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Flucht über die Berge
Ein Schlesier, Karl Beutner, erinnert sich, Dezember 1996
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Vorwort
Die vorliegenden Erinnerungen möchte ich dem Andenken
meiner Mutter widmen, ihr und allen Frauen der
Vertreibungsgebiete und bombengeschädigten Städte. Waren sie
es doch, die neben der Erziehung ihrer Kinder auch deren
Versorgung und Schutz zu übernehmen hatten. Umfaßt diese
Niederschrift auch nur knapp drei Jahre meines Lebens, so
waren sie doch prägend und ließen viele Fragen auftauchen.
Wo war zum Beispiel der alte gütige Mann, der alles sah,
alles wußte, alles lobte, aber auch alles strafte? Warum sah
er den Grausamkeiten zu? Mein damals kindlicher Glaube an
ihn hatte einen tiefen Riß bekommen. Oder: Warum fallen wir
Menschen immer wieder auf die Politiker herein? Wann
begreifen wir, daß in einem Krieg immer die "Kleinen" die
Verlierer sind, auch wenn sie zu den Siegern zählen? Die
Geschichte beweist es. Oder: Warum behandelten uns viele der
Einheimischen wie Aussätzige? Wir brauchten damals Hilfe
statt Mitleid und Akzeptanz statt Bedauern. Warum erkannten
viele nicht, daß es nur ein glücklicher Zufall war, einige
Kilometer weiter westlich zu wohnen.
Auch Vertriebene machten Fehler. Manche haben gestohlen,
andere aufgeschnitten. Eines geschah aus Not, das andere aus
Geltungsbedürfnis. Aber gibt es solche Menschen nicht
i m m e r und
ü b e r a l l ?
Bis in jüngste Zeit hatte man zu tun, Vorurteile und Mißverständnisse auszuräumen. Eine alte Frau beklagte sich
zum Beispiel mir gegenüber, die Vertriebenen wären mit
nichts gekommen, und viele davon hätten jetzt alles. Ich gab
mich als auch ein Vertriebener zu erkennen. Und auf meine
Frage, was sie denn aus ihrem Haushalt bei 50 kg Gepäck
mitgenommen hätte, mußte sie passen und wurde nachdenklich.
Sie war aber so fair einzugestehen, daß sie uns Vertriebenen
wohl unrecht getan hatte. Wenn ich bei manchem Leser eine
ähnliche Resonanz erzielen könnte, wäre ich sehr
zufrieden.
Die Flucht
Schlesien, Januar 1945, die Quecksilbersäule zeigte seit
Tagen - 25 Grad Celsius an. Mein älterer Bruder kam spät
abends aus der Berufsschule, die er in Breslau besuchte,
nach Hause und bat meinen Vater nach draußen. In seinem
Gesicht lag etwas wie Spannung und Neugier. Als sie wieder
die Stube betraten, sagte mein Vater zu uns: "Jetzt wird es
ernst." Wir, das waren meine Eltern, mein dritter Bruder und
ich. Die beiden ältesten Brüder standen an der Front, die
langsam aber sicher zusammenbrach. Schon lange gingen
Gerüchte um von Flucht und dergleichen. Aber wo sie laut
wurden, traten Menschen auf, die sie widerlegten und die
Zweifelnden auf die Tapferkeit und den Mut unserer Armee
hinwiesen. Für uns Kinder waren dies in erster Linie unsere
Lehrer. Und tatsächlich kam es trotz verschiedener Anzeichen
vom Näherrücken der Ostfront zu keiner Panik. Während man
drinnen in Grübeln verfiel, schlich ich mich hinaus. Durch
die Andeutungen meines Vaters war auch meine Neugier geweckt
worden. Draußen sah ich mich um, konnte aber in der
Dunkelheit nichts Besonderes feststellen. Erst als ich um
die Hausecke kam, sah ich etwas, was mein zehnjähriges
Knabenherz einen Augenblick in Angst zusammenzog. Der ganze
östliche Himmel war rot gefärbt, und ich hörte ein ganz
fernes, ganz leises Poltern und Rummeln. Obwohl ich den
Krieg mit all seinen Schrecken noch nicht kannte, wußte ich:
Das ist die Front. Diesen Begriff kannte ich auch nur aus
Unterhaltungen der Erwachsenen, ohne genaue Kenntnisse von
seiner Bedeutung zu haben.'
Am nächsten Abend kamen Vater und Bruder von der Arbeit
heim und lachten meine Mutter aus ob ihrer Angst. Mutter
hatte ihre Schwester getroffen und dabei erfahren, daß unser
Dorf in kürze evakuiert werden sollte. Der Ortsbauernführer
des Dorfes, der meiner Tante den Acker bestellte und sie
dafür in der Ernte bei ihm half, hatte es ihr anvertraut.
Mein Vater und Bruder dagegen hatten durch Rundfunk und
Presse von einer erfolgreichen Gegenoffensive gehört.
Deshalb verlachten sie meine vorsorgliche Mutter, die -
dadurch gehemmt - keine weiteren Vorbereitungen für eine
eventuelle Flucht traf. Ich selbst kümmerte mich um die
Sorgen der Großen wenig. Den blutroten Himmel und das ferne
Grollen hatte ich bei meiner Kindheit schon vergessen.
Väterchen Frost und Frau Holle hatten es gut mit uns Kindern
gemeint, und so tummelten wir uns auf der zugefrorenen Oder
und im tiefen Schnee.
In der zweiten Nacht nach diesen Ereignissen, am 20.
Januar 1945, änderte sich die Lage unwiderruflich, und es
wurde wirklich ernst. Wir lagen im tiefen Schlaf, als es
laut an der Haustür pochte. Vater warf sich schnell etwas
über und öffnete. Vor ihm standen zwei Mädchen des "Bund
deutscher Mädchen" und überbrachten die Anordnung des
Bürgermeisters zur Räumung des Ortes. Zugleich erfuhr er
auch, daß er als Volkssturmmann und mein Bruder, der 16
Jahre zählte, körperlich aber gut entwickelt war, den Ort
nicht verlassen dürften. Mutter und ich wurden geweckt und
in der Küche Rat gehalten, was zu tun sei. Obwohl selbst
alter Soldat, traf mein Vater eine falsche Entscheidung:
Mutter - als Frau - und ich - als Kind - hätten nichts zu
befürchten. Er und mein Bruder wollten sich beim Einmarsch
der Russen solange versteckt halten, bis die Gefahr worbei
sein würde. Nach diesem Urteil legten wir uns wieder zu
Bett, obwohl niemand mehr schlafen konnte. Jeder dachte an
die Zukunft. Ich grübelte, ob die Russen wirklich so
aussehen würden wie auf den Plakaten, die an den Häusern und
Litfaßsäulen klebten. - Heute weiß ich es. - Die Jugend
verlangte ihr Recht, und ich schlief wieder ein.
Morgens, gegen 5 Uhr, wurde ich von erregten Stimmen
geweckt. Ehe ich recht begriff, um was es ging, kam meine
Mutter zu mir und sagte: "Steh auf, wir müssen fort!" Sie
gab mir meine Sachen und half mir mit zitternden Händen beim
Anziehen. In der Küche saß Bernhard Barth, ein älterer Mann,
mit dem sich mein Vater gut verstanden hat. Er brachte uns
Fleisch und Fett und war erstaunt, ja entsetzt, uns noch
schlafend zu finden. Als mein Vater ihm seinen Entschluß
mitteilte, wurde der sonst so gutmütige Alte böse. Er
schimpfte solange in allen Tonarten auf meinen Vater ein,
bis dieser sich entschloß, uns - und vielleicht auch sich
selbst - der Fremde anzuvertrauen. Um 7 Uhr sollte der Treck
das Dorf verlassen. Wir hatten also zwei Stunden Zeit zum
Packen. Wie gut, daß Mutter vorsorglich schon die meisten
Federbetten in Säcke gestopft hatte. Denn jetzt wurde in der
Aufregung natürlich das eingepackt, was am schlechtesten
war. An Papiere oder ähnliches hat niemand gedacht. Da wir
auch keinen Bauern wußten, auf dessen Wagen wir unser Gepäck
laden könnten, blieben diese Säcke stehen. Nur einen Koffer
mit Lebensmittel und einen Bettsack schnallte mein Vater auf
ein Fahrrad, welches Mutter schieben sollte. Auch sein
eigenes und das meines Bruders bepackte er auf diese Weise.
Es war nun höchste Zeit geworden, daß wir uns zur
Hauptstraße begaben, wo sich der Treck sammeln sollte. Vater
und Bruder begleiteten uns dorthin. Es war ein bitterkalter
Morgen, und schneidender Ostwind wehte uns feinen Schnee ins
Gesicht. Noch war von einem bevorstehenden Treck nichts zu
sehen. Wir warteten und vertraten uns die Füße. Nach einiger
Zeit kamen die ersten Fuhrwerke die Straße herauf. Wir
verabschiedeten uns voneinander, um uns den Abschied im
Angesicht der Not der anderen Menschen nicht noch schwerer
werden zu lassen. Vater und Bruder stapften die Straße
wieder nach Hause, und mir kam es vor, als wollte ich einen
Ausflug mitmachen und nicht eine Flucht vor der
Kriegsfurie.
Inzwischen waren immer mehr Fuhrwerke angekommen, die nun
hintereinander hielten, hochgetürmt beladen. Und auf diesen
schwankenden Bergen aus allen möglichen Behältnissen, von
der Waschwanne über den Koffer zum Leinensack, saßen alte
Frauen und kleine Kinder; beide Altersstufen nicht mehr oder
noch nicht des Laufens fähig. Auch der Wagen des
Ortsbauernführers hielt unweit von uns. Obenauf saß meine
Großmutter. Und auch meine Tante hielt hinter dem Wagen. Ihr
schlossen wir uns an. Den Koffer bekamen wir noch auf dem
Wagen unter, den Bettsack wollte meine Mutter lieber selbst
auf dem Fahrrad transportieren. Meine Tante machte meiner
Mutter klar, sie solle schnell zum Bürgermeister laufen und
ihn bitten, wenigstens meinen 16jährigen Bruder mit uns
ziehen zu lassen. Mutter befolgte diesen Rat, und der
Bürgermeister ließ sich tatsächlich dazu bringen, diesem
Wunsch nachzugeben, obwohl er ein fanatischer
Nationalsozialist war. Er selbst hatte sich allerdings einen
sogenannten "Heimatschuß" durch den Handteller verpaßt. Ich
hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun, wie ein Hase nach
Hause zu flitzen, um meinen Bruder zu holen. Stürmisch riß
ich die Tür auf, aber was sah ich da? Die beiden Männer
saßen am Küchentisch, bewaffnet mit Eßlöffeln und leerten
die Einkochgläser. Auf mein erstauntes Gesicht hin lachte
Vater und sagte: "Ja, mein Junge, wir wollen den Russen so
wenig wie möglich lassen." Aber niemand von uns hat an die
bratfertige Gans gedacht, die in der Kälte auf dem Dachboden
hing und für einen unverhofften Fronturlaub einer meiner
ältesten Brüder reserviert war. Später haben wir gehofft,
daß sich wenigstens deutsche Soldaten diese Gans in die
Pfanne gehauen haben. - Mein Drängen bewog meinen Bruder nun
doch, seine "Mahlzeit" zu beenden, sein Fahrrad zu nehmen
und nach nochmaligem Abschied von Vater mit mir zu
gehen.
Auf der Hauptstraße hatte sich nun der Wagenzug fast
vollständig formiert. Als auch die Nachzügler heran waren,
brach gegen halb acht Uhr morgens das Dorf auf. Als Endziel
galt die Stadt Gottesberg im Waldenburger Bergland. An der
Oder, an welcher unser Dorf lag, sollte für die russische
Armee Endstation sein. Alle hofften mit bangem Herzen, daß
es so würde. - Wir hatten kaum die schützenden Mauern des
Dorfes verlassen, sprang uns der kalte Wind an, und die
ersten Pferde stürzten. Sie hatten keine hohen Stollen unter
den Hufen, was auf den eisglatten Straßen sehr zum Nachteil
war. Durch solche Zwischenfälle kam der Treck nur sehr
langsam voran. Kurz vor Mittag erreichten wir unsere
Kreisstadt Ohlau. Auf der Oderbrücke, die wir passierten,
sah ich bunte Drähte und Schnüre liegen, deren Bedeutung ich
mir nicht erklären konnte. - Es waren die Zündschnüre für
die Sprengung der Brücke, wie mir mein Bruder erklärte. - An
den Dämmen der Oder hoben deutsche Soldaten ihre
Schützenlöcher und Stellungen aus. Sie lachten und winkten
uns zu, schienen ungebrochenen Mutes und voller Zuversicht.
Überall waren Arbeiten im Gange, die Oder zu einer Festung
werden zu lassen. Am Abend erreichten wir ein größeres Dorf,
in dem Quartier gemacht wurde. Die Bewohner dieses Dorfes
sollten ebenfalls evakuiert werden, zögerten aber so lange
wie möglich. Sie rückten zusammen und halfen wo es ging in
dem Bewußtsein, einmal selbst in diese Situation zu kommen.
