|
|
Postkarte 1903
|
|
Wenn man auf der Luftaufnahme im Halbbogen von links nach
rechts hinten um die Caroluskirche herumläuft, dann
schaut man in die Herderstraße hinein. Die rechte Seite
beginnt mit der Nr.9 und endet an der Ecke Yorckstraße
mit der Nr. 21 Die linke Seite beginnt mit der Nr.2 und endet
an der Ecke Yorckstraße mit der Nr. 14 An der rechten
Ecke sieht man vorn in der Gabitzstraße die
Straßenbahn an der Haltestelle, wo sie von der Stadt
kommend hält.
|
|
|
Luftbild mit Caroluskirche
|
Die Hausnummer 1 - 7 liegt noch vor der Gabitzstraße
gegenüber der Kirche. Hier auf dem Luftbild von 1932
noch nicht zu sehen (nur kleine Häuschen und freier
Bauplatz), da hier erst um 1939/40 sehr schöne
komfortable Neubauten entstanden. Die
"Timmler-Stiftung". Extra gebaut für
"Kinderreiche". Alles Mütter mit Mutterkreuz.
Ab einer gewissen Anzahl in der Kinderproduktion gab es das
Mutterkreuz in drei verschiedenen Wertungen. Je nach
Kinderanzahl - Mutterkreuz in Bronze, Silber oder Gold mit
Kette - an der gebeutelten Mutterbrust zu tragen.
Diese Neubauecke war für uns Kinder zu meiden. Dort
konnte man sich eventuell Läuse einfangen , Prügel,
Schimpfwörter aber auf jeden Fall Ärger. Die
Hausaufgänge dieser Häuser sahen nach kurzer Zeit
demoliert, verschmiert und stets von Menschen belagert aus.
Auch zeigte sich dort oft die Polizei, was in unsrer Gegend
vorher niemals der Fall sein musste. Einmal sprang eine Frau
vom Balkon, weil ihr Mann unverhofft auf Urlaub kam und sie
mit einem anderen erwischte. Auch bevölkerten diese
Kindermassen nun den Carolusplatz. Aber die
"Schippelzeit" mit meinen Freunden war da schon
vorbei und wir mussten nichts vermissen.
In der Mitte der Herderstraße auf der rechten Seite
befand sich die Nr.15 Hier wohnte ich im Vorderhaus. Das
dazugehörende Hinterhaus kann man ebenfalls gut
erkennen, es ist das Mittelste der drei sichtbaren
Hinterhäuser.
Als kleines Kind war das der Mittelpunkt des Erlebens. Auf
dem Hof spielten wir Kinder Schule. Aus dem Vorderhaus die
Eva, Jutta und ich, aus dem Hinterhaus Gerda und Rosemarie.
Gerda wurde von mir manchmal beneidet, sie hatte einen Bruder
Erich. Wenn der nach Hause kam und seine kleine Schwester
durch die Luft schwenkte, dass sie jauchzte, dann
wünschte ich mir auch einen großen Bruder. Da
wussten wir alle noch nicht, dass dessen junges Leben schon
bald im Krieg verheizt werden sollte.
Bei Dauerregen trafen wir uns zum Stammbuchbildertauschen bei
uns im Haus über der 4. Etage am Bodenfenster. Mit
Ritschen und Stühlchen machten wir es uns gemütlich
und waren ganz unter uns.
Auf der Straße an der Hauswand spielten wir "10
Kameraden" mit dem Ball. Dabei und bei anderen
Ballspielen beteiligten sich auch die Jungen. Der Heinz, der
Walter und Juttas Brüder Hubert und Günter.
Dann begann für uns alle eher oder später die
Schulzeit in der Sauerbrunnschule. Links die ev.
Mädchen, rechts die ev. Jungen. Wir trafen uns nie auf
dem Schulhof. Mädchen und Jungen hatten verschiedene
Pausenzeiten.
Unser Umfeld dehnte sich aus. An die Schule grenzte ein
großer parkähnlicher Platz - der Sauerbrunnplatz.
