mit 8 Jahren wurde ich schon zum Klavierunterricht geschickt. Leider war ich nicht sehr musikalisch, und als ich an einem "Hausmusikabend" in der damaligen Schultheis - Brauerei - heute wird dort das Piastenbier hergestellt, teilnehmen musste, tröstete mich nur das neue dunkelgrüne Samtkleidchen, das Tante Emmi, die Schwester meiner Großmutter für mich nähen ließ. Die Großmutter starb bereits 1936, das Kleid, das ich in diesem Jahr zu meinem Schulbeginn anziehen durfte, hatte sie noch selbst entworfen.

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Der Urgroßvater hatte mehrere Söhne, auch zu wenig Land, um sie alle in seiner Umgebung davon leben zu lassen. Deshalb schickte er seine Söhne zu den "Preußen", sie wurden Soldaten. Das war in der Zeit zwischen 1880 und 1890. Als dann die Soldatenzeit beendet war, wurden sie von der preußischen Bezirksregierung als Beamte in den Staatsdienst übernommen. So kam mein Großvater, Karl Ernst Postrach, etwa um 1895 nach Breslau und wurde dort Hafenaufseher. Er heiratete meine Großmutter, Maria geb. Furchner, die aus einem katholischen Elternhaus kam. Damals waren in Breslau und Niederschlesien beide christlichen Religionen etwa gleich stark vertreten, und Heiraten untereinander durchaus üblich. Die Kinder wurden meist im Glauben der Mutter erzogen, bei meinen Großeltern war es anders. Alle 5 Kinder wurden evangelisch getauft, das wäre für die berufliche Zukunft eines "preußischen Beamten" günstiger! - So erzählte man später im Familienkreis.

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Purzelbaum schlagen, Schwimmen, Klettern und Wandern

1934 kaufte die Firma in dem Vorort Carlowitz eine Villa, ein großes 2 Familienhaus mit einem großen Garten. Wir zogen im Sommer dieses Jahres dort im l. Stock ein, im Erdgeschoss wohnte ein Kollege meines Vaters mit seiner Familie. Damit begannen 10 wunderschöne Jahre meiner Kindheit. Für den Umzug hatte Vati einen Lastwagen der Firma mit Fahrer zur Verfügung, dessen Sohn, etwa 12 Jahre alt, durfte beim Ausladen helfen, nur ich musste tatenlos daneben stehen, lediglich ein Sofa - Kissen durfte ich in die neue Wohnung tragen. Es war eine 4 Zimmer Wohnung mit großem Balkon, auf dem wir im Sommer immer frühstückten.


Carlowitzstr. 48 1935, wir wohnten im oberen Stockwerk. Meine Großmutter Maria Fuchs, geb. Scholz

In den Blumenkästen rundherum blühten jedes Jahr bunte Petunien. Vom Fenster meines Kinderzimmers schaute ich auf ein großes Blumenrondell mit vielen Rosenstöcken. - Ich spielte nicht gerne mit meinen Puppen, legte sie in das Puppenbettchen, deckte sie mit einer dicken Decke zu, und sagte:  "die sind krank, sie müssen jetzt schlafen", rannte die Treppe hinunter und tobte auf der großen Rasenfläche herum. 


Mein 1. Auto im Garten der Carlowitzstr. 48 ca. 1935

Hier wurde auch die Wäsche aufgehangen, die Frau Reise, unsere Waschfrau, alle 2 Wochen in mühsamer Handarbeit in der Waschküche im Keller auf dem Waschbrett sauber gerubbelt hatte. Wenn ich dann beim "Purzelbaum schlagen" mit meinen Schuhen an die wehenden Bettlaken stieß, bekam ich schnell mal von Mutti einen Klaps auf den Po! Mutti war streng, wenn sie Besuch hatte, durfte ich mit einem artigen Knicks "guten Tag" sagen und musste anschließend in meinem Zimmer verschwinden.