In der Stube, in der wir unterkamen, wurde es eng und noch
mehr als eng. Die Menschen lagen wie die Heringe auf dem
Fußboden. Eine Junge Frau mit einem Säugling hatte den
bequemsten Platz bekommen. Aber das Kind war damit nicht
zufrieden. Es weinte die ganze Nacht und ließ uns kaum
schlafen. Auch von draußen war ein ewiges Rattern und Fahren
zu vernehmen: Trecks, die noch unterwegs waren, das Dorf
aber besetzt fanden, mußten weiter, Kriegsmaterial, das an
die Front transportiert wurde, Verwundete, die
zurückgebracht wurden - ein ewiges Hin und Her.
Am anderen Morgen ging es früh weiter. Die Straßen wurden
immer voller, es gab Stockungen. Jetzt schlossen Trecks sich
schon zu langen, langen Wagenkolonnen zusammen. Und immer
mehr kamen dazu. Es war ein Chaos. Frauen und Kinder
weinten, die Kutscher fluchten, Feldgendarmerie hielt für
entgegenkommende Wehrmachtskolonnen die eine Straßenseite
frei. Wenn ich meine Mutter verstohlen betrachtete, bemerkte
ich, daß sie abmagerte und traurige Augen hatte. Aber
verbissen schob sie ihr Fahrrad durch den hohen Schnee. Mir
war ja auch nicht ganz wohl ums Herz, wenn ich an den Vater
und an unser Zuhause dachte. Wir hatten aber Erlebnisse, die
uns übertrübe Gedanken hinweghalfen, aber auch viele, die
uns in Angst und Schrecken versetzten. Eines der letzteren
erlebten wir an einem Abend, als es schon zu dämmern anfing.
Wir waren bereits mehrere Tage unterwegs, müde und
abgespannt. Einige Wagen hinter uns hatte sich ein mit
Planen überspanntes Fuhrwerk in die Kolonne eingeschoben.
Beim Umherstromern hatte ich beobachtet, daß unter der Plane
Frauen und Kinder saßen. Ein alter Mann lenkte die feurigen
Rappen, welche vor den Wagen gespannt waren. An jenem Abend
kreuzte eine Eisenbahnstrecke mit unbeschranktem
Bahnübergang unseren Weg. Wir waren noch ungefähr 300 Meter
vor dem Übergang, als zur Rechten ein Güterzug, mit
Volldampf aus dem Wald kommend, auf uns zufuhr. Plötzlich
hörte ich hinter mir laute Schreie, ehe ich mich umdrehen
konnte, riß mein Bruder mich zur Seite, und in vollem Galopp
rasten die Rappen mit dem Wagen an uns vorüber. Der alte
Kutscher bemühte sich vergeblich, die scheuen Tiere zu
zügeln. Gerade auf dem Bahnübergang erreichte sie der Zug
und ein vielstimmiger Schrei zeigte an, daß der Zug den
Wagen überfahren und mitgeschleift hatte. - Der Treck zog
weiter. Niemand hatte Zeit, sich um die Verunglückten zu
kümmern, um nicht selbst in der aufsteigenden Dunkelheit
verloren zu gehen. - Ich sah nur noch im Dämmerschein einige
dunkle Gegenstände entlang der Bahnlinie liegen. Dann war
auch das vorbei.
Von Osten wehte ein eisiger Schneesturm, und jeder
stapfte verbissen durch den immer höher werdenden Schnee.
Das Heulen des Sturmes, Schnauben der Pferde und Weinen der
kleinen Kinder und alten Menschen, die auf den Wagen dem
Sturm schutzlos ausgesetzt waren, ohne sich durch Bewegung
erwärmen zu können, bildeten zu allem ein trauriges Konzert.
Langsam näherte sich dieser traurige Zug den ersten
Ausläufern des Sudetengebirges. Dieses Gebirge mit dem
vorgelagerten Zobten konnten wir bei ganz klarem Wetter von
zu Hause aus sehen und angeregt durch Indianerbücher, war es
schon immer mein Wunsch gewesen, dieses Gebirge einmal aus
der nähe zu sehen. Die Landschaft um mein Heimatdorf
Rattwitz ist flach und eben. - Undeutlich drangen Rufe und
Wortfetzen der hinter uns kommenden Menschen an mein Ohr.
Sie kamen näher und wurden deutlicher. Plötzlich hörte ich
ganz klar den Ruf einer Frau: "Herr Beutner, wo ist mein
Mann?" Eine rauhe Männerstimme, die ich als die meines
Vaters zu erkennen glaubte, antwortete: "Wir haben uns in
Jungfernsee getrennt. Er versucht, mit drei weiteren Männern
Gottesberg auf anderem Wege zu erreichen!" Kaum war unser
Name gefallen, fuhr ich herum und sah aus der Dunkelheit und
durch das Schneestreiben eine dunkle Gestalt auf uns
zukommen. - Es war tatsächlich mein Vater. - Er schwitzte
trotz des eisigen Windes. Der Marsch entlang des Trecks mit
dem Fahrrad an der Hand und das stete Rufen und Suchen nach
uns hatten ihn angestrengt. Endlich hatten wir unseren Vater
wieder! Aber keiner wußte, wann er wieder aufgefangen würde,
um im Kampfgebiet Schützengräben ausheben oder gar als
kämpfender Zivilist an die Front gehen zu müssen. Für eine
große Begrüßungszeremonie war keine Zeit, sie fiel deshalb
kurz aber herzlich aus. In knappen Worten erzählte uns Vater
von seiner Flucht. Er hatte sich mit anderen
Volkssturmmännern über die zugefrorene Oder in Richtung
Gottesberg abgesetzt. Wir waren froh, daß alles gutgegangen
war. - Bisher! -
Im nächsten Dorf, welches der Treck erreichte, wurden die
Quartiere bezogen. Die Menschen und auch die Tiere waren
froh, endlich ausruhen zu dürfen. Mein Vater aber sagte nur
zu uns: "Wir ziehen weiter." Schnell holte mein Bruder den
Koffer vom Wagen und verstaute ihn noch zusätzlich auf
seinem Fahrrad. Der Sturm hatte sich gelegt, aber dafür
wurde es noch kälter. Der Himmel klarte auf, und die Sterne
beleuchteten unseren Weg. Hinter dem Dorf erklärte Vater
seine Maßnahme: "Für vier Menschen ist es leichter, sich
durchzuschlagen als für große Massen. Man erhält leichter
Quartier und auch Verpflegung. Außerdem befürchte ich, daß
die Trecks von Flugzeugen angegriffen werden könnten. Auch
das ist für große Menschenmassen gefährlicher." Diese
Erklärungen leuchteten ein, und so zogen wir weiter. Der
Schnee knirschte und quietschte bei jedem Schritt.
Gesprochen wurde nicht. Nach einer Stunde Marsch nahm uns
der schützende Wald auf. Aber eine Pause gab es noch nicht.
Es ging immer weiter und weiter. Vater führte, der Bruder
hatte die Nachhut. Dazwischen ging ich mit der Mutter, der
ich das Fahrrad schieben half. In meinen Füßen hatte ich ein
Gefühl, als wollten sie abfallen. Bei dem überstürzten
Aufbruch in der Heimat hatte ich ein Paar braune Halbschuhe
angezogen, die mir zu knapp waren. Das bereute ich jetzt
bitter. Aber ich wollte nicht klagen und den anderen noch
mehr Sorgen machen, als sie schon hatten. Also hieß es:
Zähne zusammenbeißen. In der Hoffnung, hinter jeder
Straßenbiegung ein Dorf auftauchen zu sehen, stapfte ich
weiter. Die Biegungen kamen und gingen. Nichts war zu sehen,
was auf Menschen schließen ließ. Schon wurde ich
gleichgültig und döste vor mich hin, als plötzlich der Wald
zu Ende war. Vor uns tauchte schemenhaft ein langgestrecktes
Dorf auf. Unsere Straße traf im rechten Winkel auf eine
andere und links von uns lag ein Gehöft, auf dem noch Leben
war. Vater wollte dort versuchen, für uns ein schützendes
Dach zu finden. Es war für ihn nicht leicht, als Bittender
an eine fremde Tür klopfen zu müssen. Es konnten Menschen
dahinter wohnen, die selbst mit dem Schicksal zu kämpfen
hatten. Während er fort war, um mit den Leuten zu sprechen,
schmerzten meine Füße so sehr, daß ich glaubte, ohnmächtig
zu werden. Aber noch hielt uns die Ungewißheit aufrecht;
wird man uns aufnehmen oder nicht?
Vater kam mit der frohen Botschaft zurück, daß wir auf
dem Hof unterkommen könnten. In dem Bewußtsein, endlich
einen Platz zu finden, sei er auch noch so klein, der aber
Schutz vor der grimmigen Kälte bieten würde, nahmen wir
unser Gepäck auf und gingen zum Hof, auf dem wir erst einmal
die Fahrräder abstellten. Und dann betraten wir das Haus,
was für ein Glück. Eine. solche Aufnahme hatten wir nicht
erwartet. Im Hausflur schlug uns mollige Wärme entgegen. Die
Hausfrau empfing uns herzlich und ganz selbstverständlich,
ohne zu jammern und zu klagen, sondern als wären wir ein
lieber Besuch. Sie führte uns in die Küche, in der zwei
Männer und ein Mädchen saßen. Auch diese begrüßten uns sehr
herzlich, so daß meine Mutter vor Freude still weinte. Ich
glaube, an diesem Abend habe ich meine schönste Verbeugung
gemacht. Wir hatten Unterkunft in einer Bäckerei gefunden.
Die beiden Männer, das waren der Bäckermeister und ein
kriegsgefangener Franzose. Das Mädchen war die Tochter der Bäckersleute. Der Meister munterte uns auf, uns wie zu Hause
zu fühlen. Während wir uns der überflüssigen Kleidung
entledigten, bereitete die Hausfrau ein Abendbrot, und die
Tochter stellte Waschwasser zurecht. Endlich konnten wir uns
gründlich vom Staub und Schmutz der letzten Tage reinigen,
was nicht in jedem Quartier möglich gewesen war. Und dann
dampfte vor uns auf dem Tisch eine große Schüssel voll Milch
mit Semmeln. Von außen waren wir durch das Bad erwärmt, nun
durften wir das gleiche von innen tun. Das war ein Genuß,
den ich in meinem Leben nie vergesse. Keiner der Gastgeber
störte durch Fragen, sondern sie schmunzelten, als wollten
sie sagen: Laßt's euch schmecken. Das war das letzte, was
ich bemerkt habe. Mit dem Löffel in der Hand bin ich
eingeschlafen und nach zwei Tagen wie neugeboren aufgewacht.
Ich mußte mich erst einmal besinnen, wo ich mich befand.
Draußen hörte ich Stimmen und militärische Kommandos. An den
Wänden sah ich weiße Kacheln und bemerkte, daß in diesem
Raum eine wohlige Wärme herrschte. Ich lag in keinem Bett,
sondern in der Backstube auf einem Strohsack, zugedeckt mit
einer Wolldecke.
Ausgeschlafen sprang ich auf und zog mich an. Bei meinen
Sachen standen ein Paar neue, aber viel zu große
Filzlatschen. Ich probierte sie und fühlte dabei, daß ich
beobachtet wurde. Hinter mir stand der Franzose und reichte
mir ein Stück Schokolade. Nach einigem Zögern nahm ich es,
bedankte mich, und er führte mich wieder in die Küche. Dort
fühlte sich meine Mutter wirklich schon wie zu Hause, denn
sie stand am Abwaschtisch und wusch Geschirr ab. Die
Bäckersfrau und Tochter waren auch in der Küche beschäftigt.
Von den Männern war niemand zu sehen. Mein Vater und Bruder
hatten sich in den Ställen Arbeit gesucht. Denn neben der
Bäckerei wurde auch noch eine Landwirtschaft betrieben. Für
diese Hilfe war der Meister sehr dankbar, denn er hatte für
die durchziehenden Trecks und Truppen Tag und Nacht zu
backen. Auch für mich gab es etwas zu tun. In der Backstube
trug mir der Franzose leichte Arbeiten auf, Brote
einpinseln, Hefe und Sauerteig abwiegen, Brote in den Laden
tragen. Ich war von meiner neuen Kunst so begeistert, daß
ich meist wie ein Müller aussah. So vergingen ein paar Tage
mit dem Anschein von Ruhe und Frieden. Das sollte sich jäh
ändern!
Im Laden hatte ich Worte aus der Unterhaltung deutscher
Offiziere aufgeschnappt, die wohl nicht für meine Ohren
bestimmt waren. Sie sprachen von einem russischen Durchbruch
bei Ohlau und daß russische Panzerspitzen bei Markstädt
ständen. - Markstädt war unser Nachbarort in der Heimat, und
so berichtete ich diese Neuigkeiten schnellstens meinem
Vater. Daraufhin entschied er, am nächsten Morgen
weiterzuziehen. Es tat uns allen leid, dieses gastliche Haus
in Langseifersdorf am Fuße des Zobten verlassen zu müssen.
Aber mir mußten ja unser genanntes Ziel Gottesberg
erreichen, um wieder zu unserem Treck zu stoßen. Obwohl in
Langseifersdorf noch niemand an Flucht dachte, fürchtete
mein Vater, daß trotz des zähen Widerstandes die Oderfront
nicht zu halten sei. An jenem Abend gingen wir früher
schlafen, um Kräfte zu sammeln. Am anderen Morgen, ganz
früh, bedankten wir uns herzlich bei unseren Gastgebern,
verabschiedeten uns und zogen weiter, dem verschneiten
Gebirge und einer ungewissen Zukunft entgegen. Die guten
Leute hatten uns viel Glück für unseren Weg gewünscht.