Hier traf man viele andere Freunde aus der Schule oder der
Umgebung. Zwei große Sandkästen gab es da, denen
man in der Schulzeit längst entwachsen war. Aber viele
Bänke, schattenspendende Laubbäume, lauschige Ecken
und Sträucher entlang der hohen Ziegelmauer rechts , die
das Verwaltungsgebäude der Stadtreinigung abgrenzte,
luden zum Verweilen ein und zum "Verstecken spielen.
Nach dem HJ-Dienst verweilten die Jungen mitunter im
Sandkasten und "spickten" mit ihren Fahrtenmessern.
Niemals wurde dieses missbraucht bei Zankereien oder kleinen
Meinungsverschiedenheiten.
Hinten führte ein Bergl runter zum Sauerbrunnen. Na, der
war das Größte! Die Gegend um den Sauerbrunnen war
herrlich. Im Sommer hat mein Vatel dort in der langen
schattigen Allee, die am Häusl entlangführte,
manchmal Schach gespielt. Dort standen viele Tische und
Stühle. Ich habe ihm dann mitunter Abendbrot gebracht -
Sahnkäseschnitten mit Tomatenscheiben drauf und
Zwiebeln. Da durfte ich mir dann immer ein Glas Sauerbrunnen
"MIT" kaufen (mit Himbeer- oder Zitronensirup)
für 10 Pf. und für ihn holte ich "Ohne"
für 5 Pf. Zum Brunnenhäusl musste man ein kleines
Bergl runter. Dieses mit zwei großen vollen
Gläsern heil wieder hochzukommen, war stets ein
Unterfangen für Kinder.
Im Herbst gab es das Karpfenfischen. Da wurde das Wasser
abgelassen und die Fische wurden mit Keschern
"geerntet". Im Winter war dieser Brunnen mit seiner
Umgebung voll im Besitz von sich tummelnden Kindern. Auf dem
Eis liefen wir Schlittschuh (mit Eintritt - versteht sich)
und außerhalb rodelten oder kaschelten wir die kleinen
Abhänge hinunter. Es war stets ein reges Leben um diesen
schönen alten Sauerbrunnen. Und hier sahen wir uns alle
wieder, die wir bereits im Sommer auf dem Carolusplatz
miteinander geschippelt und um die Caroluskirche herum
"Räuber und Skulle" gespielt hatten. Das war
Kindergespiele,das man höchstens bis zu 11/12 Jahren
mitmachte.
Danach ging man natürlich weiter weg, zum
Hardenberghügel. Kernerberg wurde er genannt, weil er
mal aus Müllabfällen entstand . Der war ganz
schön hoch und man musste schon "Traute"
haben, den runterzusausen; denn fast unten, wenn man die
schnellste Fahrt drauf hatte, kam ein großer
"Huckel", den die wenigsten auf dem Schlitten
passierten. Gefährlich war es, wenn man dalag und der
Nächste kam bereits angebraust. Das konnte böse
enden. So ging es dem Hubert, Juttas Bruder. Ein
komplizierter Beinbruch war die Folge.
Rollschuhlaufen (natürlich mit Kugellager) wurde modern.
Die ersten Anfänge spielten sich auf der
Herderstraße ab und dehnten sich dann aus in die
Yorckstraße bis zur Schule hin. Mit dem Hinterhausheinz
fuhr ich oft um die Wette bis zur Ecke an die Laterne. Wenn
ich damals schon gewusst hätte, dass er mit kaum 18
Jahren vom RAD aus rein in die russische Gefangenschaft muss
für fünf Jahre und bei seiner Heimkehr in die
Fremde nie mehr etwas erfahren soll über das Schicksal
seiner Mutter und der kleinen Schwester, dann wäre ich
freundlicher gewesen zu ihm. Aber dem Walter musste ich schon
damals mein volles Mitgefühl widmen. Als er da im
November 1941 auf der Haustürtreppe saß und
bitterlich weinte, weil sein großer Bruder nie mehr
nach Hause kommen würde, den er jahrelang täglich
dort aus der Arbeit erwartet hatte und der ihm mit dem Vater
zusammen seit seinem 9. Lebensjahre die Mutter ersetzte, da
kamen mir auch die Tränen. Aber für ihn war das
Maß noch nicht voll. Vom RAD aus kam auch er
17-jährig in Kriegsgefangenschaft vier Jahre nach
Belgien zum Bunkerabbau des ’Atlantikwalls’.
