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Rückkehr nach Wroclaw
Nach 50 Jahren wieder in Breslau. Aufgeschrieben von Karla Postrach - Rast
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Rückkehr nach Worclaw
Ankunft - Zu Hause - 1995; Carlowitz (Karlowice) mit Familie Kawala; Vor der Jahrhunderthalle - Hala Ludowa; Brücke im Japanischen Garten - hinter der Jahrhunderthalle; Brücke im Japanischen Garten - Aufnahme von ca. 1920;
Brücke im Japanischen Garten; Dombrücke - Postkarte 1995; Breslauer Dom - 1995; Der Botanische Garten, 1902 gegründet; Der Botanische Garten - Frühling 1995;
Der Botanische Garten
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Reisevorbereitung
Nachdem ich mich im Winter 1993 dazu entschlossen hatte noch ein
Mal nach Breslau zu fahren, wusste ich nicht, wie ich es am Besten
anstellen soll. Auf die Idee mit einem Touristenbus zu fahren kam ich
gar nicht, sondern erkundigte mich im Rathaus von Wiesbaden
-Partnerstadt von Wroclaw - was es für Möglichkeiten gibt. Der Mitarbeiter der
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit ging sehr
interessiert auf meine Fragen ein, und als ich eine Zugverbindung
erfragen wollte - um unterwegs auch ein bisschen von der ostdeutschen
und dann schlesischen Landschaft zu sehen - meinte er nur, dass dauert
viel zu lange und riet zu einem Wochenendflug mit Eurowings von Ffm.
direkt nach Breslau. Ich buchte also diesen Flug - es sind kleine 2motorige
Propellermaschinen mit ca. 30 Plätzen, die jeweils am Freitag Abend die
Geschäftsleute in Wroclaw abholen und auf dem Hinweg normale Touristen
zu günstigen Preisen mitnehmen. Am darauffolgenden Montag werden die
Geschäftsleute wieder an ihren Arbeitsplatz gebracht , und auf dem
Rückflug nach Frankfurt am Main ist die Maschine wieder frei für die heimkehrenden
Touristen.
Ich buchte also diesen Flug und auch gleich die Hotelunterkunft im
Dwor Wasow ( heute Dwor Polski ) und startete am 13 Mai 1994 zum 1.Mal
nach fast 50 Jahren wieder in meine Heimatstadt. Die Maschine flog über Tschechien und der Pilot erklärte uns
laufend, wo wir uns befinden .Leider war es sehr wolkig, so dass wir
kaum etwas erkannten. - nach etwa 1 1/2 Stunden kündigte der Pilot an, dass wir in wenigen Minuten in Breslau landen werden ( er sagte "Breslau" nicht "Wroclaw"
).
Mein Pass - 1994
Kurz vor der Landung wurde der Himmel klarer, weite Felder und ein
großer grüner Rasenplatz kamen in Sicht, und die Maschine setzte auf
einer der beiden Start - bzw. Landebahnen auf und rollte langsam dicht
vor das kleine Abfertigungsgebäude. Wir hatten unser weniges Gepäck
über den Sitzen verstaut und konnten gleich aussteigen. Die Pass- und Gepäckkontrolle ging schnell und reibungslos
vonstatten und nach ein paar Minuten stand ich draußen , wo schon
mehrere Taxis auf die Ankommenden warteten.
Passkontrolle - 1994
Ankunft im Hotel Dwor Wasow
Ich hatte mir den Namen des Hotels auf einen Zettel geschrieben,
aber der Taxifahrer sprach deutsch und erklärte mir auf dem Weg zum
Hotel die Umgebung. Diese Seite von Breslau hatte ich auch in
Kinderzeiten nicht gekannt, dort wohnten keine Verwandten oder
Bekannten. Als wir auf der Rückseite des Hotels ankamen, in der Kielbasnizka -
früher Wurstgasse, brachte er mich noch in den Empfangsraum des Hotels
und zeigte mit die Rezeption. Der diensthabende Mitarbeiter dort sprach auch deutsch, begrüßte
mich ganz herzlich und gab mir den Schlüssel für das Zimmer 104 im 1.