Nakonzbrücke, heute Mosty Jagielonskie

Im Sommer waren wir oft im Carlowitzer Strandbad, meine Eltern hatten auch ein kleines Paddelboot, womit wir auf dem Oderarm zwischen der Hindenburg- und der Nakonzbrücke umherpaddelten. Alle Familienmitglieder liebten das Wasser und gingen regelmäßig schwimmen Im Sommer 1937 bekam auch ich die ersten Schwimmstunden und machte schon nach kurzer Zeit die Freiprobe. Man musste ohne Pause ein Viertelstunde schwimmen, und zum Schluss vom ein Meter - Brett springen. Vor dem Abspringen habe ich immer sehr lange gezögert, so dass mir Herr Riedel, der Schwimmlehrer, erst einen Schubs geben musste. (in meinem Leben habe ich später auch oft einen "Schubs" gebraucht, ehe ich etwas Neues begonnen habe) Ostern 1936 wurde ich eingeschult, erst im Juli wurde ich 6 Jahre alt. Deshalb war ich in der Klasse immer die Jüngste, und gehörte auch immer zu den Kleinsten. Der Unterricht in der Carlowitzer Volksschule (heute Grundschule ) war für mich einfach nur langweilig, ich war sehr lebhaft und konnte nicht stillsitzen, Fräulein Richter, die Lehrerin nannte mich deshalb "unser Zappelphilipp" In den langen Sommerferien war ich den ganzen Tag im Strandbad, Mutti hatte mir immer eine Tüte mit frischen Semmeln und eine Flasche mit Bügelverschluss mitgegeben, darin war selbstgemachter Zitronensaft. Die Dauerkarte für die ganze Saison kostete 4 RM, und ich traf mich schon morgens mit meinen Schulfreundinnen an der Südseite des Schwimmbades, wo ein Sandstrand aufgeschüttet war. Wir tobten da im Sand herum, gingen auch nach vom in das Schwimmerbecken und sprangen immer wieder voller Vergnügen -jetzt auch vom drei Meter-Brett und dem fünf Meter-Turm ins Wasser. Wenn ich dann am späten Nachmittag mit einem Sonnenbrand auf dem Rücken und den Armen nach Hause kam, gab es von Mutti gleich wieder einen kräftigen Klapps an beide Ohren: sie hatte mich doch extra ermahnt, in der Mittagszeit unter einem der Bäume im Schatten zu bleiben! Vor dem Abendessen wurde ich dann noch in den Garten geschickt, um Johannisbeeren zu pflücken, das mochte ich gar nicht, es dauerte ewig lange bis der kleine Blecheimer gefüllt war, und anschließend mussten die Beeren auch noch von den Stielchen gestreift werden, um dann zum Abendessen mit Zucker und Milch serviert zu werden. Im Haushalt helfen brauchte ich nie, aber beim Ernten im Garten war ich immer dabei. An der Südseite des Gartens gab es eine Mauer, vor der Sauerkirschenbäume standen. Waren die Kirschen reif, kletterte ich auf den Mauersims und pflückte emsig und aß natürlich dabei auch immer gleich eine große Portion. Auf der anderen Seite der Mauer war einen Park, der zu einem Priesterseminar gehörte, dort wandelten die Priester, mit ihren Gebetbüchern in der Hand langsam auf und ab. Ich schnippte dann oft die Kirschkerne mit den Fingern in ihre Richtung, und manchmal traf ich sie auch am Kopf. Aber die frommen Herren schauten gar nicht hoch, liefen unbeirrt, betend weiter. Als ich dann wieder herunter geklettert war, gab es - natürlich - von Mutti wieder ein paar um die Ohren. Am schönsten war im Herbst die Apfelernte oder das Pflücken der Lindenblüten im frühen Sommer. Ich durfte bis oben hoch in die Bäume klettern und ernten. Beides, Lindenblüten und Äpfel wurden auf dem Dachboden für dem Winter aufbewahrt, Erdbeeren, Johannisbeeren Birnen und Pflaumen zu Marmelade gekocht oder in großen Gläsern eingeweckt. Sonntag Vormittag, wenn Mutti das Essen vorbereitete (es gab immer Schweinebraten Sauerkraut mit polnischen und schlesischen Klößen) habe ich mit Vati oft eine kleine Radtour gemacht. Eine Straße weiter, hinter den Kasernen, begann das freie Feld. Ich erinnere mich an wunderschöne Sonnentage, das Korn begann schon zu reifen, dazwischen zahlreiche Mohnblumen. Wir machten eine kleine Pause, und Vati erklärte dem "Großstadtmädel" die einzelnen Getreidesorten. Die Ähren mit den dicken Körnern ohne Grannen, das ist der Weizen, die schlankeren Ähren sind Roggen, und die mit den langen Grannen, das ist die Gerste, ja, und den Hafer erkennt man sowieso. Vati hatte in seiner Kindheit die Sommerferien noch bei den Großeltern in Mangschütz verbracht und dort bei der Ernte geholfen. - Ich hatte keine Großeltern mehr auf dem Land, meine Schulfreundinnen aber wohl, und sie erzählten immer begeistert davon.

