Damals, als eine Kindheit zu Ende ging ...
von Helga Kothe, Mai 2005
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Der Winter in meinem schlesischen Kindheitsparadies
begann im fünften Kriegsjahr ungewöhnlich früh. Schnee lag
in der Luft und hinter vorgehaltenen Händen heimliches
Geflüster von schweren Verlusten an der Front und vom Vormarsch
der Alliierten.
Für mich war der November einer der schönsten Monate im
Jahr. Ich liebte die Kälte – die mir heute noch lieber ist
als die Hitze – und wenn unsere „Kuchenfrau“ zweimal in der
Woche mit ihrem Fahrrad und einem zweirädrigen Anhänger durch
unsere Strasse schlidderte, lief ich nach draußen, um ihr
Gesellschaft zu leisten. Sie hieß Frau Sorge, aber sie war
ein ausgesprochen fröhlicher Mensch, stets eingemummt in
einen dicken Fellmantel mit Kapuze. Semmeln verkaufte sie
und Brote und Prasselkuchen und Amerikaner. Manchmal hatte
sie auch Bienenstich und zu besonderen Gelegenheiten
Berliner Pfannkuchen. Ich brachte dann die Tüten mit den
Backwaren an die Haustüren und kam mit dem Geld zurück. Und
immer ging ich beladen mit einer Tüte voll Backwerk nach
Hause.
Meine Mutter war ganz und gar gegen solche
„Dienstleistungen“. Was sollen denn die Leute denken, meinte
sie, als ob wir es uns nicht leisten könnten, solche Sachen
im Laden zu kaufen.
Aber ich liebte diese Nachmittage mit Frau Sorge und
begleitete sie stets von der Schreiberhauer Strasse 140 in
Stabelwitz bis runter zum Ende der Altenhainer Strasse.
Der November des Jahres 1944 hat auch heute noch
wunderschöne Erinnerungen für mich. Denn das war die Zeit,
wo mein Vater an den Wochenenden aus dem Breslauer Lazarett
nach Hause durfte. Er war in Russland schwer verwundet
worden und ging noch auf Krücken; aber seinen künstlerischen
Fähigkeiten hatte das keinen Abbruch getan. Und so saßen mein Bruder und ich am Nachmittag oft zusammen mit ihm am
großen Küchentisch und zerrissen Zeitungspapier in lauter
kleine Stücke. Und Papa vermischte die Schnitzel mit
Kleister, und formte später dann Kasperlepuppenköpfe daraus.
Und in der Adventszeit bekamen wir am Nachmittag Kakao
zu trinken und die ersten selbst gebackenen Pfefferkuchen
mit weißem und rotem Zuckerguss und schrieben unsere
Wunschzettel.
Am Heiligabend dieses vorletzten Kriegsjahres saßen wir
alle im Wohnzimmer am großen Tisch und aßen noch einmal
unser schlesisches Weihnachtsessen. Etwas, das sich sowohl
mein Bruder als auch ich später, im Erwachsenenalter, oft
gewünscht haben, wenn wir nach längerer Abwesenheit von
Australien oder Afrika wieder nach Hause kamen: weiße Würstchen und Wiener und Polnische und Kassler, dazu
Kartoffeln mit Rauchfleischsoße und Sauerkraut. Dasselbe
Essen gab es dann noch einmal zu Silvester, mit den Mohnklößen, die wir meistens um Mitternacht
aßen, wenn
auch das große Bleigießen stattfand.
(Und wenn wir später am Abend wieder Hunger hatten, gingen wir einfach runter in den Keller, wo die
übrig gebliebenen Leckereien in Schüsseln kalt gestellt
worden waren; denn einen Kühlschrank besaßen wir damals
noch nicht. Kalt schmeckten die Würstchen einfach herrlich!)
