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Breslauer / Wroclawer
Stadtplan - ein unentbehrlicher Reisebegleiter
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Ja, aber was willst du denn in Polen, fragt mich meine
amerikanische Freundin ganz erstaunt, als sie von meinen
Reiseplänen erfährt. Und dann dämmert es ihr. Bist du da
nicht geboren?
Ganz richtig, meine Liebe. Da bin ich geboren. Als die Stadt
an der Oder noch deutsch war und nicht Wroclaw hiess sondern
Breslau. Einundsiebzig Jahre ist das jetzt her - fast genau
auf den Tag.
Und da habe ich auch schon meine Koffer gepackt und fliege
über den Atlantik an die Elbe. Dort treffe ich ein paar Tage
später meinen „kleinen Bruder", der diese Reise in die
Vergangenheit mit mir teilen möchte - und wir stellen fest,
dass wir aufgeregt sind wie kleine Kinder. Genau wie damals,
als wir elf und sieben waren und die vertraute Heimat im
Jahr 1946 endgültig verlassen mussten. Nur dass es diesmal
ein sehr freudiges Aufgeregtsein ist.
Der Himmel strahlt, als wir - am Morgen in Hamburg in den
Zug gestiegen - am frühen Nachmittag im heutigen Wroclaw
unsere Reise beenden. Vorsorglich haben wir bereits in
Hamburg Geld umgetauscht. Euro gegen Zloty. (Ich merke mir:
100 Euro sind etwa 400 Zloty). Und ein Zimmer reserviert im
Park Plaza mitten in der Stadt, nur zehn Minuten Fussweg vom
Rynek, dem früheren Ring.
Gleich nach dem Einchecken sind wir dann auch schon
unterwegs. Peter will unbedingt das historische Rathaus
sehen, das mit der weltberühmten Uhr, und den Schweidnitzer
Keller, in dem wir am folgenden Tag mit unserem polnischen
„Bärenführer" Marek zu Mittag essen wollen. An diesen Marek
bin ich übrigens gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Er hat
auf Egon Höckers Breslau-Wroclaw.de-Seite meine Hilferufe
gelesen und mich von dem Tag an ständig mit Informationen
versorgt. Und als ich ihm dann schrieb, dass ich mit meinem
Bruder nach Polen kommen würde, hat er sich sofort
angeboten, uns unsere Heimatstadt zu zeigen.
Aber an diesem ersten und sehr sonnigen Nachmittag spazieren
Peter und ich noch allein zum Ring mit den wunderschön
restaurierten und teilweise recht farbig angemalten
Häusern. Zuerst über die kleine Oderbrücke, durch das Tor
der Universität - und dann über Kopfsteinpflaster … und
immer wieder Kopfsteinpflaster … bis wir uns schliesslich
mit müden Füssen dem Rathaus gegenüber zu einem kühlen
Trunk niederlassen. Am Nebentisch ein hübsches Pärchen, das
Englisch miteinander spricht. Wie sich im Gespräch
herausstellt, kommt die schöne Blonde aus Warschau und der
ihr gegenüber sitzende Mann ist in Meersburg am Bodensee zu
Hause. Liebe über Grenzen hinweg. Über sprachliche und
kulturelle.
Peter und ich gehen zufrieden an dem Abend zurück ins Hotel.
Und am andern Morgen in die Einkaufspassage in der Domenika-Galerie, wo wir im
Supermarkt schnuppern und erstaunt sind über das vielseitige
Angebot. Die Fleischwaren duften herrlich … aber in der
Backabteilung suche ich vergeblich den Prasselkuchen meiner
Kindheit. War wohl eine typisch deutsche Erfindung.
Am frühen Nachmittag kommt dann Marek ins Hotel. Er
überreicht mir einen Strauss langstieliger Rosen und umarmt
mich herzlich, so als würden wir uns schon lange kennen. Und
dann gehen wir durch die Innenstadt, spazieren durch die
Taschenstrase und die Reuschestrasse und über den Ring und
essen anschliessend im Schweidnitzer Keller ein sehr
köstliches Mahl.
Mir tun nach einem erneuten ausgedehnten Spaziergang die
Füsse weh. Aber noch gilt es, die beiden Strassen, in denen
die Grosseltern und unsere Eltern wohnten, anzusehen. In
der Vorwerkstrasse 84 lebte in einer grossen
Vierzimmerwohnung die Mutter unseres Vaters. Was wir finden ist ein schäbiges Breslauer
Wohnviertel, mit schmutzigen angegrauten Vorderhäusern und
verdreckten Hinterhofdurchgängen, die wohl lange schon
nicht mehr gefegt worden sind. An einer Mauer hängen junge
Leute, nachlässig, schäbig gekleidet, mit verglasten Augen.
Drogenabhängige. Mich schüttelts.
Es ist schwer, sich hier die stets so fein gekleidete
Grossmutter vorzustellen mit den weissen Rüschenblusen und
den gepflegten Händen. Hab ich das alles in falscher
Erinnerung? Aber was wusste ich überhaupt von meinen Eltern
und von deren Eltern. Erst ein paar Wochen vorher habe ich
einige der Briefe gelesen, die meine Mutter meinem Vater
früher geschrieben und einige der Briefe, die mein Vater ihr
aus dem Feld geschickt hatte. Und aus denen habe ich zum
ersten Mal erfahren, dass meine Mutter der feinen Grossmama
gar nicht recht war als Frau für ihren jüngsten Sohn; denn
unsere Mutter kam aus einem sehr einfachen Haus. Sie haben
wohl heimlich geheiratet - in der Königin Luise
Gedächtniskirche, wie ich dem Stammbuch entnehme - ein
Hochzeitsbild von den beiden habe ich nie gesehen.