Wir fuhren in den 2 Wochen, die Vati Urlaub hatte, ins Riesengebirge. Meistens in die Nähe von Hirschberg oder Schreiberhau. Wir wohnten dann in einer kleinen Pension, einmal auch in einem Forsthaus. Dort gab es zum Frühstück einen Becher Ziegenmilch, die mir so gar nicht schmeckte. Doch Vati erklärte mir wie gesund sie ist, und dann trank ich tapfer meinen Becher leer, denn was Vati sagte, da war richtig! Während Mutti später mit einem Buch im Garten des Forsthauses saß, machten Vati und ich eine kleine Bergwanderung. Auch dabei sollte ich wieder viel von der Natur lernen, doch meistens hörte ich den Erklärungen gar nicht zu, denn ich wartete auf Rübezahl! Für mich war er der gute Berggeist, der die braven Menschen beschützte, und die bösen bestrafte.Leider haben wir ihn nie getroffen. - Doch auch heute, wenn ich in meinen Ferien im Karkonosze am Fuße der Szrenica einen langen Spaziergang mache, kehrt dieser Traum aus Kindertagen zurück. Hinter jeder Biegung des Waldweges, neben jedem Felsen der noch die Sicht versperrt, wartet Liczyrzepa auf mich, um mir mit seinem knorrigen Stock zu zuwinken. 

Besuch aus Hamburg

1938 wurde mein Vater Prokurist in seiner Firma, war Stellvertreter des Direktors und mit dem Verkauf der Produkte beauftragt. Die Kunden waren Großhändler, und wenn sie zu Besprechungen nach Breslau kamen, lud Vati sie abends zu uns nach Hause ein. Ein Kunde aus Hamburg war mal kurz vor Weihnachten da, und blieb auch am Heiligen Abend bei uns. Es gab, wie immer an diesem Feiertag, Polnische Soße (sie wird aus Bier und Lebkuchen gekocht), Kartoffeln und Sauerkraut. Viele Schlesier essen Karpfen dazu, bei uns gab es schlesische weiße Würstchen und polnische geräucherte Würstchen dazu.. Nach dem Essen musste ich immer vier Weihnachtslieder auf dem Klavier spielen, dann wurden die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum ausgepackt, und am späten Abend gab es zum Abschluss noch die berühmten Mohnklöße, die auch heute noch - viele spätere Generationen - in allen Ecken der Welt- am Heiligabend und Sylvester zubereiten. Unser Gast aus Hamburg war damals sehr erstaunt über diese ungewohnten Gerichte, aß aber mit gutem Appetit und ließ sich von Mutti das Rezept mitgeben. An normalen Sonntagen traf man sich immer mit den Verwandten, entweder gingen wir zu Fuß nach Wilhelmsruhe, erst durch ein Schrebergartengebiet, dann an der Oder entlang bis zur Nakonzbrücke, um auf der anderen Seite der Oder bei Tante Hertha pünktlich zum Nachmittags - Kaffee einzutreffen. Der Tisch war schon gedeckt, ein Riesen -Teller mit Streuselkuchen stand bereit. Im Sommer kam auf den Hefeteig das Obst, welches gerade reif war, dann wurden die Butterstreusel darauf verteilt, und im Winter gab es natürlich Mohn - Streuselkuchen. Heute ist dieser schlesische Mohnkuchen in ganz Deutschland fast in jedem Geschäft oder Cafe als Spezialität zu haben.

