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Unvergesslicher Weg in Breslau und nach Hamburg
von Christa Kraushaar geb. Brzuske, 16.12.2005

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Meine Kindheit

Meine Kinderzeit in Breslau verlief vor dem Krieg so wie in einer Durchschnittsfamilie es üblich war.

In der Frankfurter Strasse wurde ich geboren. Später zogen meine Eltern mit uns in die Berliner Strasse 42. Mein Vater arbeitete bei der Firma Rudolf Otto Meyer als Heizungsmonteur. Er war viel auf Montage und brachte uns bei seiner Rückkehr immer etwas mit. Besonders freuten wir uns, mein fünf Jahre jüngerer Bruder Hans und ich, übers Hasenbrot. Wenn Vater zu Hause war, gingen wir am Sonntag spazieren. Unsere Stadtspaziergänge führten uns meistens auf die Liebigshöhe oder an die Oder. Schön fanden wir es, wenn unterwegs Picknick gemacht wurde. Dann durften wir Kinder uns immer eine Brause kaufen.

In unserem Haus wohnte eine Familie Scholz mit vielen frechen Kindern. Deshalb wollte ich später nie einen Mann mit Familienname Scholz heiraten - er hätte mich immer an viele Kinder erinnert. Einen Fleischer wollte ich kennen lernen, um Würstchen nach Herzenslust zu essen. Neben uns befanden sich das Breslauer Kohlenkontor und daneben der Getreidehändler Laske, sowie die Firma Kaltofen. Zum Breslauer Kohlenkontor haben wir immer Hasenfutter gebracht. Dafür wurden wir dann mit einen Bonbon belohnt.

1939 kam ich in die Jahnschule. Im gleichen Jahr begann der Krieg. Außer dass viele Männer aus der Nachbarschaft zum Militär eingezogen wurden, bekamen wir kaum etwas mit. Papa verschonte man noch, denn er arbeitete in einem kriegswichtigen Betrieb. Drei Jahre nach Kriegsbeginn zog man meinen Vater ein, der nie wieder Breslau wiedergesehen hat, denn bereits im Juni 1943 meldete man ihn als vermißt.

Unsere Schule schloß man 1943 und wir kamen nach nach Lorzendorf. Dort lebte ich in einem Zollhaus bei der Familie Kluge, die eine Oma und zwei Jungen hatte. Die Oma freute sich sehr, denn sie wünschte sich immer schon ein Mädchen. Die Mücke Hilde, die einzige die ich kannte, kann ich nicht vergessen. Sie versorgte uns damals mit Läusen. Mir standen die Tränen im Gesicht, denn ich hatte wunderschöne lange dicke Zöpfe. Manchmal besuchte mich meine Muttl. Jeder Abschied war sehr schwer. Nach einem Antrag in Breslau an die Parteileitung gelang es meiner Mutter, dass wir Kinder wieder nach Hause konnten. So erlebten wir die Festungszeit in der Stadt.

In der Festung

Nach der Einschließung Breslaus wurde die Stadt durch Tiefflieger bombardiert und beschossen. Dazu der Beschuß durch Granatwerfer und Stalinorgeln. Auf unserem Hof war eine Granatwerferabteilung in Stellung gegangen. Die Soldaten erklärten uns, dass sie nicht lange bleiben würden, denn der Russe würden sie bald entdecken und unter Beschuß nehmen. Unser Haus wurde von einer Stalinorgel zerstört. Mit wahnsinniger Angst saßen wir im Keller, als über uns das Haus getroffen wurde. Wir konnten uns retten, aber der Schock saß tief.

Im Nachbarhaus beim Kaltofen fanden wir im Keller eine neue Unterkunft. Es war nicht die Beste. Wasser mussten wir nun von der Dessauer Str. holen. Zu Essen gab es gepökeltes Fleisch. Nachts wurden Soldaten von einem Viertel zum anderen verlegt. Während der Festungszeit war es Pflicht für jedermann, sich immer bei der Ortsgruppe zu melden. Einmal kamen Oma und ich dabei plötzlich in einen Angriff. Wir flüchteten in einen unbekannten Keller. Nach dem Angriff konnte man vor Rauch und Staub nichts mehr sehen. Nur mit großer Mühe gelangten wir nach Hause.