Peter wusste gar nichts von diesen Dingen. Ich hab es ihm
auf der Reise nach Wroclaw erzählt. Aber aus meinen
Erzählungen hat er die Wohnung unseres Vaters so lebhaft vor
sich gesehen, dass sie ihm nun - schäbig und
heruntergekommen, wie das Haus auch aussehen mag - wohl sehr
vertraut vorkommt. Und dann entdecken wir den Torbogen, der
von der Vorwerkstrasse direkt zur Tauentzienstrasse führt,
wo unsere Mutter als junges Mädchen lebte. Fünf Minuten
haben sie voneinander gewohnt und sich wohl jeden Tag
gesehn.
Ich weiss, dass sich die beiden im Turnverein kennengelernt
haben - und als sie sich dann ineinander verliebten, sind
sie wohl immer durch dieses Tor gegangen - der eine zum
andern, wenn es keiner sah. Das Haus in der
Tauentzienstrasse, in dem meine Mutter als junges Mädchen
lebte, ist dem Krieg zum Opfer gefallen und wurde nicht
wieder aufgebaut. Aber in Gedanken gehe ich den Weg, der die
beiden damals verband und versuche, sie mir vorzustellen,
die hübsche rothaarige Mutter und der schwarzhaarige
sportliche Papa. Zwanzig waren sie damals und einundzwanzig,
als sie heirateten.
Ich bin in der Malapanestrasse im Westen von Breslau geboren
worden, in der Nähe des Flughafens Gandau. In einer
Wohnung über der „Hahnenkrähe", einer kleinen Kneipe. Marek
hat uns am zweiten Tag hingefahren. Heute steht dort eine
Baptistenkirche, die mit Spendengeldern der Amerikaner nach
dem Krieg errichtet wurde.
Am andern Tag holt uns Marek wieder vom Hotel ab. Und wir
fahren nach Stabelwitz, dem Breslauer Vorort, in dem Peter
geboren und in dem wir zusammen unsere ersten Lebensjahre
verbracht haben. An diese Stätte unserer Kindheit hat auch
mein kleiner Bruder noch lebhafte Erinnerungen. Sogar den
Weg zur Schule, in die wir beiden gingen, hat er noch im
Kopf.
Vor zwanzig Jahren, als ich zum ersten Mal in Wroclaw war,
konnte ich noch in mein Elternhaus hinein und durfte die
Zimmer betreten, in denen ich aufgewachsen bin. Das ist
diesmal leider nicht möglich, denn die Dame des Hauses ist
schwer krank und kann keinen Besuch empfangen. Aber auch so
ist das immer noch Heimat, ist das für Peter und mich
wehmütige und schöne Erinnerung.
Die Schreiberhauerstrasse ist ziemlich lang, ehe sie an der
Altenhainerstrasse endet. Dort, wo an der Ecke der
Bäckerladen war, der auch heute noch ein Bäckerladen ist.
Und in Gedanken gehe ich die Namen der Leute durch, die
damals hier wohnten - Gottschlich und Lattner, Siefke und
Hellmann, Hoffmann und Littmann, Wuttke und Herrmann und
Wagner, Pilz und Nitschke, Dollas und Kasparek - dazwischen
unser Haus - dann die Weitzes und Karsunkes, Sucker und
Gross, Köchel und Greulich, Krutz und Mimitz, Otto, Seidel
und Klüppel.
An der Strasse nach Deutsch-Lissa sehen wir die inzwischen
still gelegte Gastwirtschaft Treske, erinnern uns an die
vielen Trecks, die im Januar 1945 aus Ostpreussen kommend
auf dieser Chaussee vorbeizogen, auf der Flucht vor den
Russen. Wir fahren nach Deutsch-Lissa hinein, parken den
Wagen in der Nähe des Schlosses und essen gegenüber in
einem sehr schönen Restaurant. Geniessen kleine Klösse mit
Fleisch, Sosse und Gemüse und probieren Zurek, diese
säuerlich schmeckende Mehlsuppe mit den klein geschnittenen
Wurststücken. Als ich später allein durch Polen reise und in
Hirschberg und danach in Bad Schwarzbach Station mache,
werde ich diese Suppe in zahlreichen Varianten noch öfter
und mit viel Genuss essen.
Am Abend fahren wir dann zurück in die Stadt. Es hat
angefangen zu regnen. So dass der Abstecher zur
Jahrhunderthalle und in den japanischen Garten sehr kurz
ausfällt. Und das Herz ist erfüllt von all den Eindrücken.
Erinnerungen sind zum Greifen nahe… und das leise Ziehen in
der Herzgegend hat sicher nichts damit zu tun, dass ich halt
nicht mehr die Jüngste bin.
Heimat - ist es wirklich nur ein Wort? Oder vielleicht doch
- wie ich erfahren habe - so viel mehr, so unendlich viel
mehr - eine Erinerung, die jeder mit sich trägt, ein Leben
lang - und hütet wie einen kostbaren Schatz.
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