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Flucht über die Berge
Ein Schlesier, Karl Beutner, erinnert sich, Dezember 1996

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Vorwort

Die vorliegenden Erinnerungen möchte ich dem Andenken meiner Mutter widmen, ihr und allen Frauen der Vertreibungsgebiete und bombengeschädigten Städte. Waren sie es doch, die neben der Erziehung ihrer Kinder auch deren Versorgung und Schutz zu übernehmen hatten. Umfaßt diese Niederschrift auch nur knapp drei Jahre meines Lebens, so waren sie doch prägend und ließen viele Fragen auftauchen. Wo war zum Beispiel der alte gütige Mann, der alles sah, alles wußte, alles lobte, aber auch alles strafte? Warum sah er den Grausamkeiten zu? Mein damals kindlicher Glaube an ihn hatte einen tiefen Riß bekommen. Oder: Warum fallen wir Menschen immer wieder auf die Politiker herein? Wann begreifen wir, daß in einem Krieg immer die "Kleinen" die Verlierer sind, auch wenn sie zu den Siegern zählen? Die Geschichte beweist es. Oder: Warum behandelten uns viele der Einheimischen wie Aussätzige? Wir brauchten damals Hilfe statt Mitleid und Akzeptanz statt Bedauern. Warum erkannten viele nicht, daß es nur ein glücklicher Zufall war, einige Kilometer weiter westlich zu wohnen.

Auch Vertriebene machten Fehler. Manche haben gestohlen, andere aufgeschnitten. Eines geschah aus Not, das andere aus Geltungsbedürfnis. Aber gibt es solche Menschen nicht  i m m e r  und  ü b e r a l l ?  Bis in jüngste Zeit hatte man zu tun, Vorurteile und Mißverständnisse auszuräumen. Eine alte Frau beklagte sich zum Beispiel mir gegenüber, die Vertriebenen wären mit nichts gekommen, und viele davon hätten jetzt alles. Ich gab mich als auch ein Vertriebener zu erkennen. Und auf meine Frage, was sie denn aus ihrem Haushalt bei 50 kg Gepäck mitgenommen hätte, mußte sie passen und wurde nachdenklich. Sie war aber so fair einzugestehen, daß sie uns Vertriebenen wohl unrecht getan hatte. Wenn ich bei manchem Leser eine ähnliche Resonanz erzielen könnte, wäre ich sehr zufrieden.

Die Flucht

Schlesien, Januar 1945, die Quecksilbersäule zeigte seit Tagen - 25 Grad Celsius an. Mein älterer Bruder kam spät abends aus der Berufsschule, die er in Breslau besuchte, nach Hause und bat meinen Vater nach draußen. In seinem Gesicht lag etwas wie Spannung und Neugier. Als sie wieder die Stube betraten, sagte mein Vater zu uns: "Jetzt wird es ernst." Wir, das waren meine Eltern, mein dritter Bruder und ich. Die beiden ältesten Brüder standen an der Front, die langsam aber sicher zusammenbrach. Schon lange gingen Gerüchte um von Flucht und dergleichen. Aber wo sie laut wurden, traten Menschen auf, die sie widerlegten und die Zweifelnden auf die Tapferkeit und den Mut unserer Armee hinwiesen. Für uns Kinder waren dies in erster Linie unsere Lehrer. Und tatsächlich kam es trotz verschiedener Anzeichen vom Näherrücken der Ostfront zu keiner Panik. Während man drinnen in Grübeln verfiel, schlich ich mich hinaus. Durch die Andeutungen meines Vaters war auch meine Neugier geweckt worden. Draußen sah ich mich um, konnte aber in der Dunkelheit nichts Besonderes feststellen. Erst als ich um die Hausecke kam, sah ich etwas, was mein zehnjähriges Knabenherz einen Augenblick in Angst zusammenzog. Der ganze östliche Himmel war rot gefärbt, und ich hörte ein ganz fernes, ganz leises Poltern und Rummeln. Obwohl ich den Krieg mit all seinen Schrecken noch nicht kannte, wußte ich: Das ist die Front. Diesen Begriff kannte ich auch nur aus Unterhaltungen der Erwachsenen, ohne genaue Kenntnisse von seiner Bedeutung zu haben.'

Am nächsten Abend kamen Vater und Bruder von der Arbeit heim und lachten meine Mutter aus ob ihrer Angst. Mutter hatte ihre Schwester getroffen und dabei erfahren, daß unser Dorf in kürze evakuiert werden sollte. Der Ortsbauernführer des Dorfes, der meiner Tante den Acker bestellte und sie dafür in der Ernte bei ihm half, hatte es ihr anvertraut. Mein Vater und Bruder dagegen hatten durch Rundfunk und Presse von einer erfolgreichen Gegenoffensive gehört. Deshalb verlachten sie meine vorsorgliche Mutter, die - dadurch gehemmt - keine weiteren Vorbereitungen für eine eventuelle Flucht traf. Ich selbst kümmerte mich um die Sorgen der Großen wenig. Den blutroten Himmel und das ferne Grollen hatte ich bei meiner Kindheit schon vergessen. Väterchen Frost und Frau Holle hatten es gut mit uns Kindern gemeint, und so tummelten wir uns auf der zugefrorenen Oder und im tiefen Schnee.

In der zweiten Nacht nach diesen Ereignissen, am 20. Januar 1945, änderte sich die Lage unwiderruflich, und es wurde wirklich ernst. Wir lagen im tiefen Schlaf, als es laut an der Haustür pochte. Vater warf sich schnell etwas über und öffnete. Vor ihm standen zwei Mädchen des "Bund deutscher Mädchen" und überbrachten die Anordnung des Bürgermeisters zur Räumung des Ortes. Zugleich erfuhr er auch, daß er als Volkssturmmann und mein Bruder, der 16 Jahre zählte, körperlich aber gut entwickelt war, den Ort nicht verlassen dürften. Mutter und ich wurden geweckt und in der Küche Rat gehalten, was zu tun sei. Obwohl selbst alter Soldat, traf mein Vater eine falsche Entscheidung: Mutter - als Frau - und ich - als Kind - hätten nichts zu befürchten. Er und mein Bruder wollten sich beim Einmarsch der Russen solange versteckt halten, bis die Gefahr worbei sein würde. Nach diesem Urteil legten wir uns wieder zu Bett, obwohl niemand mehr schlafen konnte. Jeder dachte an die Zukunft. Ich grübelte, ob die Russen wirklich so aussehen würden wie auf den Plakaten, die an den Häusern und Litfaßsäulen klebten. - Heute weiß ich es. - Die Jugend verlangte ihr Recht, und ich schlief wieder ein.

Morgens, gegen 5 Uhr, wurde ich von erregten Stimmen geweckt. Ehe ich recht begriff, um was es ging, kam meine Mutter zu mir und sagte: "Steh auf, wir müssen fort!" Sie gab mir meine Sachen und half mir mit zitternden Händen beim Anziehen. In der Küche saß Bernhard Barth, ein älterer Mann, mit dem sich mein Vater gut verstanden hat. Er brachte uns Fleisch und Fett und war erstaunt, ja entsetzt, uns noch schlafend zu finden. Als mein Vater ihm seinen Entschluß mitteilte, wurde der sonst so gutmütige Alte böse. Er schimpfte solange in allen Tonarten auf meinen Vater ein, bis dieser sich entschloß, uns - und vielleicht auch sich selbst - der Fremde anzuvertrauen. Um 7 Uhr sollte der Treck das Dorf verlassen. Wir hatten also zwei Stunden Zeit zum Packen. Wie gut, daß Mutter vorsorglich schon die meisten Federbetten in Säcke gestopft hatte. Denn jetzt wurde in der Aufregung natürlich das eingepackt, was am schlechtesten war. An Papiere oder ähnliches hat niemand gedacht. Da wir auch keinen Bauern wußten, auf dessen Wagen wir unser Gepäck laden könnten, blieben diese Säcke stehen. Nur einen Koffer mit Lebensmittel und einen Bettsack schnallte mein Vater auf ein Fahrrad, welches Mutter schieben sollte. Auch sein eigenes und das meines Bruders bepackte er auf diese Weise. Es war nun höchste Zeit geworden, daß wir uns zur Hauptstraße begaben, wo sich der Treck sammeln sollte. Vater und Bruder begleiteten uns dorthin. Es war ein bitterkalter Morgen, und schneidender Ostwind wehte uns feinen Schnee ins Gesicht. Noch war von einem bevorstehenden Treck nichts zu sehen. Wir warteten und vertraten uns die Füße. Nach einiger Zeit kamen die ersten Fuhrwerke die Straße herauf. Wir verabschiedeten uns voneinander, um uns den Abschied im Angesicht der Not der anderen Menschen nicht noch schwerer werden zu lassen. Vater und Bruder stapften die Straße wieder nach Hause, und mir kam es vor, als wollte ich einen Ausflug mitmachen und nicht eine Flucht vor der Kriegsfurie.

Inzwischen waren immer mehr Fuhrwerke angekommen, die nun hintereinander hielten, hochgetürmt beladen. Und auf diesen schwankenden Bergen aus allen möglichen Behältnissen, von der Waschwanne über den Koffer zum Leinensack, saßen alte Frauen und kleine Kinder; beide Altersstufen nicht mehr oder noch nicht des Laufens fähig. Auch der Wagen des Ortsbauernführers hielt unweit von uns. Obenauf saß meine Großmutter. Und auch meine Tante hielt hinter dem Wagen. Ihr schlossen wir uns an. Den Koffer bekamen wir noch auf dem Wagen unter, den Bettsack wollte meine Mutter lieber selbst auf dem Fahrrad transportieren. Meine Tante machte meiner Mutter klar, sie solle schnell zum Bürgermeister laufen und ihn bitten, wenigstens meinen 16jährigen Bruder mit uns ziehen zu lassen. Mutter befolgte diesen Rat, und der Bürgermeister ließ sich tatsächlich dazu bringen, diesem Wunsch nachzugeben, obwohl er ein fanatischer Nationalsozialist war. Er selbst hatte sich allerdings einen sogenannten "Heimatschuß" durch den Handteller verpaßt. Ich hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun, wie ein Hase nach Hause zu flitzen, um meinen Bruder zu holen. Stürmisch riß ich die Tür auf, aber was sah ich da? Die beiden Männer saßen am Küchentisch, bewaffnet mit Eßlöffeln und leerten die Einkochgläser. Auf mein erstauntes Gesicht hin lachte Vater und sagte: "Ja, mein Junge, wir wollen den Russen so wenig wie möglich lassen." Aber niemand von uns hat an die bratfertige Gans gedacht, die in der Kälte auf dem Dachboden hing und für einen unverhofften Fronturlaub einer meiner ältesten Brüder reserviert war. Später haben wir gehofft, daß sich wenigstens deutsche Soldaten diese Gans in die Pfanne gehauen haben. - Mein Drängen bewog meinen Bruder nun doch, seine "Mahlzeit" zu beenden, sein Fahrrad zu nehmen und nach nochmaligem Abschied von Vater mit mir zu gehen.

Auf der Hauptstraße hatte sich nun der Wagenzug fast vollständig formiert. Als auch die Nachzügler heran waren, brach gegen halb acht Uhr morgens das Dorf auf. Als Endziel galt die Stadt Gottesberg im Waldenburger Bergland. An der Oder, an welcher unser Dorf lag, sollte für die russische Armee Endstation sein. Alle hofften mit bangem Herzen, daß es so würde. - Wir hatten kaum die schützenden Mauern des Dorfes verlassen, sprang uns der kalte Wind an, und die ersten Pferde stürzten. Sie hatten keine hohen Stollen unter den Hufen, was auf den eisglatten Straßen sehr zum Nachteil war. Durch solche Zwischenfälle kam der Treck nur sehr langsam voran. Kurz vor Mittag erreichten wir unsere Kreisstadt Ohlau. Auf der Oderbrücke, die wir passierten, sah ich bunte Drähte und Schnüre liegen, deren Bedeutung ich mir nicht erklären konnte. - Es waren die Zündschnüre für die Sprengung der Brücke, wie mir mein Bruder erklärte. - An den Dämmen der Oder hoben deutsche Soldaten ihre Schützenlöcher und Stellungen aus. Sie lachten und winkten uns zu, schienen ungebrochenen Mutes und voller Zuversicht. Überall waren Arbeiten im Gange, die Oder zu einer Festung werden zu lassen. Am Abend erreichten wir ein größeres Dorf, in dem Quartier gemacht wurde. Die Bewohner dieses Dorfes sollten ebenfalls evakuiert werden, zögerten aber so lange wie möglich. Sie rückten zusammen und halfen wo es ging in dem Bewußtsein, einmal selbst in diese Situation zu kommen. In der Stube, in der wir unterkamen, wurde es eng und noch mehr als eng. Die Menschen lagen wie die Heringe auf dem Fußboden. Eine Junge Frau mit einem Säugling hatte den bequemsten Platz bekommen. Aber das Kind war damit nicht zufrieden. Es weinte die ganze Nacht und ließ uns kaum schlafen. Auch von draußen war ein ewiges Rattern und Fahren zu vernehmen: Trecks, die noch unterwegs waren, das Dorf aber besetzt fanden, mußten weiter, Kriegsmaterial, das an die Front transportiert wurde, Verwundete, die zurückgebracht wurden - ein ewiges Hin und Her.