Die verschneite Landstraße hatte uns wieder. Sie war
überfüllt von Kolonnen aller Art: Flüchtlingstrecks,
Militärkolonnen und Gefangenenzüge. Unser nächstes Ziel war
die Stadt Schweidnitz, ein Straßenknotenpunkt. Und so
herrschte dort auch ein unbeschreibliches Durcheinander. Wir
durchquerten diese Stadt so schnell wie nur irgend möglich,
um aus dem Trubel herauszukommen. Dank der Großzügigkeit der
Bäckerfamilie waren wir mit Nahrungsmitteln noch gut
versorgt, vor allem mit Brot. Deshalb konnten wir zügig
weiterziehen. Immer höher wuchs vor uns der Gebirgszug der
Sudeten empor. In diesen Tagen sah ich erstmals in meinem
Leben Tote, alte Menschen und Säuglinge, die blaugefroren im
Schnee lagen. Alle waren sie den Strapazen einer solchen
Flucht nicht gewachsen. Niemand hatte Zeit, die Toten zu
begraben. Langsam erreichten wir die Ausläufer des Gebirges.
Das Schieben der Fahrräder wurde auf den ansteigenden
Straßen im zermahlenen Schnee immer schwerer. Wie im Gebirge
üblich, schlängelten sich diese Straßen an den Bergflanken
entlang, wurden dadurch noch länger und anstrengender. Nach
dem Passieren der Städte Waldenburg und Fellhammer kamen wir
unter großen Anstrengungen an unser Ziel Gottesberg,
Preußens höchstgelegene Stadt. Diese Stadt war zum Bersten
vollgestopft mit Menschen. Viele zogen weiter. Wir aber
blieben und wurden in Quartiere eingewiesen. Die Anmeldung
beiden Behörden führte dazu, daß mein Vater sich bei den
zuständigen Militärinstanzen zu melden hatte. Er wurde mit
anderen Volkssturmmännern die Hälfte unseres zurückgelegten
Weges zurücktransportiert und mußte in der Nähe des Zobten
Panzergräben ausheben. Wir, d.h., Mutter, mein Bruder und
ich erhielten zufällig wieder Unterkunft in einer Bäckerei.
Diese war aber außer Betrieb, da der Bäcker im Felde stand.
Auch diese Frau, sie war allein mit ihrem Kind, nahm uns
freundlich auf. Wir wähnten uns in Sicherheit und gingen zum
Alltäglichen über. Für uns Kinder war natürlich alles
äußerst interessant. Es gab keinen Schulunterricht, Freunde
hatte man wiedergefunden, und die Stadt brodelte von
Menschen. Trecks, die durchzogen oder Rast machten, Militär
mit allen möglichen Waffen fuhr durch die Stadt. Die Sorgen
unserer Mütter um Männer, Kinder und die Zukunft bemerkten
wir nicht. Mütter sind wahrscheinlich geduldiger im Ertragen
von Leid.
Nach Tagen wurde unser Treck erneut zusammengestellt. Wir
mußten Gottesberg in Richtung Süden verlassen. Wie den
Unterhaltungen der Erwachsenen zu entnehmen war, hatte die
Oderfront nicht gehalten, die Russen waren auf dem
Vormarsch. Später war nachzulesen, daß sich auf der Oder
eine panzertragende Eisdecke gebildet hatte und auch eine
künstliche Überschwemmung aus den Talsperren aufgrund der
Kälte fehlgeschlagen war. Bei Friedland überschritten wir
die Grenze zu Böhmen und befanden uns auf dem höchsten Punkt
der Sudeten. Unser Blick ging noch einmal zurück nach
Gottesberg. - Die Treckführung gab bekannt, daß unser Treck
Bayern erreichen wollte, um in der sogenannten
"Alpenfestung" Schutz zu suchen. Das Gelände senkte sich
allmählich. Pferde und Menschen hatten es nicht mehr so
schwer. Auch das Wetter wurde etwas angenehmer, es war nicht
mehr so bitter kalt. Das waren allerdings die einzigsten
Lichtblicke in unserer Lage. Das Chaos auf den Straßen wurde
immer größer. Jetzt kamen auch noch Häftlingskolonnen aus
den Konzentrationslagern des Ostens hinzu. Diese Kolonnen
trieben die Bewacher im Eiltempo an uns vorüber. Manche
Häftlinge waren diesem Tempo nicht mehr gewachsen und
stürzten zu Boden. - Sie wurden kurzerhand erschossen. - Es
war ein unbeschreibliches Elend, was jeden Tag über die
Menschen hereinbrach: Das Knallen der Schüsse, die
Todesschreie der Sterbenden, das Weinen der Kinder, Frauen
und Alten machten Mensch und Tier nervös. Beim Donnern der
Panzermotoren stiegen die Pferde auf und schlugen aus oder
gingen durch. Wagendeichseln brachen, die schnell irgendwie
wieder repariert werden mußten. Und so mancher
zurückbleibende Wagen hat seinen Treck nicht wiedergefunden.
Mutter achtete streng darauf, dass ich immer bei ihr und am
Wagen blieb. Es waren schon viele Kinder abhanden
gekommen.
Unter diesen Umständen erreichten wir Nachod, eine
größere Stadt im Böhmischen. Hier wurde unser Treck geteilt.
Ein Teil der Flüchtlinge sollte mit der Eisenbahn nach
Bayern gebracht werden. Der andere Teil sollte weiterziehen,
um zu Fuß nach Bayern zu gelangen. Zum letzteren Teil
gehörte auch Mutter mit uns zwei Jungen. Mit dem Rest des
Trecks zogen wir also weiter, ohne zu wissen, was mit Vater
und den beiden ältesten Brüdern war. Lebten sie noch? Wo
waren sie? Trotz aller Sorgen und Not bekam uns unsere
bewundernswerte Mutter jeden Tag satt. Ich frage mich heute
noch, wie sie das geschafft hat. Ich glaube, wir haben es
ihr durch Einhalten der geforderten Disziplin und unsere
Standhaftigkeit gedankt. - Über Königgrätz näherten wir uns
dann Prag. In einer sanft gewellten Landschaft lag das
Städtchen Königsstädtl, in dem unser Treck anhielt. Die
Pferde wurden untergestellt, die Wagen entladen und wir
Flüchtlinge in einer Mädchenschule einquartiert. Jede
Familie richtete sich ein so gut es eben ging. Über das
aufgeschüttete Stroh breiteten wir eine Decke, die
Habseligkeiten kamen ans Kopfende. Damit war unser Lager
fertig, auf dem sich nun unser Leben abspielte, wie essen,
schlafen, sitzen, spielen. Für die vielen Menschen waren nur
die Schultoiletten vorhanden und somit die hygienischen
Verhältnisse nicht die besten. Leute, die noch Kisten mit
Porzellan oder ähnlichen Dingen mitschleppten, hatten jetzt
arge Schwierigkeiten, diese in der Enge zu transportieren
oder unterzubringen. Wie in solchen Massenquartieren üblich,
gab es auch nachts keine Ruhe, und die Menschen waren
gereizt und nervös.
Wir Kinder machten das beste aus der Situation und
erkundeten die Stadt, natürlich zur Sorge unserer Mütter.
Dort lernte ich Oblaten kennen und erfuhr, daß man auch
grüne Tomaten sauer einlegen kann, die sogar genießbar
waren. Bei unseren Streifzügen stießen wir auf eine deutsche
Nachschubeinheit mit Pferden als Zugmittel. Mit den Soldaten
schlossen wir bald Freundschaft und durften helfen. Also,
putzten wir die Pferde, gaben ihnen Futter und Wasser und
misteten den Stall aus. Wir fühlten uns wohl und machten
natürlich auch Dummheiten. So kamen wir eines Tages auf die
Idee, Heu zu rauchen. Dabei hatten wir nicht bedacht, daß
unsere Mütter diesen Geruch an uns wohl feststellen würden.
In ihrer Rage verprügelte mich Mutter mit einem Holzschuh.
Meinem Freund in der gegenüber liegenden Ecke des Saales
erging es ebenso. Es war das einzige Mal während unserer
gesamten Flucht, daß mich meine Mutter geschlagen hat.
Unsere neuen Freunde, die Pferde, ließen uns diesen
Zwischenfall schnell vergessen. Sie brauchten Bewegung und
mußten deshalb ausgeritten werden. Ein Soldat der Einheit
fragte, ob wir dazu Lust hätten. Die hatten wir
selbstverständlich. Ein Offizier begleitete uns auf unserem
Ausritt, aber auf einem gesattelten Pferd, und zwar einem
feurigen. Wir Kinder dagegen saßen auf den blanken
Pferderücken, und mancher von uns rutschte einige Male
wieder herunter. Die Gäule waren ganz schön lebendig, so daß
wir einige Mühe mit ihnen hatten. Der Offizier packte uns
aber bei der Ehre mit den Worten: "Was, ihr wollt deutsche
Jungs sein?" Das wollte sich zu damaliger Zeit kein Junge
nachsagen lassen, kein "deutscher Junge" zu sein. Wir
brachten jedenfalls den Ausritt zu Ende mit dem Ergebnis
eines aufgeriebenen Hinterns, der uns zu eigenartigem Gang veranlaßte.
So vergingen die Tage relativ friedlich, bis uns ein
überfliegender Bomberverband der Alliierten wieder an den
Krieg erinnerte. Die Flugzeuge flogen so tief, daß man die
Besatzungen erkennen konnte. Zu unserem Erstaunen mußten wir
bald wieder unsere Wagen beladen, um in der Gegend in den
Dörfern untergebracht zu werden. Mutter kam mit uns beiden
Jungs in ein ganz kleines Dörfchen mit dem tschechischen
Namen Dvoriste. In einem leerstehenden Haus erhielten wir
Wohnung. Zwar waren keine Möbel vorhanden, aber die Wohnung
konnte beheizt werden. Holz und Kohlen wurden uns zur
Verfügung gestellt. In dem kleinen Ort lebten wir trotz der
Sorgen um Vater und Brüder friedlich dahin. Ich hatte mich
mit einem Bauernehepaar angefreundet und durfte ihm helfen,
wofür ich zu essen bekam. Damit war meine Mutter diese Sorge
los. Bei den einsetzenden Feldarbeiten hatte ich ein
schreckliches Erlebnis: Da der Krieg langsam zu Ende ging,
patrouillierten Lastkraftwagen voll tschechischer Partisanen
auf den Straßen. Ein deutscher Soldat, der weiß Gott woher
kam, wurde von solch einer Patrouille gestellt und mit
Gewehrkolben, Spaten und Füßen zu Tode geschlagen, daß nur
ein blutiges Fleischbündel übrigblieb. Selbst das
tschechische Bauernpaar war erschüttert über so viel Haß.
Ich konnte tagelang schlecht schlafen und essen. -
An einem Maimorgen wurden wir von Kanonendonner geweckt. Wir
erfuhren,
daß in Prag ein Aufstand ausgebrochen sei und hart
gekämpft würde. Gerüchte machten die Runde: Die Russen seien
nicht mehr weit, der Krieg ginge zu Ende, wir könnten wieder
zurück nach Hause. Da wir mit den anderen Flüchtlingen in
den umliegenden Dörfern wenig Kontakt hatten, blieben es für
uns eben nur Gerüchte. Bis eines Tages über einem Hügel
seltsame Gefährte auftauchten. Kleine zottige Pferdchen vor
flachen Fuhrwerken, mit fremden Soldaten beladen, kamen
näher. Über jedem dieser Wagen flatterten rote Fahnen und
Spruchbänder weiß bemalt. Die Soldaten sangen fremde, aber
schöne Lieder. Die rote Armee, vor der wir geflüchtet waren,
hatte uns eingeholt. Der Krieg war für uns vorbei. - Dachten
wir. -
Ein grauenvoller Rückweg
Die Treckleitung funktionierte noch. Durch sie erfuhren
wir, daß es nach Hause zurückgeht. Aber das galt nicht für
alle. Aus mir nicht bekannten Gründen blieb ein Teil der
Flüchtlinge unseres Trecks in der Tschechei, unter ihnen
auch meine Tante und meine Großmutter. Sie alle wurden
interniert, von den Tschechen unmenschlich behandelt und
später ausgewiesen. Sie durften aber nicht zurück in die
Heimat. Die restlichen Bauern sammelten die noch übrigen
Flüchtlinge des Heimatdorfes ein, und so begaben wir uns im
Mai 1945 auf den Rückweg. Es wurde ein Leidensweg.
War der Winter 1945 mit - 25 Grad Celsius und darunter
ein eisiger, so ließ sich der Frühling zu unserem Glück gut
an. Somit konnten wir im Freien übernachten und hatten nicht
die Sorgen der Quartiersuche. Es kamen aber weit schlimmere.
