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| Weißt Du noch Vati?
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Wie das damals in der Adalbertstrasse war?
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Vati in seinem Büro in den Steingutwerken in Breslau |
Wie das damals in der Adalbertstrasse war? Ich konnte es Dir abends noch nicht
erzählen, denn ich war noch viel zu klein und schlief schon, wenn Du abends nach
Hause kamst. Mittags machte Mutti immer ein kleines Schläfchen in der Küche, sie saß dort auf
dem Stuhl vor dem Tisch - ich saß auf dem Tisch und Mutti hatte mich mit beiden
Armen umschlungen, ihren Kopf in meinen Schoß gelegt und döste leise vor sich
hin. Ich versuchte immer wieder ihren Kopf hochzuheben, mit beiden Händen ihre
Augenlieder aufzureißen und fragte ganz ängstlich: störbst Du jetzt?
Ja, die Adalbertstraße, es war nicht weit von dort bis zu den Steingutwerken, wo
Du im ersten Stock in Deinem Büro gesessen hast. Oft durfte ich mal bei Dir
hinein schauen, weil Mutti mich unten zur Portiers - Familie Bohnert gebracht
hatte, wenn sie sich mit ihren Freundinnen bei Pedro Koll in der Stadt auf der
Schweidnitzerstrasse zum Kaffeetrinken treffen wollte.
Ich schaute dann bei Oma Bohnert in der Küche zu, wie sie das Mittagessen für 2
oder 3 Angestellte aus den Büros vorbereitete. Ich stand auf einer Ritsche neben
ihr am Küchentisch, damit ich besser aufpassen konnte, denn oft mußte ich beim
Kartoffelschälen sagen: Oma Bohnert, vergiß die Norpsel nicht! Wenn wir dann wieder zu Hause in der Adalbertstrasse waren, sagte Mutti immer:
Du mußt das richtig aussprechen, es heißt nicht Adalbertstrasse, sondern das ist
die Adalbertstrasse. Du hast mich damals nicht - noch nicht - korrigiert, ich
war Dein kleines Tochterle. Ein bißchen wild und unruhig, einmal habe ich "aufgeräumt" und die Hoserl und Strümpel vom Balkon im ersten Stock hinunter auf
die Strasse geworfen, so schrieb mir die Tante Gretel es jetzt, 70 Jahre später
aus Kiel-Holtenau.
Villa in Carlowitz
Und dann hieß es eines Tages: wir ziehen um in die Villa nach Carlowitz! Was ist eine Villa? fragte ich Dich, Vati. "Ein schönes großes Haus in einem
großen Garten", war Deine Antwort, wir werden in einer großen Wohnung im ersten
Stock wohnen. An diesem Tag fuhr ich mit Mutti mit der Straßenbahnlinie 14 zur Endstation nach
Carlowitz und dann tippelte und sprang ich neben ihr her fast eine halbe Stunde
bis zur "Villa". Dort brauchten wir nicht lange zu warten, da kam auch schon
der große Lastwagen den Dir der Direktor Schöller aus den Steingutwerken zur
Verfügung gestellt hatte. Du hast neben dem Fahrer, Herrn Janke vorn drin
gesessen und der Sohn von Herrn Janke - vielleicht so 10 Jahre alt - war auch
dabei. Der Wagen fuhr durch das Gartentor, an der Buchsbaumhecke vorbei und als
er dann um die Ecke bog, mußten wir schnell beiseite springen, damit er bis vor
die Stufen am Hauseingang heranfahren konnte. Dann wurden auch gleich die Türen hinten geöffnet, und das Ausladen begann. Arbeit nur für die Männer! Als ich dann zu Dir ganz traurig sagte, ich will
doch auch was rauftragen, hast Du mir das Tunzebettel in die Hand gedrückt, und
stolz hüpfte ich damit die Treppen herauf.
In den ersten Tagen hast Du noch viel in der Wohnung zurechtgerückt, wenn Du
abends mit dem Fahrrad aus der Firma nach Hause kamst. Dabei hat immer ein Mann
geholfen, den Du aus den Steingutwerken mitgebracht hast. Am schönsten
eingerichtet war das Badezimmer, mit dem neuesten Waschbecken und einem Bidet,
das wurde alles in der Firma hergestellt. Es gab auch schon eine Zentralheizung,
der Ofen stand in der Küche neben dem Herd und wurde mit Koks beheizt. Von da
aus gingen Rohre in die verschiedenen Zimmer, insgesamt war es eine 4 ½ Zimmer
Wohnung mit großem Korridor und Balkon, etwa 95 qm. Der Koks wurde im Herbst
angeliefert und auf einer breiten Rutsche vom Lastwagen durch ein Kellerfenster
in den "Kokskeller" geschüttet. Ich hatte schon mein eigenes Zimmer, gleich die 1. Tür links im Korridor führte
dort hin. Im kalten schlesischen Winter fühlten wir uns in der Wohnung sehr wohl, draußen
lag hoher Schnee, und Du hast mir im Garten einen kleinen Schneeberg
aufgeschaufelt, von dem ich mit dem Schlitten herunter rodelte.
Guten Tag liebe Oma
Dann warst Du auch mit mir in Wilhelmruhe, wo Dein Vater, August Ernst Postrach
mit seiner Frau, Oma Maria, in einer kleinen 2 Zimmerwohnung im Hause Deiner
Schwester - meiner Tante Herta - im ersten Stock wohnte. Nebenan wohnten die
Eltern von Tante Hertas Mann - meinem Onkel Herbert - in einer gleichen kleinen
Wohnung. - Als Onkel Herbert das Haus baute, er war ein erfolgreicher Kaufmann (die Familie sagte immer anerkennend: er ist ein richtiger Jud), hatte er das
Erdgeschoß für sich und seine Familie geplant und oben wohnten dann die Eltern
von ihm und Tante Herta. - Heute würde man das wohl "Einlieger -Wohnungen"
nennen. Er hatte ein Auto und es gab eine Garage unter dem Wohn und
Esszimmer.
Oma Maria war schon recht krank, es war das Jahr 1935, und lag im Bett. Ich ging
mit meinem kleinen Cousin Eberhard - knapp 3 Jahre alt - zu ihr an das Bett, und
wir sagten höflich "guten Tag liebe Oma, mit Knicks und Diener." Oma Maria richtete sich mühevoll auf, öffnete ihre Nachtischschublade und holte
für jeden von uns beiden eine Spitztüte mit Bonbons heraus, ehe sie völlig
erschöpft wieder in ihr Kissen zurück sank. Das ist meine einzige Erinnerung an die Oma Maria, denn kurz danach ist sie
verstorben, das genaue Datum ist nicht bekannt. Opa Ernst Postrach lebte noch alleine weiter bis er am 1. Januar 1940
verstarb. In diesen 5 Jahren haben wir ihn oft besucht, denn er konnte sich noch alleine
versorgen, und lud uns sonntags zu selbstgemachten Kalbsnieren braten mit
Klößeln ein.. Aber ich hatte ja noch eine Oma Maria, die Mutter meiner Mutti. Sie war wohl
schon einige Zeit krank gewesen und hatte ihren Modesalon in der Junkernstrasse
ihrer Schwester, meiner Tante Emmi, übergeben. Die Geschäfte liefen dort immer
besser, denn jetzt hatte die Mittelschicht der Bevölkerung schon mehr Penunzen,
so daß Tante Emmi nicht nur die adlige Landkundschaft bediente. - Oma Maria hatte
eine Schilddrüsenoperation und als sie aus dem Krankenhaus kam, wohnte sie dann
bei uns. In dem Gästezimmer, das damals noch einen eigenen Zugang vor der
Wohnungstür, gegenüber dem Treppenabsatz hatte. Das war im Frühjahr 1935. Die Operationsnarbe am Hals war deutlich sichtbar, und Oma trug deshalb immer
eine Perlenkette, die am Hals anlag und die Narbe ( fast ) verdeckte.
