|
Meine Kindheitserinnerungen
aufgeschrieben von Manfred Pohl, 17. April 2005
|
|
Home >>Geschichte
>>Erinnerungen >> Kinderspiele
Vom Burgfeld in die Linnestraße, ein Kinderparadies
"Wenn man, so wie ich, 1928 in Breslau geboren wurde,
aufgewachsen ist und zur Schule ging, hat man einen reichen
Schatz an Erinnerungen und auch Erfahrungen aus seiner
Kindheit und Jugend. Und ich kann mir kaum Jemanden
vorstellen, der sich nicht gerne an diese, heute schon so
unendlich ferne, vergangene Zeit erinnern möchte! Nach fast
einem Menschenalter und im nachhinein sind vielleicht nicht
mehr alle Einzelheiten so gegenwärtig, wie damals, als man
es selbst erlebte. Doch von mir kann ich ganz sicher
behaupten, daß ich mich noch heute genau so gut an diese
schöne Zeit in meinem Leben erinnere, als ob es erst gestern
wäre!
Unsere Heimatstadt Breslau war ja die Perle am Oderstrom,
sehr alt und erhaben und reichlich versehen mit den
unvergänglichen Zeugnissen abendländischer Kulturen, von
denen wir alle so viel mitbekommen haben. Und es gab, wie in
so manch andren Städten natürlich die verschiedensten
Gegenden oder Stadtviertel, welche im Volksmund eigenen
Namen hatten und obendrein auch ein Abbild der dort
wohnenden Menschen waren, seien es die "begüterten" oder die
"ärmeren" Schichten der Bevölkerung.
 |
Burgfeld
Foto von 1907
|
Das 4-stöckige Mietshaus, indem meine Eltern wohnten, als
ich zur Welt kam, lag in einem der ältesten Altstadtviertel,
und die Straße hieß: "Burgfeld", gegenüber dem alten
"Zeughaus" und gleich um die Ecke vom ehrwürdigen
Allerheiligenhospital. Vor meinem Eintritt in die erste
Volksschulklasse sind wir aber bereits in eine etwas bessere
Gegend draußen im Odertor umgezogen. Dort im Odertor lebte
auch im selben Mietshaus neben der Großmutter
mütterlicherseits, die Familie einer Schwester meiner
Mutter, die wir in der Folgezeit dann auch sehr oft
besuchten, und weil wir dort etwa gleichaltrige Vettern und
Basen hatten. Überhaupt gab's im Odertor noch mehrere Onkels
und Tanten meiner Mutter, und vielleicht war das auch mit
einer der Gründe, warum meine Eltern gerade dorthin zogen.
Denn für meinen Vater, der ja als Krankenpfleger im
Allerheiligenhospital arbeitete, bedeutete das nun, daß er
einen sehr weiten Weg zu laufen hatte, um zu seiner Arbeit
zu kommen. Er tat es übrigens, abhängend von seinen
Dienststunden im Hospital, im Sommer, wie auch im Winter 4
mal täglich, und zwar solange, bis er anno 1939 sofort
wieder zum Wehrdienst einberufen wurde! Eine Gehleistung und
einen Papa, auf die wir Kinder unendlich stolz waren und
immer nachzuahmen versuchten, allerdings ohne Erfolg.
Hier und noch vor meinem Schulanfang erlebten wir Kinder,
ich hatte einen um 2 Jahre jüngeren Bruder, unsere Kindheit
und alles was damit zusammenhing. Die Wohnlage in der
Linnestraße war wie geschaffen für ein Kinderparadies, und
es gab natürlich genug Kinder in den anliegenden
Mietshäusern, mit denen man bekannt wurde und zusammen
spielte! Wir hatten unsere Freude am gemeinsamen Spielen mit
den Buben und Mädels aus der Nachbarschaft, obwohl eben
manchmal auch, wie es so bei Kindern üblich war, Ränke und
Zänke und dicke Freundschaften und fiese Abneigungen an der
Tagesordnung waren.
Auf unserer Straße standen zu beiden Seiten große und alte
Kastanienbäume nahe am Rinnstein neben dem eigentlichen
Fußweg. Diese Bäume erfreuten uns im Frühjahr mit der
ungeheuren Pracht ihrer Blütenkerzen, und wenn sie dann
herunterfielen, sammelten wir sie und schoben große Haufen
damit zusammen, wo man hineinspringen konnte, wie in ein
weiches Federbett, und niemals schmutzig wurde. Später dann
im Herbst, wenn sich die stacheligen grünen Früchte leicht
gelblich tönten und endlich aufbrachen, konnte man bereits
die herrliche glanzbraune Farbe der Kastanien erkennen. Und
jedes Kind von der Straße erschien mit einem kleinen
Leinensäckchen, um so früh als möglich die des Nachts
heruntergefallenen Kastanien einzusammeln. Schon damals
lernte man, daß das frühe Aufstehen große Vorteile hatte!
