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Kinderjahre in der Herderstraße
aufgeschrieben von Lydia Berlin, 03. August 2006
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Postkarte 1903

 

Wenn man auf der Luftaufnahme im Halbbogen von links nach rechts hinten um die Caroluskirche herumläuft, dann schaut man in die Herderstraße hinein. Die rechte Seite beginnt mit der Nr.9 und endet an der Ecke Yorckstraße mit der Nr. 21 Die linke Seite beginnt mit der Nr.2 und endet an der Ecke Yorckstraße mit der Nr. 14 An der rechten Ecke sieht man vorn in der Gabitzstraße die Straßenbahn an der Haltestelle, wo sie von der Stadt kommend hält.

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Luftbild mit Caroluskirche

Die Hausnummer 1 - 7 liegt noch vor der Gabitzstraße gegenüber der Kirche. Hier auf dem Luftbild von 1932 noch nicht zu sehen (nur kleine Häuschen und freier Bauplatz), da hier erst um 1939/40 sehr schöne komfortable Neubauten entstanden. Die "Timmler-Stiftung". Extra gebaut für "Kinderreiche". Alles Mütter mit Mutterkreuz. Ab einer gewissen Anzahl in der Kinderproduktion gab es das Mutterkreuz in drei verschiedenen Wertungen. Je nach Kinderanzahl - Mutterkreuz in Bronze, Silber oder Gold mit Kette - an der gebeutelten Mutterbrust zu tragen.

Diese Neubauecke war für uns Kinder zu meiden. Dort konnte man sich eventuell Läuse einfangen , Prügel, Schimpfwörter aber auf jeden Fall Ärger. Die Hausaufgänge dieser Häuser sahen nach kurzer Zeit demoliert, verschmiert und stets von Menschen belagert aus. Auch zeigte sich dort oft die Polizei, was in unsrer Gegend vorher niemals der Fall sein musste. Einmal sprang eine Frau vom Balkon, weil ihr Mann unverhofft auf Urlaub kam und sie mit einem anderen erwischte. Auch bevölkerten diese Kindermassen nun den Carolusplatz. Aber die "Schippelzeit" mit meinen Freunden war da schon vorbei und wir mussten nichts vermissen.

In der Mitte der Herderstraße auf der rechten Seite befand sich die Nr.15 Hier wohnte ich im Vorderhaus. Das dazugehörende Hinterhaus kann man ebenfalls gut erkennen, es ist das Mittelste der drei sichtbaren Hinterhäuser.

Als kleines Kind war das der Mittelpunkt des Erlebens. Auf dem Hof spielten wir Kinder Schule. Aus dem Vorderhaus die Eva, Jutta und ich, aus dem Hinterhaus Gerda und Rosemarie. Gerda wurde von mir manchmal beneidet, sie hatte einen Bruder Erich. Wenn der nach Hause kam und seine kleine Schwester durch die Luft schwenkte, dass sie jauchzte, dann wünschte ich mir auch einen großen Bruder. Da wussten wir alle noch nicht, dass dessen junges Leben schon bald im Krieg verheizt werden sollte.

Bei Dauerregen trafen wir uns zum Stammbuchbildertauschen bei uns im Haus über der 4. Etage am Bodenfenster. Mit Ritschen und Stühlchen machten wir es uns gemütlich und waren ganz unter uns.

Auf der Straße an der Hauswand spielten wir "10 Kameraden" mit dem Ball. Dabei und bei anderen Ballspielen beteiligten sich auch die Jungen. Der Heinz, der Walter und Juttas Brüder Hubert und Günter.

Dann begann für uns alle eher oder später die Schulzeit in der Sauerbrunnschule. Links die ev. Mädchen, rechts die ev. Jungen. Wir trafen uns nie auf dem Schulhof. Mädchen und Jungen hatten verschiedene Pausenzeiten.