Vorn in der Gabitzstraße 103, wo die Straßenbahn
hält, da sieht man die Markise vom Lebensmittel- und
Gemüsegeschäft Guckel. Da war ein Automat an der
Wand. Der hatte auf Kinder eine außerordentliche
Anziehungskraft. Ausgerechnet an Sonntagen, wenn nur dieser
Automat zum Einkauf zur Verfügung stand, wollten Kinder
daher gern ‚etwas ziehen’, auch wenn sie genau
wussten, dass das teurer war. Ich weiß, wovon ich
spreche. Über die Herderstraße rüber in der
Gabitzstraße Nr.107 wohnte unser aller Hausarzt
Dr.Kitschler. Der kannte alle Familien, ihre Nöte und
Wehwehchen. Als ich mir als 9jährige beim Rumtoben auf
dem Carolusplatz ein spitzes Steinchen in das Knie rammte,
lief ich gleich (in Begleitung einer Kinderschar) rüber
über die Straße und rein in die 107 zum 1. Stock.
Dr. Kitschler machte das! Als ich einige Zeit später
ohne Bewusstsein mit Diphtherie im Bett lag, saß er von
Mitternacht bis früh um 6.00 Uhr an meinem Bett. Dann
kam er eine Woche lang jeden Tag zweimal zu uns. Von seiner
Einsatzbereitschaft gibt es noch endlos Beispiele. Dieser
Arzt hat sich nie beklagt, er war einfach da, für alle,
die ihn brauchten. Als Kind befand ich ihn als groß und
hübsch und war voll von Vertrauen zu ihm.
Gegenüber der Nr.15 lag die Nr. 8. Da gab es die
Konditorei Steinert. Die hatten ein Eis, so was gibt’s
nicht wieder. Von Torten gar nicht zu reden. Aber teuer. Im
Krieg mussten sie aufgeben. Mangel an Zutaten. Das
Hutgeschäft von Frau Garn zog ein, die in der Nr.14
wohnte.
In der Nr. 19 war ein Papiergeschäft. Was man da alles
kriegen konnte, wenn man genug Geld mitbrachte. Am
schönsten waren die leuchtend bunten durchsichtigen
Heftumschläge - besonders die roten. Ach, und die
Hauchbilder, ein Gedicht. Wie sie sich krümmten auf der
Handfläche, wenn man draufhauchte. Was man daraus alles
ersehen und erträumen konnte.
Der Pfennigbäcker, Herder- Ecke Yorckstraße
– kein Kind, das den nicht kannte. Herrlichkeiten
für je einen Pfennig konnte man da erstehen: bunte
Schlangen, Sahnebonbon, Püppchen aus Schaumgummi,
Mottenkugeln (runde bunte Kugeln zum Lutschen), ach, und noch
so viele andere bunte leckere süße Niedlichkeiten.
Dass ich in einem sehr schönen Haus wohnte, das wusste
ich. Aber was Jugendstil ist, das war mir noch nicht
bekannt.Wenn man zur Haustür hereinkam, zog der graue
Steinfußboden, der arabeskenartig mit Rose und Bleu
durchzogen war, die Blicke auf sich. Die beiden hellblauen
Windfangtüren, hatten je einen Messingknauf und prunkten
mit wunderschön geschwungenen Scheiben, die ebenfalls
arabeskenartig mit verschiedener Glasart verziert waren. Und
wenn man durch diese hindurch war, da fiel die nächste
Schönheit schon ins Auge, während die Türen
noch schwangen. Das erste Flurfenster, ganz im Bunt des
Jugendstils, reflektierte seine Farben je nach Licht- und
Sonneneinfall. Da tanzten rote, grüne, gelbe und blaue
Flecken über die Wände, über die Treppen und
Fußböden. Das war schön!