In diesem Sommer bist Du auch mit Mutti in den Ferien nach Ostpreußen gefahren.
Du hast mir vorher erzählt, daß es eine weite Reise sein wird, und daß ihr auch
ein bißl Angst habt, weil ihr durch den "Korridor" müßt. Das konnte ich gar
nicht verstehen, denn unser großer Korridor in Carlowitz war doch ein Platz, wo
man auch richtig rumtoben konnte, warum sollte man da Angst haben? Du hast mir damals nicht erklärt, daß nach dem 1. Weltkrieg zwischen der
deutschen Ostgrenze im Norden und Ostpreußen ein breiter Landstreifen an das neu
gegründete Polnische Reich kam, damit auch Polen einen Zugang zur Ostsee hatte.
Damals hätte ich das auch noch nicht verstanden. Ich blieb mit Oma Maria zu Hause, sie spielte mit mir, und nachmittags saßen wir
auf dem Balkon, wo Oma Äpfel schälte von dem großen Baum im Garten, der
Frühäpfel trug, die schon im August reif waren. Einmal kam auch eine
Ansichtskarte von Dir und Mutti aus Ostpreußen. Im nächsten Jahr zu Ostern wurde ich dann eingeschult. Oma Maria war im Winter
gestorben, aber das Kleidchen, das ich am 1. Schultag anhatte, hat sie noch
selbst entworfen. Du hast ein sehr schönes Foto von mir gemacht, da stehe ich im
neuen Kleidl vor dem Wohnzimmerschrank mit der großen Schultüte in der Hand.
Vati ißt lieber ein Leberwurstbrot
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So habe ich Vati in Erinnerung. In Carlowitz vor dem Haus. |
Ich ging in die Pestalozzi - Schule am Drabiziusplatz, gleich neben dem
Wasserturm (das Gebäude steht heute noch, gut erhalten, wird aber wohl nicht
mehr als Schule genutzt.) Der Weg dahin war nicht weit, gleich neben unserer Gartenmauer ging ich über die
"Wüste", kam auf der Konstantin Schnier Strasse, gegenüber von unserem
Kolonialwarenladen heraus. Ein Stückel weiter kam der Fleischer Häberli, seine
Tochter Rita ging in meine Klasse. Dann noch ein paar Schritte geradeaus, am
Eingang des Priesterseminars vorbei, und schon war ich in der Schule.
Wenn ich dann am späten Vormittag von der Schule nach Hause kam, machte ich
gleich meine Schularbeiten im kleinen Zimmer neben der Küche, das ging immer
sehr schnell. Mutti kochte dann schon das Mittagessen, denn um ½ 1 Uhr kamst Du
mit dem Fahrrad zum Essen nach Hause. Oft gab es Welschkraut (Wirsing) die
Fleischstückchen darin durfte ich auf den Tellerrand legen, ich mochte kein
Fleisch. Auch gefüllte Oberrüben ( Kohlrabi ) war ein beliebtes Mittagessen, das
Gehackte darin (Hackfleisch) aß ich ganz gerne. Und am Sonnabend stand dann
entweder eine Schüssel mit Kartoffelsuppe auf dem Tisch oder es gab
Pellkartoffeln mit Weißkäse ( Quark ). Das war mein Lieblingsgericht! Jeden
Morgen, so gegen 10.00 Uhr kam der Milchmann mit seinem Pferdewagen, klingelte
mit einer großen Glocke, damit die Kunden Bescheid wußten, und Mutti kaufte bei
ihm täglich 1Liter Milch, ein halbes Pfund Butter und oft eben auch Weißkäse und
Schimmelkäse ( Harzer ). Sag mal Vati, mochtest Du wirklich so gerne Leberwurstbrote? Denn fast jeden
Tag ging ich mit Mutti nachmittags frisches Brot beim Bäcker kaufen und da bekam
ich immer ein 5 Pfennigstückel.( so eine Art Hefeteilchen mit dicken Streuseln
und Zuckerguß darüber ) Als ich Mutti sagte: kauf`doch dem Vati auch mal ein 5
Pfennigstückel, meinte sie nur, der Vati ißt lieber ein Leberwurstbrot.
Brrr......., die fette Leberwurst mochte ich gar nicht Ich bekam deshalb auf
mein Butterbrot zum Abendessen fast immer einige Scheiben Bananen oder
Radieschen. Bananen und Apfelsinen konnte man kaufen und die Radieschen wuchsen
in den Frühbeeten im Garten.
In der Schule hatte ich keine Schwierigkeiten, ich saß in der ersten Reihe neben
Sieglinde Streichan und Ursel Strybni, wir waren wohl die 3 Besten in der
Klasse, allerdings war Sieglinde immer ein bißchen besser als wir, sie war so
eine richtige Streberin. Deshalb mochte ich den Namen Sieglinde überhaupt nicht,
und wenn ich in den folgenden Jahrzehnten mal ein Mädchen oder eine Frau traf,
die Sieglinde hieß, war sie mir gleich unsympathisch! (Welch ein Unsinn!) Nachmittags spielte ich oft auf der Wüste mit 2 Jungen aus der Nachbarschaft.
Gleich hinter der Gartenmauer war noch ein richtiges schönes Stück wilder Natur,
hier gab es Frösche und kleine Nattern, die wir immer einfangen wollten. Die
beiden Jungen waren Peter Raue und Rudi Brandt. Beide etwa so alt wie ich,
gingen sie auch in die Pestalozzischule, aber Jungen und Mädchen wurden in
getrennten Klassen unterrichtet. Mutti konnte uns vom Küchenfenster aus
beobachten. Die Mutti von Rudi lud mich mal nach Hause ein, sie wohnten in der Nähe in einem
Reihenhaus einer Eisenbahnersiedlung. Rudi hatte noch kleinere Geschwister, und
ich sollte zum Abendbrot bleiben. Es gab Butterschnitten mit Mostrich bestrichen und danach Apfelmus. Mir
schmeckte das so gut, daß ich es Mutti sofort erzählte. Sie meinte aber nur: das
sind ganz arme Leute, die können sich keine Wurst kaufen. Ich verstand das
überhaupt nicht, denn die Mostrichschnitten schmeckten doch viel besser als
Muttis Leberwurstbrote. Auch bei Peters Mutti war ich öfter in der Küche. Peter hatte noch eine kleinere
Schwester, und als die Mutter mal den Topf mit Milchbrei mit dem Henkel nach
vorn auf dem Herd stehen hatte, zog das kleine Mädchen ihn herunter, der heiße
Brei floß ihr über das Gesicht und sie erlitt schwere Brandverletzungen, die
starke Narben hinterließen. Das habe ich nie vergessen. Mein ganzes Leben später wurde auch von dieser Erfahrung geprägt und ich habe
immer darauf geachtet, daß die Griffe und Henkel der Töpfe nach hinten zeigten
und diesen Tipp vielen Leuten weiter gegeben.