Als ich im vergangenen Sommer diesen Weg nach Wilhelmruhe nach fast 60 Jahren noch einmal zu Fuß entlang lief, hatte sich kaum etwas verändert. Links die Schrebergärten mit jetzt dichten, großen Bäumen und Sträuchern bewachsen, rechts auf der Oder ruhen die Schiffe im träge fließenden Strom - allerdings nicht mehr die einfachen Lastkähne , die damals die Kohle aus Oberschlesien nach Stettin brachten, sonder moderne Containerschiffe. Doch mein Blick ging darüber hinweg, denn am Horizont grüßte die vertraute Silhouette des Doms!

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Als im September 1939 der Krieg begann, war ich krank, hatte Masern, und lag im Bett. Vati brachte an allen Fenstern schwarze Vorhänge an, wegen der Verdunkelung. Als er das auch in meinem Zimmer tat, fand ich das eher aufregend, auf keinen Fall erkannte ich den Ernst der Lage, für mich war das wie ein Abenteuer.

Ein deutsches Mädel durfte damals nicht heulen

Im nächsten Jahr, Ostern 1940 wurde ich dann auch umgeschult und ging jetzt auf die Viktoriaschule, dem ersten Lyzeum für Mädchen, das in Breslau 1902 eröffnet wurde. Morgens lief ich etwa 20 Minuten zur Endstation der Straßenbahnlinien 14 und 24 (heute ist das die Linie 6) fuhr etwa 4 oder 5 Stationen bis zum Waterlooplatz, lief dann noch ca. 150 Meter stadteinwärts, und auf der linken Seite war die Viktoriaschule erreicht. Meine Lieblingsfächer waren Mathematik und Turnen, in "Mathe" war ich so gut, dass ich oft vorn an der Tafel den Mitschülerinnen die Aufgaben erklären durfte. Der Turnunterricht fand auf dem großen Schulhofstatt, oft spielten wir Völkerball, ein Spiel in dem sich 2 Mannschaften den Ball gegenseitig zu spielen. Einmal rutschte ich dabei aus, schlug heftig auf dem, mit Schotter belegten Boden aus, und hatte eine große, offene, stark blutende Wunde am linken Oberschenkel. Ich holte tief Luft, stand auf, und ... spielte weiter. Ein deutsches Mädel durfte damals nicht heulen! Noch heute erinnert mich die große Narbe am Bein an die schönen Stunden in der Viktoriaschule. 

Im Geschichtsunterricht machten wir einen Ausflug zur Jahrhunderthalle und lernten dabei: 1913 erbaut, 100 Jahre nach der Völkerschlacht bei Leipzig, der größte Kuppelbau seiner Zeit in Europa. Einmal veranstalteten wir "Schattenspiele" auf der Rathaustreppe am Ring und hatten viele Zuschauer, als wir hinter einem großen weißen Laken unsere Vorführungen zeigten. Über die Kriegsereignisse wurde in der Schule anfangs noch nicht gesprochen, wenn ich mittags nach dem Unterricht am Waterlooplatz auf die Straßenbahn wartete, dröhnten dort aus einem Lautsprecher die "Wehrmachtsberichte", die der Breslauer Radio-Sender übertrug. In diesem Jahr musste ich auch zu der nationalsozialistischen Jugendbewegung, die 10 bis 14 Jährigen waren die "Jungmädel" danach kam man zum "BDM" (Bund deutscher Mädchen) Mittwochs und Samstag hatten wir von 15-17 Uhr "Dienst", in Carlowitz war das eine Gruppe von ca. 20 Mädchen, lernten im Gleichschritt zu marschieren, saßen am Lagerfeuer und sangen - anfangs - Volkslieder, veranstalteten eine Schnitzeljagd im Wald, wobei eine kleine Gruppe mit vielen Papierschnitzeln bewaffnet einen schmalen Pfad durch den Wald markierte, den wir dann etwas später schnell wieder finden mussten. - Als Einzelkind gefielen mir die Stunden in der Gemeinschaft Gleichaltriger sehr gut, und ich machte begeistert mit.