Gleich links hinter den Schwingtüren war der
Hintereingang des Kaufladens "Knittel-Edeka" . Da
meine Muttel da Kundin war, konnte ich mir nach Ladenschluss
schon mal erlauben, 'von hinten herum' noch eine
Tafel 'Venetia' Vollmilch mit Zitronengeschmack zu
holen für 25 Pf. Das Ehepaar Knittel hatte seine Wohnung
im Nebenhaus in der Nr. 13. Rechts der Schwingtür war
die Wohnung der Hausmeisterleute, deren einziger Sohn
Günter der erste in unserem Haus war, der "Für
Führer, Volk und Vaterland" fallen musste. Der
zweite war Karlchen Dierschke, den wir Kinder immer
bewunderten. Der konnte die ganze hohe Treppe von einem zum
anderen Podest springen und elegant abfedern. Außerdem
war er ein fescher Marineoffizier und seinem Charme waren
nicht nur wir Kinder erlegen. Der dritte, der für den
Führer fallen musste, war der Gross-Sohn. Das war zwar
schlimm und alle kondolierten aber es ging nicht so unter die
Haut, weil man ihn weniger zu Gesicht bekommen hatte. Am
schlimmsten berührte uns alle die Tragik um Hubert und
Günter Ungerath, Juttas Brüder. Im Januar 1943,
gleich nach seinem 18. Geburtstag wurde Hubert eingezogen, 9
Monate später war er vermisst in den
Pripjatsümpfen. Günter musste 1 1/2 Jahr
später ran, und schon 3 Monate darauf war auch er tot.
(Hätte ich ihn bloß nicht immer 'Eierkopp'
genannt. Das tut mir so leid.) Die Frau Ungerath hing sich an
der Klinke der Schlafzimmertür auf. Jutta kam schreiend
zu meiner Mutter gerannt. Mit gemeinsamer Kraft und der Hilfe
von Frau Obitz schafften sie es, die Tür aufzuschieben
und den Strick zu durchtrennen. Auch hier war das Maß
des Leidens noch nicht voll. Nach der Zerbombung und aus
Trümmern der Herderstraße sich errettet, musste
die Frau Ungerath noch den letzten Mann der Familie
einbüßen, ihren Ehemann. Ein Pole erstach ihn beim
Säubern der Toiletten in der Sauerbrunnschule - er hatte
nicht nach der Vorstellung des Messerstechers gesäubert.
Die Frau verzweifelte vollends am Leben. Jutta wurde Ende
1946 mit einer hilflosen Mutter allein über die neue
Grenze ausgewiesen aus der Heimat, wobei sie sich bei
Schneekälte auch noch ihre Stiefel von den Beinen ziehen
lassen musste vor Eintritt ins neue Leben.
Nur noch in der Erinnerung besteht die heile Welt der
Herderstraße und ihrer Umgebung. Lediglich die
Caroluskirche und die Sauerbrunnschule, die Mittelpunkte
unserer Kindheit, stehen noch. Alles andere ringsherum
versank in Schutt und Asche, wahrscheinlich im Feuersturm der
Osterzeit 1945. Es gibt keinen Brunnen mehr, er ist
zugeschüttet und es gibt auch nicht mehr die
schönen alten Bäume und den Sauerbrunnplatz. Die
Menschen, die überlebten, wurden verstreut in alle Winde
und es gibt keinen Austausch der Erinnerungen mehr. Versunken
ist die alte Welt. So sah es 1959/60 aus auf dem
beschriebenen Teil der Herderstraße:
|
|
|
Herderstraße 1959/60
im Hintergrund die Caroluskirche
|
Auf beiden Seiten sind die Häuserzeilen nur noch
Trümmer. Die Hausecke links ist die Gerhart Hauptmann
Realschule auf der Yorckstraße. Der Baum vor der
Häuserruine hat wahrscheinlich vorher im Hof der
Herderstraße Nr. 2 gestanden und die sichtbare
Hausruine dahinter in der Gabitzstraße scheint die Nr.
105 zu sein. Die Nr.107 von Dr. Kitschler ist auch
verschwunden.
|
|
|
Herderstraße Nr. 2
im Hintergrund die Sauerbrunnschule
|
Hier der Blick von der linken Ecke der Herderstraße die
Yorckstraße entlang zur Sauerbrunnschule. Noch erhalten
sind hier einige beschädigte Bäume, wo sich
dahinter der Sauerbrunnplatz befand.
|
|
|
Rechte Häuserzeile der Herderstraße
|
Hier stand die rechte Häuserzeile der
Herderstraße, wenn man über die Yorckstraße
geht, wie man auf der Luftaufnahme noch erkennen kann.
|