Wenn Mutti in die Stadt fuhr, um sich mit ihren Freundinnen zu treffen, dann kam
immer Christa Weitze zu uns, um mit mir zu spielen. Sie war 4 Jahre älter als
ich und wohnte so etwa 1oo Meter weiter in einem der vier alten Häuser in der
Carlowitzstrasse, in denen es auch eine kleine Kneipe gab. Ihr Vater war
Korbmacher und flocht zu Hause Einkaufs - und kleine Vorratskörbe. Wir spielten
selten mit den Puppen, das war mir zu langweilig, sondern im Sommer im Garten
mit dem Ball, oder Fangen ( da lief einer dem anderen weg und mußte wieder
eingefangen werden ) Im Winter kaschelten wir auf dem hartgefrorenen, glatten
Schnee. Ich war glücklich! Christa bekam von Mutti ab und zu mal einen Groschen
und zum Geburtstag und Weihnachten auch ein kleines Geschenk. Wußtest Du das
eigentlich Vati? Mutti wird es Dir wohl erzählt haben.
Als ich 7 Jahre alt war, bekam ich meinen ersten Klavierunterricht. In Muttis
Familie war man sehr musikalisch und Mutti meinte, das gehört zu einer guten
Erziehung, und ich sollte damit anfangen, ehe ich dann später auf das Lyzeum
ging, damit nicht zu viel Neues auf einmal kommt. Frl. Weber, die Klavierlehrerin kam zu uns nach Hause, sie wohnte in der Stadt,
in der Nähe Deiner Firma. Leider hatte sie so gar kein Einfühlungsvermögen für ein kleines Mädel und übte
nur die Tonleitern mit mir, erklärte die Noten und bald mußte ich dann auch
Etüden üben - und wußte gar nicht was das ist. Natürlich hatte ich nicht viel
Freude an diesem Unterricht, doch ich mußte bis zum Schluß ( 1944 )
durchhalten.
In seiner schönen Natur
In den Monaten vor meinem Schulbeginn war ich auch in den evangelischen
Kindergarten gegangen und später auch zum Kindergottesdienst am Sonntag -
Vormittag in der ev. Kirche in der Korso - Allee, denn ich war im September 1930
in der 11000 Jungfrauenkirche getauft worden.
Im 2. Schuljahr, also 1937 bist Du mit Mutti aus der Kirche ausgetreten und ihr
gehörtet jetzt einer Freireligiösen Gemeinde an. ( heute weiß ich, daß das eine
Gemeinschaft ist, die die Sonne als Ursprung des Lebens betrachtet und das auch
wissenschaftlich beweisen will) Damals war ich ein bißchen traurig, den mir fehlte als Einzelkind die vertraute
Umgebung der anderen kleinen Kinder. Aber am Sonntag Morgen machtest Du mit mir immer eine kleine Radtour. Anfangs
saß ich vorn auf der Stange Deines Herrenrades, auf der ein kleiner Kindersattel
befestigt war. Später bekam ich dann auch das erste Kinderfahrrad. Wir fuhren nur 2 Querstraßen weiter bis hinter die Kasernen, dort begannen auch
schon die weiten Felder und Wiesen der Umgebung. Einmal machten wir eine längere Pause, saßen an einem Grabenrand, und Du hast
mir die verschiedenen Getreidesorten erklärt. Du warst in Deinen Kindertagen in
den Sommerferien noch zu Deinen Großeltern nach Mangschütz bei Brieg gefahren,
wo sie als kleine Stellenbesitzer fleißig in den Feldern arbeiteten.
Als ich einmal fragte, warum ich denn jetzt nicht in den Kindergottesdienst
gehen dürfte, hast Du geantwortet: "Wenn der liebe Gott uns jetzt in seiner
schönen Natur sieht, freut er sich besonders und wird uns gut behüten." Das hat mir so gut gefallen, daß ich von da an immer in Gottes schöner Natur
sein wollte.
Schwimmen und Tischball
In diesem Sommer gingen Mutti und ich auch oft in das Strandbad in Carlowitz,
die Zeit des Rumtobens am heißen Strand war vorbei, Mutti hatte mich zum
Schwimmunterricht angemeldet und war auch immer mit dabei. Ich hatte im Winter
im Halla schon oft rumgeplanscht, doch jetzt mußte ich richtig schwimmen. Das
Schwimmerbecken, ein durch Holzplanken abgegrenztes Rechteck von ca 50 mal 25
Metern hatte auch einen breiten Gang aus Holzbrettern rundherum, auf dem der
Bademeister und Schwimmlehrer Herr Riedel neben mir her lief, wenn ich - noch
ziemlich dicht am Rand - meine erste Bahn schwamm. Doch es machte mir viel Spaß,
so daß ich fleißig übte. Es dauerte auch nicht lange, etwa 2 bis 3 Wochen, da ging es schon so gut, daß
Her Riedel meinte, ich könnte die Freiprobe machen. Da mußte man ¼ Stunde
schwimmen ohne anzuhalten und dann zum Schluß noch einen Sprung vom Beckenrand
ins Wasser machen. Davor hatte ich immer ein bißl Angst, ich konnte mich nie
entschließen, einfach so ins Wasser zu hüpfen und stand ewig lange oben auf dem
Holzsteg. Nach einer ganzen Weile gab mir Herr Riedel dann einen kleinen Schubs,
so daß ich springen mußte. Es war doch gar nicht schwer, ich tauchte schnell
wieder auf und war mit wenigen Zügen an der Leiter, um heraus zu klettern. Also,
gleich beim ersten Versuch bestand ich meine Schwimmprüfung und durfte dann fast
immer alleine ins Strandbad gehen, wo schon die anderen Mädels auf mich
warteten. Manchmal kam Mutti auch mit, und an vielen Sommer - Sonntagen warst
auch Du Vati dabei. Weißt Du noch?