20. Juli 1944 mein 14. Geburtstag - (Attentatstag auf Hitler), Karla in der Mitte mit dunklem Kleid

Schickt das Mädel in den Schwimmverein

Trotzdem blieb immer nach den Schularbeiten an den übrigen Nachmittagen viel Zeit, um ins Schwimmbad zu gehen. Der jüngste Bruder meiner Mutter, Onkel Heinz, war schon einige Jahre Mitglied in einem Schwimmverein, und ab dem 2. Kriegsjahr zur Marine nach Kiel eingezogen worden. Dort schwamm er in der "Meistermannschaft" seiner Einheit. Als er in seinem Urlaub 1941 nach Breslau kam, ging er mit mir natürlich auch schwimmen. Danach sagte er zu Hause zu meinen Eltern: schickt das Mädel in den Schwimmverein, sie liegt sehr gut im Wasser!


Schwimmstadion in Breslau

Noch im gleichen Winter wurde ich Mitglied im ASV (alter Schwimmverein) Breslau, erzielte schnell kleine Erfolge bei vereinsinternen Wettkämpfen, und die schönsten, interessantesten Jahre meiner Kindheit begannen! Wir trainierten täglich von 17.00 - 19.00 Uhr, im Sommer im Freibad in Leerbeutel (heute Morskie Oko.) und im Winter in unserem geliebten "Halla". Ich gehörte bald zur Meistermannschaft des ASV, und von diesem Zeitpunkt an, brauchte ich nicht mehr zum Dienst bei den Jungmädeln zu gehen. (Ob diese Entwicklung Zufall war, oder meine Eltern mein Talent bewusst in diese Richtung lenkten, habe ich sie leider nie gefragt.) Unser Trainer, wir nannten ihn liebevoll "Vati Groth " hat uns zu intensivem Training angeregt. Jedes Mal am Anfang 100 oder 200 Meter Zeitschwimmen (mit Stoppuhr), danach 10 Bahnen nur mit den Armen schwimmen, dann 10 Bahnen nur "Beine", eine korrekte Wende am Beckenrand etwa 20 Mal üben, und dann noch 20 Startsprünge. Vor dem abschließenden nochmaligen Zeitschwimmen gab es eine kleine Pause, und wenn wir dabei zu lange unter der warmen Dusche standen, flog uns Vati Groths Badelatschen an den Kopf. Wir quittierten das beim nächsten Mal mit vorbildlicher Disziplin. Sehr bald fuhren wir auch zu Vergleichskämpfen mit anderen Vereinen in andere Städte, so war ich damals in Dresden, Gotha, in Prag und auch in Wien. Vati Groth hat immer die Zeit genutzt, um uns auch von den jeweiligen Städten etwas zu zeigen. Ich erinnere mich, dass wir in Prag auf dem Hradschin waren, allerdings interessierten mich damals weder das Gebäude noch die Ausstattung (das habe ich dann 1995 nachgeholt) sondern faszinierend war, dass wir unsere Schuhe ausziehen mussten und in Socken durch die Räume liefen, um den Boden nicht zu beschädigen. Die Prager Mannschaft lud uns anschließend zu böhmischem Kuchen ein. - An den Wochenenden waren wir oft zum Trainingslager im Riesengebirge, in Glatz, in Hirschberg , auch einmal in Guhrau. Dafür musste ich mich vom Direktor der Viktoriaschule für den Unterricht am Samstag beurlauben lassen, aber das war kein Problem, meine Zensuren waren gut und sehr gut, nur in Physik und Chemie war ich eine Niete. Die Trainingswochenenden waren anstrengend, begannen morgens mit einem Waldlauf als Zweckgymnastik, wurden dann im Schwimmbad fortgesetzt, und nach einer kleinen Mittagspause ging es mit dem Schwimmtraining weiter. Doch abends gab es dann auch mal eine Tafel Schokolade, eine Seltenheit in den Kriegsjahren!


Renate Niebsch Breslau - Preßburg
Bei allen Wettkämpfen war eine Schwimmerin des NSV Breslau (neuer Schwimmverein) meine größte Konkurrentin. Einmal gewann Renate Niebsch, das andere Mal ich. Das letzte Mal waren wir zusammen zu einem Wettkampf im April 1944 in Preßburg (Bratislava) Im vergangenen Sommer, also nach 57 Jahren, haben wir uns im Internet wieder gefunden! Beide gehen wir auch heute noch oft und gerne schwimmen. Im Sommer 1943 wurden die Schlesischen Jugendmeisterschafft in Hirschberg ausgetragen, und ich wurde Jugendmeisterin in der Altersgruppe bis 14 Jahren im 100 Meter Brustschwimmen. Die Ehrenurkunde überreichte mir Hanna Reitsch, die bekannte Segelfliegerin, die in Hirschberg zu Hause war, später Testpilotin bei der Luftwaffe wurde, und deshalb heute als "umstrittene Person" eingestuft wird. Damals jedoch war ich sehr stolz auf diese Ehrung.