Unser Umfeld dehnte sich aus. An die Schule grenzte ein großer parkähnlicher Platz - der Sauerbrunnplatz. Hier traf man viele andere Freunde aus der Schule oder der Umgebung. Zwei große Sandkästen gab es da, denen man in der Schulzeit längst entwachsen war. Aber viele Bänke, schattenspendende Laubbäume, lauschige Ecken und Sträucher entlang der hohen Ziegelmauer rechts , die das Verwaltungsgebäude der Stadtreinigung abgrenzte, luden zum Verweilen ein und zum "Verstecken spielen. Nach dem HJ-Dienst verweilten die Jungen mitunter im Sandkasten und "spickten" mit ihren Fahrtenmessern. Niemals wurde dieses missbraucht bei Zankereien oder kleinen Meinungsverschiedenheiten.

Hinten führte ein Bergl runter zum Sauerbrunnen. Na, der war das Größte! Die Gegend um den Sauerbrunnen war herrlich. Im Sommer hat mein Vatel dort in der langen schattigen Allee, die am Häusl entlangführte, manchmal Schach gespielt. Dort standen viele Tische und Stühle. Ich habe ihm dann mitunter Abendbrot gebracht - Sahnkäseschnitten mit Tomatenscheiben drauf und Zwiebeln. Da durfte ich mir dann immer ein Glas Sauerbrunnen "MIT" kaufen (mit Himbeer- oder Zitronensirup) für 10 Pf. und für ihn holte ich "Ohne" für 5 Pf. Zum Brunnenhäusl musste man ein kleines Bergl runter. Dieses mit zwei großen vollen Gläsern heil wieder hochzukommen, war stets ein Unterfangen für Kinder.

Im Herbst gab es das Karpfenfischen. Da wurde das Wasser abgelassen und die Fische wurden mit Keschern "geerntet". Im Winter war dieser Brunnen mit seiner Umgebung voll im Besitz von sich tummelnden Kindern. Auf dem Eis liefen wir Schlittschuh (mit Eintritt - versteht sich) und außerhalb rodelten oder kaschelten wir die kleinen Abhänge hinunter. Es war stets ein reges Leben um diesen schönen alten Sauerbrunnen. Und hier sahen wir uns alle wieder, die wir bereits im Sommer auf dem Carolusplatz miteinander geschippelt und um die Caroluskirche herum "Räuber und Skulle" gespielt hatten. Das war Kindergespiele,das man höchstens bis zu 11/12 Jahren mitmachte.

Danach ging man natürlich weiter weg, zum Hardenberghügel. Kernerberg wurde er genannt, weil er mal aus Müllabfällen entstand . Der war ganz schön hoch und man musste schon "Traute" haben, den runterzusausen; denn fast unten, wenn man die schnellste Fahrt drauf hatte, kam ein großer "Huckel", den die wenigsten auf dem Schlitten passierten. Gefährlich war es, wenn man dalag und der Nächste kam bereits angebraust. Das konnte böse enden. So ging es dem Hubert, Juttas Bruder. Ein komplizierter Beinbruch war die Folge.

Rollschuhlaufen (natürlich mit Kugellager) wurde modern. Die ersten Anfänge spielten sich auf der Herderstraße ab und dehnten sich dann aus in die Yorckstraße bis zur Schule hin. Mit dem Hinterhausheinz fuhr ich oft um die Wette bis zur Ecke an die Laterne. Wenn ich damals schon gewusst hätte, dass er mit kaum 18 Jahren vom RAD aus rein in die russische Gefangenschaft muss für fünf Jahre und bei seiner Heimkehr in die Fremde nie mehr etwas erfahren soll über das Schicksal seiner Mutter und der kleinen Schwester, dann wäre ich freundlicher gewesen zu ihm. Aber dem Walter musste ich schon damals mein volles Mitgefühl widmen. Als er da im November 1941 auf der Haustürtreppe saß und bitterlich weinte, weil sein großer Bruder nie mehr nach Hause kommen würde, den er jahrelang täglich dort aus der Arbeit erwartet hatte und der ihm mit dem Vater zusammen seit seinem 9. Lebensjahre die Mutter ersetzte, da kamen mir auch die Tränen. Aber für ihn war das Maß noch nicht voll. Vom RAD aus kam auch er 17-jährig in Kriegsgefangenschaft vier Jahre nach Belgien zum Bunkerabbau des ’Atlantikwalls’.