Die Freibad - Saison ging immer vom 15. Mai bis zum 15. September. Oft war das
Wasser Mitte Mai noch recht kalt, etwa 15 oder 16 Grad, aber das war einfach
normal und in den schönen heißen schlesischen Sommern dauerte es auch nur kurze
Zeit, bis man sich im Wasser so richtig wohl fühlen konnte. Oft spielten wir am gegenüberliegenden flachen Ufer auch Titschball. Da gab es einen schön geebneten Platz, in der Mitte war ein niedriges Netzt
gespannt, auf jeder Seite waren 5 oder 6 Spielerinnen, die den Ball - etwa halb
so groß wie ein Fußball - auf ihrer Seite so stark auftitschen mußten, daß er
hochsprang und über das Netz auf die Gegenseite glitt.. Dort mußte eine
Gegenspielerin ihn sofort nach einer Bodenberührung wieder mit Schwung nach oben
stoßen, über das Netz hinüber zurück auf unsere Seite titschen. Eine herrliche
Toberei - wohl eine Art Vorläufer des Tennisspielens. Danach waren wir müde und hungrig und es gab zur Stärkung trockene Semmeln und
Zitronensaft.
Dr. von Rüdiger nannte mich liebevoll "Froschel"
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1943 Breslau Carlowitz im Garten |
In den ersten 2 oder 3 Jahren in der Volksschule hatte ich alle
Kinderkrankheiten, denn damals gab es noch keine Impfungen. Zuerst wohl Masern, dann auch Scharlach. Da ich keine Geschwister hatte, Mutti
mein Zimmer und den Flur mit einem Sagrotantuch aufwischte, durfte ich zu Hause
bleiben. Unser Arzt, Dr. von Rüdiger kam jeden Tag, um nach mir zu schauen. Als
ich dann bei der Scharlacherkrankung auch noch eine schmerzhafte, eitrige
Mittelohrentzündung bekam, brachte er einen Facharzt mit, der mir das Mittelohr
durchstieß, damit der Eiter abfließen konnte.
Das war sehr schmerzhaft, und ich begann zu heulen. Dr. von Rüdiger, der mich
sonst liebevoll "Froschel" nannte, meinte sehr streng: Stell Dich nicht so an,
beiß die Zähne zusammen " ( ein Satz, der mir - anfangs unbewußt - ein Leben
lang zur Richtschnur wurde.) Als ich dann im nächsten Jahr auch noch Diphtherie bekam, mußte ich allerdings
für 3 Wochen ins Krankenhaus auf die Isolierstation. Ich erinnere mich, daß etwa
6 Betten in einem Zimmer standen, mittags kam die Schwester mit einem Teller,
auf dem ein großer Stapel Eierkuchen (Pfannkuchen) lag. Sie nahm immer einen davon mit ihrer Hand herunter und warf ihn auf die
Teller, die wir in der Hand hielten. Ich fand das damals schon sehr
unappetitlich! Du Vati, warst damals schon in einer Angestellten - Krankenkasse versichert.
Wie ich vor ein paar Jahren gelesen habe, wurde Anfang der 20er Jahre des
vorherigen Jahrhunderts die 1 Angestellten Krankenkasse gegründet und zwar in
Breslau. Davor gab es nur Krankenversicherungen für Arbeiter. Diese erste
Angestelltenversicherung ist die DAK, in der Du damals Mitglied warst und ich es
heute noch bin.
Auf Grund meiner vielen Kinderkrankheiten schickte mich die DAK im Frühsommer
1939 in ein Kinder - Erholungsheim ins Riesengebirge nach Schreiberhau. Wir
waren alles Mädels zwischen 8 und 12 Jahren, machten täglich ein bißchen
Gymnastik und kleine Wanderungen im Wald. Damals habe ich schon immer auf
Rübezahl gewartet, aber ihn nie getroffen. In der 2.Woche wurde ein Mädel krank, sie hatte Fieber und viele rote Pünktchen
auf dem Bauch. Der Arzt sagte, das ist Scharlach und schickte sie ins
Krankenhaus. Dann wurden noch andere Mädel krank, eine Scharlachepedemie war in
dem Kinderheim ausgebrochen. Als ich ein paar Tage später auch einige rote
Pünktchen auf dem Bauch hatte, wollte mich die Kinderschwester auch gleich ins
Krankenhaus schicken, obgleich ich ihr doch sagte, daß ich schon vor etwa 1 ½
Jahren Scharlach hatte, und Du hattest mir gesagt, das bekommt man nur einmal!
Trotzdem mußte ich nach Bad Warmbrunn in ein kirchliches Krankenhaus, das von
Nonnen geleitet wurde. Hier erzählte ich wieder, daß ich schon Scharlach gehabt hatte, und da ich auch
kein Fieber hatte, untersuchte mich der Arzt jetzt gründlich. Die roten
Pünktchen waren auch nach wenigen Tagen weg - es war wohl so eine Art Allergie
gewesen, und alle wußten, daß ich eigentlich gesund war. Doch da ich auf der "Seuchenstation" lag, mußte ich 6 Wochen dort bleiben, das war Vorschrift, damit
ich zu Hause niemanden ansteckte.
Es war für mich furchtbar langweilig, die Nonne, die für diese Station zuständig
war, nahm mich deshalb jeden Tag mit in den Klostergarten. Dieser war eine große
Anlage mit vielen Blumen und Gemüsebeeten, ich durfte ein bißl helfen beim Jäten
und Rechen und konnte so richtig rumtoben. Einmal kam Mutti mich auch besuchen,
in der Woche, leider warst Du nicht mitgekommen, Du hattest ja viel Arbeit im
Büro, jetzt schon als Prokurist und Stellvertreter von Direktor Schöller.
Nach 5 ½ Wochen im Krankenhaus sagte der Arzt, ich dürfte jetzt nach Hause.
Mutti holte mich ab, ich glaube wir fuhren mit der Straßenbahn von Bad Warmbrunn
zum Bahnhof in Hirschberg und dann mit der Eisenbahn nach Hause. In den letzten Jahren habe ich während meiner Ferien im Karkonosze (
Riesengebirge ) in Cieplice ( Bad Warmbrunn ) dieses kirchliche Krankenhaus
gesucht, aber leider nicht wieder gefunden. Als ich am letzten Tag im Krankenhaus noch mal in die Badewanne gesteckt wurde,
sah ich, daß ich wieder einige rote Punkte auf dem Bauch hatte, diesmal aber
größer, so richtige kleine Knuppel. Ich stieg schnell aus dem Wasser, trocknete
mich ab und zog das Nachthemdl an, damit die Schwester es nicht sah, ich wollte
doch nach Hause. Ich hatte wohl die richtige Ahnung. Denn zu Hause hatte ich dann auch gleich
wieder Fieber, und als sich Dr. von Rüdiger meinen Bauch ansah, meinte er, das
sind jetzt die Windpocken. Außer Keuchhusten hatte ich also alle
Kinderkrankheiten in etwa 3 Jahren gehabt. Gott sei Dank habe ich den auch nicht
mehr bekommen.