Stock. Schon auf den Gängen war ich überrascht von der feudalen - wohl ein
bisschen altmodischen Ausstattung. Aber dann erst das Zimmer: Sehr
komfortabel eingerichtet mit Telefon, Fernseher, einem deutschen
Stadtplan auf dem Nachttisch, im Bad mit Wanne, Dusche, WC, lagen auf
der Ablage über dem Waschtisch Seife, Shampoo und Kondome bereit, und
einen Fön gab es auch. Ich setzte mich erst einmal völlig überrascht in den Sessel,
naschte einige der bereitstehenden Stückchen Schokolade und war total
überwältigt. - Erst viel später erfuhr ich, dass das Dwor Wasow damals
das teuerste Hotel in der Stadt war.
Schweidtnitzer Keller
Da es jetzt schon später Nachmittag war, wollte ich wenigstens noch
einen kleinen Rundgang machen, erkundigte mich an der Rezeption wie
ich zum Ring käme, und erfuhr, dass die Vorderseite des langgestreckten
Hotels am Ring sei. - Ich lief deshalb nur ein paar Schritte auf der
Kielbasnizka zurück und stand auf dem Plac Solny, dem früheren
Blücherplatz. Ein wunderschöner Blumenmarkt präsentierte sich dort, umgeben von
den alten wieder restaurierten Häusern. Ein paar Schritte nach links,
und schon sah ich die Fassade des Rathauses - schön wie einst und je!
- ich war erschüttert. Langsam umrundete ich das Rathaus, konnte mich auch an einige
Fassaden erinnern, die - fast - alle wieder so aussahen wie vor 50
Jahren, oder noch schöner !!!! Am Eingang zur Schweidnitzerstrasse blieb ich stehen und war ein
bisschen enttäuscht. Hier muss alles zerstört gewesen sein, und beim Wiederaufbau hatte
man viele Häuser nicht in der alten Art wieder erstellt. Trotzdem war
es die alte - neue - lebendige Geschäftsstraße geblieben. Ich kehrte zurück zum Hotel, es war Zeit zum Abendessen. Am
Nebentisch ebenfalls deutsche Touristen, ein kleines Gespräch kam auf,
aber ich war jetzt sehr müde und ging schlafen, denn am nächsten Tag
wollte ich unbedingt nach Carlowitz fahren, dem Vorort, in dem ich
meine Kinderjahre verbracht hatte.
Carlowitz - ich war zu Hause
Am nächsten Morgen erkundigte ich mich wieder an der Rezeption, wie
ich am besten nach Carlowitz kommen würde. Der nette Mann erklärte
mir, dass ich die Straßenbahnlinie 6 nehmen müßte ( früher waren es die
Linien 14 u. 24 ). Als ich fragte, wo ich einen Fahrschein bekomme,
und er antwortete am Kiosk, da wurde mir schon ein bisschen mulmig,
denn würde man mich dort verstehen? Der Mann bemerkte wohl meine
Unentschlossenheit, holte sein Portemonnaie heraus und schenkte mir
den entsprechenden Fahrschein! Dann erklärte er mir noch, wo ich die
Haltestelle finde, denn vom Ring aus fuhren keine Straßenbahnen mehr-
hier war jetzt "Fußgängerzone". Ich fand die Haltestelle schnell - eine Straße weiter - und als ich
dann los fuhr, erkannte ich auch bald Vieles wieder. Nach etwa 5
Stationen kam auf der rechten Seite meine alte Viktoriaschule in Sicht
- genau wie vor 50 Jahren. Dann noch 3 Stationen bis zur
Hindenburgbrücke ( Most Warszawa ) und schon war die Endstation
dahinter in Sicht.