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Fremdarbeiter in unserem Garten

Auch in Breslau spürte man jetzt etwas vom Krieg. Manchmal gab es Fliegeralarm, wenn die englischen und amerikanischen Bomber auf ihrem Weg zum oberschlesischen Industriegebiet die Stadt überflogen. Wir gingen in den Keller unseres Hauses, und bald heulten die Sirenen wieder Entwarnung. Die Stadt blieb - noch - von der Zerstörung verschont. Nur einmal fielen auch einige Bomben auf ein Stadtrandgebiet.

In den Steingutwerken, wo mein Vater weiterhin arbeitete, gab es kaum noch Arbeitskräfte, die Männer waren alle eingezogen worden. Da bekam die Firma 100 Fremdarbeiter (so nannte man sie damals) zugeteilt. Ich glaube, es waren alles Polen. Auf dem Firmengelände stand am linken Rand ein großes Lagerhaus, darin wurden sie untergebracht und auch verpflegt. Die Männer standen von morgens bis abends vor den heißen Öfen und mussten Kohle hinein schaufeln, damit die richtige Temperatur erreicht wurde, um die Keramikteile zu brennen. Im Frühjahr, etwa ab März, den Sommer hindurch bis zum Herbst, schickte Vati immer einen der Männer zu uns nach Carlowitz, damit er unseren Garten pflegte. Die Männer wechselten ständig, waren nur 2 oder 3 Tage bei uns. Morgens wenn Vati mit dem Rad in die Firma gefahren war (er hatte noch 1939 den Führerschein gemacht, aber Autos konnte man nicht mehr kaufen) gab er das Rad an einen dieser Männer weiter, der dann damit zu uns kam. Sie säten und pflanzten das Gemüse und später auch Kartoffeln, mähten den Rasen und halfen im Herbst auch Äpfel und Birnen ernten. Aus dem Blumengarten war ein Gemüsegarten geworden, deshalb hatten wir auch immer genug zu essen. - Mittags brachte Mutti ihnen das Essen in die Veranda, wo ein Korbtisch und Sessel standen. Als ich fragte, warum sie nicht mit uns oben, im kleinen Zimmer neben der Küche essen, sagte Mutti nur: das gibt vielleicht Ärger. Abends fuhren sie dann mit Vatis Rad wieder in die Firma, und er kam dann damit nach Hause. - Auch mein Vater gab damals eine diplomatische Antwort auf meine Frage, warum wir die Gartenarbeiten nicht mehr selber machten." Du weißt ja, ich komme jetzt immer erst sehr spät nach Hause, weil im Büro so viel zu tun ist, und für Mutti und Dich ist die Arbeit zu schwer. - "Wenn er mir damals gesagt hätte, dass er die Männer wenigsten mal für einige Tage von den heißen Brennöfen wegholen wollte, ich das vielleicht in der Schule oder im Schwimmverein erzählt hätte, kann man sich heute vorstellen, was daraus für Schwierigkeiten für uns alle entstanden wären.