Das erste, was die Bauern hergeben mußten, waren ein oder
auch beide Pferde. Die Russen spannten sie einfach aus und
ließen dafür ihre abgehetzten Pferde stehen. Wir hatten
unser Gepäck auf einem Wagen liegen, der nur noch von einem
schweren Zugpferd gezogen wurde. Aber das Schrecklichste an
dem ganzen Rückweg war, mit jedem Schritt, den wir Richtung
Heimat taten, kamen uns neue Sowjetsoldaten entgegen. Und
a l 1 e suchten sie Wertsachen,
Schnaps und Frauen. Für viele Frauen und Mädchen begann der
Leidensweg ihres Lebens. Auch die Fahrräder wurden uns
sofort weggenommen. Wir persönlich hatten Mühe, wenigstens
noch den Sack mit den Federbetten zu retten.
Bis zum Gebirge folgten wir ungefähr unserem Fluchtweg.
Die Treckleitung bemühte sich, die größeren Ortschaften zu
umgehen, was aber nicht immer möglich war. In einer Stadt,
an den Namen erinnere ich mich nicht mehr, mußten wir auf
dem Marktplatz anhalten und wurden ausgeplündert. Gruppen
von Russen gingen zu den einzelnen Wagen, einer stieg auf,
jagte mit Fußtritten die oben sitzenden alte Leute und
kleinen Kinder hinunter und durchwühlte sämtliche
Gepäckstücke. Er suchte zielstrebig nach Damenwäsche. Denn
bei den Soldaten befand sich eine Tschechin. Hatte der
Soldat ein entsprechendes Wäschestück gefunden, hielt er es
hoch, und die Frau gab ihm durch Kopfschütteln oder -nicken
zu verstehen, ob es ihr gefiel oder nicht. Je nach ihrem
Urteil warf er die Sachen nach der einen oder anderen Seite
vom Wagen herunter. Waren keine Dinge von Interesse in den
Koffern oder Kisten und Säcken, warf der Russe einfach alles
von oben. Durch diese Behandlung kamen Koffer, Kisten und
sonstige Behälter in einen sehr schlechten Zustand, wie sich
denken läßt. Als der Wagen bis auf den Boden durchsucht war,
zog der Soldatentrupp mit der Tschechin weiter. Die Sachen,
welche gefallen hatten, nahmen sie mit. Auf den
übriggebliebenen Haufen stürzten sich nun die
Flüchtlingsfrauen, jede auf der Suche nach ihrem Eigentum.
Dabei hat es natürlich Zank und Streit gegeben. Eine genaue
Identifizierung war bei dem Durcheinander kaum noch möglich.
Es war oft ein trauriges Schauspiel. Auf diese Weise wurden
die Wagen immer leerer und leichter, denn auch das schon
erwähnte Porzellan und ähnliche Dinge waren Beute der Sieger
geworden.
Bei einer anderen Razzia steckte mir einer unserer Bauern
ein dickes Portemonnaie zu, da die Russen Kinder nicht
durchsuchten. Erwachsene mußten dies immer und immer wieder
über sich ergehen lassen. Bei dieser Aktion kam zudem noch
ein bewaffneter Trupp Sowjets und nahm von unserem Treck
sechs Jungen im Alter von 15 bis 16 Jahren mit, darunter
auch mein Bruder. Mit der Begründung, die Jungs wären
Militärangehörige, führten die Russen sie einer Kolonne
Wehrmachtsgefangener zu. Alles Flehen und Weinen der
betroffenen Mütter hatte keine Wirkung. Die Jungen mußten
mit. Nun war ich mit Mutter ganz allein. Erst viel später
haben wir erfahren, daß die Jungen in einem Sammellager als
Zivilgefangene mit entsprechenden Papieren ausgestattet und
nach Hause entlassen worden sind. Auch wußten wir zu
dem Zeitpunkt noch nicht, daß mein Vater, als wir noch in
dem Dörfchen Dvoriste lebten, nur 16 Kilometer von uns
entfernt über Jicin auf dem Weg nach Hause war. So waren wir
vier, Mutter und ich mit dem Treck, mein Bruder mit seinen
Freunden, Vater mit einem Schicksalsgefährten, auf
verschiedenen Wegen unterwegs, aber alle mit dem selben Ziel
unser Zuhause. Jeder von uns trug die Hoffnung mit sich, die
Angehörigen gesund wiederzusehen. Aber noch lag ein weiter
und gefahrvoller Weg vor uns.
Mit uns waren jetzt noch weitere Trecks unterwegs, die
ihrer Heimat zustrebten. Dazu kamen die nachströmenden
Russen, befreite Häftlinge und Gefangene und marodierende
Tschechen. Es war grauenvoll. Alle hielten sich an uns
schadlos. Es wurde erschlagen, erschossen, geprügelt und
vergewaltigt. Die Rache der Sieger fiel auf die Unschuldigen
zurück. Eines der grausigsten Erlebnisse hatte ich auf
offener Straße: Wieder einmal hörte das Rollen der Wagen
auf. Ein Zeichen, daß der Treck angehalten wurde. Ein
Weglaufen war sinnlos, mußten wir doch zusammenbleiben. Ein
Verstecken war für die Frauen nicht immer möglich. Zu
unserem Wagen gehörte ein junges Mädchen, daß schon mehrere
Vergewaltigungen erdulden mußte. Die Erwachsenen hatten sich
ausgedacht, das Mädchen auf dem Wagenboden zu verstecken.
Sie hatten aus Koffern und Kisten einen Hohlraum geschaffen,
wo die Bedrohte Platz fand. Obenauf wurden die anderen
Gepäckstücke gestapelt und die nicht mehr gehfähigen alten
Leute und Kleinkinder gesetzt. Alle warteten wir zitternd
und voller Angst auf das Kommende. Die Russen ließen sich
beim Durchsuchen der Wagen Zeit. Obwohl wir schon gänzlich
ausgeraubt waren, suchten sie immer noch Wertgegenstände.
Als ein Trupp von sechs Mann über unseren Wagen herfiel,
Säcke und Koffer auf die Straße flogen, wurde unsere Angst
unbeschreiblich. Mit einem Aufschrei des Grauens sah sich
das Mädchen entdeckt. Der Russe zerrte es an den Haaren vom
Wagen und warf es in den Straßengraben. Ihren Widerstand
brachen die Russen mit Fußtritten. Allen Leuten männlichen
Geschlechts drückten sie die Läufe der MPis in den Rücken -
auch mir als Zehnjährigen - und nacheinander vergewaltigten
sie das bedauernswerte Wesen. Wir alle mußten dabei zusehen.
Zu unserer Angst gesellte sich nun noch der Haß. Nach dieser
Orgie durften wir weiterziehen. Wie weit? Aufgrund solcher
Überfälle versuchten die Frauen und Mädchen, sich den
Vergewaltigungen durch Verkleiden zu entziehen. Sie zogen
lange dunkle Röcke an, setzten sich Brillen auf, banden sich
dunkle Kopftücher um, stopften sich sogar Buckel aus und
nahmen bei Gefahr eine krumme Haltung an. Oft hat es nichts
genützt.
Langsam näherten wir uns den Sudeten. Die Steigungen
wurden länger oder auch steiler, so daß ein Pferd allein den
Wagen nicht mehr die Berge hinaufziehen konnte. Die Tiere
waren wie die Menschen geschwächt. Also blieb der ganze
Treck erst einmal stehen. Die Bauern spannten immer zwei
oder auch drei Pferde vor jeweils einen Wagen, um sie so
nacheinander den Berg hinaufzubringen.
Das nahm jedesmal sehr viel Zeit in Anspruch. Wir legten
deshalb nur kurze Wegstrecken zurück. Bei einem solchen
Aufenthalt wollte ich für meinen Vater einen
Wiedersehensstrauß Glatzer Rosen pflücken - es war in der
Glatzer Gegend. Aber meine Mutter machte mir klar, daß der
Strauß auf dem langen Weg nach Hause verwelken würde. So
ließ ich es. Mir kam überhaupt nicht in den Sinn, daß ich
Vater und Bruder eventuell gar nicht wiedersehen würde. Ab
dieser Zeit ging uns auch langsam das Essen aus. Da eine
organisierte Verpflegung durch die Treckleitung schon lange
nicht mehr möglich war, mußte sich jeder selbst Eßbares
beschaffen. Uns blieb nur das Betteln. Und wieder war es
meine Mutter, die sich erniedrigte und für uns bettelte. Oft
kam sie mit leeren Händen zurück und weinte still. Hatte ihr
aber eine barmherzige Seele eine Tüte Mehl, ein paar
Kartoffeln oder einen Apfel gegeben, dann waren wir dankbar
und freuten uns. Später leuchtete uns ein, daß viele
Menschen in den Orten, durch die wir kamen, selbst nichts
mehr zu essen hatten. Es waren einfach zu viele bettelnde
Flüchtlinge und auch Plünderer unterwegs. In den Wäldern
hielten sich auch noch deutsche Soldaten versteckt, die
ebenfalls auf die Unterstützung der Bevölkerung hofften.
Endlich erreichten wir den Kamm des Gebirges, und es
begann der Abstieg. Wir kamen etwas schneller voran, wenn
die Russen eben nicht den Treck stoppten. Und das passierte
täglich mehrere Male, obwohl uns unsere Armut anzusehen war.
Ungepflegt und abgerissen, halb verhungert und müde
schleppten wir uns unserem Ziel entgegen. Das war das
einzige, was uns aufrecht hielt. Aber auch hier Ungewißheit;
was war mit Vater und den Brüdern, wie würde es zu Hause
aussehen? Dazu kam unsere eigene Not und Angst. Und Angst
hatten wir. Eines Abends, zur Zeit der Lagersuche, machten
wir etwas abseits der Straße in einer alten Ziegelei Halt,
die außer Betrieb war. Unweit davon stand eine Reihe
Siedlungshäuser. Für jeden Wagen mit seinen Flüchtlingen
wurde auf dem Gelände der Ziegelei ein passender Platz
gesucht. Die Bauern schirrten die Pferde aus, welche jetzt
schon das erste Grün zum Fressen fanden. Die Menschen
zündeten Lagerfeuer an und kochten, soweit sie etwas zu
kochen hatten. Auch wir mußten essen, und so schickte mich
meine Mutter mit einem Eimer zu den Siedlungshäusern, um
Wasser zu besorgen. Auf den Höfen dieser Häuser standen
Schwengelpumpen - so kannte ich es auch von zu Hause. Die
Siedlung war verlassen und bot einen trostlosen Anblick;
Fenster und Türen standen offen, die Gardinen wehten aus den
Fenstern, Hausrat und Möbel lagen im Hof. Obwohl sich im
Lager instinktiv alle leise verhielten, drangen trotzdem
gedämpfte Geräusche zu mir herüber. Pferde wieherten,
Menschen sprachen und klapperten mit Geräten. Rauchsäulen
zeigten die Feuer an. Ich hing meinen Eimer an das
Auslaufrohr der Pumpe und fing an, den Schwengel zu bewegen.
Glücklicherweise war die Pumpe noch intakt, und ich merkte
bald, daß sie das Wasser anhob und bald in meinen Behälter
plätscherte. Während dieser Tätigkeit hörte ich hinter mir
ein Geräusch, das einem Grunzen ähnelte. Ich drehte mich um
und erstarrte: Über den Hof wankte ein Russe mit asiatischem
Aussehen, der einen Karabiner am Lauf hinter sich herzog,
klein von Gestalt, speckige Uniform, krumme Beine,
Schlitzaugen, Knebelbart, braune Haut und betrunken. Ich
glaube heute noch, das eisige Gefühl in mir zu spüren, als
er so auf mich zukam und zum Schlag ausholte. Im selben
Moment löste sich meine Spannung und mit einem riesigen Satz
entging ich der Gefahr. Hinter mir hörte ich, wie der Kolben
des Gewehres auf die Brunnenabdeckung aus Zement schlug. Ich
rannte die geringe Entfernung zum Lager zurück und kroch
meiner Mutter fast unter den Rock. Eine solche Angst - wie
an diesem Abend - habe ich in meinem weiteren Leben nie mehr
ausgestanden. Ich zitterte am ganzen Körper, weinte und
konnte mich lange nicht beruhigen. Da sich auch meine Mutter
nicht in die Siedlung traute, gab es an diesem Abend wieder
nur trocken Brot. Wir machten unsere Lagerstatt unter einer
Wagendeichsel zurecht und krochen unter die Decke. Die
Anstrengungen des Tages ließen uns bald in einen unruhigen
Schlaf fallen. Bald war es auch mit diesem Schlaf vorbei,
denn ein Trupp russischer Soldaten hatte uns aufgespürt.
Beim Klang ihrer Stimmen kroch die Angst wieder in uns hoch.
Zwei Russen ließen sich ausgerechnet auf der Wagendeichsel
nieder, unter der wir lagen. Sie aßen Brot mit Zwiebeln und
tranken dazu eine große Flasche Schnaps. Als meinten wir,
besser darunter geschützt zu sein, zogen wir uns die Decke
über die Köpfe, warteten zitternd, was geschehen würde.