Auch hier hatte sich nichts verändert, die runde Warteschleife für
die Bahnen, daneben das Wartehäuschen - wohl nicht mehr aus Holz,
sondern aus Plastik, und 2 Kioske gab es auch zusätzlich. Aber dann
fing auch schon das Schrebergartengelände an, an dem ich auf meinem
Schulweg täglich vorbeigegangen war. Die Bäume und Sträucher waren
groß und mächtig geworden, aber alles war wie früher. Ich lief also
die Hunsfelderstraße entlang, 2 Querstraße links musste die
Carlowitzstraße kommen. Ich las das Straßenschild: ul.Czjajkowskiego,
aber die alten Häuser erkannte ich wieder, also war ich richtig
gelaufen. Dann kam auch nach wenigen Metern der Bahnübergang , und - genau
wie in den Kindertagen , wenn ich aus der Schule kam - wurden die
Schranke gerade herunter gekurbelt und der D-Zug Berlin - Warschau
rauschte vorbei. - Mir standen die Tränen in den Augen!
Ich lief die Czjajkowskiego weiter gerade aus, rechts stand eine
Villa, in der eine Tante früher gewohnt hatte, frisch renoviert, aber
jetzt von hohen Bäumen fast verdeckt. Dann hätte eine große Baumschule
und Gärtnerei kommen müssen, aber hier waren hohe Plattenbauten
errichtet worden. Doch auf der linken Straßenseite standen noch die
alten Mehrfamilienhäuser, dann hätte eine kleine Tischlerei kommen
sollen, jetzt gab es dort ein Lebensmittelgeschäft. Aber dann:
Das große Gartentor, die kleine Seitentür für die
Besucher, die Nummer 48 am Torpfosten - ich war "zu Hause".
Carlowitz - zu Hause
Im Garten stand eine Dame und unterhielt sich mit einem älteren
Mann, ich traute mich nicht, hineinzugehen, lief ein Stückchen weiter,
kehrte wieder um, lief wieder ein paar Meter zurück und wusste nicht,
was ich jetzt machen sollte. Nach etwa 20 Minuten war mir aber klar,
wenn ich es jetzt nicht versuche, dann würde ich nie wieder hier her
kommen. Ich ging also langsam auf die Dame zu - sie war jetzt alleine
am Blumenrondell beschäftigt - nannte meinen Namen und fragte:
sprechen Sie deutsch? Sie antwortete : ein bisschen verstehen !- Ich
sagte : ich habe hier gewohnt, zeigte auf das obere Stockwerk, und
fragte im gleichen Atemzug: do you speak english ? Sie sagte: mein
Tochter, nahm mich an der Hand, fragte nochmals : oben? Und als ich
bejahte, führte sie mich zur Haustür, wir gingen hinauf, und als
Dominika die Wohnungstür öffnete war sie sehr erstaunt, als ich sie
auf englisch ansprach. Ich wurde gleich zum Kaffee eingeladen, Dominika und ich kamen mit
unserem Schulenglisch gut zurecht. Sie war damals 15 Jahre alt, also
etwa so alt wie ich, als wir Breslau verließen. Wir hatten deshalb
beide 5 Jahre Englisch - Unterricht in der selben Stadt hinter uns,
auch wenn 50 Jahre dazwischen lagen. Das Haus war nach dem Krieg immer von einem russischen Kommandeur
bewohnt gewesen, und erst 2 Jahre vor meinem Kommen hatte die Familie
Kawala die Wohnung kaufen können. Sie war sehr schön renoviert und
mein ehemaliges Kinderzimmer war jetzt Dominikas Zimmer. - Sie sagte,
ihr Vater spräche sehr gut deutsch, käme aber erst später nach Hause,
ob ich warten wollte. Ich war aber schon so überdreht, so dass ich
fragte, ob ich am nächsten Tag - dem Sonntag - nochmals wiederkommen
dürfte. Und so geschah es dann auch. Ich kehrte ins Hotel zurück, konnte vor Aufregung kaum etwas essen
und schlief nachts sehr unruhig.