Am anderen Morgen ging es früh weiter. Die Straßen wurden immer voller, es gab Stockungen. Jetzt schlossen Trecks sich schon zu langen, langen Wagenkolonnen zusammen. Und immer mehr kamen dazu. Es war ein Chaos. Frauen und Kinder weinten, die Kutscher fluchten, Feldgendarmerie hielt für entgegenkommende Wehrmachtskolonnen die eine Straßenseite frei. Wenn ich meine Mutter verstohlen betrachtete, bemerkte ich, daß sie abmagerte und traurige Augen hatte. Aber verbissen schob sie ihr Fahrrad durch den hohen Schnee. Mir war ja auch nicht ganz wohl ums Herz, wenn ich an den Vater und an unser Zuhause dachte. Wir hatten aber Erlebnisse, die uns übertrübe Gedanken hinweghalfen, aber auch viele, die uns in Angst und Schrecken versetzten. Eines der letzteren erlebten wir an einem Abend, als es schon zu dämmern anfing. Wir waren bereits mehrere Tage unterwegs, müde und abgespannt. Einige Wagen hinter uns hatte sich ein mit Planen überspanntes Fuhrwerk in die Kolonne eingeschoben. Beim Umherstromern hatte ich beobachtet, daß unter der Plane Frauen und Kinder saßen. Ein alter Mann lenkte die feurigen Rappen, welche vor den Wagen gespannt waren. An jenem Abend kreuzte eine Eisenbahnstrecke mit unbeschranktem Bahnübergang unseren Weg. Wir waren noch ungefähr 300 Meter vor dem Übergang, als zur Rechten ein Güterzug, mit Volldampf aus dem Wald kommend, auf uns zufuhr. Plötzlich hörte ich hinter mir laute Schreie, ehe ich mich umdrehen konnte, riß mein Bruder mich zur Seite, und in vollem Galopp rasten die Rappen mit dem Wagen an uns vorüber. Der alte Kutscher bemühte sich vergeblich, die scheuen Tiere zu zügeln. Gerade auf dem Bahnübergang erreichte sie der Zug und ein vielstimmiger Schrei zeigte an, daß der Zug den Wagen überfahren und mitgeschleift hatte. - Der Treck zog weiter. Niemand hatte Zeit, sich um die Verunglückten zu kümmern, um nicht selbst in der aufsteigenden Dunkelheit verloren zu gehen. - Ich sah nur noch im Dämmerschein einige dunkle Gegenstände entlang der Bahnlinie liegen. Dann war auch das vorbei.

Von Osten wehte ein eisiger Schneesturm, und jeder stapfte verbissen durch den immer höher werdenden Schnee. Das Heulen des Sturmes, Schnauben der Pferde und Weinen der kleinen Kinder und alten Menschen, die auf den Wagen dem Sturm schutzlos ausgesetzt waren, ohne sich durch Bewegung erwärmen zu können, bildeten zu allem ein trauriges Konzert. Langsam näherte sich dieser traurige Zug den ersten Ausläufern des Sudetengebirges. Dieses Gebirge mit dem vorgelagerten Zobten konnten wir bei ganz klarem Wetter von zu Hause aus sehen und angeregt durch Indianerbücher, war es schon immer mein Wunsch gewesen, dieses Gebirge einmal aus der nähe zu sehen. Die Landschaft um mein Heimatdorf Rattwitz ist flach und eben. - Undeutlich drangen Rufe und Wortfetzen der hinter uns kommenden Menschen an mein Ohr. Sie kamen näher und wurden deutlicher. Plötzlich hörte ich ganz klar den Ruf einer Frau: "Herr Beutner, wo ist mein Mann?" Eine rauhe Männerstimme, die ich als die meines Vaters zu erkennen glaubte, antwortete: "Wir haben uns in Jungfernsee getrennt. Er versucht, mit drei weiteren Männern Gottesberg auf anderem Wege zu erreichen!" Kaum war unser Name gefallen, fuhr ich herum und sah aus der Dunkelheit und durch das Schneestreiben eine dunkle Gestalt auf uns zukommen. - Es war tatsächlich mein Vater. - Er schwitzte trotz des eisigen Windes. Der Marsch entlang des Trecks mit dem Fahrrad an der Hand und das stete Rufen und Suchen nach uns hatten ihn angestrengt. Endlich hatten wir unseren Vater wieder! Aber keiner wußte, wann er wieder aufgefangen würde, um im Kampfgebiet Schützengräben ausheben oder gar als kämpfender Zivilist an die Front gehen zu müssen. Für eine große Begrüßungszeremonie war keine Zeit, sie fiel deshalb kurz aber herzlich aus. In knappen Worten erzählte uns Vater von seiner Flucht. Er hatte sich mit anderen Volkssturmmännern über die zugefrorene Oder in Richtung Gottesberg abgesetzt. Wir waren froh, daß alles gutgegangen war. - Bisher! -

Im nächsten Dorf, welches der Treck erreichte, wurden die Quartiere bezogen. Die Menschen und auch die Tiere waren froh, endlich ausruhen zu dürfen. Mein Vater aber sagte nur zu uns: "Wir ziehen weiter." Schnell holte mein Bruder den Koffer vom Wagen und verstaute ihn noch zusätzlich auf seinem Fahrrad. Der Sturm hatte sich gelegt, aber dafür wurde es noch kälter. Der Himmel klarte auf, und die Sterne beleuchteten unseren Weg. Hinter dem Dorf erklärte Vater seine Maßnahme: "Für vier Menschen ist es leichter, sich durchzuschlagen als für große Massen. Man erhält leichter Quartier und auch Verpflegung. Außerdem befürchte ich, daß die Trecks von Flugzeugen angegriffen werden könnten. Auch das ist für große Menschenmassen gefährlicher." Diese Erklärungen leuchteten ein, und so zogen wir weiter. Der Schnee knirschte und quietschte bei jedem Schritt. Gesprochen wurde nicht. Nach einer Stunde Marsch nahm uns der schützende Wald auf. Aber eine Pause gab es noch nicht. Es ging immer weiter und weiter. Vater führte, der Bruder hatte die Nachhut. Dazwischen ging ich mit der Mutter, der ich das Fahrrad schieben half. In meinen Füßen hatte ich ein Gefühl, als wollten sie abfallen. Bei dem überstürzten Aufbruch in der Heimat hatte ich ein Paar braune Halbschuhe angezogen, die mir zu knapp waren. Das bereute ich jetzt bitter. Aber ich wollte nicht klagen und den anderen noch mehr Sorgen machen, als sie schon hatten. Also hieß es: Zähne zusammenbeißen. In der Hoffnung, hinter jeder Straßenbiegung ein Dorf auftauchen zu sehen, stapfte ich weiter. Die Biegungen kamen und gingen. Nichts war zu sehen, was auf Menschen schließen ließ. Schon wurde ich gleichgültig und döste vor mich hin, als plötzlich der Wald zu Ende war. Vor uns tauchte schemenhaft ein langgestrecktes Dorf auf. Unsere Straße traf im rechten Winkel auf eine andere und links von uns lag ein Gehöft, auf dem noch Leben war. Vater wollte dort versuchen, für uns ein schützendes Dach zu finden. Es war für ihn nicht leicht, als Bittender an eine fremde Tür klopfen zu müssen. Es konnten Menschen dahinter wohnen, die selbst mit dem Schicksal zu kämpfen hatten. Während er fort war, um mit den Leuten zu sprechen, schmerzten meine Füße so sehr, daß ich glaubte, ohnmächtig zu werden. Aber noch hielt uns die Ungewißheit aufrecht; wird man uns aufnehmen oder nicht?

Vater kam mit der frohen Botschaft zurück, daß wir auf dem Hof unterkommen könnten. In dem Bewußtsein, endlich einen Platz zu finden, sei er auch noch so klein, der aber Schutz vor der grimmigen Kälte bieten würde, nahmen wir unser Gepäck auf und gingen zum Hof, auf dem wir erst einmal die Fahrräder abstellten. Und dann betraten wir das Haus, was für ein Glück. Eine. solche Aufnahme hatten wir nicht erwartet. Im Hausflur schlug uns mollige Wärme entgegen. Die Hausfrau empfing uns herzlich und ganz selbstverständlich, ohne zu jammern und zu klagen, sondern als wären wir ein lieber Besuch. Sie führte uns in die Küche, in der zwei Männer und ein Mädchen saßen. Auch diese begrüßten uns sehr herzlich, so daß meine Mutter vor Freude still weinte. Ich glaube, an diesem Abend habe ich meine schönste Verbeugung gemacht. Wir hatten Unterkunft in einer Bäckerei gefunden. Die beiden Männer, das waren der Bäckermeister und ein kriegsgefangener Franzose. Das Mädchen war die Tochter der Bäckersleute. Der Meister munterte uns auf, uns wie zu Hause zu fühlen. Während wir uns der überflüssigen Kleidung entledigten, bereitete die Hausfrau ein Abendbrot, und die Tochter stellte Waschwasser zurecht. Endlich konnten wir uns gründlich vom Staub und Schmutz der letzten Tage reinigen, was nicht in jedem Quartier möglich gewesen war. Und dann dampfte vor uns auf dem Tisch eine große Schüssel voll Milch mit Semmeln. Von außen waren wir durch das Bad erwärmt, nun durften wir das gleiche von innen tun. Das war ein Genuß, den ich in meinem Leben nie vergesse. Keiner der Gastgeber störte durch Fragen, sondern sie schmunzelten, als wollten sie sagen: Laßt's euch schmecken. Das war das letzte, was ich bemerkt habe. Mit dem Löffel in der Hand bin ich eingeschlafen und nach zwei Tagen wie neugeboren aufgewacht. Ich mußte mich erst einmal besinnen, wo ich mich befand. Draußen hörte ich Stimmen und militärische Kommandos. An den Wänden sah ich weiße Kacheln und bemerkte, daß in diesem Raum eine wohlige Wärme herrschte. Ich lag in keinem Bett, sondern in der Backstube auf einem Strohsack, zugedeckt mit einer Wolldecke.

Ausgeschlafen sprang ich auf und zog mich an. Bei meinen Sachen standen ein Paar neue, aber viel zu große Filzlatschen. Ich probierte sie und fühlte dabei, daß ich beobachtet wurde. Hinter mir stand der Franzose und reichte mir ein Stück Schokolade. Nach einigem Zögern nahm ich es, bedankte mich, und er führte mich wieder in die Küche. Dort fühlte sich meine Mutter wirklich schon wie zu Hause, denn sie stand am Abwaschtisch und wusch Geschirr ab. Die Bäckersfrau und Tochter waren auch in der Küche beschäftigt. Von den Männern war niemand zu sehen. Mein Vater und Bruder hatten sich in den Ställen Arbeit gesucht. Denn neben der Bäckerei wurde auch noch eine Landwirtschaft betrieben. Für diese Hilfe war der Meister sehr dankbar, denn er hatte für die durchziehenden Trecks und Truppen Tag und Nacht zu backen. Auch für mich gab es etwas zu tun. In der Backstube trug mir der Franzose leichte Arbeiten auf, Brote einpinseln, Hefe und Sauerteig abwiegen, Brote in den Laden tragen. Ich war von meiner neuen Kunst so begeistert, daß ich meist wie ein Müller aussah. So vergingen ein paar Tage mit dem Anschein von Ruhe und Frieden. Das sollte sich jäh ändern!

Im Laden hatte ich Worte aus der Unterhaltung deutscher Offiziere aufgeschnappt, die wohl nicht für meine Ohren bestimmt waren. Sie sprachen von einem russischen Durchbruch bei Ohlau und daß russische Panzerspitzen bei Markstädt ständen. - Markstädt war unser Nachbarort in der Heimat, und so berichtete ich diese Neuigkeiten schnellstens meinem Vater. Daraufhin entschied er, am nächsten Morgen weiterzuziehen. Es tat uns allen leid, dieses gastliche Haus in Langseifersdorf am Fuße des Zobten verlassen zu müssen. Aber mir mußten ja unser genanntes Ziel Gottesberg erreichen, um wieder zu unserem Treck zu stoßen. Obwohl in Langseifersdorf noch niemand an Flucht dachte, fürchtete mein Vater, daß trotz des zähen Widerstandes die Oderfront nicht zu halten sei. An jenem Abend gingen wir früher schlafen, um Kräfte zu sammeln. Am anderen Morgen, ganz früh, bedankten wir uns herzlich bei unseren Gastgebern, verabschiedeten uns und zogen weiter, dem verschneiten Gebirge und einer ungewissen Zukunft entgegen. Die guten Leute hatten uns viel Glück für unseren Weg gewünscht.

