Wrocław - Aktuelles


Frühjahrsreise 2005 - Wie immer gen Osten!
Auszug aus dem Reisebericht von Karla Postrach - Rast

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Reisebilder 2005

Reisebilder 2005 (17.04.2005)

 

Eintrittskarte zum
Japanischen Garten

 

Interview
Mainzer Rheinzeitung
Nr. 183, 9.08.2005

 

Tage in Breslau / Wrocław

Die Fahrt am späten Vormittag hier her war gemütlich und es ging zügig voran. Manchmal habe ich auch gebummelt, um mir die Umgebung - so um Trebnitz herum - ein bißchen anzusehen. Am Stadtanfang wurde es allerdings dann kompliziert, denn aus dieser Richtung bin ich noch nie nach Wroclaw gekommen. Ich bin dann auch falsch abgebogen und wußte gar nicht mehr wo ich war. Da sah ich auf einmal den Wasserturm am Drabiciusplatz: ich war in Karliwice! Ganz nah bei unserem früheren zu Hause. Von dort aus fand ich prima ins Stadtzentrum, obgleich die Strassen dicht befahren waren und man oft an den Ampeln 2 oder 3 Grünphasen abwarten musste. Dann kam wieder eine unbekannte Strecke hier heraus zum Hotel. Aber mit einem kleinen Umweg war ich dann gegen 15.00 im Wieniawa. Eingecheckt, Zimmer 419 mit Blick auf einen kleinen Park und die Bartolomäus Kirche. Dann erst mal Pause: 1 Stunde fest geschlafen. Ein kleiner Spaziergang, ein Kaffee mit herrlichem Kuchen und anschließend begann die Terminplanung. Die Edith Stein Stiftung angerufen, die Verbindung klappte nicht. Doch schon 10 Minuten später rief eine Mitarbeiterin von dort an, sie wußte, daß ich heute kommen werde und meldete sich bei mir. - Interview am Freitag Vormittag hier bei mir im Hotel. Dann Zbigniew angerufen, er kommt noch heute abend hierher, und wir werden einen Termin ausmachen, wo ich seine Familie treffe. Kurze Zeit später rief Sonja Stankowski an, sie fragte, wann ich zu ihr nach Kreisau komme. Das habe ich aber erst für nächste Woche geplant und fahre dann von Szklarska Poreba aus hin. Jetzt bin ich wieder völlig k.o. und warte nur auf Zbigniew, dann geht es früh ins Bett.

Übrigens: ich schaltete den Fernseher im Zimmer an, und direkt war die Heute - Sendung des ZDF auf dem Bildschirm. Wieder eine Brücke geschlagen, dieses Mal von der Oder an den Rhein! Der erste Tag verlief dann - wohl wie geplant - aber doch recht hektisch und anstrengend. Nach dem Frühstück fuhr ich in die Stadt, am Wichtigsten war mir jetzt ein Bummel um den Ring herum. Die Sonne strahlte, es war warm, die vertrauten, herrlichen Fassaden und das Rathaus begrüßten mich im schönsten Licht. Ich holte tief Atem und dachte: Jestem w domu (ich bin zu Hause). Dann wie geplant die Schweidnitzerstraße entlang, hinter dem kleinen Tunnel in ein Warenhaus, dort gibt es auch einen Pressestand mit ausländischen Zeitungen. Ich fragte: " Czy ma Stern po niemeczku ? " ( Haben Sie den Stern auf deutsch) Aber schade: " Jutro - piatek mamy nowe Stern " ( Morgen - Freitag haben wir den neuen Stern) Die ausländischen Zeitungen kommen immer mit einem Tag Verzögerung, nur die Bildzeitung ist aktuell. Dann wollte ich - wie immer im Cafe Mona Liza meinen Cappuccino trinken, aber da war noch geschlossen. Also in einem anderen Restaurant am Ring die Mittagspause eingelegt, und da die Parkuhr gleich abgelaufen war, ging es zurück zum Hotel. Um 3.00 Uhr holte mich Bozena zum Mittagessen bei sich zu Hause ab. 