Am nächsten Morgen ließ ich mir an der Rezeption aufschreiben, was
"bitte", "danke", "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen" auf polnisch
heißt, und lernte das während der Straßenbahnfahrt auswendig. Am Tag
davor hatte mir Dominika schon beigebracht, wie man Wroclaw
ausspricht, ich hatte immer Wroklaw ( mit l ) gesagt. In der Czjajkowskiego begrüßte mich Pan Kawala mit den deutschen
Worten "herzlich willkommen in Ihrer alten Heimat". Diese Worte und
die herzliche Betreuung meiner Gastgeber waren der Anfang einer
wunderschönen Zeit. Wir unterhielten uns über viele Einzelheiten, die mit dem Haus
zusammen hingen, die Russen müssen es sehr verwildert zurückgelassen
haben. Beim Renovieren hatten aber meine neuen Freunde auf dem
Dachboden, hinter Holzstreben versteckt, einige alte, z. T. schon
völlig zerfledderte Unterlagen gefunden. 2 davon waren noch recht gut
erhalten, die Taufurkunde eines Onkels aus dem Jahre 1906 und ein
Brief von einem Kollegen meines Vaters, der ihn zum 25 jährigen
Firmenjubiläum an meinen Vater geschrieben hatte, datiert 1940 aus
Rußland, wo dieser Kollege als Sanitäter eingesetzt war Ich habe mich
über diese beiden Schriftstücke sehr gefreut, denn wir hatten damals
bei der Flucht nichts mitnehmen können.
Jahrhunderthalle - Hala Ludowa
Am späten Nachmittag wollte ich mich dann verabschieden, Pan Kawala
wollte mich mit dem Auto zurück in das Hotel bringen und fragte, was
ich auf dem Weg dahin noch sehen wollte.
Jahrhunderthalle
Mir fiel sofort die Jahrhunderthalle ( Hala Ludowa ) ein, weil ich mich an einen
Schulausflug erinnerte, als wir lernten: 1913 erbaut, 100 Jahre nach
der Völkerschlacht bei Leipzig, wo Napoleon geschlagen wurde. Damals
der größte frei schwebende Kuppelbau Europas. Sie stand noch - meine Jahrhunderthalle, die Pergola - Bögen um den
großen Teich davor waren jetzt von frischem Grün umrankt, und wieder
war alles von damals in Erinnerung. Als wir uns dann in der Nähe des Hotels auf dem Blücherplatz ( Plac
Solny ) verabschiedeten - Dominika war auch dabei - wusste ich nicht,
was stärker war, der Abschiedsschmerz oder die Freude über die schönen
Erlebnisse. Am nächsten Morgen machte ich noch einen kleinen Spaziergang in der
Altstadt, im" Mona Lyza " am Rynek trank ich einen Cappuccino, und am
frühen Nachmittag musste ich wieder am Lotport sein.
Blücherplatz - Plac Solny
Die Maschine startete pünktlich Richtung Frankfurt am Main und auf
dem Flug nahm ich mir bereits vor, im nächsten Jahr wieder zu
kommen. Es entwickelte sich ein reger Briefverkehr mit der Familie Kawala,
ich dachte damals: " warum erwartest Du eigentlich, dass die Menschen
in Wroclaw deutsch oder englisch sprechen, versuche doch auch,
Polnisch zu lernen." Im Januar 1995 begann ich meinen ersten Kurs an der Abendschule in
Mainz, und war erschrocken, wie schwer es für mich wurde.1 mal
wöchentlich 2 Unterrichtsstunden, zu Hause weiter üben, es ging nur
sehr langsam voran, aber ich war ja auch schon 65 Jahre alt.