Die verschneite Landstraße hatte uns wieder. Sie war überfüllt von Kolonnen aller Art: Flüchtlingstrecks, Militärkolonnen und Gefangenenzüge. Unser nächstes Ziel war die Stadt Schweidnitz, ein Straßenknotenpunkt. Und so herrschte dort auch ein unbeschreibliches Durcheinander. Wir durchquerten diese Stadt so schnell wie nur irgend möglich, um aus dem Trubel herauszukommen. Dank der Großzügigkeit der Bäckerfamilie waren wir mit Nahrungsmitteln noch gut versorgt, vor allem mit Brot. Deshalb konnten wir zügig weiterziehen. Immer höher wuchs vor uns der Gebirgszug der Sudeten empor. In diesen Tagen sah ich erstmals in meinem Leben Tote, alte Menschen und Säuglinge, die blaugefroren im Schnee lagen. Alle waren sie den Strapazen einer solchen Flucht nicht gewachsen. Niemand hatte Zeit, die Toten zu begraben. Langsam erreichten wir die Ausläufer des Gebirges. Das Schieben der Fahrräder wurde auf den ansteigenden Straßen im zermahlenen Schnee immer schwerer. Wie im Gebirge üblich, schlängelten sich diese Straßen an den Bergflanken entlang, wurden dadurch noch länger und anstrengender. Nach dem Passieren der Städte Waldenburg und Fellhammer kamen wir unter großen Anstrengungen an unser Ziel Gottesberg, Preußens höchstgelegene Stadt. Diese Stadt war zum Bersten vollgestopft mit Menschen. Viele zogen weiter. Wir aber blieben und wurden in Quartiere eingewiesen. Die Anmeldung beiden Behörden führte dazu, daß mein Vater sich bei den zuständigen Militärinstanzen zu melden hatte. Er wurde mit anderen Volkssturmmännern die Hälfte unseres zurückgelegten Weges zurücktransportiert und mußte in der Nähe des Zobten Panzergräben ausheben. Wir, d.h., Mutter, mein Bruder und ich erhielten zufällig wieder Unterkunft in einer Bäckerei. Diese war aber außer Betrieb, da der Bäcker im Felde stand. Auch diese Frau, sie war allein mit ihrem Kind, nahm uns freundlich auf. Wir wähnten uns in Sicherheit und gingen zum Alltäglichen über. Für uns Kinder war natürlich alles äußerst interessant. Es gab keinen Schulunterricht, Freunde hatte man wiedergefunden, und die Stadt brodelte von Menschen. Trecks, die durchzogen oder Rast machten, Militär mit allen möglichen Waffen fuhr durch die Stadt. Die Sorgen unserer Mütter um Männer, Kinder und die Zukunft bemerkten wir nicht. Mütter sind wahrscheinlich geduldiger im Ertragen von Leid.

Nach Tagen wurde unser Treck erneut zusammengestellt. Wir mußten Gottesberg in Richtung Süden verlassen. Wie den Unterhaltungen der Erwachsenen zu entnehmen war, hatte die Oderfront nicht gehalten, die Russen waren auf dem Vormarsch. Später war nachzulesen, daß sich auf der Oder eine panzertragende Eisdecke gebildet hatte und auch eine künstliche Überschwemmung aus den Talsperren aufgrund der Kälte fehlgeschlagen war. Bei Friedland überschritten wir die Grenze zu Böhmen und befanden uns auf dem höchsten Punkt der Sudeten. Unser Blick ging noch einmal zurück nach Gottesberg. - Die Treckführung gab bekannt, daß unser Treck Bayern erreichen wollte, um in der sogenannten "Alpenfestung" Schutz zu suchen. Das Gelände senkte sich allmählich. Pferde und Menschen hatten es nicht mehr so schwer. Auch das Wetter wurde etwas angenehmer, es war nicht mehr so bitter kalt. Das waren allerdings die einzigsten Lichtblicke in unserer Lage. Das Chaos auf den Straßen wurde immer größer. Jetzt kamen auch noch Häftlingskolonnen aus den Konzentrationslagern des Ostens hinzu. Diese Kolonnen trieben die Bewacher im Eiltempo an uns vorüber. Manche Häftlinge waren diesem Tempo nicht mehr gewachsen und stürzten zu Boden. - Sie wurden kurzerhand erschossen. - Es war ein unbeschreibliches Elend, was jeden Tag über die Menschen hereinbrach: Das Knallen der Schüsse, die Todesschreie der Sterbenden, das Weinen der Kinder, Frauen und Alten machten Mensch und Tier nervös. Beim Donnern der Panzermotoren stiegen die Pferde auf und schlugen aus oder gingen durch. Wagendeichseln brachen, die schnell irgendwie wieder repariert werden mußten. Und so mancher zurückbleibende Wagen hat seinen Treck nicht wiedergefunden. Mutter achtete streng darauf, dass ich immer bei ihr und am Wagen blieb. Es waren schon viele Kinder abhanden gekommen.

Unter diesen Umständen erreichten wir Nachod, eine größere Stadt im Böhmischen. Hier wurde unser Treck geteilt. Ein Teil der Flüchtlinge sollte mit der Eisenbahn nach Bayern gebracht werden. Der andere Teil sollte weiterziehen, um zu Fuß nach Bayern zu gelangen. Zum letzteren Teil gehörte auch Mutter mit uns zwei Jungen. Mit dem Rest des Trecks zogen wir also weiter, ohne zu wissen, was mit Vater und den beiden ältesten Brüdern war. Lebten sie noch? Wo waren sie? Trotz aller Sorgen und Not bekam uns unsere bewundernswerte Mutter jeden Tag satt. Ich frage mich heute noch, wie sie das geschafft hat. Ich glaube, wir haben es ihr durch Einhalten der geforderten Disziplin und unsere Standhaftigkeit gedankt. - Über Königgrätz näherten wir uns dann Prag. In einer sanft gewellten Landschaft lag das Städtchen Königsstädtl, in dem unser Treck anhielt. Die Pferde wurden untergestellt, die Wagen entladen und wir Flüchtlinge in einer Mädchenschule einquartiert. Jede Familie richtete sich ein so gut es eben ging. Über das aufgeschüttete Stroh breiteten wir eine Decke, die Habseligkeiten kamen ans Kopfende. Damit war unser Lager fertig, auf dem sich nun unser Leben abspielte, wie essen, schlafen, sitzen, spielen. Für die vielen Menschen waren nur die Schultoiletten vorhanden und somit die hygienischen Verhältnisse nicht die besten. Leute, die noch Kisten mit Porzellan oder ähnlichen Dingen mitschleppten, hatten jetzt arge Schwierigkeiten, diese in der Enge zu transportieren oder unterzubringen. Wie in solchen Massenquartieren üblich, gab es auch nachts keine Ruhe, und die Menschen waren gereizt und nervös.

Wir Kinder machten das beste aus der Situation und erkundeten die Stadt, natürlich zur Sorge unserer Mütter. Dort lernte ich Oblaten kennen und erfuhr, daß man auch grüne Tomaten sauer einlegen kann, die sogar genießbar waren. Bei unseren Streifzügen stießen wir auf eine deutsche Nachschubeinheit mit Pferden als Zugmittel. Mit den Soldaten schlossen wir bald Freundschaft und durften helfen. Also, putzten wir die Pferde, gaben ihnen Futter und Wasser und misteten den Stall aus. Wir fühlten uns wohl und machten natürlich auch Dummheiten. So kamen wir eines Tages auf die Idee, Heu zu rauchen. Dabei hatten wir nicht bedacht, daß unsere Mütter diesen Geruch an uns wohl feststellen würden. In ihrer Rage verprügelte mich Mutter mit einem Holzschuh. Meinem Freund in der gegenüber liegenden Ecke des Saales erging es ebenso. Es war das einzige Mal während unserer gesamten Flucht, daß mich meine Mutter geschlagen hat. Unsere neuen Freunde, die Pferde, ließen uns diesen Zwischenfall schnell vergessen. Sie brauchten Bewegung und mußten deshalb ausgeritten werden. Ein Soldat der Einheit fragte, ob wir dazu Lust hätten. Die hatten wir selbstverständlich. Ein Offizier begleitete uns auf unserem Ausritt, aber auf einem gesattelten Pferd, und zwar einem feurigen. Wir Kinder dagegen saßen auf den blanken Pferderücken, und mancher von uns rutschte einige Male wieder herunter. Die Gäule waren ganz schön lebendig, so daß wir einige Mühe mit ihnen hatten. Der Offizier packte uns aber bei der Ehre mit den Worten: "Was, ihr wollt deutsche Jungs sein?" Das wollte sich zu damaliger Zeit kein Junge nachsagen lassen, kein "deutscher Junge" zu sein. Wir brachten jedenfalls den Ausritt zu Ende mit dem Ergebnis eines aufgeriebenen Hinterns, der uns zu eigenartigem Gang veranlaßte.

So vergingen die Tage relativ friedlich, bis uns ein überfliegender Bomberverband der Alliierten wieder an den Krieg erinnerte. Die Flugzeuge flogen so tief, daß man die Besatzungen erkennen konnte. Zu unserem Erstaunen mußten wir bald wieder unsere Wagen beladen, um in der Gegend in den Dörfern untergebracht zu werden. Mutter kam mit uns beiden Jungs in ein ganz kleines Dörfchen mit dem tschechischen Namen Dvoriste. In einem leerstehenden Haus erhielten wir Wohnung. Zwar waren keine Möbel vorhanden, aber die Wohnung konnte beheizt werden. Holz und Kohlen wurden uns zur Verfügung gestellt. In dem kleinen Ort lebten wir trotz der Sorgen um Vater und Brüder friedlich dahin. Ich hatte mich mit einem Bauernehepaar angefreundet und durfte ihm helfen, wofür ich zu essen bekam. Damit war meine Mutter diese Sorge los. Bei den einsetzenden Feldarbeiten hatte ich ein schreckliches Erlebnis: Da der Krieg langsam zu Ende ging, patrouillierten Lastkraftwagen voll tschechischer Partisanen auf den Straßen. Ein deutscher Soldat, der weiß Gott woher kam, wurde von solch einer Patrouille gestellt und mit Gewehrkolben, Spaten und Füßen zu Tode geschlagen, daß nur ein blutiges Fleischbündel übrigblieb. Selbst das tschechische Bauernpaar war erschüttert über so viel Haß. Ich konnte tagelang schlecht schlafen und essen. - An einem Maimorgen wurden wir von Kanonendonner geweckt. Wir erfuhren,

daß in Prag ein Aufstand ausgebrochen sei und hart gekämpft würde. Gerüchte machten die Runde: Die Russen seien nicht mehr weit, der Krieg ginge zu Ende, wir könnten wieder zurück nach Hause. Da wir mit den anderen Flüchtlingen in den umliegenden Dörfern wenig Kontakt hatten, blieben es für uns eben nur Gerüchte. Bis eines Tages über einem Hügel seltsame Gefährte auftauchten. Kleine zottige Pferdchen vor flachen Fuhrwerken, mit fremden Soldaten beladen, kamen näher. Über jedem dieser Wagen flatterten rote Fahnen und Spruchbänder weiß bemalt. Die Soldaten sangen fremde, aber schöne Lieder. Die rote Armee, vor der wir geflüchtet waren, hatte uns eingeholt. Der Krieg war für uns vorbei. - Dachten wir. -

Ein grauenvoller Rückweg

Die Treckleitung funktionierte noch. Durch sie erfuhren wir, daß es nach Hause zurückgeht. Aber das galt nicht für alle. Aus mir nicht bekannten Gründen blieb ein Teil der Flüchtlinge unseres Trecks in der Tschechei, unter ihnen auch meine Tante und meine Großmutter. Sie alle wurden interniert, von den Tschechen unmenschlich behandelt und später ausgewiesen. Sie durften aber nicht zurück in die Heimat. Die restlichen Bauern sammelten die noch übrigen Flüchtlinge des Heimatdorfes ein, und so begaben wir uns im Mai 1945 auf den Rückweg. Es wurde ein Leidensweg.