Nachdem sich die beiden gestärkt hatten, hob einer von ihnen
die Decke an, unter der ich mit meiner Mutter lag, an die
ich mich klammerte. Dann hörten wir mit fremden Akzent die
Worte: "Ah, Mutter, schlafen." Die Decke fiel auf uns
zurück, die beiden Soldaten entfernten sich. Meine Mutter
hatte mit ihren damals 49 Jahren schneeweißes Haar, schlicht
zurückgekämmt und zu einem Knoten gesteckt. Vielleicht war
das ihre Rettung. Erst jetzt bemerkten wir, daß im Lager
große Unruhe herrschte. Die Russen hatten das Versteck der
jungen Frauen und Mädchen gefunden und waren über sie
hergefallen. Alle Männer, die die Frauen zu schützen
versuchten, wurden mit Stiefeltritten und Schlägen
davongejagt. Das Schreien und Weinen der Frauen und das
Gegröle der betrunkenen Russen hielten die ganze Nacht an -
ein schauriges Erlebnis. -
Die Berge wurden niedriger. Wir näherten uns der Gegend,
in der bis zur Kapitulation die deutsche Front sich an das
Gebirge lehnte. Hier sahen wir die ersten Spuren der Kämpfe,
zerschossene Autos, ausgebrannte Panzer, alles mögliche
Kriegsgerät und markierte Minenfelder. Für einen neugierigen
kleinen Jungen wie mich war das natürlich interessant, aber
auch gefährlich. Meine Mutter hatte Mühe, mich immer bei
sich zu halten. Bis ich eines Tages erleben mußte, wie ein
russischer Panzer über die Straße preschte, der an Bord
einen deutschen Jungen hatte, dem eine Mine beide Beine
abgerissen hatte. Das Lager, auf das der Junge gebettet war,
war völlig durchblutet. Wie uns die Erwachsenen sagten,
sollte der Verletzte in ein Lazarett gebracht werden. Der
Schock über dieses Erlebnis verfehlte nicht seine Wirkung,
und bei aller jugendlicher Unbekümmertheit gehorchte ich
meiner Mutter. - Jeder Tag brachte neue Eindrücke und
grausige Erlebnisse. So trottete ich neben dem Wagen her, im
Gehen halb schlafend, hielt ich mich an der hinteren Runge
fest, als plötzlich vor mir ein menschliches Bein lag. Es
war das abgerissene Bein eines deutschen Soldaten. Der
Stiefel fehlte, Hose, Unterhose und Strumpf waren noch
vorhanden. - Ein anderes Mal, während einer Rast, die Straße
verlief auf einem Damm, fanden wir Kinder in dem Damm einen
Unterstand, in dem drei deutsche Soldaten lagen. Ihre Köpfe
auf Tornister gebettet, sah es aus, als würden sie schlafen.
Zum ersten Mal nahm ich deutlich den süßlichen Leichengeruch
wahr. Das war in der Nähe der Stadt Strehlen. Wir näherten
uns der Oder. Die Anzeichen von schweren Kämpfen während des
Krieges häuften sich. Neben zerstörtem Kriegsmaterial sahen
wir immer öfter abgebrannte und kaputte Häuser sowie ganze
Ortschaften, die in Schutt und Asche lagen. So erreichten
wir unsere Kreisstadt Ohlau wieder und steuerten die
Oderbrücke an, die wir schon im Januar auf unserer Flucht
passiert hatten. Die eiserne Brücke war zerstört, aber die
Rote Armee hatte unmittelbar daneben eine Kriegsbrücke aus
Holz gebaut. Der Damm an der Oder, an dem sich im Winter
unsere Soldaten eingegraben hatten, war von Bomben und
Granaten umgewühlt und voller Trichter. Überall lagen die
Reste der Verteidiger umher, Helme, Gasmaskenbehälter,
Gewehre und verwesende Leichenteile. Leichengeruch lag in
der Luft.
Noch 10 Kilometer bis Rattwitz, was würden wir vorfinden?
Die Erfahrungen der vergangenen Wochen und Monate ließen uns
Schlimmes befürchten. Die Erregung der Menschen steigerte
sich, die Schritte wurden schneller, die Umgebung immer
vertrauter. In unseren Nachbardörfern an der Strecke trafen
sich schon Bekannte, die vor uns zu Hause waren; sie
tauschten erste Nachrichten aus. - Endlich, endlich kamen
wir in den Ort Lange. Es war unser nächster Nachbarort. Vom
Ortsausgang konnte man schon unser Dorf an der Oder sehen.
Die Spannung wuchs - und die Erregung. Schon erkannten wir
die ersten Ruinen. Meine Mutter erlaubte mir einen Ausblick
von einer Geländeerhöhung. Ich sah das Haus, in dem wir
gewohnt hatten. Ich sah das heile Dach, ein Zeichen, daß es
nicht abgebrannt war. - Uns fiel ein Stein vom Herzen. - Am
Ortseingang standen dann die ersten Besitzer der Häuser,
welche in Trümmern lagen. Weinend standen sie vor den
Trümmern. Wir erkannten unser schönes Dorf nicht wieder,
überall Zerstörung und Unordnung. Tiere liefen frei umher,
überall lagen Tierkadaver, überall wucherte Unkraut. Es war
inzwischen Juni oder Juli geworden. Der Treck löste sich
auf. Jeder strebte seinem Zuhause zu. Auch Mutter und ich
gingen klopfenden Herzens die Straße entlang, die wir im
Winter verlassen hatten. Und wieder lag überall Kriegsgerät.
Das im Herbst bestellte Korn rauschte, es roch nach Sommer.
Wir wohnten im letzten Haus der Straße. Davor lag der
Sportplatz und an dem vorletzten Haus, da hielten wir an.
Wir schauten verwundert zu unserem Hof hinüber. Auf dem Zaun
hingen Kleider und Decken, Jacken und Wäsche. Niemand war zu
sehen. Wer hatte die Sachen dort aufgehängt? Zögernd gingen
wir weiter. Wo sollten wir auch sonst hin? Als wir einen
Blick in den Hof werfen konnten, sahen wir vor dem Haus
Wannen und Bottiche, Eimer und Schüsseln stehen, in denen
Geschirr im Wasser lag. Plötzlich entdeckte ich neben der
Haustür eine Papptafel, die während des Krieges zum
Verdunkeln der Fenster benutzt wurde. Auf dieser Tafel stand
mit roter Ölfarbe geschrieben: "Herzlich willkommen!" Mit
einem Aufschrei der Freude stürzten wir auf's Haus zu, aus
dem in diesem Moment mein Vater und mein Bruder Heinz
traten. - Nach einem halben Jahr und ungefähr 500 Kilometer
Fußweg voller Gefahren und Strapazen sahen wir uns gesund
wieder und waren zu Hause! -
Wieder zu Hause
Ja, selbst für mich Zehnjährigen war es ein eigenartiges
Gefühl. War doch alles vertraut, die Bäume, die Gegend und
auch die Häuser. Woanders standen eben nur Häuser, hier - zu
Hause - waren es bestimmte. Jeder wußte, in welchem seine
Freunde, Verwandte oder Bekannte wohnten. Unser Wiedersehen
fiel natürlich entsprechend aus. Wir weinten und lachten
zugleich. Selbst meinen Vater sah ich zum ersten Mal weinen.
Wir glaubten gar nicht, daß wir uns nur ein halbes Jahr
nicht gesehen hatten. Es kam uns wie eine Ewigkeit vor. Aber
die von allen ausgestandenen Ängste und Anstrengungen trugen
wohl zu dieser überschwenglichen Wiedersehensfreude bei.
Nach einiger Zeit hatten wir uns wieder gefangen und nahmen
nun auch wahr, was um uns vorging. Wie sah es um das Haus
aus? Es war nicht zu fassen. Vor jedem Fenster draußen lagen
Berge von Dingen, die früher im Haus ihren Platz hatten,
Kleidungsstücke, Schuhe, Geschirr, Bücher, Federn, Papier.
Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen und fing
wieder an zu weinen. Und das Durcheinander in der Wohnung,
auf allen Fußböden lag eine ca. 20 cm hohe Schicht von
Unrat. Dazwischen klebten die Federn aus unseren Betten, die
wir im Winter nicht mit auf die Flucht nehmen konnten.
Darüber waren Sirup und Eingewecktes geschüttet. In allen
Ecken lagen Haufen von Exkrementen. Im Schlafzimmer meiner
Eltern lag sogar eine tote Kuh, die fürchterlich stank. Auf
dem Berliner Herd in der Küche stand ein riesiger Tiegel, in
dem die Hinterkeule eines Schweines lag. Es wimmelte von
fingerdicken Maden. Mein Vater und Bruder waren erst wenige
Tage vor uns - auf getrennten Wegen - nach Hause gekommen.
Sie hatten vor dem Chaos gestanden und nicht gewußt, wo am
besten anzufangen sei. So hatten sie sich im Kinderzimmer
erst eine Schlafstätte geschaffen und regelrechte Gehwege
zu den einzelnen Türen angelegt. Dann hatten sie versucht,
aus den Haufen die Sachen zu sortieren, die noch nicht
vermodert waren, und Töpfe, Schüsseln und anderes Geschirr
in die Wannen eingeweicht. Die Möbel waren im großen und
ganzen das einzige, was noch einigermaßen intakt war. Hatten
wir vorher schon keine Reichtümer, so standen wir jetzt vor
dem Nichts. Aber meine Eltern strahlten Optimismus aus:
Waren wir doch wieder zusammen und der Krieg vorbei.
Schatten fielen auf diese Zuversicht wegen der Ungewißheit
über das Schicksal meiner beiden ältesten Brüder. Aber jetzt
hieß es erst einmal: Anpacken!
Die um eventuelle Gefahren für uns zu erkennen, machten
wir gemeinsam einen Rundgang durch's ganze Haus und
Grundstück und konnten dabei feststellen, daß es deren in
einer Vielzahl gab. Nach den Erklärungen meines Vaters hatte
auf dem großen Hof während des Krieges eine russische
Artilleriebatterie gestanden, die nach Breslau
hineingeschossen hat. Überall lagen Kartuschen,
Pulversäckchen und sogar Granaten. Vater erläuterte uns
genau, weiche Gefahren darin vor allem für uns Jungen
steckten. In den großen Sälen des Hauses, das im Jahre 1939
als Jugendheim gebaut war, lagen große Haufen Pferdeäpfel
und überall standen Wannen. Die Russen hatten diesen Teil
des Hauses kurzerhand als Stall für die Zugpferde ihrer
Geschütze genutzt, und die Wannen hatten als Futterkrippen
gedient. Der darin zum Teil noch vorhandene Hafer
bereicherte unsere kargen Lebensmittelvorräte, die wir so
dringend benötigten bei der vielen Arbeit, die vor uns lag.
Wir "Männer" schleppten zuallererst die tote Kuh hinaus. Das
war gar nicht so einfach, bestand doch die Gefahr des
Zerreißens. Die Zersetzungsflüssigkeit hinterließ eine
deutliche Spur, und es dauerte noch lange, bis - trotz aller
Bemühungen meiner Mutter - der Gestank aus dem Haus war. Im
Hof gruben wir ein tiefes Loch, worin auch das
Schweineviertel samt Tiegel und unsere verhungerten-Gänse,
welche wir bei unserem Rundgang gefunden hatten,
verschwanden. Mutter säuberte zuerst den Küchenschrank,
wusch Geschirr ab und räumte es ein. Ich hätte so gerne noch
einmal die Umgebung des Grundstücks inspiziert, trotz Vaters
Warnungen wegen der lauernden Gefahren. Aber ich mußte
meiner Mutter helfen und im Küchenherd Feuer anzünden, damit
sie kochen konnte. Auf dem Küchentisch und im ganzen Haus
fanden wir Töpfe und Schüsseln, sogar Tassen, mit Fett
gefüllt. Mutter entfernte die dicke Schmutzschicht und
stellte fest, daß es zwar ranzig, aber sonst sauber war.
Also kam alles in einen großen Topf, wurde erhitzt und in
saubere Gefäße gegossen, Deckel drauf, und eine Sorge waren
wir los. Da es keinen elektrischen Strom mehr gab, fiel auch
die Hauswasserversorgung aus. Wir mußten das Wasser deshalb
aus dem Nachbargrundstück holen. Und bei so viel Dreck wurde
auch viel Wasser benötigt, also hieß es: Schleppen,
schleppen und nochmals schleppen. Nach tagelangem Putzen und
Wischen, Schaufeln und Fegen zog langsam wieder Ordnung ein,
wenn auch erstmal nur im Haus.
Neben den Aufräumungsarbeiten mußte in erster Linie an
die Verpflegung gedacht werden. Vater schickte meinen Bruder
mit den entsprechenden Warnungen auf die Suche nach Eßbarem.
Da viele Einwohner noch nicht zurückgekehrt waren und wir
nicht erkennen konnten, ob sie wiederkommen würden, ging
mein Bruder zuerst in die unbewohnten Häuser und ehemaligen
Geschäfte auf Nahrungssuche. Die anderen heimgekehrten
Dorfbewohner hatten die gleichen Probleme, und so trafen sie
sich oftmals bei solchen Suchaktionen und tauschten dabei
auch Neuigkeiten aus. Die Menschen hatten sich im Sommer und
Herbst 1944 für den Winter bevorratet, so daß trotz der
großen Verwüstungen öfter etwas zu finden war, hier ein Glas
Eingemachtes, dort Bohnen und Erbsen, mal Graupen oder Mehl.