Mit Enkeltochter Silke - 1995 nach Wroclaw
Im Mai 1995 flog ich dann ein 2. Mal nach Wroclaw - diesmal war
auch meine Enkeltochter Silke - damals 15 Jahre alt - dabei. Außerdem
noch eine ältere Bekannte, die vor dem Krieg viele Jahre in Hirschberg
( Jelenia Gora ) gewohnt hatte und auch Breslau gut kannte.. Wir
machten lange Spaziergänge in der Stadt gingen über die Brücke (
Ostrow Tumski ) zum Dom, besichtigten die Dom - und Sandinsel,
besuchten die alte Markthalle ( Hala Targowa ),ebenfalls ein berühmter
Kuppelbau - 1902 erbaut., bummelten die Swidnicka entlang und freuten
uns an dieser lebhaften, alten - neuen Stadt mit den vielen jungen
Menschen. Alleine 80 000 Studenten gibt es. Die Bevölkerungszahl liegt
wieder - wie vor dem Krieg - bei ca. 650 000 Einwohnern.
Natürlich waren wir auch in Karlowice eingeladen , und Silke und
Dominika verständigten sich sehr schnell auf englisch, so dass Silke
für den kommenden Winter eingeladen wurde.
Silke und Dominika
Die Zeit verging sehr schnell, ich freute mich schon auf die
Winterferien. In der 1, Januar - Woche 1996 flog ich daher - jetzt schon zum 3.
Mal nach Wroclaw. Hier in Mainz waren noch Schulferien, doch in
Wroclaw hatte der Unterricht schon begonnen. Silke war eine Woche lang
Gast bei Panstwo Kawala und wohnte in dieser Zeit in meinem "früheren
Kinderzimmer"!
Ich war wieder im Dwor Wasow untergekommen, und traf dieses Mal an
der Rezeption eine junge Frau - Malgorzata - die ebenfalls gut deutsch
sprach. Abends unterhielten wir uns lange, sie war in Wroclaw geboren,
und erzählte, dass die Touristen immer sagten : "mein Breslau ", es
wäre doch heute "ihr Wroclaw" . wir diskutierten ein bisschen, und zum
Schluss schrieb sie mir auf einen Zettel Wroclaw, to nasze Miasto. - diesen Zettel habe ich bis heute gut aufgehoben!
Ich war auch bei Ihrer Mutter eingeladen, aß dort das erste mal
Bigos und Golakbi - meine beiden polnischen Lieblingsgerichte. Silke ging auch einen Tag mit Dominika in die Schule, als es dort
Deutschunterricht gab. Die Lehrerin war sehr interessiert daran, dass
ihre Schüler mit dem deutschen Mädchen in dessen Sprache redeten. Wie mir Silke dann später erzählte, gab es in den Pausen auf den
Gängen lebhafte Unterhaltungen, mit der Coladose in der Hand, auf der
Toilette wurde heimlich geraucht, genau wie zu Hause in Mainz. - Zum
Abschluss hatte die Lehrerin noch ein kleines Einzelgespräch mit Silke
und fragte, was denn hier anders wäre als in Deutschland? Silke antwortete spontan: überhaupt nichts, nur bei uns gibt es
Klo-Papier! Diese Woche war viel zu schnell vorbei, ich hatte mit Malgorzata
und ihrer Mutter neue Freunde gefunden, und wusste, im Sommer würde ich
wieder kommen.
***
Wieder im Mai war es dann so weit, dieses Mal flogen auch mein Sohn
und meine Schwiegertochter mit, ich wollte ihnen doch unbedingt meine
alte Heimat zeigen, wo ich mich inzwischen wieder wie zu Hause
fühlte. Da ich bei den letzten Reisen schon Einiges besichtigt hatte, was
ich in den Kindertagen damals gar nicht kannte ( da waren nur
Carlowitz, die Schule und der Schwimmverein wichtig ) wurde ich jetzt
schon so ein bisschen der "Stadtführer".
