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Erinnerungen an damals
aufgeschrieben von Stevie Andersson (geborene Helga J. Kothe), 12. März 2005
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Mit dem Begriff „Heimat" und mit dem „Heimatgefühl" ist das
so eine Sache. Meine Mutter – 1913 in Breslau geboren – hat
sich ein Leben lang nach ihrer Heimat gesehnt. Und jedes
Mal, wenn sie zusammen mit meinem Vater wieder einmal von
einem Besuch in Wroclaw zurückkam, schwelgte sie voller
wehmütiger Erinnerungen.
Ich wurde auch in Breslau geboren – 21 Jahre später – aber
diese tiefe Bindung an die Heimat hatte ich nie gespürt. Ich
war ja erst zwölf, als wir endgültig von dort weggingen. Und
dann war es in den ersten Jahren danach als „Flüchtling aus
dem Osten" im Westen nicht gerade ein Zuckerschlecken. Wir
wohnten anfangs bei einem Bauern überm Schweinestall, später
wurden wir in eine beschlagnahmte Wohnung eingewiesen… das
war für westfälische Bauerndickschädel und brave oft zur
Kirche rennende Katholiken nicht einfach zu schlucken –
„Soll‘n die doch dahin zurück gehen, wo sie hergekommen
sind, die Pollacken". Wie oft bin ich da weinend von der
Schule nach Hause gekommen und wollte beim besten Willen
kein Schlesier sein.
Und überhaupt, warum sollte ich etwas Heimat nennen, das ich
nur elf, zwölf Jahre meines Lebens gekannt hatte. Wie viel
länger hatte ich doch nach der Flucht in Hamburg gelebt und
in Australien und dann wieder in Hamburg … und jetzt lebe
ich auch schon wieder fünfzehn Jahre in Florida.
Aber dennoch: Wenn ich heute schlesische Laute höre, einen
typisch Breslauer Ausdruck aufschnappe, wenn eine liebe
Freundin in Washington zu Weihnachten weisse Würstchen per
Eilpost an mich nach Florida schickt und eine andere
Freundin jedes Mal, wenn sie mich hier besucht, im Gepäck
selbstgebackenen Streuselkuchen von ihrer Mutter mitbringt…
dann würgt es mich in der Kehle, und dieselbe Wehmut erfasst
mich, die wohl auch meine Mutter gespürt hat. Ob das daran
liegen mag, dass ich gerade siebzig geworden bin? Wird man
da sentimentaler und vielleicht aufgeschlossener für die
Vergangenheit?
Und dann, vor etwa vier Wochen, stiess ich ganz durch Zufall
auf die Breslauer Homepage. Tja – und seitdem ist es um mich
geschehn.
Plötzlich kommen mir hunderterlei Dinge zurück in den Kopf –
Erinnerungen an eine glückliche Kindheit – an die ersten
vier Schuljahre in Breslau-Stabelwitz – an Ausdrücke, die
ich längst vergessen glaubte – an Skiferien im Riesengebirge
– an das letzte Weihnachtsfest und an den 21. Januar 1945,
als der Blockwart von Haus zu Haus ging und mitteilte, dass
wir uns am nächsten Tag zur Evakuierung bereithalten
sollten.
Ich erinnere mich auch an die Grosseltern, an den
Hoheisel-Opa und die Hoheisel-Oma – die Eltern meiner Mutter
– die in der Tauentzienstrasse wohnten – und an meine
väterliche Grossmutter, die Kothe-Omi, die in der
Vorwerkstrasse eine grosse Wohnung hatte. Ich erinnere mich
an meinen Onkel Erich Kothe und an Tante Martel aus der
Steinstrasse, an Onkel Paul Schmechtig und Tante Lenchen,
die in Ohlewiesen wohnten, an Tante Klara und Onkel Bruno
Aloe vom Odertor und Tante Trudel und Onkel Walter Liebtanz…
und an viele Cousins und Cousinen, die damals alle in meinem
Alter oder etwas älter waren.
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Gruß aus Stabelwitz
(Postkarte)
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Ich erinnere mich an die Mädchen in meiner Klasse in der
Stabelwitzer Volksschule, deren Namen ich auch heute noch
von A-Z auswendig hersagen kann, weil unsere Lehrerin,
Fräulein Wache, sie an jedem Morgen aus dem Klassenbuch
vorlas, und ich erinnere mich an die „Kinderschar"-Gruppe
und später an die kurze Jungmädelzeit und daran, dass meine
Mutter, wenn auch widerwillig, mit mir zu Amelunxen nach
Breslau reinfuhr, um dort die Uniform zu kaufen. Mein
Hoheisel-Opa war anfangs Kommunist und später ein ganz
linker Sozi – und sie haben ihn mehr als einmal in
Kletschkau (?) eingesperrt, weil er Radio London abgehört
und sich über Herrn Hitler naserümpfend geäussert hatte. (Da
war es vielleicht gut, wenn wenigstens eine Enkelin so
begeistert von den Braunen war, dass sie sich freiwillig zu
den Jungmädels meldete!). Die Begeisterung für Herrn Hitler
hat sich dann allerdings sehr schnell und zwangsläufig
gelegt! Und ich weiss nicht, was mein „roter Opa" gemacht
hätte, wenn ihm zu Ohren gekommen wäre, dass ich bei den
verhassten Faschisten mitmachte.