Aber sonst merkten wir nichts vom Krieg
Es war jetzt etwa Ende August 1939, ich lag natürlich wieder in meinem Bettel,
es war sehr langweilig, aber Peter Raue brachte mir immer die Schulaufgaben von
Fräulein Richter mit, und ich durfte dann am Nachttisch schon daran ein bißl
arbeiten, damit ich nicht noch mehr versäumte. Abends hast Du immer auch noch ein kleines Viertelstündchen mit mir erzählt,
bis um 8.00 Uhr im Reichssender Breslau die Nachrichten kamen. An einem Abend kamst Du nach den Nachrichten noch einmal zu mir ins Zimmer und
sagtest zu mir: " der Krieg ist ausgebrochen! "
Es war der 1. September 1939! Ich konnte mir darunter so gar nichts vorstellen, doch schon wenige Tage später
wurde Verdunkelung angeordnet. Mutti hatte von Tante Emmi schwarzen Stoff besorgt, der dann so zugeschnitten
wurde, daß er wie ein Vorhang die Fenster verschloß, rundherum in allen Zimmern
der Wohnung. Als Du diesen Vorhang auch in meinem Zimmer anbrachtest, hast Du
mir erklärt, daß feindliche Flieger kommen könnten und Bomben auf Breslau
abwerfen würden, wenn sie die hellerleuchtete Stadt sehen. Ich verstand damals den Ernst der Lage überhaupt noch nicht und fand die dunklen
Vorhänge richtig spannend. Auch die Straßenlaternen - es waren alles Gaslaternen - wurden fast alle
ausgeschaltet, nur wenige, an einer Straßenkreuzung oder an der Bahnschranke
blieben noch brennen. Aber sonst merkten wir nichts vom Krieg. Du, Vati hast immer abends im Radio die
Nachrichten gehört, aber mich interessierte das noch gar nicht. Du warst ganz
stolz, daß es kein Volksempfänger war, den hatte ja jeder, sondern ein Saba -
Gerät. Etwa um diese Zeit bekamen wir auch ein Telefon, unsere Nummer war: 43 7
45, daran erinnere ich mich genau. Mutti hatte in den Sommermonaten fleißig Obst eingeweckt und Marmelade gekocht,
dann war es immer schrecklich heiß in der Küche, denn das Obst mußte mit der
gleichen Menge Zucker vermischt, 2 Stunden lang auf dem Gasherd kochen, wurde
immerfort umgerührt, bis die Marmelade dann dick genug war. Wir hatten wohl 100
Obst und Marmeladengläser als Wintervorrat im Keller, denn jeden Mittag gab es
Kompott. Manchmal machte Mutti auch einen dünnen Schokoladenpudding, darein
kamen einige sehr weiche Birnenscheiben. MMMM......, das schmeckte sehr gut,
wohl so etwas Ähnliches wie unsere heutige "Birne Helen".
Auf dem Dachboden lagerten die Winteräpfel auf großen, mit alten Zeitungen
ausgelegten Bodenflächen, und sehr viel getrocknete Lindenblüten für den Tee zum
Abendbrot. Zum Mittagessen gab es 2 mal in der Woche auch Innereien, Donnerstag
meistens gebratene Leber und Anfang der Woche Gelingesuppe oder Lungmus. Das
waren Lungenstückchen klein geschnitten, mit etwas Wurzelwerk gekocht und die
Suppe mit einer Mehlschwitze angedickt. Das schmeckte mir nicht besonders, aber
ich mußte meinen Teller aufessen, nur dann würde am nächsten Tag die Sonne
scheinen! Das Lungmus dagegen mochte ich sehr gerne: die Lungenstückchen wurden durch den
Fleischwolf gedreht, dann im Topf mit etwas Schmalz angemacht und dazu gab es
Kartoffeln. Gehungert haben wir nie. Ich weiß nicht, ob es schon Lebensmittelkarten gab,
aber Du hattest zum Beispiel im Riesengebirge einen Pilzsammler getroffen, der
uns seine Pfifferlinge in einem großen Spankorb mit der Eisenbahn nach Breslau
schickte, wo Du ihn am Bahnhof abgeholt hast. - Dann gab es noch einen anderen "
Lieferanten "in Stettin, der jedes Jahr eine kleine Tonne mit selbstgefangenen
und eingesalzenen Heringen schickte. Sie reichte im Winter immer für das
berühmte schlesische Häckerle. Die Heringe werden gewässert, enthäutet und
entgrätet und dann mit einem Stückchen Apfel, 1 Zwiebel und geräuchertem Speck
durch den Fleischwolf gedreht. Schmeckt einfach prima als Mittagessen zum
Sonnabend und abends gibt es den Rest auf die Butterschnitte.
Bei Onkel Rudi in Kraftborn, der dort als Buchhalter auf dem Versuchsgut
arbeitete holten wir uns auch noch einen großen Eimer Honig vom Imker. Die Überzeugung, daß es in der Natur viele Dinge gibt, die unserem Körper bei
der Gesundung helfen können, hatte sich schon Vatis Großvater, der andere Leute
im Dorf mit Kräutern heilte, vererbt. Seit dieser Ahnengeneration wissen wir zum
Beispiel, daß heiße Milch mit Honig bei Erkältungen hilft und auch die schlechte
Laune vertreibt. Auch ich glaube heute noch fest daran.
Höhepunkt des Weihnachtsfestes
In Breslau ging der normale Alltag weiter, der Herbst war vorüber und Mutti
flocht schon aus den Tannenzweigen im Garten den Adventskranz.An jedem
Adventssonntag wurde ein weißes Licht angezündet, geschmückt war der Kranz nur
mit ein wenig Lametta. Es gab den berühmten schlesischen Mohnstreuselkuchen
jetzt ebenfalls an jedem Sonntag. Ich übte fleißig die Weihnachtslieder auf dem
Klavier, denn Du Vati, hattest mir gesagt, Heilig Abend muß ich sie vor der
Bescherung spielen, damit Du wenigstens einmal im Jahr hörst, wo für Du Dein
Geld bei meinem Klavierunterricht ausgegeben hast. ( Das war sicher Deine
kaufmännische Ader ) Ich wollte Dich doch nicht enttäuschen und übte fleißig:
Ihr Kinderlein kommet - und - Stille Nacht, heilige Nacht - vom Himmel hoch -
Leise rieselt der Schnee!
Nach dem gemeinsamen Abendessen mit guten Freunden - natürlich gab es polnische
Soße mit schlesischen weißen und polnischen Würstchen, machte ich mich also
bereit, um meine 4 Weihnachtslieder zu spielen. Das Klavier stand im
Herrenzimmer an der Wand zum Wohnzimmer. Neben dem Klavier war die Zwischentür
zum Wohnzimmer noch verschlossen, denn Du Vati hattest den Weihnachtsbaum schon
geschmückt und die Geschenke darunter aufgebaut. Wenn ich meine Lieder spielte
sangen alle mit, es war immer sehr feierlich!