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Brücke im Japanischen Garten ca. 1920
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Brücke mit Silke im japanischen Garten
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Wir machten einen Ausflug zur
Hala Ludowa und gingen weiter in den wunderschönen japanischen Garten,
saßen auf einer Bank hinter der Liebigshöhe und freuten uns an dem
klaren Wasser der Ohle, die dort in die Oder fließt . Auf der
Wasseroberfläche spiegelten sich die Zweige großer Bäume mit den
frühlingsgrünen Blättern, das Bild , das ich damals davon machte,
hängt seitdem - stark vergrößert - an der Wand in meinem Zimmer hier
in Mainz.
Beim Erzählen mit meinen Kindern fiel mir auch wieder ein, dass wir
in der Schule die linken Nebenflüsse der Oder lernen mußten, sie
flossen alle von der Gebirgskette der Karpaten, Sudeten und dem
Riesengebirge hinunter zur Oder. Ich kann sie noch heute fließend
aufsagen: Oppa, Zinna, Hotzenplotz, Glatzer Neiße ,Ohle, Lohe, Weistritz,
Bober mit dem Queis und die Lausitzer Neiße.
Wir waren dann auch wieder an einem Nachmittag in Karlowice
eingeladen, ich konnte erklären und zeigen, was und wo ich im Garten
gespielt hatte - wir saßen gemütlich zusammen, und ich durfte viel von
meinen Kindertagen berichten. Auch bei Malgorzata und ihrer Mutter waren wir eingeladen, und
dieses Mal sagte Malgorzata zu mir: " Du bist keine Touristin, Du bist
eine von uns! " - wieder ein Satz, der mir immer im Gedächtnis bleiben wird. - Am letzten Vormittag dann natürlich ein Cappuccino im Mona Lyza -
jetzt beinahe schon ein Ritual.
***
"Kalt
und dunkel, einsam und fern der Heimat!"
Im Sommer 1997 fuhr ich das erste Mal wieder ins Karkonosze- in der
Kindheit hatte ich mit meinen Eltern immer die Sommerferien im
Riesengebirge verbracht. Dieses Mal war eine Kusine aus Brandenburg dabei. Malgorzata hatte
uns in Karpacz (Krummhübel )eine kleine Pension besorgt. Wir
besichtigten die Kirche Wang, machten kleine Spaziergänge in der
Umgebung, und fuhren dann auch zu einem Ausflug nach Szklarska Poreba
( Schreiberhau ). Dieses Mal war ich mit dem Auto unterwegs. Ich
stellte den Wagen auf einem Parkplatz in der Nähe des Kochelfalles (
Wodaspad Szklarski) ab, aber dann fanden wir nicht den richtigen Weg
zu dem Wasserfall, sondern liefen auf einem Wanderweg in der falschen
Richtung auf Szklarska Poreba zu. Unterwegs lief ein junger Mann an
uns vorbei, stieß mich um und entriß mir die Handtasche.- Später auf
der Polizeistation half eine Dolmetscherin bei der Übersetzung:
Elwira!- Ich machte mir vor allem große Sorgen wegen meines Autos,
denn in der Handtasche waren auch die Autoschlüssel und die
Autopapiere.
Der Polizeibeamte reagierte darauf gar nicht, da rief Elwira ihren
Mann an, der mit einem Autofachmann und uns zu dem Parkplatz fuhr. Der
Wagen stand noch da, die Männer brachen das Schloss auf, ebenfalls die
Lenkrad- und Zündschlossverkleidung, um die Schlüsselanlage
auszuwechseln. Ein neues Zündschloss musste besorgt werden, das dauerte
natürlich lange Zeit.