Ich erinnere mich an all die Menschen, die in unserer
Schreiberhauer Strasse wohnten – an Dollas und Kasparek,
Weitze und Karsunke, Sucker-Rüdiger, Gross, Köchel, Krutz,
Greulich, Mimietz, Otto, Seidel, Klüppel. Oder auf der
anderen Seite von uns, wo die Nitschkes wohnten, Pilz und
Wagner-Bischof, Herrmann, Wuttke, Littmann, Hoffmann,
Hellmann, Lattner, Siefke, Gottschling. Und in der
Altenhainer Strasse – in dem ersten Haus links schräg
gegenüber vom Graben - wohnte ein Mädchen namens Jutta
Krantz. Und das Milchgeschäft hiess Hundt, der
Lebensmittelladen Senf … und dann hatten wir in der
Altenhainer Strasse auch noch einen Bäcker und eine
Apotheke.
An der Strasse nach Deutsch-Lissa gab es bei der
Gastwirtschaft Treske eine Bushaltestelle, von wo aus der
Bus in die eine Richtung nach Breslau fuhr und in die andere
nach Deutsch-Lissa. Heute, so erzählte es mir mal jemand,
soll eine Strassenbahn bis nach Deutsch-Lissa fahren. Ob das
wohl stimmt?
Meine Eltern sind in den siebziger Jahren zum ersten Mal mit
einer Reisegesellschaft nach Breslau gefahren. Und danach
dann immer wieder, mindestens einmal im Jahr, später auch
mit dem eigenen Wagen. Sie haben Touren im Riesengebirge
gemacht und Ausflüge nach Hirschberg und ins Waldenburger
Bergland.
Ich erinnere mich an die Erzählungen meines Vaters, der beim
ersten Besuch auf die Idee kam, einen Riesenstrauss Nelken
in den polnischen Nationalfarben zusammenstellen zu lassen.
Und mit dem haben die beiden dann an unsere ehemalige
Haustür in Stabelwitz angeklopft. Natürlich sprachen sie
kein Wort Polnisch, wer sprach das schon damals in Breslau.
Mein Vater stotterte irgendwas von einem ehemaligen Zuhause
– man wollte ja wohl auch nicht, dass die jetzigen Besitzer
unseres Hauses auf die Idee kämen, meine Eltern wollten ihr
Haus wiederhaben. Und dann riefen die polnischen Eltern ihre
Tochter – und es stellte sich heraus, dass die fliessend
deutsch sprach. Sie hatte an der Breslauer Uni Umweltschutz
studiert (und in der ehemaligen DDR in den Semesterferien
gearbeitet) und war gerade zu Besuch aus Bunzlau, wo sie
inzwischen lebte.
Meine Eltern haben eigentlich bis zu ihrem Tode immer mit
den Radtkes (es waren Lemberg-Polen) Verbindung gehalten.
Als meine Mutter dann 1987 bereits zu krank war, um an einer
gebuchten Gruppenreise teilzunehmen – mein Vater war da
schon gestorben – hab ich mich zum ersten Mal auf die Reise
in die alte Heimat gemacht und ihren Platz im Bus
eingenommen. Und bin von der Familie Radtke so liebevoll und
gastfreundlich aufgenommen worden, dass ich auch heute noch
sehr genau weiss, wie wir bis in den späten Abend hinein dem
Wodka zugesprochen haben. Obwohl ich kein Wort Polnisch
konnte und sie kein Wort deutsch. Ein paar Monate später hab
ich dann die Tochter zu uns nach Hamburg eingeladen.
Leider haben wir danach die Verbindung zueinander verloren.
Und das tut mir noch heute sehr leid. Denn seit ich die
Breslauer Homepage fand, dreht sich bei mir alles um einen
Besuch in der „viertgrössten Stadt Polens". Ich akzeptiere
die heutigen Grenzen und das Recht der Polen, in meiner
(ehemals deutschen) Geburtsstadt zu leben. So sind die
Verhältnisse nun mal – wozu sich erträumen, dass es anders
sein könnte.
Bei diesem Besuch im heutigen Wroclaw werde ich meinen
„kleinen Bruder" dabei haben (er wurde 1938 dort geboren)
und zusammen wollen wir mal sehen, wie weit wir uns noch an
die Plätze unserer Kindheit erinnern. Inzwischen habe ich
auch Kontakt zu einigen netten Menschen aufgenommen, die mir
hilfreiche Hinweise über Hotels und Archive gegeben haben.
Und bis zum Sommer habe ich ja vielleicht sogar ein bisschen
Polnisch gelernt!
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