Danach öffnetest Du das Weihnachtszimmer, der Christbaum war mit weißen Kerzen
und vielem - sorgfältig verteiltem - Lametta geschmückt. Die Kerzen brannten und
mir klopfte vor Aufregung und Freude das Herz. Nachdem die Geschenke alle bewundert waren - ich blätterte auch sofort in dem
neuen Buch und begann zu lesen - gab es dann ( für mich! )den Höhepunkt des
Weihnachtsfestes: die berühmten Schlesischen Mohnklößl. Das sind keine Klöße
sondern es ist eine kalte ( Dessert? - ) Speise. Der Mohn wird in einer Mühle
mit der Handkurbel fein gemahlen, dann mit heißer Milch übergossen, mit Honig
gesüßt und dazu kommen noch Rosinen und Mandelblättchen. Alles wird gut
durchgerührt und dann abwechselnd in einer großen Schüssel schichtweise mit in
Milch getränkten Semmelscheiben angerichtet Das schmeckt wirklich wunderbar, und
das Rezept ist immer von einer Generation zur anderen weitergegeben worden, wird
auch heute noch von den Nachkommen der Schlesier in der ganzen Welt zu Heilig
Abend und Sylvester zubereitet. Auch ich mache mir noch heute an diesen
Feiertagen meine Mohnklößl. Daß Außergewöhnliche ist: Die polnische Soße und die Mohnklöße gibt es nur
Weihnachten und Sylvester! Während des Jahres stellt kein Fleischer die schlesischen weißen Würstchen
her. Heute bekommt man in fast jeder großen Stadt in einer Metzgerei ( bei der Innung
nachfragen ) die Würstchen, weil das Rezept dafür weitergegeben wurde.
Und weißt Du noch Vati, daß es am 23.12, - also an Muttis Geburtstag - immer
eine schmackhafte Nudelsuppe gab, die aus "Gänsegeschnerre" gekocht wurde?
Das waren Flügel und Hals und dünne Rückenknochen von der Weihnachtsgans, die
mit viel Wurzelwerk ( Suppengün ) zusammen ausgekocht wurden und dann mit viel
Nudeln eine sehr schmackhafte Suppe ergaben. Mutti konnte diese Suppe so
nebenbei vorbereiten, so daß noch genug Zeit für die Geburtstags - Kaffeetafel
übrig blieb. Du kamst an diesem Tag auch immer erst spät aus dem Büro, aber wir
hatten schon am Nachmittag alle eine große Portion Mohnstreuselkuchen
gegessen. Am ersten Feiertag wurde auch wieder ein traditionelles Essen vorbereitet, es
gab immer Gänsebraten mit Blaukraut und schlesische und polnische Klößel. Dieser 1. Feiertag wurde abwechselnd einmal bei uns in Carlowitz, im nächsten
Jahr dann bei Tante Herta in Wilhelmsruhe gefeiert.
Ja, und Vati, warum gab es denn bei uns in der Familie auch noch einen dritten
Feiertag? Du gingst an diesem Tag nicht ins Büro, die Klo - und Waschbecken-Produktion war noch nicht wieder aufgenommen. Das war wohl nur in den
Steingutwerken der Fall, denn die Väter meiner Mitschülerinnen waren alle wieder
in ihren Alltag zurückgekehrt. Aber Du hattest auch einen Nachteil: am 30. Dezember, einen Tag vor Sylvester
war Dein Geburtstag. Da mußtest Du ins Büro und kamst erst am Abend nach Hause.
Ich ging dann bald ins Bett, und Mutti und Du feierten mit Deinem Freund ( Onkel
) Walter Büttner und Deinem Kollegen, Herrn Kaps, Deinen Festtag. Mutti hatte "
Russische Eier " vorbereitet, das waren gekochte Eier in dicke Scheiben
geschnitten in selbstgemachter Mayonnaise, und dazu gab es Semmeln, dick mit
Butter gestrichen. Ob ihr dazu das bekannte Schultheisbier getrunken habt, weiß
ich nicht, aber später gab es dann für die Herren einen Cognac und Mutti trank
einen Likör. Immer wurden dann einige Runden Skat gespielt, als ich größer war,
durfte ich Dir dabei schon mal über die Schulter schauen Doch dann ging ich auch
mit einem kleinen Buch ins Bett, las noch ein Weilchen und freute mich auf den
Sylvester Abend. Du bist auch an diesem Tag ins Büro gegangen, doch warst Du abends schon ein
bißl früher zu Hause als üblich. Es gab doch zum Abendessen noch einmal die Gute
polnische Soße mit den Würstchen und später dann zum letzten Mal meine geliebten
Mohnklößel. Zur Sylvesterfeier waren ebenfalls Freunde oder Verwandte eingeladen, was ihr
damals getrunken habt weiß ich nicht, ich glaube einen steifen Grog, denn an
Sekt kann ich mich aus Carlowitzer Zeiten nicht erinnern. Ich wurde auch ziemlich früh ins Bett geschickt, den Jahreswechsel habe ich nie
miterlebt. Doch Neujahr war dann noch einmal etwas Besonderes, immer gab es Hasenbraten mit
Blaukraut und Klößl. Direktor Schöller, Dein Chef, hatte ein Jagdrevier im
Riesengebirge und hat Dir immer einen selbst geschossenen Hasen geschenkt. Er
wurde in der Küche an einer Leiter aufgehangen, Du hattest einen Nachbarn
gebeten ihn vorzubereiten, und der zog dem armen Hasen das Fell über den Kopf,
schnitt ihm den Bauch auf, und nahm dann auch die Innereien heraus. Ich lief
ganz schnell in mein Zimmer, denn das konnte ich nicht mit ansehen. Als der
Braten dann später zum Mittagessen auf dem Tisch stand schüttelte es mich noch,
ich aß kein Stückchen davon, sondern nur die Klößl mit Blaukraut und ein bißl
Soße und war total glücklich damit.
Auch im neuen Jahr gab es dann bald wider in kleines Fest. Wir hatten noch
Weihnachtsferien, der Winter war kalt und schneereich und solange die Schulen
geschlossen waren, brauchten die Gebäude nicht geheizt zu werden. Wir gingen rodeln, liefen auch auf dem Teich im Park der gegenüberliegenden
Baumschule Schlittschuh, oft viel zu lange, denn wenn ich dann zu Hause vor der
Wohnungstür die Stiefel auszog, waren die Füße trotz dicker, selbstgestrickter
Söckel total verfroren und wenn sie dann warm wurden, tat das so weh, daß ich
bitterlich weinte. Von Mutti bekam ich dann sofort eine Ohrfeige: " ich habe
Dir doch gesagt,Du sollst nicht so lange draußen bleiben! "
Am 14. Januar war dann Tante Lissys Geburtstag, sie war Deine jüngste Schwester
Vati und wohnte seit Opas Tod 1940 bei uns. Tante Lissys war meine
Lieblingstante, 10 Jahre jünger als Mutti, hatte sie viel Verständnis für mich
und abends, wenn sie aus dem Büro kam - sie arbeitete beim
Kartoffelwirtschaftsverband, hat auch sei - genau wie Du - sich immer Zeit für
mich genommen. An ihrem Geburtstag kam sie oft auch spät nach Hause, so daß der
Geburtstag erst am nächsten Sonntag mit Freunden gefeiert wurde. Mit diesem kleinen Fest ging dann der "Feiertagsmonat" zu Ende. Begonnen hatte
es am 15. Dezember mit dem Geburtstag von Kusine Susi in Wilhelmsruh, dann am
23.12. Muttis Geburtstag, dann folgte gleich Weihnachten und am 30.12 dann Dein
eigener Geburtstag. Da Du im Jahre 1899 geboren warst, wurdest Du immer so alt,
wie das nächste Kalenderjahr, das dann 2 Tage später begann. Den Abschluß der
vielen Feiern bildete dann Tante Lissys Geburtstag.