Festungsarbeiten 1945

Alle Arbeiten in Breslau von Januar bis Mai 1945 waren der Festung untergeordnet. So wurden ich Zeuge, als man unsere schöne Paulus Kirche sprengte. Man begründete die Sprengung damit, dass man den Russen die Orientierung nehmen würde und ihnen die Möglichkeit nahm, hier einen Beobachtungspunkt einzurichten. Viele Leute verpflichtete man zum Bau einer Rollbahn zwangsmäßig. Muttl hatte Glück im Unglück. Sie war Luftschutzwart und musste im Süden von Breslau die Möbel aus den Fenstern werfen und die Fenster zu Schießscharten zumauern. Der Weg dorthin verlief durch Mauerdurchbrüche, die man zwischen den einzelnen Kellern hierfür geschaffen hatte. Unsere Großeltern versorgten uns in der Zwischenzeit.

Bald kamen nun bei uns die ersten Trecks mit Pferdewagen und Schlitten vorbei. Frauen mit Hand - und Kinderwagen bei eisiger Kälte. Eine Nachbarin wollte uns unbedingt anraten zu fliehen. Meine Mutter wollte uns und unseren alten Großeltern diese Strapazen ersparen. Wegen zu starker Gefährdung gaben wir unsere Kellerwohnung auf und bekamen eine Wohnung in der Kospothstrasse zugewiesen. Hier wohnten wir bis zur Kapitulation. Auf dem Weg dorthin überquerten wir die Oder über die Königsbrücke. Das Bild was uns bot war grauenvoll. Die Strasse war voller Leichen. Aber wir überlebten die Festungszeit.

Die Zeit nach der Festung war für uns Deutsche nicht einfacher. Im August 1945 kam plötzlich ein russischer Offizier zu uns nach Hause um in unsere Wohnung einzuziehen. Wir konnten nichts dagegen machen. Meine Mutter suchte für uns eine neue Unterkunft. Wir hatten großes Glück, denn sie fand eine in der Vierturmstraße. Die Zeit nach dem Krieg brachte den Schwarzhandel in Breslau in Schwung. Wer etwas hatte, der versuchte es gegen Lebensmittel einzutauschen und zu verkaufen. So verschwanden nach und nach unsere gesamten Wertgegenstände, um zu überleben. So trennten sich Opa von seinem Siegelring und Omas von ihrer goldenen Uhr.

Bei Pater Leppich in der Michaeliskirche 19461

Mit meinem Bruder bin ich nach dem Krieg zur Michaeliskirche gegangen. Hier betreute uns von Pater Leppich. So erhielten wir etwas Unterricht und Zeit zum spielen. In der Gruppe lernte ich meine Freundin Marianne kennen. Wir verloren uns 1954 aus den Augen. 50 Jahre später gelang es mir, ihre Anschrift zu ermitteln. Unser Pater Leppich war später in der Bundesrepublik sehr bekannt durch seine kritischen Äußerungen in der Öffentlichkeit.

Vertreibung

Nach dem Krieg bekam Muttl Arbeit als Briefträgerin. Im Juni 1946 starb mein Opa und am 4. Dezember 1946 meine Oma, Mutters Mutter. Genau zwei Tage bevor wir ausgewiesen wurden. Muttl bezahlte noch die Beerdigungskosten . An der Beerdigung konnten wir selbst nicht mehr teilnehmen, denn wir bekamen plötzlich den Befehl, uns innerhalb von zwei Stunden mit Handgepäck in der Stranitzkistrasse zu melden. Darunter hat Muttl bis an ihr Lebensende gelitten. Abends ging es dann zum Freiburger Bahnhof, wo wir in Waggons verladen wurden.

Unsere erste Station war ein Lager in Hoyerswerder. Weil das Gepäck nicht mit hinein durfte musste immer einer draußen in der Kälte aufpassen, damit nichts abhanden kam. Von dort kamen wir in die Nähe von Meißen. Hier verlebten wir Weihnachten 1946 auf Stroh in einem Tanzsaal. Der weitere Weg führte uns dann in ein Lager nach Coswig. Wie lange wir dort blieben, kann ich nicht mehr sagen. Später bekamen wir ein Zimmer in der August-Bebel-Straße. Hier verstarb meine andere Oma, die Mutter meines Vaters. Mein Vater überlebte den Krieg und suchte uns. Nachdem er uns fand, stand fest, dass wir in den Westen wollten. An der Grenze nahm man uns fest. Glücklicherweise war der vernehmende Mann ein Breslauer, der uns laufen ließ. In Göttingen angelangt, denn hier hatte mein Vater nach dem Krieg Arbeit gefunden, verbrachten wir einige Tage in seiner Unterkunft. Dann gingen wir gemeinsam nach Hamburg. Hier bekam mein Vater Arbeit bei Rudolf Otto Meyer. 2003 starb er mit 96 Jahren.

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1 Foto befindet sich im Privatbesitz von Christa Kraushaar

 
© 2006 Egon Höcker
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