Es dauerte meist ein paar Wochen, bis die letzten dieser
braunen Kastanien alle heruntergefallen waren, und da sie
nach einer gewissen Lagerzeit immer fester und härter
wurden, begannen wir schon damit, lustige Figuren und
Tierchen mit Hilfe von abgebrannten Streichhölzchen zu
basteln. Ein großer Teil wurde auch für den sonntäglichen
Besuch im Zoo beiseite gehalten, denn dort konnte man sogar
Kastanien als Futter für die Tiere gegen Bargeld verkaufen!
Während der schönen und wärmeren Jahreszeit gab es für uns
Kinder jede Menge an spielerischen Möglichkeiten, und zwar
auf der Straße, die damals kaum irgendwelchen Verkehr
aufwies. Denn es gab kaum nennenswerte Kraftfahrzeuge in
unserer Wohngegend, und Warenlieferungen wurden noch mit
Pferdewagen und Karren herangeschafft. Jeden Herbst kamen
die Bauern mit ihren von Pferden gezogenen Leiterwagen in
die Stadt, um ihre Kartoffeln, Rüben und Kohlköpfe zu
verkaufen. Im heißen Hochsommer fuhren die Brauereiwägen
herum und verkauften "Jungbier" für die durstigen Kehlen!
Denn gerade unter der einkommensschwachen Bevölkerung, (und
wie gehörten auch dazu) war das Einkellern und
Sauerkrautmachen nicht nur vom Brauchtum her bestimmt,
sondern notwendig. Andere Fahrzeuge boten auch Obst zum
Einwintern an, in der Hauptsache Äpfel und Birnen, während
man die Kirschen bereits im Frühsommer zur Kirschenzeit
kaufte und einweckte! Ganz wichtig jedoch war auch die
Kohlen und Briketteinlagerung für die lange Heizperiode des
Winters, der ja in Schlesien manchmal bis zu 5 oder gar 6
Monate dauerte!
Man kann sich das heute fast nicht mehr vorstellen, aber
eine alltägliche Mietwohnung hatte neben einem Küchenherd,
und manchmal schon einem mit Stadtgas versorgtem
Zweiflammenbrenner, auch einen Kachelofen im Wohnzimmer.
Herd und Kachelofen wurden ausschließlich mit Holzscheiteln
und geknülltem Zeitungspapier zum Anfeuern, danach mit der
guten Steinkohle aus den oberschlesischen Gruben, und nach
dem Durchbrennen und Abfeuern, mit Braunkohlen- oder
Steinkohlenbriketts versorgt, wobei letztere dann meist über
Nacht durchglimmten und die Wärme in den eiskalten
Frostnächten spendeten.
So gab's auch noch den Kaminkehrer, der ja öfters im Jahre
alle Schornsteine hinunter bis in die Aschenausfallschächte
in den Kellern unter den Häusern, reinigen mußte, und der
dafür ganz besondere Werkzeuge mit sich trug. Die
Standardbekleidung dieses Berufsstandes war ein schwarzer
Zylinderhut, enganliegende schwarzes Ärmelhemd und Hosen,
feste Schuhe und ein rußverschmiertes Gesicht! Meist kamen
sie auf Fahrrädern daher, die noch eine kleine schmale
Leiter dabei hatten. Wir Kinder konnten dann im Winter, wenn
es zu kalt zum Spielen auf der Straße war, stundenlang
hinter den Fenstern stehend, diese "Dachakrobaten"
beobachten, wenn sie auf gegenüberliegenden Hausdächern
neben den Kaminen standen und ihre Arbeit verrichteten. Aber
nur dann, wenn man mindestens in den 2 letzten oberen
Stockwerken wohnte. Was auf uns zutraf, weil die
Wohnungsmieten weiter oben billiger waren!
