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Von der Sandbrücke aus spazierten Ella und Benjamin
eingehakt über den Ritterplatz am Oberlandesgericht, dem ehemaligen
Vinzenskloster, vorbei. Benjamin blieb stehen: "Wenn ich hier langgehe, dann muß
ich immer einen Blick auf diesen Barockbau werfen. Es ist ein
interessanter Anblick, wie sich die Vinzenskirche aus dem 14.
Jahrhundert an das Oberlandesgericht anschließt. Das sieht doch
originell aus. Der Barockbau und direkt daran angebaut die
Backsteinkirche."
Ella pflichtete ihm bei. Sie hatte sich schon daran
gewöhnt, daß Benjamin mit seinem Interesse für Architektur fast zu
jedem Haus in Breslau eine Bemerkung parat hatte.
"Wenn du an den kommenden Wochenenden nach Breslau kommst,
dann können wir soviel zusammen unternehmen", schmiedete er schon die
Pläne für die künftige gemeinsame Zeit.
"Wir werden den Zoo, der ist nicht weit von meinem
Elternhaus entfernt, besuchen. Von der Stadt aus können wir mit der
Straßenbahn zum Zoo fahren, sie hält direkt vor dem Tor zum
Zoologischen Garten."
"In den Zoo würde ich gern mal wieder gehen", stimmte Ella
freudig ein, "dort war ich mit meiner Oma zuletzt vor zwei Jahren. Auf
einem Kamel sind wir durch den Zoologischen Garten geritten. Zu beiden
Seiten trug das Kamel Holzbänke, auf denen wir saßen. Es hat ganz
schön geschaukelt."
Benjamin lachte: "Das wollen wir wiederholen! Und wir
können vom Zoo aus mit der Fähre über die Oder zum Wappenhof
hinüberfahren. Das ist ein sehr schönes Ausflugslokal."
"Benjamin, was du alles mit mir vorhast" seufzte Ella mit
leiser Stimme und schmiegte sich an ihn.
Benjamin schwärmte weiter: "Und den Bau des neuen
Parkhotels hinter der alten Schweizerei muß ich dir zeigen. Wir gehen
mal abends im Parkhotel zum Essen. Ein ganz schicker, moderner Bau ist
das."
"Oh, Benjamin", sagte Ella und sah ihn glücklich an, aber
sie konnte sich nicht so recht für die Architektur erwärmen. "Im
Botanischen Garten möchte ich spazierengehen und die Architektur der
Natur erleben. Dort befindet sich so eine interessante Sammlung von
Gewächsen aus verschiedenen Gebirgen."
"Gewiß doch, den Botanischen Garten können wir nach einer
Besichtigung der Dominsel besuchen; der liegt gleich nebenan. Aber
wenn wir draußen in Scheitnig sind, sollten wir im Scheitniger Park
spazierengehen. Der Park ist in der Nähe vom Zoo und damit auch von
meinem Elternhaus. Ich werde dich meinen Eltern vorstellen."
"Benjamin", unterbrach sie ihn, "doch nicht so
schnell."
"Warum? Du hast mich mit deiner Großmutter auch schon
bekanntgemacht."
Ella rang nach einer passenden Antwort. Doch ehe sie etwas
sagen konnte, hatte Benjamin schon wieder das Wort ergriffen.
"Du brauchst keine Angst zu haben. Meine Eltern sind ganz
patente Leute. Wie deine Großmutter."
Ella schwieg, ihr war es nicht ganz geheuer, daß Benjamin
solche Pläne mit ihr hatte. Sie war der Auffasssung, das Kennenlernen
von Benjamins Eltern hätte noch Zeit. Sie kannten sich viel zu kurz.
Benjamin merkte, daß ihr das Kennenlernen seiner Eltern nicht recht
war und ging nicht weiter darauf ein. So kam er wieder auf sein
Lieblingsthema, die Architektur, zu sprechen.
"Dort draußen in Scheitnig steht auch die
Jahrhunderthalle. Sie wurde von Max Berg erbaut und ist mit ihrer
riesigen Kuppel aus Stahlbeton eines der bedeutendsten Bauwerke der
neuen Architektur."
"Benjamin", unterbrach sie ihn mit vorwurfsvoller
Stimme.
"Ja", sagte er, "ich habe es schon gemerkt, dich
interessiert das nicht so. Trotzdem, du solltest dir mal in Grüneiche
die WUWA, die Wohnmustersiedlung aus der Zeit des ´Bauhauses´ ansehen.
Alles in der Nähe. Hochinteressant, kann ich nur sagen!"
"Ja, für dich, mich interessiert es weniger. Was heißt
denn WUWA?"
"WUWA ist die Abkürung für Werkbundausstellung. Diese
Ausstellung über modernes Bauen mit rationellen Fertigungsmethoden
fand hier 1929 statt. Die WUWA erhielt internationale Anerkennung. Nur
die Konservativen waren entsetzt über so ungewöhnliche Baustoffe wie
Beton, Glas, Stahl und artfremde Flachdächer. Sehr gefallen hat mir
das Ledigenheim des Architekten Hans Scharoun, der auch hier an der
Kunstakademie als ordentlicher Professor gelehrt hatte, bevor er nach
Berlin gegangen ist."
Schmollend unterbrach ihn Ella: "Wenn das Wetter schön
ist, können wir zum Waldbad Cosel fahren. Das finde ich viel
interessanter als all diese Bauwerke von den verschiedenen
Architekten."