Im Wohnzimmer von Bozena

Ich lernte ihren Mann kennen und wir unterhielten uns ein bißchen auf Polnisch. Es gab Schlesische Klöße, Geflügelragout und Rote Bete, hinterher natürlich Kommpott und auch noch Kaffe und Kuchen. Die Beiden luden mich dann in ihr Auto ein, fuhren mit mir in die Stadt, dann zum Japanischen Garten, dort lernte ich viel Neues: Der Eingang: das Tor der Besinnung - man läßt seine Sorgen hinter sich und genießt die japanische Blütenpracht, daneben 2 kleine Bäche- ähnlich einem Wasserfall. Einer stürmt kräftig die alten Steine hinunter, er ist der Männliche, einige Meter weiter fließt der andere Bach gemächlich den Fels hinab, es ist der Weibliche. Sie vereinen sich in einem kleinen Teich, der mit wunderschönen Seerosen bewachsen ist und von vielen aufblühenden Mangnolienbäumen umringt wird. Wenn man diesen zauberhaften Garten verläßt, kommt man durch das Tor der Befreiung, ist innerlich gereinigt und läßt alle Probleme und Schwierigkeiten hinter sich zurück. Ich habe tief durchgeatmet und diese Befreiung gespürt. Der Garten wurde vor ca. 8 Jahren von japanischen Gärtnern restauriert.

Dann fuhren Bozena und ihr Mann mich zum nächsten Termin: Um 19.00 Uhr wartete mein Email Freund Zbigniew schon vor seiner Haustür auf mich. Er ist sehr an alten "Breslauer Zeiten" Bildern und Dokumenten interessiert. Er zeigte mir alte Breslauer und Schlesische Zeitungen aus den Jahren 1922 und früher, Postkarten - in Sütterlinschrift - von 1905. Er hatte die Sachen vor ca. 15 Jahren gefunden, als er die Wohnung kaufte und renovierte, Natürlich gab es auch hier wieder Kaffee und Käsekuchen, später dann noch frischen Salat und Tee. Zibigniew hatte auch ein altes Breslauer Adressbuch von 1942, dort war unter der Adresse Carlowitzstrasse 48 eingetragen: Kurt Portak ( ein Kollege meines Vaters, der im Erdgeschoß wohnte) und dann: Dagobert Postrach, kaufmännischer Angestellter. Ich fragte Zbigniew, ob er mir wohl eine Kopie machen könnte. Er verschwand im Nebenzimmer - ich unterhielt mich mit seiner Frau popolsku, und nach einer halben Stunde kam er wieder: er hatte die Adressbuchseite eingescannt, vergrößert und auf Diskette gezogen, die er mir mit gab. Um 22.00 Uhr mußte ich dann richtig betteln, dass er mich zurück zum Hotel fuhr, wir hätten noch stundenlang weiter erzählen können, doch ich war total erledigt. Zum Abschied bekam ich noch ein großes Stück Sernik ( Käsekuchen) mit. Ein wunderschöner Donnerstag in meiner - unsere Stadt war vorüber.