Maulaffen feilhalten
Damals gab's auf unserer Straße auch noch Gaslaternen als
Straßenbeleuchtung während der Nacht. Diese standen in
gewissen Abständen zwischen den Kastanienbäumen dicht am
Gehweg, und waren ca. 4 Meter hohe gußeiserne geformte
Pfähle. Die Laternen am oberen Ende waren sechskantige
Prismen, mit Glasscheiben versehen, und der "Leuchtstrumpf",
versorgt von einer Gaszuleitung durch den hohlen
Laternenpfahl, mußte allabendlich zur Dämmerungsstunde von
einem Gasanzünder angezündet werden. Auch diese Männer kamen
per Fahrrad durch ihr zugeteiltes Revier angefahren, hatten
aber eine auseinander nehmbahre schmale Leiter dabei, da sie
ja an die 4 Meter hoch steigen mußten. Für uns Kinder damals
immer eine Gelegenheit zum "Maulaffen feilhalten", und
verbunden mit der elterlichen Mahnung, spätestens beim
Gasanzünden daheim zu sein! Derselbe Gasanzünder fuhr dann
am frühen Morgen nochmals seine Runde, wobei er aber nur mit
einer langen Hakenstange an der Kette des außen befindlichen
Absperrventils zog, woraufhin die Laterne erlosch. Und
mindestens einmal in der Woche hatte er die Pflicht, vor dem
Anzünden die 6 Glasscheiben einer Laterne blank zu putzen,
und eventuell beschädigte "Glühstrümpfe" zu erneuern, damit
die Straßenbeleuchtung wieder hell scheinen konnte! Trotz
elterlichen Verbotes und der Aussicht, vom Gasanzünder beim
Erwischtwerden die Ohren langgezogen zu bekommen, ließ es
sich nicht vermeiden, daß wir Kinder diese Laternenpfähle in
Ermangelung andrer geeigneter Klettermöglichkeiten, eben
doch hinaufkletterten, mindestens bis zum verjüngten oberen
Teil des Pfahles, aber niemals soweit hochkamen, um in
Gefahr zu geraten. Eine ordentliche Tracht Hosenkeile vom
Vater, der vom Gasanzünder unterrichtet wurde, bleute uns
ein für allemal ein, daß Laternenpfähle eben doch kein
geeignetes Spielzeug für Kinder waren!
"Schippeln", "Titschern" und "Springern"
Die ganz großen und bekanntesten Sommerspiele aber waren,
für die Kinder, welche bereits zur Schule gingen, dann etwas
typisches für unsere Stadt. Ich erinnere mich ans
"Schippeln", "Titschern" und "Springern". Vielleicht waren
diese Spielarten auch in anderen Provinzen oder Städten
bekannt, aber das weiß ich nicht.
Geschippelt wurde mit sogen. Schippelkugeln, hochdeutsch
bekannt als das Murmelspiel. Und Schippelkugeln mußte man
kaufen beim Krämerladen an der Ecke oder beim
"Milchpanscher" unten in unserem Hause. Es gab auch mehrere
Ausführungen davon, wobei die unterschiedlichen Qualitäten
und Kugelgrößen einen bestimmten Wert hatten. Nachdem man
also ein paar Fünfpfennigstücke von Weihnachten oder
Geburtstagen gespart hatte, durften sie dann unter der
gestrengen Aufsicht der Eltern in ein kleines Säckchen
"Schippelkugeln" investiert werden. Ich kann mich noch
erinnern, daß ich mit 20 bunten Keramikkugeln begann, die
mich ganze 5 Pfennige kosteten. Die besseren und
höherwertigen Glaskugeln konnte ich nur bestaunen, aber
jeder hatte die Hoffnung, dann beim Schippeln vielleicht
durch Geschicktheit und Raffinesse seinen Spielpartnern eine
solche Glaskugel abzugewinnen!
Meine Kugeln galten "Eins", den niedrigsten Wert. Aber damit
begann man sein Spiel. Im weichen Boden um die Kastanien
herum wurden mit dem Schuhabsatz (mancher hatte eben doch im
Sommer Schuhe an den Füßen!) ein rundes Loch gescharrt, die
Kanten fein abgerundet und für die einzuschippelnden Kugeln
geglättet. Und so fing das Spiel an: Erst wurde bestimmt,
wer mitspielen darf, da hatten die älteren Kinder das
Auswahlrecht. Danach wurde ein Abstand von mindestens einem
Meter rund ums Loch festgesetzt, angesagt mit wie vielen
Kugeln man beginnen durfte, und ausgelost, wer anfangen
darf. Dann erfolgte der erste Wurf. Man warf (jeder hatte
die gleiche Anzahl) seine 5 Kugeln mit der flachen Hand in
Richtung Kugelloch, wobei die Mehrheit der Kugeln übers Loch
hinaus, oder aus dem Loch wieder heraus rollte, bis alle
Kugeln still lagen. Und nachdem alle (meist etwa 3 Kinder)
ihre Kugeln so geworfen hatten, begann nun wieder der oder
die erste Werferin die nicht im Loch verbliebenen Kugeln mit
einem Daumenschnipser bis ins Loch zu schippeln! Über alle
Unebenheiten des Bodens hinweg und erst mit seinen eigenen
Kugeln, die ja eine gewisse Farbe hatten. Wer zuerst alle
seine eigenen Kugeln im Loch hatte durfte dann jede fremde
Kugel schippeln, die er abschließend als Spielbeute
einheimste. Der Trick lag, ähnlich wie beim Billiardspielen,
darin, die geschippelte Kugel nur bis ins Loch zu schießen,
denn wenn sie vorher stoppte oder darüber hinaus schoß, kam
der nächste Spieler dran.