Oft mußte es zusammengefegt und dann gesäubert werden. Im
Nachbarort in einer Lagerhalle fand mein Bruder sogar einen
ganzen Berg Leinsamen. Die obere Schicht war zwar
verkrustet, aber darunter lag tadelloser Lein. Bruder Heinz
schleppte einen ganzen Sack voll nach Hause. Täglich kochte
Mutter davon für jeden von uns eine Tasse Schleim. Er
schmeckte zwar nicht besonders, aber er hat uns
wahrscheinlich vor der Erkrankung an Hungertyphus bewahrt.
Diese Krankheit grassierte im Ort und raffte die
geschwächten Menschen dahin. An fast jedem von Deutschen
bewohnten Gehöft hing die "Gelbe Fahne", das Zeichen für
Typhuserkrankung. Von der Besatzungsmacht war keine Hilfe zu
erwarten. Die Russen streunten durch die Gegend, die meisten
davon schossen, schlugen und vergewaltigten, wie wir es auf
unserem Rückweg erleben mußten.
Wir sind zu unserem Glück ganz unverhofft zu einem
Beschützer gekommen. Eines Nachmittags stöberte ich in den
Garagen unweit unserer Wohnung, als ich hinter mir ein
Knurren hörte. Vorsichtig warf ich einen Blick in die
Richtung, woher dieser unheimliche Ton kam. Dort stand ein
großer weißer Hund in der Ecke. Langsam zog ich mich zurück
und rannte zu meinem Vater. Er und auch mein Bruder kamen
mit mir. Wir wollten den Hund gerne einfangen. Dieser
knurrte uns aber drohend an. Ganz behutsam näherten wir uns
ihm und bemerkten erst jetzt, daß hinter ihm ein grauer
Schäferhund zusammengerollt lag. "Den fangen wir uns", sagte
Vater. Schnell holte er einen Strick, und mein Bruder nahm
einen großen Kistendeckel, um damit die Ecke abzusperren.
Mir gestattete Vater, dieses eine Mal mit meinem Katapult
auf ein lebendes Wesen zu schießen. Der getroffene weiße
Hund jagte aus der Garage über den Hof hinaus auf's Feld.
Der Schäferhund aber blieb in der Ecke liegen, machte sich
immer kleiner und beobachtete uns. Mit aller Vorsicht und
Anwendung der Hilfsmittel gelang es uns, ihn schließlich zu
fangen. Vater trug den Hund - es war eine Hündin - in
unseren ehemaligen Gänsestall, befreite ihn von der
Schlinge, gab ihm noch einen freundschaftlichen Klaps auf
das Hinterteil und sperrte den Stall ab. Die ganze Familie
bemühte sich mit Happen vom knappen Essen um die Zuneigung
des Tieres. Nachts hörten wir den Gefährten heulen, der sich
tagelang um das Gehöft herumtrieb. Die Hündin rührte keinen
Bissen an. Aber nach ungefähr 8 bis 10 Tagen hatten wir
gewonnen, und mein Bruder trug das große Tier auf seinen
Armen vor das Haus. Alle möglichen Hundenamen riefen wir ihm
zu. Plötzlich reagierte es auf "Senta", spitzte die Ohren
und wedelte mit dem Schwanz. Von dem Tag an hatten wir eine
treue Gefährtin. Mit ihrem Verhalten signalisierte sie uns,
wer sich dem Haus näherte. War es ein Familienmitglied,
winselte sie leise und wedelte mit dem Schwanz. Waren es
Deutsche, hob Senta die Lefzen, knurrte warnend, und ihr
Nackenhaar stellte sich auf. Kamen aber Russen oder Polen,
gebärdete sich der Hund wie eine Bestie. Mancher der
Beutesuchenden kehrte wieder um, wenn Senta zähnefletschend
am Fenster stand oder gar am Zaun entlang tobte. Vater
vermutete aus ihrem Benehmen, daß sie aus einem der
ehemaligen umliegenden KZ stammte. Sorge hatten wir, daß sie
jemand erschießen könnte.
An der Reaktion des Hundes bemerkten wir so auch an einem
Sommerabend, daß draußen etwas war. Es fing schon an zu
dunkeln, als ganz leise an's Küchenfenster geklopft wurde.
Das konnte nur ein Deutscher sein. Da Senta auf's Wort
hörte, war es nicht nötig, sie wegzusperren. Mein Vater
öffnete das Fenster, vor dem zwei junge Männer standen. Sie
gaben sich als entflohene Gefangene zu erkennen und baten um
Unterschlupf. Für meine Eltern war es selbstverständlich,
ihnen zu helfen. Als sie in die Küche traten, knurrte der
Hund zwar, blieb aber auf Kommando an seinem Platz. Zuerst
verdunkelten wir die Fenster. Die Männer hatten das
Bedürfnis, sich zu waschen und zu schlafen. Meine Mutter
bereitete etwas zu essen. War es auch karg, so kam es doch
von Herzen. Es wurden Maßnahmen für den Fall eines
"Besuches" durch Fremde festgelegt. Überrascht werden
konnten wir aufgrund der Wachsamkeit des Hundes allerdings
nicht. Das Problem für die beiden Flüchtigen war die
Überwindung der Oder. Mein Vater schlug vor, daß ich sie
führen sollte. Er gab ihnen auch seine Begründung: Ich
kannte Schleichwege durch Getreidefelder und Weidengebüsch.
Als Kind würde ich auch am wenigsten auffallen, da wir ja
immer unterwegs waren. Ich wußte auch, wo die "kleinen
Kähne" lagen, wie man bei uns die Ruderboote nannte. Vater
überließ den beiden die Entscheidung, ob sie sich mir
anvertrauen wollten. Ich war natürlich mächtig aufgeregt.
Überlegte mir die Wege, die wir gehen müßten, hatte ein
wenig Angst und schlief nicht gut. Die Nacht verlief sonst
aber ruhig. In der Frühe machte Mutter das Frühstück und
packte den Flüchtlingen noch etwas Wegzehrung ein. Mir
schärfte Vater nochmals einige Verhaltensmaßregeln ein. Nach
dem Abschied und Dank der Soldaten sowie gründlicher
Beobachtung der Gegend huschten wir drei in ein Getreidefeld
und machten uns auf den Weg zum Fluß. War ein Feldweg zu
kreuzen, lugte ich ganz vorsichtig aus dem Getreide hervor,
denn es war immer mit streunenden oder wildernden Russen zu
rechnen. Schwierig war das Überqueren der Straße zwischen
unserem Ort und dem Nachbardorf Großbrück. Nach
minutenlangem Spähen gelang auch das, und wir tauchten in
den Schutz von Dornen und Weidensträuchern ein. Auf diese
Weise kamen wir an den Strom, etwas weiter ab vom Dorf, wo
die Männer verharren sollten. Ich rannte zum Dorf zurück und
besorgte mir eines der schon erwähnten Ruderboote. Schnell
schnitt ich am Ufer einige Ruten ab und warf sie in den
Kahn. Da ich zum Rudern zu klein und schwach war, bewegte
ich das Boot durch Wriggen vorwärts bis zur Mitte des
Flusses, wo ich es dann treiben ließ. Mit den Ruten
hantierte ich, als ob ich Angeln auswarf. Auf der Höhe der
Zurückgebliebenen angekommen, wriggte ich wieder in die
Buhne und ließ mich treiben, wobei ich die Gegend und den
Fluß unentwegt im Auge hatte. Beim zweiten Vorbeitreiben
sprangen die Männer in den Kahn und legten sich auf den
Boden. Ich wriggte mit aller Kraft auf das gegenüberliegende
Ufer zu, wobei mich die Strömung etwas versetzte. Das Boot
legte ich geschwind fest und führte die Soldaten auf die
Schleusenbrücke zu, wo der gefährlichste Teil unserer
"Unternehmung" begann. Das russische Wachpersonal streifte
oft durch die Gegend und schoß nach Wild oder Wasservögeln.
Während die beiden am Fuße des Schleusendammes warteten,
ging ich möglichst unbefangen auf die Brücke, blieb am
Geländer stehen, spuckte ins Wasser und schoß ein bißchen
mit dem Katapult. Dabei beobachtete ich wieder das Wach- und
Schleusenpersonal. Auf ein vereinbartes Zeichen robbten die
zwei Flüchtigen hinter mir über die Brücke. Das war ein
kitzliger Moment. Waren sie auch von unten nicht zu sehen,
so konnte doch jeden Augenblick ein Russe auftauchen, den
wir eventuell nicht gesehen hatten. Sie erreichten die
Büsche auf der anderen Seite, und ich schlenderte wie
zufällig hinter ihnen her. Nach einem Aufatmen führte ich
sie noch bis an den Waldrand zu einem Weg, von wo aus die
beiden nach Jungfernsee gelangen konnten. Damit war meine
Aufgabe erfüllt. Die Soldaten lobten mich, verabschiedeten
sich und tauchten im Wald unter. Kurz hörte ich noch leises
Rascheln, dann machte ich mich über Schleuse und Stauwehr
schnellstens auf den Nachhauseweg. Den "kleinen Kahn"
überließ ich seinem Schicksal. Meine Eltern hielten schon
ungeduldig Ausschau nach mir. Ich berichtete ihnen vom guten
Ausgang der Oderüberquerung und als mich auch mein Vater
lobte, war ich mächtig stolz. Bei Mutter glaubte ich eher,
mehr Angst als Stolz zu erkennen. Wir alle wünschten den
flüchtigen Soldaten auf jeden Fall, daß sie wohlbehalten bei
ihren Lieben ankommen würden. Ob die beiden Ausreißer aus
dem Lager in Fünfteichen, einem unserer Nachbarorte,
geflüchtet waren, ist mir nicht bekannt.
In diesem Lager - einem ehemaligen KZ- wurden die
Verteidiger Breslaus gefangen gehalten. Durch einen
glücklichen Zufall erfuhren wir, daß auch mein Onkel Ernst
Scholz in diesem Lager gewesen sein muß. Er war Eisenbahner
und ging nicht mit auf die Flucht. Kurz vor Kriegsende wurde
er in einem Volkssturmbataillion bei der Verteidigung der
Festung Breslau eingesetzt. Die Gefangenen des Lagers mußten
die Pferde der Russen in der Oder schwemmen. Mein Onkel muß
einem der Reiter einen Gehstock mit seiner Heimatadresse
mitgegeben haben. Sie war in den selbstgefertigten Stock
eingebrannt. In der Hoffnung, daß dieser Stock gefunden
wird, war er in der Nähe unserer Straße weggeworfen worden.
Und tatsächlich habe ich diesen Stock gefunden, aber leider
erst, als das Lager schon geräumt und die Gefangenen nach
Rußland abtransportiert waren. Dort ist mein Onkel dann auch
verstorben.
Da sich meine Angehörigen in erster Linie auf das
Beschaffen der Nahrungsmittel konzentrieren mußten, fand ich
Gelegenheit, meine Freunde aufzusuchen. Wir stromerten durch
die uns bestens vertraute Gegend, die jetzt für uns äußerst
interessant war, denn es lagen ja immer noch Waffen,
Sprengmittel und anderes Kriegsgerät herum. Trotz
eindringlicher Ermahnungen, ja Verbote, haben wir uns damit
beschäftigt. Einmal habe ich eine Granate von ca. 15 cm im
Durchmesser gefunden, die mich ungeheuer interessiert hat.
Aber Vater überraschte mich und verabreichte mir eine
Ohrfeige, an die ich noch heute denke und ihm dafür dankbar
bin. Ich mußte eine Schaufel holen und in weitem Abstand
folgen. Er hatte die Granate ganz behutsam in beide Hände
genommen und trug sie mitten auf den Sportplatz. Hier
verlief einer der Schützengräben, die schon im Herbst 1944
zur Verteidigung Breslaus angelegt waren. Dort hinein legte
Vater die Granate und schaufelte sie zu. Sicherlich liegt
sie heute noch da. Für mich war dieser Munitionsfund gut
ausgegangen. Viele Kinder und Jugendliche haben dabei
Gliedmaßen oder gar ihr Leben verloren.
Wir freundeten uns auch mit den russischen Soldaten an.
Wenn diese Appetit auf Fisch hatten, warfen sie einfach eine
Handgranate in die Oder und hatten genug Fisch, ja so viel,
daß für uns auch noch mancher Hecht abfiel. Natürlich war
bei Muttern die Freude groß. Nach einiger Zeit trauten wir
uns, selbst eine Granate abzuziehen und ins Wasser zu
werfen. Mit einem Netzbeutel
um den Hals sammelten wir schwimmend die Fische ein.
Während solcher Such- und Beutezüge hatten wir oft auch
traurige Erlebnisse: Wir fanden, überwiegend auf der
westlichen Oderseite, die Leichen von deutschen Soldaten.
Sie lagen im hohen Gras der Wiesen. Unsere Nasen waren so
trainiert, daß wir nur dem Verwesungsgeruch nachgingen, um
sie aufzufinden. Pionierfeldspaten hatten wir immer bei uns.
Damit hoben wir ein Grab aus, durchsuchten die Uniformen
nach Papieren oder ähnlichem und rollten die Toten in die
Grube. Die Hügel mit Kreuz und Stahlhelm hielten allerdings
nur bis zum nächsten Hochwasser der Oder. Mein Vater warnte
mich immer wieder vor dem Leichengift, aber sonst hatte er
nichts gegen solche Aktionen. Im Gegenteil, hatte er doch
selbst zwei Söhne, die Soldat waren, und über deren Verbleib
wir noch nichts wußten. Auf diese Art und Weise haben meine
Freunde und ich ungefähr fünfzehn deutsche Soldaten
beerdigt. Gerne hätten wir Angehörige benachrichtigt, aber
wir fanden nichts, was die Identifizierung der Toten
ermöglicht hätte. Zwei sehe ich heute noch deutlich vor mir.