Heute, am Freitag den 15.April war der Tag auch schon voll verplant. Um 10.00 standen 2 Studentinnen, die für die Edith Stein Stiftung und das Willy Brandt Zentrum arbeiten, vor der Tür. Sie hatten sich für ein Interview angemeldet. Zu dem Thema " Breslau und Schlesien in der Nazizeit "" wird im Herbst eine Ausstellung stattfinden, verbunden mit einem Aktionstag, an dem vor Allem die junge Generation über die Geschehnisse informiert werden soll. Ich bekam als grobes Konzept erklärt, dass ich von meinen Erlebnissen, persönlichen Einsätzen und evtl. privaten Initiativen in der Familie berichten sollte. Ich erzählte also von meinen 2 Jahren, die ich als Jungmädel Dienst hatte- 2 mal wöchentlich 2 Stunden. Mit Lagerfeuer, Schnitzeljagt und Wanderungen begann es. Dann lernten wir auch im Gleichschritt marschieren. Als ich dann 1942 aktive Schwimmerin wurde, kam ich in die Jugendmannschaft des Alten Schwimmvereins, hatte täglich jeden Nachmittag Training und brauchte dadurch nicht mehr zum HJ - Dienst. Von Vatis Einsatz für die 100 Fremdarbeiter in den Steingutwerken, er schickte immer 3 Tage lang einen von ihnen zu uns nach Hause, wo sie im Garten halfen und dadurch nicht 12 Stunden am Tag in der Fabrik die heiße Kohle in die Brennöfen schaufeln mußten. Dann kam die Erfahrung mit Muttis jüdischem Mädchennamen - Fuchs - als man den Vater zwang für 5 Generationen rückwirkend einen arischen Nachweis zu erbringen, er das nicht konnte, zwang man ihn noch 1943 in die NSDAP einzutreten. Während der ganzen Zeit lief das elektonische Aufzeichnungsgerät und die beiden Studentinnen stellten noch gezielte Zwischenfragen. Das Ganze dauerte 2 Stunden, war interessant für mich aber auch anstrengend. Nach einer kleinen Mittagspause mit einem Teller Zurek, hier im Hotel, machte ich mich wieder auf den Weg zu Malgorzata. Bei Tee und Kuchen erzählten wir uns die neuesten Ereignisse von den Familien und den Veränderungen in Nasze Miasto. Wir sind jetzt fast 9 Jahre befreundet und verstehen uns sehr gut. Auf der Rückfahrt zum Hotel hatte ich wieder Probleme mit den vielen Umleitungen und wußte einfach nicht mehr weiter. Reger Autoverkehr, wenig Menschen auf der Strasse. Ich fuhr and den Straßenrand, wartete ein Weilchen, da kam ein Fußgänger, den ich nach dem Weg fragte, die Verständigung war schwierig: Die Gute Tat:

Warum so lange reden und diskutieren,
man soll es einfach praktisch ausprobieren.
Der Mann fragte: darf ich fahren mit Ihnen?
Dann kann ich am Besten dienen.
Er stieg ein, wir fuhren um x Ecken,
damit konnte er mein Vertrauen wecken.
In wenigen Minuten sind wir im Hotel angekommen
Er hat liebevoll meine Hand genommen,
verabschiedete sich mit einem Kuß darauf
und begann zu Fuß seinen Rückweg im Dauerlauf!

Und wieder geht ein schöner Tag zu Ende!