War der Winter 1945 mit - 25 Grad Celsius und darunter ein eisiger, so ließ sich der Frühling zu unserem Glück gut an. Somit konnten wir im Freien übernachten und hatten nicht die Sorgen der Quartiersuche. Es kamen aber weit schlimmere. Das erste, was die Bauern hergeben mußten, waren ein oder auch beide Pferde. Die Russen spannten sie einfach aus und ließen dafür ihre abgehetzten Pferde stehen. Wir hatten unser Gepäck auf einem Wagen liegen, der nur noch von einem schweren Zugpferd gezogen wurde. Aber das Schrecklichste an dem ganzen Rückweg war, mit jedem Schritt, den wir Richtung Heimat taten, kamen uns neue Sowjetsoldaten entgegen. Und  a l 1 e  suchten sie Wertsachen, Schnaps und Frauen. Für viele Frauen und Mädchen begann der Leidensweg ihres Lebens. Auch die Fahrräder wurden uns sofort weggenommen. Wir persönlich hatten Mühe, wenigstens noch den Sack mit den Federbetten zu retten.

Bis zum Gebirge folgten wir ungefähr unserem Fluchtweg. Die Treckleitung bemühte sich, die größeren Ortschaften zu umgehen, was aber nicht immer möglich war. In einer Stadt, an den Namen erinnere ich mich nicht mehr, mußten wir auf dem Marktplatz anhalten und wurden ausgeplündert. Gruppen von Russen gingen zu den einzelnen Wagen, einer stieg auf, jagte mit Fußtritten die oben sitzenden alte Leute und kleinen Kinder hinunter und durchwühlte sämtliche Gepäckstücke. Er suchte zielstrebig nach Damenwäsche. Denn bei den Soldaten befand sich eine Tschechin. Hatte der Soldat ein entsprechendes Wäschestück gefunden, hielt er es hoch, und die Frau gab ihm durch Kopfschütteln oder -nicken zu verstehen, ob es ihr gefiel oder nicht. Je nach ihrem Urteil warf er die Sachen nach der einen oder anderen Seite vom Wagen herunter. Waren keine Dinge von Interesse in den Koffern oder Kisten und Säcken, warf der Russe einfach alles von oben. Durch diese Behandlung kamen Koffer, Kisten und sonstige Behälter in einen sehr schlechten Zustand, wie sich denken läßt. Als der Wagen bis auf den Boden durchsucht war, zog der Soldatentrupp mit der Tschechin weiter. Die Sachen, welche gefallen hatten, nahmen sie mit. Auf den übriggebliebenen Haufen stürzten sich nun die Flüchtlingsfrauen, jede auf der Suche nach ihrem Eigentum. Dabei hat es natürlich Zank und Streit gegeben. Eine genaue Identifizierung war bei dem Durcheinander kaum noch möglich. Es war oft ein trauriges Schauspiel. Auf diese Weise wurden die Wagen immer leerer und leichter, denn auch das schon erwähnte Porzellan und ähnliche Dinge waren Beute der Sieger geworden.

Bei einer anderen Razzia steckte mir einer unserer Bauern ein dickes Portemonnaie zu, da die Russen Kinder nicht durchsuchten. Erwachsene mußten dies immer und immer wieder über sich ergehen lassen. Bei dieser Aktion kam zudem noch ein bewaffneter Trupp Sowjets und nahm von unserem Treck sechs Jungen im Alter von 15 bis 16 Jahren mit, darunter auch mein Bruder. Mit der Begründung, die Jungs wären Militärangehörige, führten die Russen sie einer Kolonne Wehrmachtsgefangener zu. Alles Flehen und Weinen der betroffenen Mütter hatte keine Wirkung. Die Jungen mußten mit. Nun war ich mit Mutter ganz allein. Erst viel später haben wir erfahren, daß die Jungen in einem Sammellager als Zivilgefangene mit entsprechenden Papieren ausgestattet und nach Hause entlassen worden sind. Auch wußten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, daß mein Vater, als wir noch in dem Dörfchen Dvoriste lebten, nur 16 Kilometer von uns entfernt über Jicin auf dem Weg nach Hause war. So waren wir vier, Mutter und ich mit dem Treck, mein Bruder mit seinen Freunden, Vater mit einem Schicksalsgefährten, auf verschiedenen Wegen unterwegs, aber alle mit dem selben Ziel unser Zuhause. Jeder von uns trug die Hoffnung mit sich, die Angehörigen gesund wiederzusehen. Aber noch lag ein weiter und gefahrvoller Weg vor uns.

Mit uns waren jetzt noch weitere Trecks unterwegs, die ihrer Heimat zustrebten. Dazu kamen die nachströmenden Russen, befreite Häftlinge und Gefangene und marodierende Tschechen. Es war grauenvoll. Alle hielten sich an uns schadlos. Es wurde erschlagen, erschossen, geprügelt und vergewaltigt. Die Rache der Sieger fiel auf die Unschuldigen zurück. Eines der grausigsten Erlebnisse hatte ich auf offener Straße: Wieder einmal hörte das Rollen der Wagen auf. Ein Zeichen, daß der Treck angehalten wurde. Ein Weglaufen war sinnlos, mußten wir doch zusammenbleiben. Ein Verstecken war für die Frauen nicht immer möglich. Zu unserem Wagen gehörte ein junges Mädchen, daß schon mehrere Vergewaltigungen erdulden mußte. Die Erwachsenen hatten sich ausgedacht, das Mädchen auf dem Wagenboden zu verstecken. Sie hatten aus Koffern und Kisten einen Hohlraum geschaffen, wo die Bedrohte Platz fand. Obenauf wurden die anderen Gepäckstücke gestapelt und die nicht mehr gehfähigen alten Leute und Kleinkinder gesetzt. Alle warteten wir zitternd und voller Angst auf das Kommende. Die Russen ließen sich beim Durchsuchen der Wagen Zeit. Obwohl wir schon gänzlich ausgeraubt waren, suchten sie immer noch Wertgegenstände. Als ein Trupp von sechs Mann über unseren Wagen herfiel, Säcke und Koffer auf die Straße flogen, wurde unsere Angst unbeschreiblich. Mit einem Aufschrei des Grauens sah sich das Mädchen entdeckt. Der Russe zerrte es an den Haaren vom Wagen und warf es in den Straßengraben. Ihren Widerstand brachen die Russen mit Fußtritten. Allen Leuten männlichen Geschlechts drückten sie die Läufe der MPis in den Rücken - auch mir als Zehnjährigen - und nacheinander vergewaltigten sie das bedauernswerte Wesen. Wir alle mußten dabei zusehen. Zu unserer Angst gesellte sich nun noch der Haß. Nach dieser Orgie durften wir weiterziehen. Wie weit? Aufgrund solcher Überfälle versuchten die Frauen und Mädchen, sich den Vergewaltigungen durch Verkleiden zu entziehen. Sie zogen lange dunkle Röcke an, setzten sich Brillen auf, banden sich dunkle Kopftücher um, stopften sich sogar Buckel aus und nahmen bei Gefahr eine krumme Haltung an. Oft hat es nichts genützt.

Langsam näherten wir uns den Sudeten. Die Steigungen wurden länger oder auch steiler, so daß ein Pferd allein den Wagen nicht mehr die Berge hinaufziehen konnte. Die Tiere waren wie die Menschen geschwächt. Also blieb der ganze Treck erst einmal stehen. Die Bauern spannten immer zwei oder auch drei Pferde vor jeweils einen Wagen, um sie so nacheinander den Berg hinaufzubringen.

Das nahm jedesmal sehr viel Zeit in Anspruch. Wir legten deshalb nur kurze Wegstrecken zurück. Bei einem solchen Aufenthalt wollte ich für meinen Vater einen Wiedersehensstrauß Glatzer Rosen pflücken - es war in der Glatzer Gegend. Aber meine Mutter machte mir klar, daß der Strauß auf dem langen Weg nach Hause verwelken würde. So ließ ich es. Mir kam überhaupt nicht in den Sinn, daß ich Vater und Bruder eventuell gar nicht wiedersehen würde. Ab dieser Zeit ging uns auch langsam das Essen aus. Da eine organisierte Verpflegung durch die Treckleitung schon lange nicht mehr möglich war, mußte sich jeder selbst Eßbares beschaffen. Uns blieb nur das Betteln. Und wieder war es meine Mutter, die sich erniedrigte und für uns bettelte. Oft kam sie mit leeren Händen zurück und weinte still. Hatte ihr aber eine barmherzige Seele eine Tüte Mehl, ein paar Kartoffeln oder einen Apfel gegeben, dann waren wir dankbar und freuten uns. Später leuchtete uns ein, daß viele Menschen in den Orten, durch die wir kamen, selbst nichts mehr zu essen hatten. Es waren einfach zu viele bettelnde Flüchtlinge und auch Plünderer unterwegs. In den Wäldern hielten sich auch noch deutsche Soldaten versteckt, die ebenfalls auf die Unterstützung der Bevölkerung hofften.

Endlich erreichten wir den Kamm des Gebirges, und es begann der Abstieg. Wir kamen etwas schneller voran, wenn die Russen eben nicht den Treck stoppten. Und das passierte täglich mehrere Male, obwohl uns unsere Armut anzusehen war. Ungepflegt und abgerissen, halb verhungert und müde schleppten wir uns unserem Ziel entgegen. Das war das einzige, was uns aufrecht hielt. Aber auch hier Ungewißheit; was war mit Vater und den Brüdern, wie würde es zu Hause aussehen? Dazu kam unsere eigene Not und Angst. Und Angst hatten wir. Eines Abends, zur Zeit der Lagersuche, machten wir etwas abseits der Straße in einer alten Ziegelei Halt, die außer Betrieb war. Unweit davon stand eine Reihe Siedlungshäuser. Für jeden Wagen mit seinen Flüchtlingen wurde auf dem Gelände der Ziegelei ein passender Platz gesucht. Die Bauern schirrten die Pferde aus, welche jetzt schon das erste Grün zum Fressen fanden. Die Menschen zündeten Lagerfeuer an und kochten, soweit sie etwas zu kochen hatten. Auch wir mußten essen, und so schickte mich meine Mutter mit einem Eimer zu den Siedlungshäusern, um Wasser zu besorgen. Auf den Höfen dieser Häuser standen Schwengelpumpen - so kannte ich es auch von zu Hause. Die Siedlung war verlassen und bot einen trostlosen Anblick; Fenster und Türen standen offen, die Gardinen wehten aus den Fenstern, Hausrat und Möbel lagen im Hof. Obwohl sich im Lager instinktiv alle leise verhielten, drangen trotzdem gedämpfte Geräusche zu mir herüber. Pferde wieherten, Menschen sprachen und klapperten mit Geräten. Rauchsäulen zeigten die Feuer an. Ich hing meinen Eimer an das Auslaufrohr der Pumpe und fing an, den Schwengel zu bewegen. Glücklicherweise war die Pumpe noch intakt, und ich merkte bald, daß sie das Wasser anhob und bald in meinen Behälter plätscherte. Während dieser Tätigkeit hörte ich hinter mir ein Geräusch, das einem Grunzen ähnelte. Ich drehte mich um und erstarrte: Über den Hof wankte ein Russe mit asiatischem Aussehen, der einen Karabiner am Lauf hinter sich herzog, klein von Gestalt, speckige Uniform, krumme Beine, Schlitzaugen, Knebelbart, braune Haut und betrunken. Ich glaube heute noch, das eisige Gefühl in mir zu spüren, als er so auf mich zukam und zum Schlag ausholte. Im selben Moment löste sich meine Spannung und mit einem riesigen Satz entging ich der Gefahr. Hinter mir hörte ich, wie der Kolben des Gewehres auf die Brunnenabdeckung aus Zement schlug. Ich rannte die geringe Entfernung zum Lager zurück und kroch meiner Mutter fast unter den Rock. Eine solche Angst - wie an diesem Abend - habe ich in meinem weiteren Leben nie mehr ausgestanden. Ich zitterte am ganzen Körper, weinte und konnte mich lange nicht beruhigen. Da sich auch meine Mutter nicht in die Siedlung traute, gab es an diesem Abend wieder nur trocken Brot. Wir machten unsere Lagerstatt unter einer Wagendeichsel zurecht und krochen unter die Decke. Die Anstrengungen des Tages ließen uns bald in einen unruhigen Schlaf fallen. Bald war es auch mit diesem Schlaf vorbei, denn ein Trupp russischer Soldaten hatte uns aufgespürt. Beim Klang ihrer Stimmen kroch die Angst wieder in uns hoch. Zwei Russen ließen sich ausgerechnet auf der Wagendeichsel nieder, unter der wir lagen. Sie aßen Brot mit Zwiebeln und tranken dazu eine große Flasche Schnaps. Als meinten wir, besser darunter geschützt zu sein, zogen wir uns die Decke über die Köpfe, warteten zitternd, was geschehen würde. Nachdem sich die beiden gestärkt hatten, hob einer von ihnen die Decke an, unter der ich mit meiner Mutter lag, an die ich mich klammerte. Dann hörten wir mit fremden Akzent die Worte: "Ah, Mutter, schlafen." Die Decke fiel auf uns zurück, die beiden Soldaten entfernten sich. Meine Mutter hatte mit ihren damals 49 Jahren schneeweißes Haar, schlicht zurückgekämmt und zu einem Knoten gesteckt. Vielleicht war das ihre Rettung. Erst jetzt bemerkten wir, daß im Lager große Unruhe herrschte. Die Russen hatten das Versteck der jungen Frauen und Mädchen gefunden und waren über sie hergefallen. Alle Männer, die die Frauen zu schützen versuchten, wurden mit Stiefeltritten und Schlägen davongejagt. Das Schreien und Weinen der Frauen und das Gegröle der betrunkenen Russen hielten die ganze Nacht an - ein schauriges Erlebnis. -