Einer war ein Volkssturmmann, erkenntlich an der zivilen
Kleidung. Er hatte sein Schützenloch unter einem
Schwarzdornbusch ausgehoben. Es lag genau gegenüber unserem
Dorf. Die tödliche Kugel hatte ihn genau in der Stirn
getroffen, und sein Oberkörper war nach vorne gefallen,
unter dem sein Karabiner lag. An einem Gürtel, der seine
dunkle Joppe zusammenhielt, hing ein brauner Trinkbecher.
Wir haben auch diesen Toten begraben und sein Gewehr in die
Oder geworfen. Wie mir Vater später erklärt hat, ist er
wahrscheinlich von einem Scharfschützen erschossen worden.
Der andere war ein Flakhelfer. Unweit unseres Dorfes war
eine Flakstellung eingerichtet, die - wie ja bekannt - mit
Oberschülern und Studenten, also Kindern, besetzt war: An
zwei zurückgebliebenen Geschützen waren zwar die Verschlüsse
gesprengt, aber sonst ließ sich damit noch spielen (welch
häßliches Spielzeug). Bei unserer ersten Inspektion der
Stellung blieb uns Jungen fast das Herz stehen. Auf dem Wall
einer dieser Stellungen war eine Bombe oder Granate
eingeschlagen und hatte die darunter liegenden Unterstände
verschüttet. Aus einem Sandhaufen ragte eine Hand mit
gespreizten Fingern. Als wir den ersten Schreck überwunden
hatten, gruben wir den Toten frei und zogen ihn langsam aus
der Erde. Vor uns lag einer dieser 15- bis 16jährigen
Flakhelfer. Wo wir ihn begraben haben, läuft heute eine
Straße. - Mögen ihn die Baumaschinen in Ruhe gelassen haben.
-
So stürmten jeden Tag neue Erlebnisse und Eindrücke auf
uns ein. Oft wurden tagelang Viehherden durch unser Dorf
getrieben, bewacht von berittenen Soldaten; Pferde, Kühe,
Schafe, ja sogar Ziegen wechselten sich ab. An eine Kuhherde
erinnere ich mich auch ganz besonders. Die Kühe waren lange
nicht gemolken und hatten übervolle Euter. Die Russen
erlaubten zwar, diese Kühe zu melken, aber die Tiere ließen
niemanden an sich heran, sondern brüllten nur vor Schmerzen.
Waren sie bis zum Weitertrieb noch nicht eingegangen,
erschossen die Kosaken die Rinder. Die Bevölkerung kam auf
diese Weise zu Fleisch, das sehr rar war.
Es kamen auch immer wieder ehemalige Soldaten oder
versprengte Dorfbewohner nach Hause zurück auf der Suche
nach ihren Familien. Dadurch erfuhren wir vom Tod meines
ältesten Bruders. Er war während der Ardennenoffensive mit
22 Jahren gefallen. - Er hatte noch gar nicht richtig
gelebt. - Manche dieser Leute machten sich weiter auf die
Suche, wenn sie ihre Angehörigen zu Hause nicht fanden. Mit
auf ihren Weg nahmen sie auch die Information, daß die
Rückkehrer die acht alten Leute, welche sich im Januar 1945
geweigert hatten, mit auf die Flucht zu gehen, tot in ihren
Betten vorgefunden haben. Man hatte ihnen den Schädel
zertrümmert. Eine Hiobsbotschaft jagte die andere. Wir kamen
nicht zur Ruhe. Die Sorgen um Essen, Angehörige und die
Zukunft machten allen Angst. Es häufte sich auch schon das
Gerücht von der Ausweisung der Deutschen. Bestärkt wurde
dieses Gerücht durch immer mehr eintreffende Zuzügler aus
dem ehemaligen Galizien. Die Polen hatten zwar auch nicht
viel Habe; manche zogen nur eine magere Ziege hinter sich
her. Aber sie stellten sich vor die leeren Gehöfte und
Häuser und sagten: "Ze jest moija." (Das ist meins.) Damit
hatten sie wieder oder gar besseren Besitz. Zu den
Verfolgungen durch die Russen kamen nun noch die
Drangsalierungen durch die Polen. Viele trugen Waffen und
nahmen sich Rechte heraus, die nur in einer gesetzlosen Zeit
möglich sind.
In diese Zeit fiel wieder ein für uns trauriges Kapitel
meiner Erinnerungen: Eines Morgens erschienen zwei
Milizionäre im Haus und forderten meinen Bruder auf
mitzukommen. Er sollte bei ihnen etwas bauen. Den Einwand
meines Vaters, daß mein Bruder noch kein Maurer wäre,
sondern erst Lehrling sei, ließen sie nicht gelten. Auf die
Frage meiner Mutter, ob er Essen und Kleidung mitnehmen
müsse, kam die Antwort, er wäre bald wieder zu Hause. Aber
er wurde mit noch fünf anderen Jungs seines Alters auf die
Station der Miliz gebracht und nach einer Tracht Prügel in
einen halb unter Wasser stehenden Keller gesperrt. Nach
tagelangen Verhören unter Prügel und der immer
wiederkehrenden Behauptung, sie hätten Waffen versteckt,
kamen die ahnungslosen Burschen dahinter, was man von ihnen
wollte. Wir brauchten keine Waffen zu verstecken, denn noch
lagen schußfähige Karabiner, Pistolen und MPi zu Hauf umher.
Also gaben die Jungs zu, im Besitz von Waffen zu sein, und
die Peinigungen hörten auf. Auch bei uns lag in einer
Hofecke ein deutscher Karabiner ohne Kolben und Schloß, mit
dem ich spielte. An diese Waffe hatte mein Bruder gedacht.
Seine Angst, ich könnte dieses Ding inzwischen an eine
andere Stelle geschleppt haben, war zu unserer aller Glück
unnötig. Wieder im Morgengrauen kamen dieses Mal sechs
Polizisten, in ihrer Mitte mein Bruder. Über sein Aussehen
waren wir tief erschrocken; hohlwangig und übermüdet sah er
aus, er schwankte beim Gehen. Auf dem Hof bildeten die
Polizisten einen Halbkreis, brachten ihre Gewehre in
Anschlag und einer forderte meinen Bruder auf, die Waffe zu
holen. Als Heinz sich in der Ecke nach dem alten Karabiner
bückte, hörten wir deutlich die Sicherungsflügel der
Polizeiwaffen klicken. Die Worte des Gruppenführers, ob das
alles an Waffen wäre und, wenn sie etwas finden, würden sie
uns erschießen, nahmen vor allem meine Eltern mit gemischten
Gefühlen auf. Schleppte ich doch manchmal ganze Brotbeutel
voll Munition heim, um diese Geschosse mit dem Katapult zu
verschießen. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung ließ
die Miliz alles Brauchbare mitgehen. Nach ihrem Abzug
berichtete mein Bruder von seinem "Einsatz als Maurer".
Jetzt hatte er das Bedürfnis sich zu waschen. Dabei mußten
wir feststellen, daß sein Gesäß von den Schlägen blau
unterlaufen und dick geschwollen war. Den anderen Jungen war
es ebenso ergangen. Und das alles hatten sie einem kleinen
Zettel zu verdanken, auf dem ihre sechs Namen gestanden
hatten. Denn diese sechs Jungs sollten eine an Typhus
verstorbene Schulfreundin zu Grabe tragen. -
Die Ernährungslage wurde immer prekärer; alte Vorräte
gingen zur Neige, und die reifen Getreidefelder ernteten die
Sieger ab. Ich ging mit einer alten Schere und einem Sack
los, um Ähren zu schneiden. Diese Ähren haben wir wie in der
Steinzeit mit einem Knüppel gedroschen und im Wind die
Körner von der Spreu getrennt. Auf jedes Ende der Küchenbank
schraubte mein Bruder eine alte Kaffeemühle, und dann saßen
wir beide stundenlang und quetschten die Körner zu Schrot.
Zeit dazu hatten wir zur Genüge. An einen geregelten
Schulunterricht war nicht zu denken. Der Versuch unserer
Gemeindeschwester, die Kinder bis zu einem ordentlichen
Schulbeginn zu unterrichten, schlug fehl. Die polnischen
Behörden untersagten es ihr. Sie gehörte dann auch zu den
ersten Ausgewiesenen. Mit den Ausweisungen der Deutschen und
dem vermehrten Zuzug von Polen kam allmählich eine gewisse
Handelstätigkeit in Gang. Bis dahin gab es nichts zu kaufen,
wir haben nur "organisiert". Mit der Hygiene nahmen es die
polnischen Kaufleute allerdings nicht so genau. Der Kaufmann
hatte für meine damaligen Begriffe ein Riesenmesser, mit dem
er alles schnitt, angefangen von Kernseife über Wurst bis
zum Käse. Es hat uns damals nichts ausgemacht. Das nötige
Geld konnte mein Vater als Schleusenarbeiter verdienen,
nachdem die Oderschiffahrt durch die Besatzungsmacht wieder
aufgenommen wurde. Deshalb zählten wir auch noch nicht zu
den Ausgewiesenen. Die Russen brauchten Männer zum Bedienen
der Schleuse und verpflichteten unter anderen auch meinen
Vater dazu.
Ich hielt mich jetzt oft auf der Schleuse auf und kam
auch mit den russischen Wachsoldaten in Kontakt. Eines Tages
hatte einer von ihnen den Auftrag, für die Pferde Gras zu
mähen. Ich sollte ihm dabei helfen. Also setzte der Soldat
sich auf den Grasmäher und fuhr zur Wiese, ich trabte
nebenher. Während er mähte, harkte ich das Gras zusammen.
Nach einer ganzen Weile sah ich am anderen Ende der Wiese
die Pferde stehen, aber den Soldaten nicht mehr auf dem
Mähersitz. Erst dachte ich an eine Pause, die er wohl
eingelegt hatte. Doch nun sah ich ab und zu Bewegungen über
dem hohen Gras, welche ich mir nicht erklären konnte. Einen
Schuß hatte ich auch gehört, aber geschossen wurde ja alle
Augenblicke. Ich rannte zu ihm und mußte einen der
scheußlichsten Anblicke meines Lebens wahrnehmen. Irgend
jemand hatte ihm in den Rücken geschossen. Die Kugel war aus
dem Bauch ausgetreten, und nun wälzte er sich schreiend in
seinem Blut und seinen Därmen. In meiner Angst und
Hilflosigkeit warf ich mich auf ihn, konnte ihn aber nicht
halten. Dann wurden seine Bewegungen langsamer, und ich
vernahm nur noch das russische Wort "Matka" (Mutter).
Plötzlich bäumte er sich auf und verstarb. Schnell schirrte
ich eines der kleinen Pferde aus und galoppierte zur
Schleuse. Wie ich auf das Pferd gekommen und warum ich nicht
hinuntergefallen bin, weiß ich heute noch nicht. Auf der
Schleuse rannte ich zu den Soldaten und erklärte ihnen
alles. Auch mein Vater kam dazu, dem ich weinend um den Hals
fiel. Er brauchte lange, um mich zu beruhigen. - Dieser
Soldat war nicht nur der jüngste von sechs Söhnen, sondern
auch der letzte, den seine russische Mutter durch den Krieg
verloren hat. - Ein anderer Soldat des Schleusenkommandos
kam durch eigenes Verschulden ums Leben. Er wollte in
trunkenem Zustand mit Hilfe einer geballten Ladung fischen.
Er stand am unteren Schleusentor auf der Kaimauer. Noch ehe
er das Bündel Handgranaten ins Wasser warf, detonierte dies
in seiner Hand. Er stürzte kopfüber in den Schleusengraben,
das Wasser färbte sich sofort rot von seinem Blut. Ein paar
seiner Kameraden, die hinter ihm gesessen hatten, wurden von
Splittern getroffen. Der ungewöhnlich laute Knall hatte das
gesamte Schleusenpersonal alarmiert. Einige der
herbeieilenden Männer kümmerten sich um die Verwundeten, die
anderen fingen an, mit langen Enterhaken nach dem Toten zu
suchen. Die Haken verfingen sich an seiner Uniform, so daß
ihn die Suchenden aus dem Wasser ziehen konnten. Es bot sich
uns ein grausiges Bild. Der rechte Arm war abgerissen, das
Bein hing nur noch an den Sehnen, und die rechte Körperseite
war völlig zerfetzt. Die Helfer legten den Leichnam auf der
Schleusenmauer ab und deckten ihn zu. Gleich wurde ein
schlichter Sarg gezimmert und der Tote hineingebettet. Am
nächsten Morgen nahmen seine Kameraden mit einem Kuß auf die
Stirn von ihm Abschied, und nach einem militärischen Salut
fand er im Garten der Schleusenmeisterei neben seinem
Kameraden die letzte Ruhestätte. Später stellten die Russen
einen hölzernen Obelisk mit einem Sowjetstern auf der Spitze
an die Grabstelle. In zwei Vertiefungen waren die Bilder der
Toten hinter Glas angebracht.