Warum der Marktplatz " Ring " heißt?
Nach 4Volksschuljahren mußte dann entschieden werden, in welche Schule ich
umgeschult werden sollte. Ich weiß noch, daß Mutti und Du eine Mittelschule für
richtig hielten, zumal ihr auch beide während des 1. Weltkrieges so eine Schule
besucht hattet. Doch hatte meine Lehrerin, Fräulein Richter, gesagt, daß ich
begabt sei und trotz der vielen Kinderkrankheiten die Aufnahmeprüfung für das
Lyzeum bestehen würde. So war es dann auch, und ab Ostern 1940 ging ich in ein
Lyzeum in der Mathiasstraße,die Viktoriaschule. Sie war 1902 als erstes Lyzeum
für Mädchen in Breslau eröffnet worden. Mutti achtete sehr darauf, daß ich immer gut angezogen war, Tante Emmi, die den
Modesalon von Oma weiterführte, nähte oft ein hübsches neues Kleidchen für mich, und wenn ich morgens mal fragte: was soll ich denn heute anziehen, kam die
geflügelte Breslauer Antwort:" Den Ring, da laufen Dir alle Gassen nach!" Das
bedeutete, daß der Ring der Mittelpunkt der Stadt war und alle Straßen zu ihm
hinführen. Die Bezeichnung Ring für den Marktplatz einer Stadt gibt es nur in
Schlesien. Auch nur in Schlesien ist es selbstverständlich, daß das Rathaus immer in der
Mitte des Ringes steht, und niemals - wie oft in anderen Städten - an einer der
Randseiten des Marktplatzes. Schon damals habe ich gefragt, warum der Marktplatz "Ring" heißt, er ist doch
immer rechteckig oder quadratisch und nicht rund. Doch ich habe nie eine Antwort
erhalten.
55 Jahre später vermutete ich, daß die Bezeichnung Ring von dem polnischen Rynek
abgeleitet wurde, doch meine Polnisch - Lehrerin recherchierte, daß das
Gegenteil der Fall ist, denn das polnische Rynek wäre eine Ableitung vom
deutschen Ring. Ein bißchen Breslauer Dialekt erfuhr ich auch immer wieder freitags, wenn unsere
Aufräumefrau- Frau Höflich - einen ganzen Tag mit dem Saubermachen beschäftigt
war. Sie gebrauchte viele Worte und Redewendungen, die ich von Dir oder Mutti
nie hörte. Wenn ich in meinem Zimmer noch schnell etwas wegräumen sollte und
dabei, die Schulbücher vom Tisch rutschten, meinte sie "stell Dich nicht so timplich an." ( das bedeutete ungeschickt oder dumm ).Ein
bißl liebevoller war dann schon das kleine Schöpsel ( ein kleineres Kind, dem
etwas nicht so gut gelungen war, denn ein Schops ist ein Schaf und kleine
Schäfchen sind ja bekanntlich noch sehr unbeholfen. In der Viktoriaschule war von diesen Sachen überhaupt nicht die Rede. Wir hatten
außer den heutigen Fächern einer Oberschule zwar noch 2 mal in der Woche
Handarbeitsunterricht, der war für mich aber fast ein " Spiel ". Offensichtlich
hatte ich etwas von der "Modebegabung" der Oma im Blut.
Doch Dich Vati interessierte das wenig. Wenn ich Dir abends noch ein bißl von
der Schule erzähltest, freute es Dich besonders, wenn ich in Mathe wieder eine 1
bekommen hatte. Auch über den Englisch - Unterricht sprachen wir oft, denn Du
hattest in der Schule nur französisch gelernt und später dann wohl Privatkurse
in Englisch genommen, weil Du es in der Firma brauchtest. Gab es denn damals
schon solche Kurse, oder war das Privatunterrich? Unser ( Kriegs - ) Alltag verlief völlig normal. Jedenfalls habe ich es so
empfunden. Außer der Verdunkelung gab es in Breslau keinerlei Anzeichen dafür,
daß wir mitten im Krieg standen.
Meinen Gedanken waren immer nur beim Schwimmen
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Aufnahme von 1943 (Foto-Fix, Brelau 1) |
Im Herbst 1940 mußte ich zu den Jungmädchen, dort gefiel es mir unter den
Gleichaltrigen sehr gut, wenn wir am Lagerfeuer saßen und Volkslieder
sangen. Mittwochs und Samstag hatten wir je 2 Stunden Dienst. Im Sommer 1942 wurde ich
in ein Ausbildungslager geschickt, ich sollte Schaftsführerin werden, die
kleinste und jüngste Gruppe der Jungmädel - 12 - 14 Jahre alt - waren eine "
Schaft " Wir lernten dort u.a., wie man eine Nachricht oder ein Ereignis mit
eigenen Worten einer Gruppe Anderer mitteilt oder verständlich macht. Das lief
so ab: Am Abend hörten wir im Reichssender Breslau den "Wehrmachtsbericht",
am nächsten Morgen bekamen wir dann noch die Breslauer Neuesten Nachrichten (Tageszeitung) zu lesen, hatten etwa 1 Stunde Zeit, um uns das Wichtigste
einzuprägen und dann mußte eine von uns vor die Gruppe treten und mit eigenen
Worten den Inhalt des Wehrmachtsberichtes völlig frei und ohne Notizen,
vortragen. Das sah dann so aus: ich stand vor der Gruppe von etwa 14 anderen
Mädchen, die auf Bänken saßen und begann: Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: In den letzten Tagen gelang unseren
siegreichen Truppen an der Ostfront ein weiterer Vorstoß. Sie konnten die
sowjetische Stadt Dnjeprepetrowsk einnehmen.
Wenn ich heute daran zurück denke, kommt mir das Grauen, welchen Inhalt unsere "Kommunikationsübungen" hatten, doch andererseits war es wohl
- mir lange
unbewußt - die Grundlage für " Freies Sprechen " gewesen, das ich in den
folgenden Jahrzehnten dann auch beruflich gut genutzt habe. Selbst jetzt im
Alter begleitet mich diese Fähigkeit bei meinen "Schlesien - Referaten" an der
Uni Mainz. Diese "Jungmädelzeit" hatte dann im folgenden Jahr ein unerwartetes Ende, ich
war im ASV, dem Alten Schwimmverein in Breslau öfter zum Training gegangen.
Unser Trainer meinte, daß ich gute Chancen bei Wettkämpfen haben würde, wenn ich
täglich 2 Stunden trainieren könnte. Du Vati hast damals nicht lange gezögert
und sofort zugestimmt Das bedeutete, daß der HJ - Dienst wegfiel, da ich ja
täglich zum Training ging. Im Sommer nach Leerbeutel und im Winter ins Halla in
der Junkernstrasse. Auch hier habe ich leider später nicht nachgefragt, bin mir
aber heute sicher, daß Du das bewußt unterstützt hast: Schwimmen war auf jeden
Fall besser für mich als der HJ - Dienst!