Es erübrigt sich zu erwähnen, daß ich als Anfänger zunächst
meine Kugeln innerhalb kurzer Zeit im Schippeln verlor. Und
ich erinnere mich, daß da besonders die Mädels begabt waren,
denn die kamen meist mit prall gefüllten Kugelsäckchen zum
Schippeln, und die hatten sie nicht alle selbst kaufen
müssen! Ich habe mich dann später zu einem
durchschnittlichen Schippler gemausert, wobei ich zwar keine
großen Gewinne als Beute machen konnte, aber wenigstens
immer meine Anzahl von Schippelkugeln behielt, so daß ich
die Mutter nicht schon wieder um einen "Sechser", wie das
Fünfpfennigstück ja in Breslau hieß, anbetteln brauchte!
Und nun zum "Titschern", ebenfalls einem Spiel für etwas
ältere Kinder. Hierbei wurde mit ungültigen alten Münzen aus
der Inflationszeit gespielt. Wir Kinder plünderten dazu die
kleineren Sammlungen unser Eltern, die ein jeder so hatte.
Und natürlich waren das keine wertvollen Silber- oder gar
etwa Goldstücke, sondern eben nur das wertlose
Inflationsgeld, und ich erinnere mich noch daran, daß da
sehr viele Aluminiummünzen dazu gehörten. Beliebter waren
aber die kupfernen, bronzenen oder Messingmünzen, da sie
wegen ihres Gewichts viel besser zu dieser Spielart geeignet
waren und auf dem soliden Steinplattenboden auch besser
hüpften! Getitschert wurde an den flachen Seiten der
Hausmauern und zwar über dem mit Steinplatten belegten oder
gepflasterten Fußwegen. Die Hausmeister sahen so etwas gar
nicht gerne, weil sie befürchteten daß entweder die
Anstrichfarben, so vorhanden, darunter litten, oder der
harte Zementverputz oder die Oberflächen beschädigt oder
zerkratzt wurden, und wir mußten ständig Auslug halten,
damit man seine Münzen rechtzeitig einsammelte, wenn das als
"Spion" bestimmte Kind den Hausmeister-Alarm pfiff! Hier
ging es ebenfalls ums Abgewinnen der Münzen seines
jeweiligen Spielpartners. Wie beim Schippeln wurde vorher
ausgelost, wer anfängt, aber die Anzahl der Münzen war
unbeschränkt, man titscherte eben solange man noch Münzen in
der Hosentasche hatte. Das eigentlicher Titschern sah so
aus, daß man seine Münze ganz nahe an der Mauer gegen
dieselbe warf oder schnappen ließ, von wo sie dann
abprallten und auf den Steinfußboden fielen, wo sie irgendwo
in hoffentlich nicht allzu weitem Abstand von der Mauer
liegen blieben. Und gar nicht so selten weiterrollten, so
daß sie für den Gegenspieler fast unmöglich einzuholen
waren. Dabei kam es dann auf den Abstand der eigenen Münze
zu der des Gegenspielers an, und diese Abstände waren so
etwas wie ein geheimer Kode, von Mund zu Mund und Generation
zu Generation weitergegeben, denn sie wurden mit den Fingern
einer Hand "gemessen". Hier waren die Kinder mit großen
Händen oder extrem langen Fingern im Vorteil. Solange man
mit zwei Fingern mindestens die Ränder von beiden Münzen
berühren konnte, gehörte einem die gegnerische Münze als
Titscherbeute. Bei bestimmten Münzlagen gewann man aber noch
generische Münzen dazu. So zum Beispiel, wenn die eigene
Münze direkt auf einer generischen Münze zur Ruhe kam, was
dann so etwas ähnliches wie ein heute bekannter "Jackpot"
war, durfte man sich beim Gegner bis zu 5 seiner Münzen als
Beute auswählen. Eine andre Konstellation war der sogen.