Die Berge wurden niedriger. Wir näherten uns der Gegend, in der bis zur Kapitulation die deutsche Front sich an das Gebirge lehnte. Hier sahen wir die ersten Spuren der Kämpfe, zerschossene Autos, ausgebrannte Panzer, alles mögliche Kriegsgerät und markierte Minenfelder. Für einen neugierigen kleinen Jungen wie mich war das natürlich interessant, aber auch gefährlich. Meine Mutter hatte Mühe, mich immer bei sich zu halten. Bis ich eines Tages erleben mußte, wie ein russischer Panzer über die Straße preschte, der an Bord einen deutschen Jungen hatte, dem eine Mine beide Beine abgerissen hatte. Das Lager, auf das der Junge gebettet war, war völlig durchblutet. Wie uns die Erwachsenen sagten, sollte der Verletzte in ein Lazarett gebracht werden. Der Schock über dieses Erlebnis verfehlte nicht seine Wirkung, und bei aller jugendlicher Unbekümmertheit gehorchte ich meiner Mutter. - Jeder Tag brachte neue Eindrücke und grausige Erlebnisse. So trottete ich neben dem Wagen her, im Gehen halb schlafend, hielt ich mich an der hinteren Runge fest, als plötzlich vor mir ein menschliches Bein lag. Es war das abgerissene Bein eines deutschen Soldaten. Der Stiefel fehlte, Hose, Unterhose und Strumpf waren noch vorhanden. - Ein anderes Mal, während einer Rast, die Straße verlief auf einem Damm, fanden wir Kinder in dem Damm einen Unterstand, in dem drei deutsche Soldaten lagen. Ihre Köpfe auf Tornister gebettet, sah es aus, als würden sie schlafen. Zum ersten Mal nahm ich deutlich den süßlichen Leichengeruch wahr. Das war in der Nähe der Stadt Strehlen. Wir näherten uns der Oder. Die Anzeichen von schweren Kämpfen während des Krieges häuften sich. Neben zerstörtem Kriegsmaterial sahen wir immer öfter abgebrannte und kaputte Häuser sowie ganze Ortschaften, die in Schutt und Asche lagen. So erreichten wir unsere Kreisstadt Ohlau wieder und steuerten die Oderbrücke an, die wir schon im Januar auf unserer Flucht passiert hatten. Die eiserne Brücke war zerstört, aber die Rote Armee hatte unmittelbar daneben eine Kriegsbrücke aus Holz gebaut. Der Damm an der Oder, an dem sich im Winter unsere Soldaten eingegraben hatten, war von Bomben und Granaten umgewühlt und voller Trichter. Überall lagen die Reste der Verteidiger umher, Helme, Gasmaskenbehälter, Gewehre und verwesende Leichenteile. Leichengeruch lag in der Luft.

Noch 10 Kilometer bis Rattwitz, was würden wir vorfinden? Die Erfahrungen der vergangenen Wochen und Monate ließen uns Schlimmes befürchten. Die Erregung der Menschen steigerte sich, die Schritte wurden schneller, die Umgebung immer vertrauter. In unseren Nachbardörfern an der Strecke trafen sich schon Bekannte, die vor uns zu Hause waren; sie tauschten erste Nachrichten aus. - Endlich, endlich kamen wir in den Ort Lange. Es war unser nächster Nachbarort. Vom Ortsausgang konnte man schon unser Dorf an der Oder sehen. Die Spannung wuchs - und die Erregung. Schon erkannten wir die ersten Ruinen. Meine Mutter erlaubte mir einen Ausblick von einer Geländeerhöhung. Ich sah das Haus, in dem wir gewohnt hatten. Ich sah das heile Dach, ein Zeichen, daß es nicht abgebrannt war. - Uns fiel ein Stein vom Herzen. - Am Ortseingang standen dann die ersten Besitzer der Häuser, welche in Trümmern lagen. Weinend standen sie vor den Trümmern. Wir erkannten unser schönes Dorf nicht wieder, überall Zerstörung und Unordnung. Tiere liefen frei umher, überall lagen Tierkadaver, überall wucherte Unkraut. Es war inzwischen Juni oder Juli geworden. Der Treck löste sich auf. Jeder strebte seinem Zuhause zu. Auch Mutter und ich gingen klopfenden Herzens die Straße entlang, die wir im Winter verlassen hatten. Und wieder lag überall Kriegsgerät. Das im Herbst bestellte Korn rauschte, es roch nach Sommer. Wir wohnten im letzten Haus der Straße. Davor lag der Sportplatz und an dem vorletzten Haus, da hielten wir an. Wir schauten verwundert zu unserem Hof hinüber. Auf dem Zaun hingen Kleider und Decken, Jacken und Wäsche. Niemand war zu sehen. Wer hatte die Sachen dort aufgehängt? Zögernd gingen wir weiter. Wo sollten wir auch sonst hin? Als wir einen Blick in den Hof werfen konnten, sahen wir vor dem Haus Wannen und Bottiche, Eimer und Schüsseln stehen, in denen Geschirr im Wasser lag. Plötzlich entdeckte ich neben der Haustür eine Papptafel, die während des Krieges zum Verdunkeln der Fenster benutzt wurde. Auf dieser Tafel stand mit roter Ölfarbe geschrieben: "Herzlich willkommen!" Mit einem Aufschrei der Freude stürzten wir auf's Haus zu, aus dem in diesem Moment mein Vater und mein Bruder Heinz traten. - Nach einem halben Jahr und ungefähr 500 Kilometer Fußweg voller Gefahren und Strapazen sahen wir uns gesund wieder und waren zu Hause! -

Wieder zu Hause

Ja, selbst für mich Zehnjährigen war es ein eigenartiges Gefühl. War doch alles vertraut, die Bäume, die Gegend und auch die Häuser. Woanders standen eben nur Häuser, hier - zu Hause - waren es bestimmte. Jeder wußte, in welchem seine Freunde, Verwandte oder Bekannte wohnten. Unser Wiedersehen fiel natürlich entsprechend aus. Wir weinten und lachten zugleich. Selbst meinen Vater sah ich zum ersten Mal weinen. Wir glaubten gar nicht, daß wir uns nur ein halbes Jahr nicht gesehen hatten. Es kam uns wie eine Ewigkeit vor. Aber die von allen ausgestandenen Ängste und Anstrengungen trugen wohl zu dieser überschwenglichen Wiedersehensfreude bei. Nach einiger Zeit hatten wir uns wieder gefangen und nahmen nun auch wahr, was um uns vorging. Wie sah es um das Haus aus? Es war nicht zu fassen. Vor jedem Fenster draußen lagen Berge von Dingen, die früher im Haus ihren Platz hatten, Kleidungsstücke, Schuhe, Geschirr, Bücher, Federn, Papier. Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen und fing wieder an zu weinen. Und das Durcheinander in der Wohnung, auf allen Fußböden lag eine ca. 20 cm hohe Schicht von Unrat. Dazwischen klebten die Federn aus unseren Betten, die wir im Winter nicht mit auf die Flucht nehmen konnten. Darüber waren Sirup und Eingewecktes geschüttet. In allen Ecken lagen Haufen von Exkrementen. Im Schlafzimmer meiner Eltern lag sogar eine tote Kuh, die fürchterlich stank. Auf dem Berliner Herd in der Küche stand ein riesiger Tiegel, in dem die Hinterkeule eines Schweines lag. Es wimmelte von fingerdicken Maden. Mein Vater und Bruder waren erst wenige Tage vor uns - auf getrennten Wegen - nach Hause gekommen. Sie hatten vor dem Chaos gestanden und nicht gewußt, wo am besten anzufangen sei. So hatten sie sich im Kinderzimmer

erst eine Schlafstätte geschaffen und regelrechte Gehwege zu den einzelnen Türen angelegt. Dann hatten sie versucht, aus den Haufen die Sachen zu sortieren, die noch nicht vermodert waren, und Töpfe, Schüsseln und anderes Geschirr in die Wannen eingeweicht. Die Möbel waren im großen und ganzen das einzige, was noch einigermaßen intakt war. Hatten wir vorher schon keine Reichtümer, so standen wir jetzt vor dem Nichts. Aber meine Eltern strahlten Optimismus aus: Waren wir doch wieder zusammen und der Krieg vorbei. Schatten fielen auf diese Zuversicht wegen der Ungewißheit über das Schicksal meiner beiden ältesten Brüder. Aber jetzt hieß es erst einmal: Anpacken!

Die um eventuelle Gefahren für uns zu erkennen, machten wir gemeinsam einen Rundgang durch's ganze Haus und Grundstück und konnten dabei feststellen, daß es deren in einer Vielzahl gab. Nach den Erklärungen meines Vaters hatte auf dem großen Hof während des Krieges eine russische Artilleriebatterie gestanden, die nach Breslau hineingeschossen hat. Überall lagen Kartuschen, Pulversäckchen und sogar Granaten. Vater erläuterte uns genau, weiche Gefahren darin vor allem für uns Jungen steckten. In den großen Sälen des Hauses, das im Jahre 1939 als Jugendheim gebaut war, lagen große Haufen Pferdeäpfel und überall standen Wannen. Die Russen hatten diesen Teil des Hauses kurzerhand als Stall für die Zugpferde ihrer Geschütze genutzt, und die Wannen hatten als Futterkrippen gedient. Der darin zum Teil noch vorhandene Hafer bereicherte unsere kargen Lebensmittelvorräte, die wir so dringend benötigten bei der vielen Arbeit, die vor uns lag. Wir "Männer" schleppten zuallererst die tote Kuh hinaus. Das war gar nicht so einfach, bestand doch die Gefahr des Zerreißens. Die Zersetzungsflüssigkeit hinterließ eine deutliche Spur, und es dauerte noch lange, bis - trotz aller Bemühungen meiner Mutter - der Gestank aus dem Haus war. Im Hof gruben wir ein tiefes Loch, worin auch das Schweineviertel samt Tiegel und unsere verhungerten-Gänse, welche wir bei unserem Rundgang gefunden hatten, verschwanden. Mutter säuberte zuerst den Küchenschrank, wusch Geschirr ab und räumte es ein. Ich hätte so gerne noch einmal die Umgebung des Grundstücks inspiziert, trotz Vaters Warnungen wegen der lauernden Gefahren. Aber ich mußte meiner Mutter helfen und im Küchenherd Feuer anzünden, damit sie kochen konnte. Auf dem Küchentisch und im ganzen Haus fanden wir Töpfe und Schüsseln, sogar Tassen, mit Fett gefüllt. Mutter entfernte die dicke Schmutzschicht und stellte fest, daß es zwar ranzig, aber sonst sauber war. Also kam alles in einen großen Topf, wurde erhitzt und in saubere Gefäße gegossen, Deckel drauf, und eine Sorge waren wir los. Da es keinen elektrischen Strom mehr gab, fiel auch die Hauswasserversorgung aus. Wir mußten das Wasser deshalb aus dem Nachbargrundstück holen. Und bei so viel Dreck wurde auch viel Wasser benötigt, also hieß es: Schleppen, schleppen und nochmals schleppen. Nach tagelangem Putzen und Wischen, Schaufeln und Fegen zog langsam wieder Ordnung ein, wenn auch erstmal nur im Haus.

Neben den Aufräumungsarbeiten mußte in erster Linie an die Verpflegung gedacht werden. Vater schickte meinen Bruder mit den entsprechenden Warnungen auf die Suche nach Eßbarem. Da viele Einwohner noch nicht zurückgekehrt waren und wir nicht erkennen konnten, ob sie wiederkommen würden, ging mein Bruder zuerst in die unbewohnten Häuser und ehemaligen Geschäfte auf Nahrungssuche. Die anderen heimgekehrten Dorfbewohner hatten die gleichen Probleme, und so trafen sie sich oftmals bei solchen Suchaktionen und tauschten dabei auch Neuigkeiten aus. Die Menschen hatten sich im Sommer und Herbst 1944 für den Winter bevorratet, so daß trotz der großen Verwüstungen öfter etwas zu finden war, hier ein Glas Eingemachtes, dort Bohnen und Erbsen, mal Graupen oder Mehl. Oft mußte es zusammengefegt und dann gesäubert werden. Im Nachbarort in einer Lagerhalle fand mein Bruder sogar einen ganzen Berg Leinsamen. Die obere Schicht war zwar verkrustet, aber darunter lag tadelloser Lein. Bruder Heinz schleppte einen ganzen Sack voll nach Hause. Täglich kochte Mutter davon für jeden von uns eine Tasse Schleim. Er schmeckte zwar nicht besonders, aber er hat uns wahrscheinlich vor der Erkrankung an Hungertyphus bewahrt. Diese Krankheit grassierte im Ort und raffte die geschwächten Menschen dahin. An fast jedem von Deutschen bewohnten Gehöft hing die "Gelbe Fahne", das Zeichen für Typhuserkrankung. Von der Besatzungsmacht war keine Hilfe zu erwarten. Die Russen streunten durch die Gegend, die meisten davon schossen, schlugen und vergewaltigten, wie wir es auf unserem Rückweg erleben mußten.