Um die zweite Januarwoche herum geriet dann im
allgemeinen Wirrwarr der letzten Kriegsmonate nicht nur
unser wohl geordnetes Familienleben durcheinander, sondern
auch das der anderen um uns herum. Und danach häuften sich
die Gerüchte, dass wir bald – ähnlich wie die unzähligen
Menschen, die in Trecks auf der Breslau-Deutsch-Lissaer
Strasse vorüberzogen – unsere Heimat verlassen müssten,
weil die russische Armee immer näher kam.
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Deutsch-Lissa
Bahnhof 1943
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Am Samstag, dem 20. Januar, kam dann einer in brauner
Parteiuniform vorbei und verkündete, dass wir uns am Montag,
dem 22. Januar, auf dem Deutsch-Lissaer Bahnhof einzufinden
hätten. Nur mit dem Gepäck, das wir tragen konnten – zwecks
„Evakuierung vor dem Feind“. Und die Schlüssel zum Haus
seien beim jeweiligen Blockwart abzugeben.
Tja, und da saß ich nun in meinem Zimmer vor dem großen Bücherregal und vor meinen Puppen und dem
Kasperletheater und dem Kaufmannsladen und musste von all
diesen lieb gewordenen Dingen Abschied nehmen. Denn es war
keinen Augenblick daran zu denken, dass wir Kinder unsere
Spielsachen mitnehmen konnten. Ein einziges Buch durfte ich
einpacken – und nahm Hans Christian Andersens Märchen mit.
Und dieses Buch hat dann auch eine kleine Völkerwanderung
mitgemacht. Es kam mit nach Hoyerswerda und nach Reichenbach
in der Niederlausitz, von dort nach Gottesgab im Sudetenland
und nach Kriegsende reiste es mit uns zurück nach Breslau.
Denn als der Krieg zu Ende war, hielt es vor allem unsere
Mutter nicht mehr aus in der Fremde.
Und so machten wir uns wieder auf die Reise – zu Fuß -
vom Erzgebirge über Sachsen und Görlitz in Richtung Breslau.
Manchmal wurden wir auch von einem Lastwagen ein Stückchen
mitgenommen. Denn der Anblick eines jungen Mannes auf
Krücken, ihm voran eine Mutter mit zwei Kindern, einen
vollbepackten Leiterwagen hinter sich herziehend, das
erregte schon Mitleid.
Schließlich, vor den Toren Breslaus, sahen wir die
zerstörte Stadt, teilweise in der Festungszeit vom eigenen
Militär in Schutt und Asche gelegt. Doch unser Haus im
Vorort Stabelwitz stand noch – wie auch die meisten anderen
Häuser in der Nachbarschaft. Aber welch eine Verwüstung! Die
Russen hatten gründliche Arbeit geleistet. Die Türen
eingetreten, die Fensterscheiben zerschlagen, die Möbel
verdreckt, Kleider und Hausgeräte im Garten verstreut... es
sah in der Tat aus wie nach einer großen Schlacht, die sich
unzivilisierte Barbaren geliefert hatten.
Bis zur Nacht mussten wir notdürftig die Fenster und
Türen zugenagelt haben; denn im gesamten Bereich von Breslau
durften die Russen immer noch plündern. Und vor
Vergewaltigungen machten sie auch noch nicht Halt. Später
dann wurde beides von den Kommandanturen verboten. Aber wann
immer Russen auf der Strasse herumjohlten und dann oft auch
an die Türen klopften – manchmal wollten sie wirklich nur
ihren Wodka mit andern teilen – mussten meine Mutter und ich
auf den Dachboden klettern. Und Papa zog dann die Leiter ein
und versteckte sie im Keller.
Ein Jahr lebten wir dann noch in Stabelwitz unter
polnischer Zivil- und russischer Militärverwaltung. Bis wir
uns im April 1946 entscheiden mussten – entweder für Polen
zu optieren oder die Ausweisung in Kauf zu nehmen. Papa
entschied sich für eine Ausreise in den Westen. Und eine
Kindheit war zu Ende gegangen.
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