Samstag Morgen, 10.00 Uhr. Wieder ging um 6.00 Uhr die Sonne auf und weckte mich! Einen kleinen Cappuccino, unter die Dusche, ein bißchen gelesen und dann so gegen 9.00 Uhr zum Frühstück. Heute habe ich mal außer dem Müsli zum Kaffee auch noch eine Portion Rühreier gegessen, obgleich ich nachher bei Bozena bestimmt wieder eine Menge guter Dinge angeboten bekomme. Dann schon mal etwas zusammen gepackt und ins Auto gebracht, es ist ja eine Menge Kram, den ich mitgebracht habe, jetzt hier in Wroclaw ist noch Einiges dazugekommen. Natürlich war es dann auch so, es gab einen herrlichen Mohnkuchen und ich bekam dann zum Abschied noch 2 Stück davon auf den Weg. Wir hielten noch ein kleines Resümee über die vergangenen 3 Tage und nach einer herzlichen Umarmung folgte dann die gewohnte Pause mit dem Mittagsschläfchen Gegen 14:00 Uhr machte ich mich auf den Weg nach Karlowice, da ich befürchtete, dass ich den Weg zur Innenstadt wieder verfehlen würde. Es war dann auch so, denn erst um ½ 4 Uhr traf ich " zu Hause " ein. Wie schon gewohnt stand das Gartentor offen, ich fuhr hinein und als ich klingelte kam Pani Alicja auch schon die Treppe herunter gerannt. Wir fielen uns in die Arme, sprachen deutsch und Polnisch durcheinander, keiner verstand den Anderen, aber beide wußten wir, was wir empfanden. Oben in der Wohnung erwartete mich Marta Paliga, eine Freundin von Dominika, da sie selbst gerade dienstlich in Amerika war. Marta spricht fast perfekt deutsch und wir hatten viel zu erzählen. Es ist ein wunderbares Gefühl in den Räumen der Kindheit mit so lieben Freunden zusammen zu sitzen, Kaffe zu trinken, Käsekuchen dazu und danach meinen liebsten Obstsalat. Pani Alicia versteht fast alles, was ich auf Deutsch sage, Marta brauchte uns nur wenig zu übersetzen, war aber selbst sehr an meiner Geschichte interessiert. Auch wir werden in Zukunft in Email Kontakt bleiben. Pani Alicja schenkte mir ein Buch: "Die Geschichte von Carlowitz in den letzten 300 Jahren" allerdings auf Polnisch. Ich hatte am Anfang erzählt, dass ich mit der Orientierung in der Stadt dieses Mal so große Schwierigkeiten habe und als ich mich nach 2 Stunden verabschieden wollte, kam die nächste Gute Tat! Pani Alicja sagte: Ich werde als Pilot Ihnen voran fahren, dann können Sie sich die Umwege sparen. Sie lotse mich auf unbekannten Strassen durch die Stadt. Und schon nach 30 Minuten fand die letzte Umarmung vor meinem Hotel statt!

Mein Lebenslauf auf Polnisch

Hier angekommen, hatte Bozena meinen Lebenslauf - auf Polnisch übersetzt - an der Rezeption abgegeben. Natürlich auf Diskette gespeichert, dazu auch die Fotos, die wir bei ihr gemacht hatten. Dann ging ich nach einer kurzen Pause in die Drinkbar, wo ein Computer kostenlos zur Verfügung steht. Ein junger Mann - deutsch sprechend - hat mir die Web.de - Seite auf deutsch eingestellt und ich konnte meine inzwischen eingegangenen Email lesen. Dann noch ein kurzes Gespräch auf Polnisch mit den beiden Damen an der Theke, Sie freuten sich sichtlich, dass die Deutsche Pani Polnisch sprach, und - wie nun schon erwartet - verabschiedeten sie mich mit einer herzlichen Umarmung.

Hotelrechnung vom 17. April 2005

Jetzt, wieder auf meinem Zimmer, versuche ich ein Fazit zu ziehen über die 4 ereignisreichen Tage in Wroclaw, die interessanten Unterhaltungen, die herzliche Aufnahme bei allen Familien zu Hause. Wenn ich mich jetzt festlegen müsste, wo es am Schönsten war, dann weiß ich es nicht präzise zu beurteilen. Sehr beeindruckt hat mich die große Hilfsbereitschaft von Bozena, Ihre aufschlussreichen Erklärungen über die Stadt. Aber auch der Nachmittag in Karlowice, die Geborgenheit dort und das gute Gefühl mit Pani Alicia so auf einer Wellenlänge zu liegen, macht mich glücklich. Und wiederum das Treffen mit Zbigniew, sein Interesse am alten " Breslau " seine persönliche Zuwendung sind Ereignisse, die mir unvergessen bleiben werden.

Um es in wenigen Worten zusammen zu fassen:

Ich wünsche mir von ganzem Herzen,
dass ich auch dieses mal werde den Abschied verschmerzen.
Das Gott mir dabei hilft und zur Seite steht,
damit mein Leben so noch ein bißchen weiter geht!

Karla Postrach - Rast, 16. April 2005


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