Solche oder ähnliche Fälle gab es fast täglich. Russen
jagten in der Nähe des Dorfes und erschossen dabei ein
spielendes Kind. Immer wieder verunglückten Kinder und
Jugendliche, die mit Waffen und Munition hantierten. Sie
verloren ihr Leben, Extremitäten oder das Augenlicht.
Plünderer brannten Häuser nieder, Frauen wurden belästigt.
Das führte bei der Frau R., die mit ihrem zehnjährigen Sohn
und Schwiegervater in einem Einfamilienhaus lebte, dazu, daß
sie eines Nachts die Türen verstellte, Benzin ausgoß und das
Haus in Brand setzte. Mein Schulkamerad Manfred rettete sich
mit einem Sprung aus dem Fenster. Den alten kranken Mann
konnten mein Vater und Bruder noch aus dem schon brennenden
Bett holen, aber er verstarb noch im Hof an seinen
Brandverletzungen. Frau R. verbrannte in ihrem Haus. Ihr
später heimkehrender Mann barg aus den Trümmern einige
verkohlte Knochen und brachte diese zum Friedhof. Aber es
gab auch solche Frauen, die sich den Russen und Polen
freiwillig hingaben. Selbst vor uns Kindern schämten sie
sich nicht. In aufdringlicher und obzöner Weise boten sie
sich den Siegern an. Aber sie waren und sind wohl kein
Maßstab.
Das Elend war groß, die Angst wurde immer größer. Die
Deutschen im Dorf wurden weniger und die Polen mehr. Manche,
die als Unschuldige unter den Deutschen zu leiden hatten,
ließen jetzt ihre Wut wieder an den Unschuldigen aus. - Ein
ekelhafter Kreislauf. - Zu den weniger Gehässigen gehörte
ein polnischer Offizier, der sich beim Einzug ins Dorf die
Kornmühle angeeignet hatte. Diese wollte er mit polnischem
Personal betreiben, aber das ging schief. Von fünf Sack
Getreide klauten ihm seine Landsleute sechs. Er entließ
alle, bis auf einen 80 Jahre alten Mann, den er aus Mitleid
behielt, Jadko, so hieß der Mann, trank sich einen an und
schlief seinen Rausch auf den Getreidesäcken aus. Der
Mühleninhaber stellte jetzt deutsches Personal ein, darunter
auch meinen Bruder. Da es immer noch keinen elektrischen
Strom gab, musste die Mühle mit einer alten Dampfmaschine
betrieben werden. Diese brauchte aufgrund ihrer zahlreichen
Lecks sehr viel Wasser. Mit einer primitiven Flügelpumpe
mußte mein Bruder stundenlang das Wasser aus einem
Oderseitenarm zu der Lokomobile pumpen. Er verlor dabei so
viel Kraft, daß mein Vater ihn - wann immer sich Gelegenheit
bot - ablöste. Der Müller bezahlte seine Arbeitskräfte
wahlweise mit Mehl, Brot oder Geld, womit die Ernährung
gesichert war und ein Aufgeben nicht in Frage kam. Wenn die
Männer ihren Lohn nach hause trugen, folgte ihnen manch'
neidvoller Blick. Die jungen Leute hatten alle festgelegte
Aufgaben, waren verantwortlich für Klein- und Großweh, für
Mühle, Küche und Hausreinigung. Der Müller war fair in
seiner Behandlung, die Leute waren fleißig, und der Betrieb
lief.
Die Schleuse ging allmählich in polnischen Besitz über
und deutsche Arbeiter mußten polnische anlernen. Das war für
die Erwachsenen ein Zeichen unserer bevorstehenden
Ausweisung. Ader es sollte noch dauern. Es lebten nur noch
ca. 40 Deutsche im Ort. Mit Genehmigung der polnischen
Behörden zogen wir in beieinander liegende Häuser um. Davon
versprachen wir uns mehr Schutz. Unsere Familie bewohnte
jetzt mit einer anderen das Haus meiner Tante, die nicht
zurückgekehrt war. Obwohl der Winter 1946/47 sehr kalt war,
überstanden wir ihn gut, fehlte es doch nicht an Steinkohle
aus den oberschlesischen Gruben. - Mit dem Einzug des
Frühlings begann für mich ein schöner Abschnitt dieser
traurigen Zeit. Als die Oderwiesen anfingen zu grünen,
fragte der Müller meinen Vater, ob ich für ihn die Kühe
hüten wollte. Da ich dafür entlohnt und beköstigt werden
sollte, sagte mein Vater zu. Am bestimmten Tag wurden die
Stalltüren geöffnet, und die Kühe zogen zu den Wiesen. Nach
dem langen Winter waren sie unbändig und tobten sich erst
einmal aus. Zwischen den Tieren kam es zu Kämpfen, wobei
manches Horn entzwei ging. So fanden sich auf den Weiden die
Arten zusammen, Pferde, Kühe, Schafe. Gänse und Enten
tummelten sich auf Fluß und Teich. Wir Kinder hatten nur
aufzupassen, daß den Tieren nichts passierte oder sie nicht
zu weit wegliefen. Mit den Polenkindern kam ich bis auf
wenige Ausnahmen gut zurecht. Wir lernten voneinander die
Sprache und ritten wie die Cowboys. Die polnischen Jungen
und Mädchen pflegten Dinge, die für mich bis dahin tabu
waren. Sie rauchten, tranken Schnaps und trugen Waffen,
überwiegend Messer und Pistolen. War ich zum Rauchen noch zu
überreden, so konnten sie mich zum Trinken nicht bewegen,
auch wenn sie mich der Feigheit bezichtigten und auslachten.
Der Schnaps war Eigengebräu aus Kartoffeln. Vater hatte es
mir strikt verboten, so etwas zu trinken. Und Waffen zu
tragen, das war für Deutsche strengstens verboten. Der
Sommer kam, wir schwammen zusammen in der Oder und brachten
uns gegenseitig Fertigkeiten bei. Ich zeigte den
Polenkindern, wie man angelt. Sie zeigten mir, wie einem
Pferd die Vorderbeine gefesselt werden, damit es zwar
grasen, aber nicht fortlaufen kann. Ich hatte vier Kühe und
zwei Pferde zu hüten. Die Pferde "Nuschka" und "Sorka" waren
meine Lieblinge. Es waren leichte Kutsch- und Reitpferde.
Wenn der Müller eines oder auch beide benötigte, hatte ich
sie ihm zuzuführen. Eine Uhr war für uns nur ein
Wunschtraum, also mußte ich mich auf Sonnenstand und
Zeitgefühl verlassen. Meistens lag ich gut damit, so daß ich
die Pferde pünktlich abliefern konnte. Einmal kam ich beim
Einfangen der Pferde allerdings in eine kritische Situation.
Als ich mich der Herde näherte, kam plötzlich der Leithengst
mit angelegten Ohren auf mich zu. Nirgends war ein Baum oder
Strauch, auf dem ich hätte Schutz suchen können. In meiner
Not riß ich das mitgeführte Halfter von der Schulter und
schwang es kräftig über meinem Kopf. Damit traf ich den
schmucken Falben mit schwarzem Schwanz und schwarzer Mähne
am Kopf. Er stoppte, hob sich auf die Hinterhand und
galoppierte unter Gewieher davon, ihm nach natürlich die
ganze Herde. So hatte ich Mühe, das von mir geforderte Pferd
einzufangen. Später habe ich meinen Pferden immer die Beine
gefesselt, wenn sie im Laufe des Tages gebraucht wurden. Und
ich wünschte mir, daß der Müller sie jeden Tag benötigte,
konnte ich sie dann doch zum Dorf reiten. Reiten, das war
für mich eines der herrlichsten Gefühle. Obwohl ich nun
schon 12 Jahre alt war, hatte ich doch noch Schwierigkeiten,
auf ein ungesatteltes Pferd zu steigen. Ohne Hilfsmittel,
wie Baumstubben, Mauer oder ähnliches, kam ich nicht hinauf.
Bis es mir der Müller - als Kavalerist - zeigte. Mit
Pflichten, Spiel und Vergnügen verging der Sommer.
Vertreibung
Im September 1947 hieß es dann auch für uns: Ausweisung.
Für uns war es die Vertreibung aus unserer Heimat. Die
Behörden gaben bekannt, daß wir 50 kg Gepäck pro Person
mitnehmen dürften. Obwohl darauf vorbereitet, traf es uns
wie ein Schlag. Meine Eltern hatten schon ...zig Male die
Koffer und Säcke ein- und ausgepackt. Es standen immer die
Fragen: Was ist wichtig? Wo würden wir hinkommen? Was würden
wir in der Fremde am dringendsten benötigen; Kleidung,
Wäsche, Geschirr, Werkzeug? Wieviel von den Dingen des
täglichen Lebens packen wir ein? Nötig wäre alles gewesen,
aber was sind 50 kg pro Person. Nach langem Reden und
Streiten, Ein- und Auspacken hatten wir beisammen, was uns
damals wichtig erschien. Unter anderem war dies auch
Werkzeug, wie Hammer, Zange, Hobel, Bügelsäge und sogar eine
Schrotsäge. Dank der Weitsicht meines Vaters, haben uns
diese Dinge später sehr geholfen. Mir persönlich gestatteten
meine Eltern ein Säckchen voll liebgewordener Sachen: Ein
Atlas, Indianerbuch, eine Gießform für ein Bleisoldaten,
eine Schachtel voll Angelhaken, eine Bommelmütze und ein
Bündel Gummistreifen für ein Katapult. Manche dieser Stücke
bewahre ich heute noch auf.
Am Tage der Ausweisung erschienen Miliz und Bürgermeister
und erklärten uns, in einer halben Stunde müßten wir die
Wohnung verlassen haben. Draußen hatte sich der Müller mit
meinen Lieblingen "Nuschka" und "Sorka" eingefunden. Er
hatte sich bereit erklärt, die Deutschen nach Breslau zu
bringen. Viele Polen schauten zu, als wir unsere
Siebensachen auf dem Wagen verstauten, einige grinsten
hämisch. Die Gepäckstücke wurden gewogen, was zu viel war,
blieb zurück. Nach einer halben Stunde wurden die Wohnungen
versiegelt. Vorher hatten aber zwielichtige Gestalten unter
den Polen die Fensterverriegelungen gelöst; wahrscheinlich,
um nachts einzusteigen. Unter Tränen der meisten unserer
Leute verließen wir das Dorf. Während die Wagen auf der
Straße fuhren, nahmen wir jungen Leute eine Abkürzung über
die Oderwiesen zu unserem Nachbarort Großbrück. Mit dem
Lied, von allen gesungen, "Nun ade, du mein lieb Heimatland
..." nahmen wir Abschied von unserem schönen Dorf an der
Oder. - Seine mir so vertraute Silhouette sollte ich erst 28
Jahre später als Tourist Wiedersehen. - Nach 20 Kilometer
Fußmarsch erreichten wir Breslau. An einem Bahnhof wurden
die Wagen entladen. Der Müller verabschiedete sich von uns
mit guten Wünschen und fuhr zurück. Dann waren wir wieder
der Willkür gehässiger Menschen ausgesetzt. Wir kampierten
in einem Gebäude, und die draußen gestapelten Gepäckstücke
mußten die Männer bewachen. Andauernd strichen beutelüsterne
Polen um die Unterkunft. Vom Bahnsteig aus sah man nur auf
ein riesiges Trümmerfeld, so weit das Auge reichte. Es
standen nicht einmal mehr Schornsteine. Ich weiß bis heute
nicht, auf welchem Bahnhof Breslaus wir uns befunden
haben.
Bis auf zwei markante Ereignisse kann ich mich an weitere
Stationen unserer Fahrt nicht erinnern; erstens beging ich
meinen 13. Geburtstag im Viehwaggon und zweitens war es
unsere Zwischenstation im Quarantänelager Neustadt/Orla.
Nach diesem Aufenthalt in Neustadt endete unsere "Reise" im
Kreis Nordhausen. Auf dem Bahnhof Niedersachswerfen wurde
unter anderen auch unser Name aufgerufen, und wir verließen
den Waggon. Nun saßen wir da und harrten der Dinge, die da
kommen sollten. Obwohl für mich schon wieder etwas Neues,
was Neugier und Interesse erwecken konnte, übertrug sich die
gedrückte Stimmung der Erwachsenen auch auf uns Jungs. Und
dann kam auch das, was ein Gefühl der Erniedrigung erzeugte:
Mit langen und abweisenden Gesichtern holten uns die vom
Bürgermeister geschickten Bauern aus Harzungen ab. Unsere
Habseligkeiten wurden zum ...zigsten Mal verladen, und unter
vieldeutigen Blicken zogen wir durch Niedersachswerfen und
dann Harzungen entgegen. Mit uns kamen die Familien Stein
und Peisker in den Ort, wo wir erst einmal auf dem
Gemeindesaal eine vorläufige Bleibe fanden. Einige Tage
später wurden wir in ein Zimmer des Bauern W. eingewiesen,
dessen ganze Ausstattung aus einer nackten Glühbirne
bestand. Wir hatten wieder ein Dach über dem Kopf. Die
Heimat haben wir verloren, aber nie vergessen!
Karl Beutner, Große Bahnhofstraße 46, 0-5506
Niedersachswerfen
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