"Duppass", wo man zwei eng zueinanderliegende Münzen nur mit
seinem Daumen berühren konnte. Was einem dann ebenfalls eine
Auswahl von noch einer andren Münze aus dem Bestand seines
Gegners einbrachte. Bei solchen Spielen, die meist auch
etwas mit Geschicklichkeit und Abschätzvermögens zu tun
hatten, konnte man also auf eine Art und Weise "reiche
Beute" machen, ohne Körperkontakte durch Rauferei oder
Schlägereien. Total anders als bei den oft harten
Sportwettkämpfen der heutigen Jugend.
Und das allsommerliche "Springern" war ebenfalls ein
kontaktloses harmloses Vergnügen, wie Drachensteigen im
Herbst auf den Oderwiesen des nahegelegenen Hatzfeldweges.
Allerdings mußte man hierzu erstmal einen "Böhm", also ein
Zehnpfennigstück, für seine dazu notwendige "Hardware"
investieren. Bestehend aus dem "Springer", einem aus
Hartholz gedrechseltem Kreisel, und einem Peitschenstock mit
"Bendel", einer gut gezwirnten Schnur. Beides kam in
verschiedenen Ausführungen und Größen, je nach Geldbeutel.
Die schnellsten Kreisel waren aber normal so etwa 5cm im
Durchmesser, oben bunt bemalt und ca.6 oder 7 cm hoch. Zum
Standardpreis von 10 Pfennigen zu haben im nahen Krämerladen
noch etwas kleinere Springer, die besonders schnell drehten
und sehr weit durch die Luft flogen, nannten wir die
"Fippse". Die aber den Nachteil hatten, ziemlich oft und
schnell zwischen den Schlitzen der gußeisernen Kanaldeckel
in den Rinnsteinen der Straße auf Nimmerwiedersehen zu
verschwinden! Wenn man Glück hatte und gerade auf der Straße
war, wenn die Stadtreinigungsfahrzeuge mit ihren starken
Saugpumpen die Kanalschächte vom Unrat und Schlamm
säuberten, bekam man schon mal von einem mitfühlenden
Reinigungsmann einen oder zwei dieser verlorenen Kreisel
zurück. Und die waren nach erfolgtem Abwaschen wieder voll
einsatzfähig! Um einen Springer erst einmal, und möglichst
immer auf der Scheitellinie der nach beiden Seiten abwärts
gewölbten Straßenoberfläche, in Drehung zu versetzen, gab's
zwei Kniffe: Mit der unteren abgerundeten Kreiselspitze
zwischen drei Fingern den Kreisel aus den Fingern auf die
Straße zwirbeln, wo man ihn aber möglichst rasch mit der
Peitschenschnur in raschere Drehungen versetzen mußte, ehe
er mangels Drehmoment umsackte, oder in der allgemein
bekannten "Anlernmethode", wo man die zuvor um die oberen
Rillen des Springers gewickelte Schnur mit dem
Peitschenstock rasch Abzug, wobei der Kreisel dann aus der
haltenden Hand und mit entsprechendem Drall auf die Straße
sprang. Und dann zeigte sich die Kunst der Peitsche und der
verwendeten Schnur, mit der man den Kreisel auf immer höhere
Touren brachte, bis man ihn dann mit besonderen
Peitschenstreichen von der Straßenoberfläche über weite
Entfernungen durch die Luft zu einem andren Ort schlagen
konnte. So befand man sich stets in Bewegung und man hatte
aufzupassen, daß der Springer nicht plötzlich in Richtung
Kanaldeckel hindrehte. Alles in Allem war es ein
erfreuliches Spiel, was umso geschickter ausgetragen wurde,
je mehr Kinder springerten!"
Im Winter hingegen, sah es dann ganz anders aus. Und
trotzdem gab es auch im Winter wunderschöne Möglichkeiten
der Betätigung für uns Kinder. Allerdings waren die Meisten
mit gewissen elterlichen Ermahnungen oder sogar Verboten
belastet Und zwar aus guten Gründen, was uns als Kinder
damals aber keineswegs daran hinderte, sich nicht immer an
diese Auflagen zu halten oder die Verbote zu mißachten!
Man hatte in solchen Fällen aber die Folgen zu ertragen,
denn nach althergebrachter Sitte, folgte "die Bestrafung auf
dem Fuße", und "mitgehangen - mitgefangen" war besonders
unter Geschwistern eine gefürchtete Art von Bestrafung.
|
|