Letztes Weihnachtsfest in Breslau

Denn da war auch noch ein zweites Erlebnis, das mir die Eltern zu dieser Zeit nicht erklären wollten. Etwa 1943 kam von einer Behörde eine Anfrage wegen des Mädchennamens meiner Mutter:  "Fuchs" sei ein jüdischer Name, dazu der Familienname "Postrach" (polnisch oder tschechisch) jedenfalls sollte mein Vater einen "arischen Nachweis" für 5 vorangegangene Generationen erbringen. Das gelang ihm wohl nicht, so dass er noch im Herbst 1943 in die NSDAP eintreten musste. - Dann ließen sie ihn in Ruhe. Mit dem Schulunterricht wurde es immer schwieriger, es gab keine junge Lehrer mehr, alte Frauen und Männer, welche schon lange pensioniert waren, wurden wieder eingesetzt. Ich erinnere mich an eine ältere Dame, Freifrau von John, die Erdkunde in einer sehr langweiligen Art unterrichtete. Wir hatten abwechselnd eine Woche vormittags, die nächste Woche nachmittags Unterricht, und die wenigen Lehrer mussten deshalb 2 mal am Tag ihr Pensum erledigen. Im Herbst 1944 wurde der Unterricht ganz eingestellt, und wir größeren Schüler wurden zu Arbeitseinsätzen geschickt. Ich musste am Nachmittag die Tageszeitung "Breslauer Neueste Nachrichten" austragen, und zwar in der Gartenstrasse. Die Häuser hatten meist 4 Etagen, und ich lief in jedem Haus die Treppen rauf und runter, um die Zeitung in die Briefkästen an den Wohnungstüren zu stecken. Das dauerte etwa 3 bis 4 Stunden, aber es hat mir sogar ein bisschen Spaß gemacht. Dann rückte auch schon das Weihnachtsfest näher, das letzte, das ich in Breslau erleben sollte. Am Heiligen Abend waren Freunde zum Essen eingeladen, es gab , wie immer, polnische Soße und Würstchen. Danach spielte ich meine 4 Weihnachtslieder auf dem Klavier, und alle sangen mit. Es war sehr feierlich. Unter dem Weihnachtsbaum lagen die Geschenke, ich bekam einige Bücher (Lesen war neben dem Schwimmen meine große Leidenschaft) und einen neuen Wintermantel mit Pelzkragen. Mutti bekam ein neues Kaffee - Service aus Bunzlauer Keramik Ich war glücklich und zufrieden, und als ich dann schlafen gehen musste, habe ich gleich mit dem Lesen begonnen - mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke. Hätte ich die Nachttischlampe angemacht, hätten die Eltern den Lichtschein unter der Tür gesehen, und mir das Buch gleich wieder weggenommen.

Carlowitz musste geräumt werden

Im Januar 1945 rückte die Front immer näher, das hörten wir im Radio, und Mitte des Monats kamen die ersten Eisenbahnzüge mit Flüchtlingen aus weiter östlichen Gebieten in Breslau an. Ich wurde zum Bahnhofsdienst am Freiburger Bahnhof eingeteilt. Wir brachten den Frauen und Kindern in den vollen Waggons Malzkaffee und Leberwurstbrote, die einige Frauen im Wartesaal vorbereitet hatten. Es war bitter kalt, hoher Schnee auf dem Bahnsteig, und die Frauen und Kinder in den Abteilen hatten manchmal nur ein Nachthemd unter dem Mantel an, die Babys waren in dicke Decken gehüllt, alle hatten nur wenig Gepäck. Die Abfahrt in ihrem Heimatort musste sehr plötzlich angeordnet worden sein. Drei Tage lang machte ich diesen Dienst, und wenn ich abends nach Hause ging, dachte ich nur: hoffentlich müssen wir nicht auch so fliehen. Am 19. Januar 1945 saß ich am späten Vormittag im kleinen Zimmer neben der Küche und las. Hinter mir - auf einem Regal- stand unser Radio und war, wie immer in den letzten Tagen, eingeschaltet. Plötzlich wurde vom Breslauer Sender folgende Nachricht durchgegeben: Wegen der heranrückenden Front müssen die östlich und nördlich der Oder gelegenen Stadtteile geräumt werden. Dazu gehörte auch Carlowitz. Ich rief sofort Mutti an, wir hatten schon seit einigen Jahren Telefon (die Nummer war 43745). Mutti war in einem Büro in der Konstantin-Schnier-Strasse und verteilte dort Lebensmittelkarten, nur damit konnte man damals noch einkaufen. Sie sagte: ich weiß schon Bescheid und komme gleich nach Hause. Packe Du schon mal Deine wichtigsten Sachen ein, in einen Rucksack und einen kleinen Koffer.