"Na, gut", sagte Benjamin mit lachender Stimme, "ich sehe
ein, daß ich dich nicht für die moderne Architektur begeistern
kann."
Sie hatten den Ring mit dem Rathaus in der Mitte erreicht.
Benjamin blieb mit ihr vor dem Ostgiebel des Rathauses stehen.
"Schau", fragte er, haben unsere Altvorderen nicht einen
guten Geschmack gehabt? Dieser schöne Giebel mit seinen geometrischen
Mustern und die Uhr mit Sonne und Mond. Solch ein mit Fialen
geschmückter Giebel und das aufgesetzte Maßwerk; sieht das nicht
bezaubernd aus?"
"Doch, mir gefällt das Rathaus auch", pflichtete ihm Ella
bei.
Sie gingen um die Ecke des Ostgiebels und bogen in die
Goldene-Becher-Seite ein. Hier war die mit Erkern reichgeschmückte
Südfassade des Rathauses. Benjamin blieb wieder stehen. Diesmal vor
dem Eingang des Schweidnitzer Kellers.
"Dort unten", sagte er und zeigte die Treppe zum
Ratskeller hinunter, "ist der Schweidnitzer Keller, der älteste
Ratskeller in Deutschland."
Ella blickte durch die geöffnete Pforte in den
Schweidnitzer Keller hinab.
"Schade", bedauerte Benjamin, "daß wir keine Zeit haben.
In den Schweidnitzer Keller müssen wir auf einem unserer nächsten
Ausflüge auch noch gehen. In Breslau sagt man: ´Wer nich im
Schweidnischen Keller war, der is nich ei Brassel gewesen!´ Dort unten
gab es das gute Schweidnitzer Bier, ein Gerstenbier, das aus Gerste,
Hopfen, Hefe und Wasser hergestellt wurde und nur in den Schweidnitzer
Kellern der Städte ausgeschenkt werden durfte. Jetzt gibt es dort
unten Schöps, ein in Breslau gebrautes Weizenbier."
Ella sah ihn verständnislos an.
"So nennt man das Bier im Schweidnitzer Keller. Hier in
Breslau gibt es kein KUPFERBERGER GOLD, wie bei euch in der Umgebung
und im Kupferberger Ratskeller, sondern Haase-Bier, Kißlings-Bier,
Kipke-Bier und Haselbach-Bier. Alles sehr süffige Biere!"
Benjamin verzog genießerisch sein Gesicht. Ella
lachte.
"Du wirst begeistert sein", fuhr er in seinen Ausführungen
fort, "wenn wir dem Schweidnitzer Keller einen Besuch abstatten. Dort
sitzen alle Schichten der Bevölkerung. Urgemütlich ist der Ratskeller,
in dem Arbeiter, Studenten, Professoren, Handwerker, Intellektuelle
und das Breslauer Künstlervolk zusammenkommen. Keiner fragt, wer der
andere ist. Das ist das Schöne. Dort unten ist man Mensch! Sehr
zutreffend finde finde ich auch einen Spruch an einer Wand im
Schweidnitzer Keller, der lautet: ´Wenn mancher Mann wüßte, wer
mancher Mann wär, gäb mancher Mann manchmal mehr Ehr.´"
"Benjamin, ich bin so froh, daß wir uns kennengelernt
haben. Ohne dich würde ich vieles wohl nie zu sehen bekommen."
Lächelnd sah er sie an: "Es wird schön werden, wir zwei
und Breslau."
Er löste sich von ihr und machte einen großen
Freudensprung in Richtung Blücherplatz. Dann lief er schnell zu ihr
zurück und schloß sie in seine Arme. Kopfschüttelnd beobachteten
einige Passanten die Geste seiner Zuneigung. Andere Fußgänger wiederum
lächelten. Ella und Benjamin war es egal, sie waren glücklich.
Vorbei zwischen dem kastenförmigen Gebäude der Sparkasse
und der gegenüberliegenden Börse gingen sie über den Blücherplatz.
Mitten auf dem Platz, eingerahmt von vielen Häusern mit
Barockfassaden, stand das Denkmal des Marschalls Vorwärts.
Weiter liefen sie eiligen Schrittes, die Zeit drängte,
über die Graupenstraße und den Schweidnitzer Stadtgraben zum
Freiburger Bahnhof. Es waren knapp 10 Stunden seit Ellas Ankunft am
Morgen vergangen. Ella kamen die 10 Stunden sehr lange vor. Die vielen
neuen Eindrücke, die sie heute gehabt hatte. Und dazu Benjamins
ausführliche Erklärungen über Breslau! Jetzt sah Ella die Stadt mit
ganz anderen Augen. Sie war froh, bei ihrer Großmutter so viel
Verständnis zu finden.
Benjamin erging es ähnlich. Er war glücklich, ein so
nettes und natürliches Mädchen liebgewonnen zu haben, mit dem er in
den kommenden Wochen viel zu unternehmen gedachte. Daß seine Eltern
mit ihm und seinem Bruder Ende des Jahres Deutschland verlassen
wollten, daran mochte Benjamin gar nicht denken. Insgeheim spielte er
schon mit dem Gedanken, doch hier in Breslau zu bleiben.
Benjamin versprach Ella, sie am kommenden Sonnabend wieder
vom Zug abzuholen. Als sie sich verabschiedeten, fiel es ihnen schwer,
daran zu denken, daß sie sich eine ganze Woche lang nicht sehen
würden.
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