Wir sind zu unserem Glück ganz unverhofft zu einem Beschützer gekommen. Eines Nachmittags stöberte ich in den Garagen unweit unserer Wohnung, als ich hinter mir ein Knurren hörte. Vorsichtig warf ich einen Blick in die Richtung, woher dieser unheimliche Ton kam. Dort stand ein großer weißer Hund in der Ecke. Langsam zog ich mich zurück und rannte zu meinem Vater. Er und auch mein Bruder kamen mit mir. Wir wollten den Hund gerne einfangen. Dieser knurrte uns aber drohend an. Ganz behutsam näherten wir uns ihm und bemerkten erst jetzt, daß hinter ihm ein grauer Schäferhund zusammengerollt lag. "Den fangen wir uns", sagte Vater. Schnell holte er einen Strick, und mein Bruder nahm einen großen Kistendeckel, um damit die Ecke abzusperren. Mir gestattete Vater, dieses eine Mal mit meinem Katapult auf ein lebendes Wesen zu schießen. Der getroffene weiße Hund jagte aus der Garage über den Hof hinaus auf's Feld. Der Schäferhund aber blieb in der Ecke liegen, machte sich immer kleiner und beobachtete uns. Mit aller Vorsicht und Anwendung der Hilfsmittel gelang es uns, ihn schließlich zu fangen. Vater trug den Hund - es war eine Hündin - in unseren ehemaligen Gänsestall, befreite ihn von der Schlinge, gab ihm noch einen freundschaftlichen Klaps auf das Hinterteil und sperrte den Stall ab. Die ganze Familie bemühte sich mit Happen vom knappen Essen um die Zuneigung des Tieres. Nachts hörten wir den Gefährten heulen, der sich tagelang um das Gehöft herumtrieb. Die Hündin rührte keinen Bissen an. Aber nach ungefähr 8 bis 10 Tagen hatten wir gewonnen, und mein Bruder trug das große Tier auf seinen Armen vor das Haus. Alle möglichen Hundenamen riefen wir ihm zu. Plötzlich reagierte es auf "Senta", spitzte die Ohren und wedelte mit dem Schwanz. Von dem Tag an hatten wir eine treue Gefährtin. Mit ihrem Verhalten signalisierte sie uns, wer sich dem Haus näherte. War es ein Familienmitglied, winselte sie leise und wedelte mit dem Schwanz. Waren es Deutsche, hob Senta die Lefzen, knurrte warnend, und ihr Nackenhaar stellte sich auf. Kamen aber Russen oder Polen, gebärdete sich der Hund wie eine Bestie. Mancher der Beutesuchenden kehrte wieder um, wenn Senta zähnefletschend am Fenster stand oder gar am Zaun entlang tobte. Vater vermutete aus ihrem Benehmen, daß sie aus einem der ehemaligen umliegenden KZ stammte. Sorge hatten wir, daß sie jemand erschießen könnte.

An der Reaktion des Hundes bemerkten wir so auch an einem Sommerabend, daß draußen etwas war. Es fing schon an zu dunkeln, als ganz leise an's Küchenfenster geklopft wurde. Das konnte nur ein Deutscher sein. Da Senta auf's Wort hörte, war es nicht nötig, sie wegzusperren. Mein Vater öffnete das Fenster, vor dem zwei junge Männer standen. Sie gaben sich als entflohene Gefangene zu erkennen und baten um Unterschlupf. Für meine Eltern war es selbstverständlich, ihnen zu helfen. Als sie in die Küche traten, knurrte der Hund zwar, blieb aber auf Kommando an seinem Platz. Zuerst verdunkelten wir die Fenster. Die Männer hatten das Bedürfnis, sich zu waschen und zu schlafen. Meine Mutter bereitete etwas zu essen. War es auch karg, so kam es doch von Herzen. Es wurden Maßnahmen für den Fall eines "Besuches" durch Fremde festgelegt. Überrascht werden konnten wir aufgrund der Wachsamkeit des Hundes allerdings nicht. Das Problem für die beiden Flüchtigen war die Überwindung der Oder. Mein Vater schlug vor, daß ich sie führen sollte. Er gab ihnen auch seine Begründung: Ich kannte Schleichwege durch Getreidefelder und Weidengebüsch. Als Kind würde ich auch am wenigsten auffallen, da wir ja immer unterwegs waren. Ich wußte auch, wo die "kleinen Kähne" lagen, wie man bei uns die Ruderboote nannte. Vater überließ den beiden die Entscheidung, ob sie sich mir anvertrauen wollten. Ich war natürlich mächtig aufgeregt. Überlegte mir die Wege, die wir gehen müßten, hatte ein wenig Angst und schlief nicht gut. Die Nacht verlief sonst aber ruhig. In der Frühe machte Mutter das Frühstück und packte den Flüchtlingen noch etwas Wegzehrung ein. Mir schärfte Vater nochmals einige Verhaltensmaßregeln ein. Nach dem Abschied und Dank der Soldaten sowie gründlicher Beobachtung der Gegend huschten wir drei in ein Getreidefeld und machten uns auf den Weg zum Fluß. War ein Feldweg zu kreuzen, lugte ich ganz vorsichtig aus dem Getreide hervor, denn es war immer mit streunenden oder wildernden Russen zu rechnen. Schwierig war das Überqueren der Straße zwischen unserem Ort und dem Nachbardorf Großbrück. Nach minutenlangem Spähen gelang auch das, und wir tauchten in den Schutz von Dornen und Weidensträuchern ein. Auf diese Weise kamen wir an den Strom, etwas weiter ab vom Dorf, wo die Männer verharren sollten. Ich rannte zum Dorf zurück und besorgte mir eines der schon erwähnten Ruderboote. Schnell schnitt ich am Ufer einige Ruten ab und warf sie in den Kahn. Da ich zum Rudern zu klein und schwach war, bewegte ich das Boot durch Wriggen vorwärts bis zur Mitte des Flusses, wo ich es dann treiben ließ. Mit den Ruten hantierte ich, als ob ich Angeln auswarf. Auf der Höhe der Zurückgebliebenen angekommen, wriggte ich wieder in die Buhne und ließ mich treiben, wobei ich die Gegend und den Fluß unentwegt im Auge hatte. Beim zweiten Vorbeitreiben sprangen die Männer in den Kahn und legten sich auf den Boden. Ich wriggte mit aller Kraft auf das gegenüberliegende Ufer zu, wobei mich die Strömung etwas versetzte. Das Boot legte ich geschwind fest und führte die Soldaten auf die Schleusenbrücke zu, wo der gefährlichste Teil unserer "Unternehmung" begann. Das russische Wachpersonal streifte oft durch die Gegend und schoß nach Wild oder Wasservögeln. Während die beiden am Fuße des Schleusendammes warteten, ging ich möglichst unbefangen auf die Brücke, blieb am Geländer stehen, spuckte ins Wasser und schoß ein bißchen mit dem Katapult. Dabei beobachtete ich wieder das Wach- und Schleusenpersonal. Auf ein vereinbartes Zeichen robbten die zwei Flüchtigen hinter mir über die Brücke. Das war ein kitzliger Moment. Waren sie auch von unten nicht zu sehen, so konnte doch jeden Augenblick ein Russe auftauchen, den wir eventuell nicht gesehen hatten. Sie erreichten die Büsche auf der anderen Seite, und ich schlenderte wie zufällig hinter ihnen her. Nach einem Aufatmen führte ich sie noch bis an den Waldrand zu einem Weg, von wo aus die beiden nach Jungfernsee gelangen konnten. Damit war meine Aufgabe erfüllt. Die Soldaten lobten mich, verabschiedeten sich und tauchten im Wald unter. Kurz hörte ich noch leises Rascheln, dann machte ich mich über Schleuse und Stauwehr schnellstens auf den Nachhauseweg. Den "kleinen Kahn" überließ ich seinem Schicksal. Meine Eltern hielten schon ungeduldig Ausschau nach mir. Ich berichtete ihnen vom guten Ausgang der Oderüberquerung und als mich auch mein Vater lobte, war ich mächtig stolz. Bei Mutter glaubte ich eher, mehr Angst als Stolz zu erkennen. Wir alle wünschten den flüchtigen Soldaten auf jeden Fall, daß sie wohlbehalten bei ihren Lieben ankommen würden. Ob die beiden Ausreißer aus dem Lager in Fünfteichen, einem unserer Nachbarorte, geflüchtet waren, ist mir nicht bekannt.

In diesem Lager - einem ehemaligen KZ- wurden die Verteidiger Breslaus gefangen gehalten. Durch einen glücklichen Zufall erfuhren wir, daß auch mein Onkel Ernst Scholz in diesem Lager gewesen sein muß. Er war Eisenbahner und ging nicht mit auf die Flucht. Kurz vor Kriegsende wurde er in einem Volkssturmbataillion bei der Verteidigung der Festung Breslau eingesetzt. Die Gefangenen des Lagers mußten die Pferde der Russen in der Oder schwemmen. Mein Onkel muß einem der Reiter einen Gehstock mit seiner Heimatadresse mitgegeben haben. Sie war in den selbstgefertigten Stock eingebrannt. In der Hoffnung, daß dieser Stock gefunden wird, war er in der Nähe unserer Straße weggeworfen worden. Und tatsächlich habe ich diesen Stock gefunden, aber leider erst, als das Lager schon geräumt und die Gefangenen nach Rußland abtransportiert waren. Dort ist mein Onkel dann auch verstorben.

Da sich meine Angehörigen in erster Linie auf das Beschaffen der Nahrungsmittel konzentrieren mußten, fand ich Gelegenheit, meine Freunde aufzusuchen. Wir stromerten durch die uns bestens vertraute Gegend, die jetzt für uns äußerst interessant war, denn es lagen ja immer noch Waffen, Sprengmittel und anderes Kriegsgerät herum. Trotz eindringlicher Ermahnungen, ja Verbote, haben wir uns damit beschäftigt. Einmal habe ich eine Granate von ca. 15 cm im Durchmesser gefunden, die mich ungeheuer interessiert hat. Aber Vater überraschte mich und verabreichte mir eine Ohrfeige, an die ich noch heute denke und ihm dafür dankbar bin. Ich mußte eine Schaufel holen und in weitem Abstand folgen. Er hatte die Granate ganz behutsam in beide Hände genommen und trug sie mitten auf den Sportplatz. Hier verlief einer der Schützengräben, die schon im Herbst 1944 zur Verteidigung Breslaus angelegt waren. Dort hinein legte Vater die Granate und schaufelte sie zu. Sicherlich liegt sie heute noch da. Für mich war dieser Munitionsfund gut ausgegangen. Viele Kinder und Jugendliche haben dabei Gliedmaßen oder gar ihr Leben verloren.