Ich ging in den Keller, nahm einen großen Löffel mit, und öffnete 3 Gläser eingeweckter Erdbeeren. Ich aß den Inhalt hastig im Stehen aus und dachte dabei: "die sollen die Russen nicht haben!" Koffer packen war eine Kleinigkeit für mich, ich hatte das so oft gemacht wenn ich zum Schwimmen verreiste. Also zuerst den Badeanzug und die Badekappe, Unterwäsche, zwei von den selbstgestrickten Pullovern, und was man halt so für eine Reise braucht. Der neue schöne Wintermantel erschien mir für die Flucht viel zu schade, deshalb blieb er im Schrank hängen. Inzwischen waren auch Vati und Tante Lissy, eine Schwester meines Vaters, nach Hause gekommen, die Eltern und die Tante berieten, wie es weitergehen sollte. Vati sagte sehr eindringlich: versucht auf jeden Fall nach Kiel zu kommen, dort hatten wir Verwandte. Auch in Dresden wohnten einige Familienmitglieder, aber der Vater meinte, das ist viel zu nahe.

Rückblickend weiß ich, wie richtig diese Entscheidung war, denn wenige Wochen später erfolgte der Luftangriff der Alliierten auf Dresden, der nicht nur die Stadt total zerstörte, bei dem auch viele Flüchtlinge getötet wurden Am frühen Abend fuhren wir mit der Straßenbahn zum Freiburger Bahnhof. Durch meinen Dienst dort in den letzten Tagen wusste ich einen Schleichweg zum Bahnsteig, und wir mussten uns nicht mit den vielen anderen Menschen in der Vorhalle anstellen. Ein Personenzug stand bereit, wir konnten gleich einsteigen und hatten alle Sitzplätze. Vati musste zurückbleiben, er sollte zum Volkssturm eingezogen werden, um die Stadt zu verteidigen.. Wir warteten stundenlang in dem kalten, dunklen Zug, er war inzwischen sehr voll geworden, die Menschen saßen auf ihrem Gepäck oder am Boden. Erst spät in der Nacht rollte der Zug aus dem Bahnhof Richtung Hirschberg. Ein letzter Blick auf das total verdunkelte Breslau, und damit endeten die wunderschönen Kinderjahre in dieser Stadt. Nach 2 Tagen und drei bitterkalten Nächten kamen wir wohlbehalten in Kiel an. 


Führerschein von meinem Vater - Breslauer Anschrift durchgestrichen und  neue von Kiel eingetragen

Diese Stadt-Hafen der Kriegsmarine- war durch die Bombenangriffe schon stark zerstört. Mein Vater hat mit seiner "Volkssturm - Gruppe" Glück gehabt, sie wurden, bevor die Stadt Breslau zur Festung erklärt wurde, nach Tetschenbodenbach (heute Decin in Tschechien) verlegt, und erlebte dort das Kriegsende. Er hatte in der Schule Französisch gelernt, besorgte sich irgendwoher eine Baskenmütze, und da er ein dunkler Typ war, gab er sich als französischer Fremdarbeiter aus, und konnte so bei seinem Fußmarsch nach Kiel die Soldaten der Russen, Amerikaner und Engländer täuschen. Er brauchte für diese Strecke fünf Wochen, und stand dann Mitte Juni 1945 völlig abgemagert bei uns in Kiel vor der Tür. Wenige Tage später hatte er einen ersten Herzinfarkt, und der Arzt sagte nur: im Krieg sind so viele Menschen gestorben, auf einen mehr kommt es jetzt nicht mehr an. Doch Vati hat überlebt, und starb erst 1965, für mich war das sehr wichtig, er stand mir auch in den folgenden Jahren mit vielen Ratschlägen zur Seite und war mir immer ein Vorbild dafür, wie man tolerant mit anderen Menschen umgeht.


Czajkowskiego 48 - 1994 (früher Carlowitzstr.)

Nach 49 Jahren und 8 Monaten kehrte ich das erste Mal wieder nach Wroclaw zurück. Weiter Fahrten folgten. Heute habe ich viele gute Freunde in meiner alten Heimat.

Mieszkam w Moguncji, ale w domu jestem na Slasku, bo jestem Wroclawianka!
Ich wohne in Mainz, aber zu Hause bin ich in Schlesien, denn ich bin eine Breslauerin!

 
© 2004 Egon Höcker
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