Es wurde Abend, dunkel und kalt, die Sterne funkelten am Himmel,
wir saßen in dem aufgebrochenen Auto und warteten. Elwira blieb bei
uns, wir unterhielten uns über viele Dinge, und Elwira meinte: "Kalt
und dunkel, einsam und fern der Heimat!" Wieder ein Satz, den ich
nicht vergessen kann. Als wir in die Pension nach Karpacz zurückkamen, erwartete der Wirt
uns schon sehr sorgenvoll, und als ich alles erzählt hatte,
ankündigte, dass ich morgen zurück nach Deutschland fahren wollte, aber
jetzt keinen Pass mehr hatte, rief er noch nachts den Kommandanten der
Grenzstation in Zgorzelec an, damit ich am nächsten Tag mit den
Kopien, die ich in der Pension aufgehoben hatte, ausreisen durfte,
ohne vorher nach Wroclaw zum Konsulat fahren zu müssen. - Das hat dann
auch reibungslos geklappt. Meine Handtasche wurde übrigens einige Tage später im Wald
gefunden, es fehlten nur das Geld und meine Brille, alles andere:
Papiere und Schlüssel hatte der "dumme Junge" wohl nicht gebrauchen
können. Elwira schickte ihren Mann mit diesen Sachen extra auf die deutsche
Seite nach Görlitz, wo er das Päckchen für mich aufgab und nach etwa
10 Tagen war alles wieder in meinem Besitz.. Von da an standen wir in
regem Brief und Telefonverkehr - es entwickelte sich eine wunderbare
Freundschaft.
Im Herbst des gleichen Jahres fuhr ich noch einmal ins Karkonosze,
Elwira hatte mir ein sehr schönes Appartement in der Pension Ametyst
besorgt, und als ich am nächsten Morgen zum Frühstück hinunter ging,
war ich der einzige Gast. Der Tisch war reich gedeckt, und ein paar
Tische weiter saßen die Wirtsleute an einem anderen Tisch, ebenfalls
beim Frühstück.
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, ging zu ihnen und sagte in
meinem unbeholfenen Polnisch:
"Przepraszam, w domu zawsze jestem
sama, prosze tutaj nie!"
(Entschuldigung, zu Hause bin ich alleine,
hier bitte nicht )
Sofort bekam ich einen Platz an ihrem Tisch, seit diesem ersten Mal
frühstücken wir immer zusammen ( ich war jetzt schon 12 Mal im Ametyst
in Urlaub ) unterhalten uns troche po polsku, troche po niemiecku, ich
werde zu den Familienfeiern eingeladen ( Hochzeit des Sohnes ) helfe
manchmal im Gespräch mit anderen deutschen Gästen beim - fehlerhaften
- Übersetzen, und wenn ich Anreise, mich vorher telefonisch angemeldet
habe, dann öffnet mir Pan Tadeusz die Tür und begrüßt mich mit den Worten
"Witam w domu" (willkommen zu Hause)
Mein Liebingsrestaurant - Smok
Bei meinen Ferienaufenthalte im Karkonosze habe ich mir schon viele
schöne Städtchen angesehen, mache ein bisschen Kur in Swieradow Zdroj (
Bad Flinsberg ) fahre selten die Hauptstraßen entlang, sondern durch
die kleinen Dörfer, erfreue mich an blühenden Blumengärten und kaufe
dann in Jelenia Gora auf der ul.1. Maja im Presseladen die FAZ, oder
den Stern, Die Zeit oder den Spiegel.- Anschließend gehe ich zum obiad
in das Restaurant "Smok" ( Drachen ) , wo man mich auch bereits
wieder erkennt, und mir erzählt , an welchem Tisch ich das letzte Mal
gesessen habe. - Das Karkonosze hat ein sehr gesundes Klima, in den
höher gelegenen Bädern ist die Luft radonhaltig , man fühlt sich
schnell topfit!
***
Bei meinem letzten Besuch im September 2002 traf ich in Wroclaw
eine Germanistikstudentin, mit der ich schon länger in E - Mail
Kontakt stand, wir bummelten durch die vertraute Stare Miasta, und am
letzten Abend hatte sie 4 weitere Studenten eingeladen, denen ich von
meinen Kindertagen in Breslau erzählte. Es war ein wunderschöner
Abend.
Ich bin in meinen alten Tagen wieder in der Heimat angekommen und
: Ich möchte einen großen Brückenbogen vom Rhein bis an die Oder schlagen - er wird mich und - hoffentlich auch Andere - sicher hinüber
tragen!
Januar 2003
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