Wir freundeten uns auch mit den russischen Soldaten an. Wenn diese Appetit auf Fisch hatten, warfen sie einfach eine Handgranate in die Oder und hatten genug Fisch, ja so viel, daß für uns auch noch mancher Hecht abfiel. Natürlich war bei Muttern die Freude groß. Nach einiger Zeit trauten wir uns, selbst eine Granate abzuziehen und ins Wasser zu werfen. Mit einem Netzbeutel

um den Hals sammelten wir schwimmend die Fische ein. Während solcher Such- und Beutezüge hatten wir oft auch traurige Erlebnisse: Wir fanden, überwiegend auf der westlichen Oderseite, die Leichen von deutschen Soldaten. Sie lagen im hohen Gras der Wiesen. Unsere Nasen waren so trainiert, daß wir nur dem Verwesungsgeruch nachgingen, um sie aufzufinden. Pionierfeldspaten hatten wir immer bei uns. Damit hoben wir ein Grab aus, durchsuchten die Uniformen nach Papieren oder ähnlichem und rollten die Toten in die Grube. Die Hügel mit Kreuz und Stahlhelm hielten allerdings nur bis zum nächsten Hochwasser der Oder. Mein Vater warnte mich immer wieder vor dem Leichengift, aber sonst hatte er nichts gegen solche Aktionen. Im Gegenteil, hatte er doch selbst zwei Söhne, die Soldat waren, und über deren Verbleib wir noch nichts wußten. Auf diese Art und Weise haben meine Freunde und ich ungefähr fünfzehn deutsche Soldaten beerdigt. Gerne hätten wir Angehörige benachrichtigt, aber wir fanden nichts, was die Identifizierung der Toten ermöglicht hätte. Zwei sehe ich heute noch deutlich vor mir. Einer war ein Volkssturmmann, erkenntlich an der zivilen Kleidung. Er hatte sein Schützenloch unter einem Schwarzdornbusch ausgehoben. Es lag genau gegenüber unserem Dorf. Die tödliche Kugel hatte ihn genau in der Stirn getroffen, und sein Oberkörper war nach vorne gefallen, unter dem sein Karabiner lag. An einem Gürtel, der seine dunkle Joppe zusammenhielt, hing ein brauner Trinkbecher. Wir haben auch diesen Toten begraben und sein Gewehr in die Oder geworfen. Wie mir Vater später erklärt hat, ist er wahrscheinlich von einem Scharfschützen erschossen worden. Der andere war ein Flakhelfer. Unweit unseres Dorfes war eine Flakstellung eingerichtet, die - wie ja bekannt - mit Oberschülern und Studenten, also Kindern, besetzt war: An zwei zurückgebliebenen Geschützen waren zwar die Verschlüsse gesprengt, aber sonst ließ sich damit noch spielen (welch häßliches Spielzeug). Bei unserer ersten Inspektion der Stellung blieb uns Jungen fast das Herz stehen. Auf dem Wall einer dieser Stellungen war eine Bombe oder Granate eingeschlagen und hatte die darunter liegenden Unterstände verschüttet. Aus einem Sandhaufen ragte eine Hand mit gespreizten Fingern. Als wir den ersten Schreck überwunden hatten, gruben wir den Toten frei und zogen ihn langsam aus der Erde. Vor uns lag einer dieser 15- bis 16jährigen Flakhelfer. Wo wir ihn begraben haben, läuft heute eine Straße. - Mögen ihn die Baumaschinen in Ruhe gelassen haben. -

So stürmten jeden Tag neue Erlebnisse und Eindrücke auf uns ein. Oft wurden tagelang Viehherden durch unser Dorf getrieben, bewacht von berittenen Soldaten; Pferde, Kühe, Schafe, ja sogar Ziegen wechselten sich ab. An eine Kuhherde erinnere ich mich auch ganz besonders. Die Kühe waren lange nicht gemolken und hatten übervolle Euter. Die Russen erlaubten zwar, diese Kühe zu melken, aber die Tiere ließen niemanden an sich heran, sondern brüllten nur vor Schmerzen. Waren sie bis zum Weitertrieb noch nicht eingegangen, erschossen die Kosaken die Rinder. Die Bevölkerung kam auf diese Weise zu Fleisch, das sehr rar war.

Es kamen auch immer wieder ehemalige Soldaten oder versprengte Dorfbewohner nach Hause zurück auf der Suche nach ihren Familien. Dadurch erfuhren wir vom Tod meines ältesten Bruders. Er war während der Ardennenoffensive mit 22 Jahren gefallen. - Er hatte noch gar nicht richtig gelebt. - Manche dieser Leute machten sich weiter auf die Suche, wenn sie ihre Angehörigen zu Hause nicht fanden. Mit auf ihren Weg nahmen sie auch die Information, daß die Rückkehrer die acht alten Leute, welche sich im Januar 1945 geweigert hatten, mit auf die Flucht zu gehen, tot in ihren Betten vorgefunden haben. Man hatte ihnen den Schädel zertrümmert. Eine Hiobsbotschaft jagte die andere. Wir kamen nicht zur Ruhe. Die Sorgen um Essen, Angehörige und die Zukunft machten allen Angst. Es häufte sich auch schon das Gerücht von der Ausweisung der Deutschen. Bestärkt wurde dieses Gerücht durch immer mehr eintreffende Zuzügler aus dem ehemaligen Galizien. Die Polen hatten zwar auch nicht viel Habe; manche zogen nur eine magere Ziege hinter sich her. Aber sie stellten sich vor die leeren Gehöfte und Häuser und sagten: "Ze jest moija." (Das ist meins.) Damit hatten sie wieder oder gar besseren Besitz. Zu den Verfolgungen durch die Russen kamen nun noch die Drangsalierungen durch die Polen. Viele trugen Waffen und nahmen sich Rechte heraus, die nur in einer gesetzlosen Zeit möglich sind.

In diese Zeit fiel wieder ein für uns trauriges Kapitel meiner Erinnerungen: Eines Morgens erschienen zwei Milizionäre im Haus und forderten meinen Bruder auf mitzukommen. Er sollte bei ihnen etwas bauen. Den Einwand meines Vaters, daß mein Bruder noch kein Maurer wäre, sondern erst Lehrling sei, ließen sie nicht gelten. Auf die Frage meiner Mutter, ob er Essen und Kleidung mitnehmen müsse, kam die Antwort, er wäre bald wieder zu Hause. Aber er wurde mit noch fünf anderen Jungs seines Alters auf die Station der Miliz gebracht und nach einer Tracht Prügel in einen halb unter Wasser stehenden Keller gesperrt. Nach tagelangen Verhören unter Prügel und der immer wiederkehrenden Behauptung, sie hätten Waffen versteckt, kamen die ahnungslosen Burschen dahinter, was man von ihnen wollte. Wir brauchten keine Waffen zu verstecken, denn noch lagen schußfähige Karabiner, Pistolen und MPi zu Hauf umher. Also gaben die Jungs zu, im Besitz von Waffen zu sein, und die Peinigungen hörten auf. Auch bei uns lag in einer Hofecke ein deutscher Karabiner ohne Kolben und Schloß, mit dem ich spielte. An diese Waffe hatte mein Bruder gedacht. Seine Angst, ich könnte dieses Ding inzwischen an eine andere Stelle geschleppt haben, war zu unserer aller Glück unnötig. Wieder im Morgengrauen kamen dieses Mal sechs Polizisten, in ihrer Mitte mein Bruder. Über sein Aussehen waren wir tief erschrocken; hohlwangig und übermüdet sah er aus, er schwankte beim Gehen. Auf dem Hof bildeten die Polizisten einen Halbkreis, brachten ihre Gewehre in Anschlag und einer forderte meinen Bruder auf, die Waffe zu holen. Als Heinz sich in der Ecke nach dem alten Karabiner bückte, hörten wir deutlich die Sicherungsflügel der Polizeiwaffen klicken. Die Worte des Gruppenführers, ob das alles an Waffen wäre und, wenn sie etwas finden, würden sie uns erschießen, nahmen vor allem meine Eltern mit gemischten Gefühlen auf. Schleppte ich doch manchmal ganze Brotbeutel voll Munition heim, um diese Geschosse mit dem Katapult zu verschießen. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung ließ die Miliz alles Brauchbare mitgehen. Nach ihrem Abzug berichtete mein Bruder von seinem "Einsatz als Maurer". Jetzt hatte er das Bedürfnis sich zu waschen. Dabei mußten wir feststellen, daß sein Gesäß von den Schlägen blau unterlaufen und dick geschwollen war. Den anderen Jungen war es ebenso ergangen. Und das alles hatten sie einem kleinen Zettel zu verdanken, auf dem ihre sechs Namen gestanden hatten. Denn diese sechs Jungs sollten eine an Typhus verstorbene Schulfreundin zu Grabe tragen. -

Die Ernährungslage wurde immer prekärer; alte Vorräte gingen zur Neige, und die reifen Getreidefelder ernteten die Sieger ab. Ich ging mit einer alten Schere und einem Sack los, um Ähren zu schneiden. Diese Ähren haben wir wie in der Steinzeit mit einem Knüppel gedroschen und im Wind die Körner von der Spreu getrennt. Auf jedes Ende der Küchenbank schraubte mein Bruder eine alte Kaffeemühle, und dann saßen wir beide stundenlang und quetschten die Körner zu Schrot. Zeit dazu hatten wir zur Genüge. An einen geregelten Schulunterricht war nicht zu denken. Der Versuch unserer Gemeindeschwester, die Kinder bis zu einem ordentlichen Schulbeginn zu unterrichten, schlug fehl. Die polnischen Behörden untersagten es ihr. Sie gehörte dann auch zu den ersten Ausgewiesenen. Mit den Ausweisungen der Deutschen und dem vermehrten Zuzug von Polen kam allmählich eine gewisse Handelstätigkeit in Gang. Bis dahin gab es nichts zu kaufen, wir haben nur "organisiert". Mit der Hygiene nahmen es die polnischen Kaufleute allerdings nicht so genau. Der Kaufmann hatte für meine damaligen Begriffe ein Riesenmesser, mit dem er alles schnitt, angefangen von Kernseife über Wurst bis zum Käse. Es hat uns damals nichts ausgemacht. Das nötige Geld konnte mein Vater als Schleusenarbeiter verdienen, nachdem die Oderschiffahrt durch die Besatzungsmacht wieder aufgenommen wurde. Deshalb zählten wir auch noch nicht zu den Ausgewiesenen. Die Russen brauchten Männer zum Bedienen der Schleuse und verpflichteten unter anderen auch meinen Vater dazu.

Ich hielt mich jetzt oft auf der Schleuse auf und kam auch mit den russischen Wachsoldaten in Kontakt. Eines Tages hatte einer von ihnen den Auftrag, für die Pferde Gras zu mähen. Ich sollte ihm dabei helfen. Also setzte der Soldat sich auf den Grasmäher und fuhr zur Wiese, ich trabte nebenher. Während er mähte, harkte ich das Gras zusammen. Nach einer ganzen Weile sah ich am anderen Ende der Wiese die Pferde stehen, aber den Soldaten nicht mehr auf dem Mähersitz. Erst dachte ich an eine Pause, die er wohl eingelegt hatte. Doch nun sah ich ab und zu Bewegungen über dem hohen Gras, welche ich mir nicht erklären konnte. Einen Schuß hatte ich auch gehört, aber geschossen wurde ja alle Augenblicke. Ich rannte zu ihm und mußte einen der scheußlichsten Anblicke meines Lebens wahrnehmen. Irgend jemand hatte ihm in den Rücken geschossen. Die Kugel war aus dem Bauch ausgetreten, und nun wälzte er sich schreiend in seinem Blut und seinen Därmen. In meiner Angst und Hilflosigkeit warf ich mich auf ihn, konnte ihn aber nicht halten. Dann wurden seine Bewegungen langsamer, und ich vernahm nur noch das russische Wort "Matka" (Mutter). Plötzlich bäumte er sich auf und verstarb. Schnell schirrte ich eines der kleinen Pferde aus und galoppierte zur Schleuse. Wie ich auf das Pferd gekommen und warum ich nicht hinuntergefallen bin, weiß ich heute noch nicht. Auf der Schleuse rannte ich zu den Soldaten und erklärte ihnen alles. Auch mein Vater kam dazu, dem ich weinend um den Hals fiel. Er brauchte lange, um mich zu beruhigen. - Dieser Soldat war nicht nur der jüngste von sechs Söhnen, sondern auch der letzte, den seine russische Mutter durch den Krieg verloren hat. - Ein anderer Soldat des Schleusenkommandos kam durch eigenes Verschulden ums Leben. Er wollte in trunkenem Zustand mit Hilfe einer geballten Ladung fischen. Er stand am unteren Schleusentor auf der Kaimauer. Noch ehe er das Bündel Handgranaten ins Wasser warf, detonierte dies in seiner Hand. Er stürzte kopfüber in den Schleusengraben, das Wasser färbte sich sofort rot von seinem Blut. Ein paar seiner Kameraden, die hinter ihm gesessen hatten, wurden von Splittern getroffen. Der ungewöhnlich laute Knall hatte das gesamte Schleusenpersonal alarmiert. Einige der herbeieilenden Männer kümmerten sich um die Verwundeten, die anderen fingen an, mit langen Enterhaken nach dem Toten zu suchen. Die Haken verfingen sich an seiner Uniform, so daß ihn die Suchenden aus dem Wasser ziehen konnten. Es bot sich uns ein grausiges Bild. Der rechte Arm war abgerissen, das Bein hing nur noch an den Sehnen, und die rechte Körperseite war völlig zerfetzt. Die Helfer legten den Leichnam auf der Schleusenmauer ab und deckten ihn zu. Gleich wurde ein schlichter Sarg gezimmert und der Tote hineingebettet. Am nächsten Morgen nahmen seine Kameraden mit einem Kuß auf die Stirn von ihm Abschied, und nach einem militärischen Salut fand er im Garten der Schleusenmeisterei neben seinem Kameraden die letzte Ruhestätte. Später stellten die Russen einen hölzernen Obelisk mit einem Sowjetstern auf der Spitze an die Grabstelle. In zwei Vertiefungen waren die Bilder der Toten hinter Glas angebracht.