Vorn in der Gabitzstraße 103, wo die Straßenbahn hält, da sieht man die Markise vom Lebensmittel- und Gemüsegeschäft Guckel. Da war ein Automat an der Wand. Der hatte auf Kinder eine außerordentliche Anziehungskraft. Ausgerechnet an Sonntagen, wenn nur dieser Automat zum Einkauf zur Verfügung stand, wollten Kinder daher gern ‚etwas ziehen’, auch wenn sie genau wussten, dass das teurer war. Ich weiß, wovon ich spreche. Über die Herderstraße rüber in der Gabitzstraße Nr.107 wohnte unser aller Hausarzt Dr.Kitschler. Der kannte alle Familien, ihre Nöte und Wehwehchen. Als ich mir als 9jährige beim Rumtoben auf dem Carolusplatz ein spitzes Steinchen in das Knie rammte, lief ich gleich (in Begleitung einer Kinderschar) rüber über die Straße und rein in die 107 zum 1. Stock. Dr. Kitschler machte das! Als ich einige Zeit später ohne Bewusstsein mit Diphtherie im Bett lag, saß er von Mitternacht bis früh um 6.00 Uhr an meinem Bett. Dann kam er eine Woche lang jeden Tag zweimal zu uns. Von seiner Einsatzbereitschaft gibt es noch endlos Beispiele. Dieser Arzt hat sich nie beklagt, er war einfach da, für alle, die ihn brauchten. Als Kind befand ich ihn als groß und hübsch und war voll von Vertrauen zu ihm.

Gegenüber der Nr.15 lag die Nr. 8. Da gab es die Konditorei Steinert. Die hatten ein Eis, so was gibt’s nicht wieder. Von Torten gar nicht zu reden. Aber teuer. Im Krieg mussten sie aufgeben. Mangel an Zutaten. Das Hutgeschäft von Frau Garn zog ein, die in der Nr.14 wohnte.

In der Nr. 19 war ein Papiergeschäft. Was man da alles kriegen konnte, wenn man genug Geld mitbrachte. Am schönsten waren die leuchtend bunten durchsichtigen Heftumschläge - besonders die roten. Ach, und die Hauchbilder, ein Gedicht. Wie sie sich krümmten auf der Handfläche, wenn man draufhauchte. Was man daraus alles ersehen und erträumen konnte.

Der Pfennigbäcker, Herder- Ecke Yorckstraße – kein Kind, das den nicht kannte. Herrlichkeiten für je einen Pfennig konnte man da erstehen: bunte Schlangen, Sahnebonbon, Püppchen aus Schaumgummi, Mottenkugeln (runde bunte Kugeln zum Lutschen), ach, und noch so viele andere bunte leckere süße Niedlichkeiten.

Dass ich in einem sehr schönen Haus wohnte, das wusste ich. Aber was Jugendstil ist, das war mir noch nicht bekannt.Wenn man zur Haustür hereinkam, zog der graue Steinfußboden, der arabeskenartig mit Rose und Bleu durchzogen war, die Blicke auf sich. Die beiden hellblauen Windfangtüren, hatten je einen Messingknauf und prunkten mit wunderschön geschwungenen Scheiben, die ebenfalls arabeskenartig mit verschiedener Glasart verziert waren. Und wenn man durch diese hindurch war, da fiel die nächste Schönheit schon ins Auge, während die Türen noch schwangen. Das erste Flurfenster, ganz im Bunt des Jugendstils, reflektierte seine Farben je nach Licht- und Sonneneinfall. Da tanzten rote, grüne, gelbe und blaue Flecken über die Wände, über die Treppen und Fußböden. Das war schön!