Jetzt begannen meine schönsten Jahre in der Kinderzeit in Breslau. Jeden
Nachmittag war ich mit unserer Trainingsgruppe - etwa 6-8 Mädels zwischen 12 und
14 Jahren zusammen. Das Training war hart, Vati Groth, unserer Trainer nahm uns
hart ran, aber wir waren alle sehr ehrgeizig, denn wenn wir gute Zeiten
schwammen, durften wir am nächsten Vergleichswettkampf in anderen Städten
teilnehmen. Ich war fast immer dabei: in Dresden, Gotha, Prag und Wien, 1944
fuhren wir sogar noch nach Preßburg ( Bratislawia ). Leider bist Du Vati, nie zu einem Wettkampf gekommen, auch nicht wenn er im
Breslauer Stadion stattfand. Warum eigentlich nicht? Sonntags hättest Du doch
auch mal Zeit dafür gehabt. Mutti interessierte es auch wenig, nur Tante Lissy
kam ein oder zwei mal als Zuschauerin mit. Es war jetzt schon das 3. Und 4, Kriegsjahr, ich aber hörte mir die
Wehrmachtsberichte nicht an. Nur Mittags, nach der Schule, wenn ich am
Waterlooplatz auf die Straßenbahn wartete, ertönten aus einem Lautsprecher, der
auf dem Dach des Klohäusels angebracht war, die neuesten Berichte. ( Das
Klohäusel steht auch heute noch dort und wird weiterhin benutzt.) Ich war mit meinen Gedanken immer nur beim Schwimmen, unser erfolgreichen
Mannschaft, mit der ich auch oft am Wochenende in ein Trainingslager ins
Riesengebirge fuhr.
Damals war auch am Sonnabend noch Unterricht, und da wir meistens schon am
Freitag Nachmittag abfuhren, mußte ich beim Leiter der Viktoriaschule um einen
zusätzlichen freien Tag bitten. Unser Direx hieß Dr. Fleck und kannte mich schon
recht gut. Da meine Noten in den einzelnen Fächern gut waren, habe ich auch
immer frei bekommen. Wenn wir dann im Eisenbahnabteil saßen, der Zug Richtung Hirschberg fuhr,
spielten wir Mädels immer das gleiche Spiel: Ich packe meinen Koffer und da kommt hinein: " der Badeanzug ", die Nächste
sprach weiter: ich packe meinen Koffer, da kommt hinein: "der Badeanzug, die
Bademütze " dann folgte das 3. Mädel,: ich packe meinen Koffer, da kommt hinein: " der Badeanzug, die Bademütze, das Badetuch " usw. Wenn der Koffer dann
fertig gepackt war, hatten wir auch fast schon Hirschberg erreicht. Dir Vati habe ich oft davon erzählt, und manchmal haben wir dann auch das kleine
( Gedächtnistrainings - ) Spiel zu Hause geübt.
Im Sommer 1944 wurde es dann mit den Lehrern an der Schule sehr knapp, wir
hatten abwechselnd Vor und Nachmittag Unterricht. Bei einem
Nachmittagsunterricht war für die letzte Stunde Erdkunde eingetragen. Freifrau
von John, eine schon lange pensionierte Lehrerin hielt den Unterricht auf sehr
langweilige Art ab, und als es endlich klingelte, stürmten wir alle aus dem
Klassenzimmer. Im Vorbeigehen knipste ich das Licht aus, kurz darauf kam ein
greller Schrei von dem Podest, auf dem das Katheder stand. Frau von John war im
Dunkeln gestolpert und die Stufe hinabgestürzt. Sie hatte sich nur gering
verletzt, fragte aber sofort: " wer war das? ". Ich meldete mich nicht Und auch
keine der Mitschülerin verriet mich. Aber die Lehrerin ließ keine Ruhe, und nach
3 tagen wurde ich zum Direx bestellt. (Es mußte mich nun wohl doch eine
verraten haben. Dr. Fleck fragte ganz ruhig: "Bist du es gewesen, sag bitte die
Wahrheit!" ich antwortete sofort; "ja, ich war es!" Dann fragte der Direx noch einmal: "Warum hast Du es denn nicht gleich
zugegeben? Meine spontane Antwort: "Ich war zu feige!" Dr. Fleck holte tief Luft und sagte - wieder sehr ruhig -: "Weil du das jetzt
so ehrlich gesagt hast, ist die Sache erledigt, Du kannst jetzt gehen!" Ein oder 2 Tage konnte ich die Sache noch für mich behalten, doch dann mußte ich
sie Dir erzählen. Du hörtest mir aufmerksam zu, dann war es eine Weile still
zwischen uns Beiden, bis Du - recht eindringlich - zu mir sagtest:
"Man kann im Leben auch einmal etwas falsch machen - aber man muß den Mut haben
es einzugestehen, - und wenn möglich, versuchen, es wieder gut zumachen."
Ja Vati, dieser Satz ist mir so stark in Erinnerung geblieben, daß er in meinem
Leben eine sehr wichtige Rolle spielte und noch spielt, wenn auch oft völlig
unbewußt. Bewußt allerdings versuche ich auch heute diese Maxime an die junge Generation
weiter zugeben, dort wo es mir notwendig erscheint, und wo es hinpaßt und nicht
allzu lehrerhaft klingt. Das nächste Jahr, 1944, verlief in Breslau so normal wie immer. Du Vati, kamst
zwar oft sehr spät aus dem Büro, weil die Produktion im Werk ganz normal weiter
lief, aber immer weniger Angestellte zur Verfügung standen. Selbst die jüngeren
Frauen, die im Büro arbeiteten, wurden zum Kriegshilfsdienst eingezogen, als
Nachrichtenhelferinnen oder in den Lazaretten eingesetzt.
Im Januar 1945 wurde es dann Ernst: schon seit einigen Monaten war kein
Unterricht mehr, ich wurde als Bote bei der Ortsgruppe in Carlowitz eingesetzt,
d.h. ich mußte mit dem Fahrrad irgendwelche schriftliche Nachrichten zu einer
anderen Ortsgruppe bringen.
Erinnerst Du dich noch an den 19. Januar 1945, Vati? Carlowitz mußte geräumt werden, Du, Mutti und Tante Lissy hattet besprochen, daß
wir mit dem Zug flüchten sollten, und zwar nicht zu den Verwandten nach Dresden,
sondern zu Tante Gretel nach Kiel. Du fuhrst mit uns mit der Straßenbahn zum Freiburger Bahnhof, kamst mit auf den
Bahnsteig - Du mußtest in Breslau bleiben und wurdest zum Volkssturm eingezogen
-. Als Du uns zum Abschied noch einmal umarmtest, sagtest Du sehr eindringlich:
" Fahrt auf jeden Fall nach Kiel, egal wie lange es dauert, Dresden liegt viel
zu nah, da kann die Front sehr schnell dort sein."
Auch mit diesem Satz, mein lieber Vati, hast Du, wie immer, vollkommen recht gehabt!
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