Solche oder ähnliche Fälle gab es fast täglich. Russen jagten in der Nähe des Dorfes und erschossen dabei ein spielendes Kind. Immer wieder verunglückten Kinder und Jugendliche, die mit Waffen und Munition hantierten. Sie verloren ihr Leben, Extremitäten oder das Augenlicht. Plünderer brannten Häuser nieder, Frauen wurden belästigt. Das führte bei der Frau R., die mit ihrem zehnjährigen Sohn und Schwiegervater in einem Einfamilienhaus lebte, dazu, daß sie eines Nachts die Türen verstellte, Benzin ausgoß und das Haus in Brand setzte. Mein Schulkamerad Manfred rettete sich mit einem Sprung aus dem Fenster. Den alten kranken Mann konnten mein Vater und Bruder noch aus dem schon brennenden Bett holen, aber er verstarb noch im Hof an seinen Brandverletzungen. Frau R. verbrannte in ihrem Haus. Ihr später heimkehrender Mann barg aus den Trümmern einige verkohlte Knochen und brachte diese zum Friedhof. Aber es gab auch solche Frauen, die sich den Russen und Polen freiwillig hingaben. Selbst vor uns Kindern schämten sie sich nicht. In aufdringlicher und obzöner Weise boten sie sich den Siegern an. Aber sie waren und sind wohl kein Maßstab.

Das Elend war groß, die Angst wurde immer größer. Die Deutschen im Dorf wurden weniger und die Polen mehr. Manche, die als Unschuldige unter den Deutschen zu leiden hatten, ließen jetzt ihre Wut wieder an den Unschuldigen aus. - Ein ekelhafter Kreislauf. - Zu den weniger Gehässigen gehörte ein polnischer Offizier, der sich beim Einzug ins Dorf die Kornmühle angeeignet hatte. Diese wollte er mit polnischem Personal betreiben, aber das ging schief. Von fünf Sack Getreide klauten ihm seine Landsleute sechs. Er entließ alle, bis auf einen 80 Jahre alten Mann, den er aus Mitleid behielt, Jadko, so hieß der Mann, trank sich einen an und schlief seinen Rausch auf den Getreidesäcken aus. Der Mühleninhaber stellte jetzt deutsches Personal ein, darunter auch meinen Bruder. Da es immer noch keinen elektrischen Strom gab, musste die Mühle mit einer alten Dampfmaschine betrieben werden. Diese brauchte aufgrund ihrer zahlreichen Lecks sehr viel Wasser. Mit einer primitiven Flügelpumpe mußte mein Bruder stundenlang das Wasser aus einem Oderseitenarm zu der Lokomobile pumpen. Er verlor dabei so viel Kraft, daß mein Vater ihn - wann immer sich Gelegenheit bot - ablöste. Der Müller bezahlte seine Arbeitskräfte wahlweise mit Mehl, Brot oder Geld, womit die Ernährung gesichert war und ein Aufgeben nicht in Frage kam. Wenn die Männer ihren Lohn nach hause trugen, folgte ihnen manch' neidvoller Blick. Die jungen Leute hatten alle festgelegte Aufgaben, waren verantwortlich für Klein- und Großweh, für Mühle, Küche und Hausreinigung. Der Müller war fair in seiner Behandlung, die Leute waren fleißig, und der Betrieb lief.

Die Schleuse ging allmählich in polnischen Besitz über und deutsche Arbeiter mußten polnische anlernen. Das war für die Erwachsenen ein Zeichen unserer bevorstehenden Ausweisung. Ader es sollte noch dauern. Es lebten nur noch ca. 40 Deutsche im Ort. Mit Genehmigung der polnischen Behörden zogen wir in beieinander liegende Häuser um. Davon versprachen wir uns mehr Schutz. Unsere Familie bewohnte jetzt mit einer anderen das Haus meiner Tante, die nicht zurückgekehrt war. Obwohl der Winter 1946/47 sehr kalt war, überstanden wir ihn gut, fehlte es doch nicht an Steinkohle aus den oberschlesischen Gruben. - Mit dem Einzug des Frühlings begann für mich ein schöner Abschnitt dieser traurigen Zeit. Als die Oderwiesen anfingen zu grünen, fragte der Müller meinen Vater, ob ich für ihn die Kühe hüten wollte. Da ich dafür entlohnt und beköstigt werden sollte, sagte mein Vater zu. Am bestimmten Tag wurden die Stalltüren geöffnet, und die Kühe zogen zu den Wiesen. Nach dem langen Winter waren sie unbändig und tobten sich erst einmal aus. Zwischen den Tieren kam es zu Kämpfen, wobei manches Horn entzwei ging. So fanden sich auf den Weiden die Arten zusammen, Pferde, Kühe, Schafe. Gänse und Enten tummelten sich auf Fluß und Teich. Wir Kinder hatten nur aufzupassen, daß den Tieren nichts passierte oder sie nicht zu weit wegliefen. Mit den Polenkindern kam ich bis auf wenige Ausnahmen gut zurecht. Wir lernten voneinander die Sprache und ritten wie die Cowboys. Die polnischen Jungen und Mädchen pflegten Dinge, die für mich bis dahin tabu waren. Sie rauchten, tranken Schnaps und trugen Waffen, überwiegend Messer und Pistolen. War ich zum Rauchen noch zu überreden, so konnten sie mich zum Trinken nicht bewegen, auch wenn sie mich der Feigheit bezichtigten und auslachten. Der Schnaps war Eigengebräu aus Kartoffeln. Vater hatte es mir strikt verboten, so etwas zu trinken. Und Waffen zu tragen, das war für Deutsche strengstens verboten. Der Sommer kam, wir schwammen zusammen in der Oder und brachten uns gegenseitig Fertigkeiten bei. Ich zeigte den Polenkindern, wie man angelt. Sie zeigten mir, wie einem Pferd die Vorderbeine gefesselt werden, damit es zwar grasen, aber nicht fortlaufen kann. Ich hatte vier Kühe und zwei Pferde zu hüten. Die Pferde "Nuschka" und "Sorka" waren meine Lieblinge. Es waren leichte Kutsch- und Reitpferde. Wenn der Müller eines oder auch beide benötigte, hatte ich sie ihm zuzuführen. Eine Uhr war für uns nur ein Wunschtraum, also mußte ich mich auf Sonnenstand und Zeitgefühl verlassen. Meistens lag ich gut damit, so daß ich die Pferde pünktlich abliefern konnte. Einmal kam ich beim Einfangen der Pferde allerdings in eine kritische Situation. Als ich mich der Herde näherte, kam plötzlich der Leithengst mit angelegten Ohren auf mich zu. Nirgends war ein Baum oder Strauch, auf dem ich hätte Schutz suchen können. In meiner Not riß ich das mitgeführte Halfter von der Schulter und schwang es kräftig über meinem Kopf. Damit traf ich den schmucken Falben mit schwarzem Schwanz und schwarzer Mähne am Kopf. Er stoppte, hob sich auf die Hinterhand und galoppierte unter Gewieher davon, ihm nach natürlich die ganze Herde. So hatte ich Mühe, das von mir geforderte Pferd einzufangen. Später habe ich meinen Pferden immer die Beine gefesselt, wenn sie im Laufe des Tages gebraucht wurden. Und ich wünschte mir, daß der Müller sie jeden Tag benötigte, konnte ich sie dann doch zum Dorf reiten. Reiten, das war für mich eines der herrlichsten Gefühle. Obwohl ich nun schon 12 Jahre alt war, hatte ich doch noch Schwierigkeiten, auf ein ungesatteltes Pferd zu steigen. Ohne Hilfsmittel, wie Baumstubben, Mauer oder ähnliches, kam ich nicht hinauf. Bis es mir der Müller - als Kavalerist - zeigte. Mit Pflichten, Spiel und Vergnügen verging der Sommer.

Vertreibung

Im September 1947 hieß es dann auch für uns: Ausweisung. Für uns war es die Vertreibung aus unserer Heimat. Die Behörden gaben bekannt, daß wir 50 kg Gepäck pro Person mitnehmen dürften. Obwohl darauf vorbereitet, traf es uns wie ein Schlag. Meine Eltern hatten schon ...zig Male die Koffer und Säcke ein- und ausgepackt. Es standen immer die Fragen: Was ist wichtig? Wo würden wir hinkommen? Was würden wir in der Fremde am dringendsten benötigen; Kleidung, Wäsche, Geschirr, Werkzeug? Wieviel von den Dingen des täglichen Lebens packen wir ein? Nötig wäre alles gewesen, aber was sind 50 kg pro Person. Nach langem Reden und Streiten, Ein- und Auspacken hatten wir beisammen, was uns damals wichtig erschien. Unter anderem war dies auch Werkzeug, wie Hammer, Zange, Hobel, Bügelsäge und sogar eine Schrotsäge. Dank der Weitsicht meines Vaters, haben uns diese Dinge später sehr geholfen. Mir persönlich gestatteten meine Eltern ein Säckchen voll liebgewordener Sachen: Ein Atlas, Indianerbuch, eine Gießform für ein Bleisoldaten, eine Schachtel voll Angelhaken, eine Bommelmütze und ein Bündel Gummistreifen für ein Katapult. Manche dieser Stücke bewahre ich heute noch auf.

Am Tage der Ausweisung erschienen Miliz und Bürgermeister und erklärten uns, in einer halben Stunde müßten wir die Wohnung verlassen haben. Draußen hatte sich der Müller mit meinen Lieblingen "Nuschka" und "Sorka" eingefunden. Er hatte sich bereit erklärt, die Deutschen nach Breslau zu bringen. Viele Polen schauten zu, als wir unsere Siebensachen auf dem Wagen verstauten, einige grinsten hämisch. Die Gepäckstücke wurden gewogen, was zu viel war, blieb zurück. Nach einer halben Stunde wurden die Wohnungen versiegelt. Vorher hatten aber zwielichtige Gestalten unter den Polen die Fensterverriegelungen gelöst; wahrscheinlich, um nachts einzusteigen. Unter Tränen der meisten unserer Leute verließen wir das Dorf. Während die Wagen auf der Straße fuhren, nahmen wir jungen Leute eine Abkürzung über die Oderwiesen zu unserem Nachbarort Großbrück. Mit dem Lied, von allen gesungen, "Nun ade, du mein lieb Heimatland ..." nahmen wir Abschied von unserem schönen Dorf an der Oder. - Seine mir so vertraute Silhouette sollte ich erst 28 Jahre später als Tourist Wiedersehen. - Nach 20 Kilometer Fußmarsch erreichten wir Breslau. An einem Bahnhof wurden die Wagen entladen. Der Müller verabschiedete sich von uns mit guten Wünschen und fuhr zurück. Dann waren wir wieder der Willkür gehässiger Menschen ausgesetzt. Wir kampierten in einem Gebäude, und die draußen gestapelten Gepäckstücke mußten die Männer bewachen. Andauernd strichen beutelüsterne Polen um die Unterkunft. Vom Bahnsteig aus sah man nur auf ein riesiges Trümmerfeld, so weit das Auge reichte. Es standen nicht einmal mehr Schornsteine. Ich weiß bis heute nicht, auf welchem Bahnhof Breslaus wir uns befunden haben.

Bis auf zwei markante Ereignisse kann ich mich an weitere Stationen unserer Fahrt nicht erinnern; erstens beging ich meinen 13. Geburtstag im Viehwaggon und zweitens war es unsere Zwischenstation im Quarantänelager Neustadt/Orla. Nach diesem Aufenthalt in Neustadt endete unsere "Reise" im Kreis Nordhausen. Auf dem Bahnhof Niedersachswerfen wurde unter anderen auch unser Name aufgerufen, und wir verließen den Waggon. Nun saßen wir da und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Obwohl für mich schon wieder etwas Neues, was Neugier und Interesse erwecken konnte, übertrug sich die gedrückte Stimmung der Erwachsenen auch auf uns Jungs. Und dann kam auch das, was ein Gefühl der Erniedrigung erzeugte: Mit langen und abweisenden Gesichtern holten uns die vom Bürgermeister geschickten Bauern aus Harzungen ab. Unsere Habseligkeiten wurden zum ...zigsten Mal verladen, und unter vieldeutigen Blicken zogen wir durch Niedersachswerfen und dann Harzungen entgegen. Mit uns kamen die Familien Stein und Peisker in den Ort, wo wir erst einmal auf dem Gemeindesaal eine vorläufige Bleibe fanden. Einige Tage später wurden wir in ein Zimmer des Bauern W. eingewiesen, dessen ganze Ausstattung aus einer nackten Glühbirne bestand. Wir hatten wieder ein Dach über dem Kopf. Die Heimat haben wir verloren, aber nie vergessen!

Karl Beutner, Große Bahnhofstraße 46, 0-5506 Niedersachswerfen

 
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