Gleich links hinter den Schwingtüren war der Hintereingang des Kaufladens "Knittel-Edeka" . Da meine Muttel da Kundin war, konnte ich mir nach Ladenschluss schon mal erlauben, 'von hinten herum' noch eine Tafel 'Venetia' Vollmilch mit Zitronengeschmack zu holen für 25 Pf. Das Ehepaar Knittel hatte seine Wohnung im Nebenhaus in der Nr. 13. Rechts der Schwingtür war die Wohnung der Hausmeisterleute, deren einziger Sohn Günter der erste in unserem Haus war, der "Für Führer, Volk und Vaterland" fallen musste. Der zweite war Karlchen Dierschke, den wir Kinder immer bewunderten. Der konnte die ganze hohe Treppe von einem zum anderen Podest springen und elegant abfedern. Außerdem war er ein fescher Marineoffizier und seinem Charme waren nicht nur wir Kinder erlegen. Der dritte, der für den Führer fallen musste, war der Gross-Sohn. Das war zwar schlimm und alle kondolierten aber es ging nicht so unter die Haut, weil man ihn weniger zu Gesicht bekommen hatte. Am schlimmsten berührte uns alle die Tragik um Hubert und Günter Ungerath, Juttas Brüder. Im Januar 1943, gleich nach seinem 18. Geburtstag wurde Hubert eingezogen, 9 Monate später war er vermisst in den Pripjatsümpfen. Günter musste 1 1/2 Jahr später ran, und schon 3 Monate darauf war auch er tot. (Hätte ich ihn bloß nicht immer 'Eierkopp' genannt. Das tut mir so leid.) Die Frau Ungerath hing sich an der Klinke der Schlafzimmertür auf. Jutta kam schreiend zu meiner Mutter gerannt. Mit gemeinsamer Kraft und der Hilfe von Frau Obitz schafften sie es, die Tür aufzuschieben und den Strick zu durchtrennen. Auch hier war das Maß des Leidens noch nicht voll. Nach der Zerbombung und aus Trümmern der Herderstraße sich errettet, musste die Frau Ungerath noch den letzten Mann der Familie einbüßen, ihren Ehemann. Ein Pole erstach ihn beim Säubern der Toiletten in der Sauerbrunnschule - er hatte nicht nach der Vorstellung des Messerstechers gesäubert. Die Frau verzweifelte vollends am Leben. Jutta wurde Ende 1946 mit einer hilflosen Mutter allein über die neue Grenze ausgewiesen aus der Heimat, wobei sie sich bei Schneekälte auch noch ihre Stiefel von den Beinen ziehen lassen musste vor Eintritt ins neue Leben.

Nur noch in der Erinnerung besteht die heile Welt der Herderstraße und ihrer Umgebung. Lediglich die Caroluskirche und die Sauerbrunnschule, die Mittelpunkte unserer Kindheit, stehen noch. Alles andere ringsherum versank in Schutt und Asche, wahrscheinlich im Feuersturm der Osterzeit 1945. Es gibt keinen Brunnen mehr, er ist zugeschüttet und es gibt auch nicht mehr die schönen alten Bäume und den Sauerbrunnplatz. Die Menschen, die überlebten, wurden verstreut in alle Winde und es gibt keinen Austausch der Erinnerungen mehr. Versunken ist die alte Welt. So sah es 1959/60 aus auf dem beschriebenen Teil der Herderstraße:

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Herderstraße 1959/60 
im Hintergrund die Caroluskirche

Auf beiden Seiten sind die Häuserzeilen nur noch Trümmer. Die Hausecke links ist die Gerhart Hauptmann Realschule auf der Yorckstraße. Der Baum vor der Häuserruine hat wahrscheinlich vorher im Hof der Herderstraße Nr. 2 gestanden und die sichtbare Hausruine dahinter in der Gabitzstraße scheint die Nr. 105 zu sein. Die Nr.107 von Dr. Kitschler ist auch verschwunden.

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Herderstraße Nr. 2 
im Hintergrund die Sauerbrunnschule

Hier der Blick von der linken Ecke der Herderstraße die Yorckstraße entlang zur Sauerbrunnschule. Noch erhalten sind hier einige beschädigte Bäume, wo sich dahinter der Sauerbrunnplatz befand.

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Rechte Häuserzeile der Herderstraße

Hier stand die rechte Häuserzeile der Herderstraße, wenn man über die Yorckstraße geht, wie man auf der Luftaufnahme noch erkennen kann.

 
© 2006 Egon Höcker
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