Ein Wiedersehen nach 59 Jahren mit Breslau
Meine erste Reise nach Breslau vom 14.7. bis 17.7.2003
Ein Reisebericht von Margot Marquardt
Inhalt
Schon jahrelang hatte ich einen Traum.
Schulferien bei meine Tanten in Breslau
Zerstörung der Stadt
Überwältig vom Wiederaufbau
Berühmte Breslau und Schlesier im Rathaus
Spaziergang durch das alte Breslau
Breslauer Wohnorte in Weißenburger Straße und in Carlowitz
Spaziergang von der Jahrhunderthalle zum Stadtgraben
HeimfahrtBilderserie von der Reise - zusammen gestellt von Frau Margot Marquardt. >> weiter ...
Schon jahrelang hatte ich einen Traum.
Ich wollte noch einmal Breslau sehen. Die Stadt, in der am 12.7.1928 meine Eltern geheiratet, mein Bruder und ich geboren und getauft wurden. Lange Zeit war dies nicht möglich. Dann entdeckte ich in einer Zeitung, dass Holiday-Reisen regelmäßig Busreisen nach Breslau anbietet. Da wusste ich, jetzt erfülle ich mir meinen Traum.
So fuhr ich am 14.7.2003 mit 15 weiteren Reisenden für 4 Tage nach Breslau. Als wir Breslau erreicht hatten, bekam ich Bedenken, ob es richtig war, diese Reise zu machen. Wie heißt es schon in einem alten Sprichwort:
Ein Traum ist manchmal schöner, als seine Erfüllung.
Aber dann, im schönen erst 2001 eröffneten Hotel mit nettem Personal, wurde ich schon etwas ruhiger.
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Aber immer noch aufgeregt, verpasste ich gleich den Termin für das Einführungsgespräch und kam erst, als alles schon vorbei war. Der Reiseleiter war aber sehr nett und erzählte mir das Wichtigste. Wir vereinbarten, dass er mich mit seinem Auto nach Carlowitz, zur Vorderbleiche und zur Weißenburger Strasse fährt.
Aber nun wolle ich endlich "mein" Breslau sehen. Ich marschierte los und wollte Geld umtauschen, aber was war? Meine Geldbörse lag noch in der Reisetasche. Zum Glück traf ich zwei Mitreisende die mir 20 Euro borgten, und so konnte ich Geld umtauschen. Es gab dann gleich die ersten Sprachschwierigkeiten. Die Bank tauschte nicht um, sondern schicke mich zu einer Wechselstube Der Angestellte der Bank, ganz stolz auf seine Deutschkenntnisse, schickte mich gerade aus und dann links herum, da wäre eine Wechselstube. Ich irrte 15 Minuten umher, dann ging ich zurück zur Bank und versuchte es mit gerade aus und rechts herum und tatsächlich, da war gleich die Wechselstube. Jetzt wollte ich die ersten Aufnahmen machen. Was war nur mit meinem Apparat los?? Ja, ohne Film kann selbst der beste Apparat und Fotograf keine Aufnahmen machen. Also ging ich zum Hotel zurück, holte die Filme und jetzt erfüllte ich mir meinen Traum.....

Ein Wiedersehen nach 59 Jahren mit Breslau, meiner Geburtsstadt. Mit welchen Erwartungen habe ich diese Reise in die Vergangenheit gemacht. Werde ich die Stadt als mein schlesisches Breslau wiedersehen, oder als das polnische Wroclaw? Aber als ich vor dem Rathaus am Ring stand, wusste ich sofort, dass es mein Breslau ist, meine Geburtsstadt. Da ist es mir egal, dass sie jetzt Wroclaw heißt. Es geht mir nicht um politische Zugehörigkeit, sondern nur um mich, um mein Breslau.
Schulferien bei meine Tanten in Breslau
Ich war noch klein, als meine Eltern von Breslau-Carlowitz nach Sobernheim und 1937 nach Berlin gezogen sind. Aber als Schulkind war ich oft in den Schulferien in Breslau bei meinen Verwandten. Ich besuchte Tante Emmi und Onkel Karl in ihrem Studentenheim an der Vorderbleiche und spielte mit meiner Cousine Inge im Garten und am Ufer der Oder (Inge wurde 1963 im Geschäft ihres Vaters in Hannover von Einbrechern erschossen). Aber auch die Besuche bei Tante Anni und Onkel Max waren immer etwas besonderes, denn als kleine Nichte aus Berlin wurde ich von allen sehr verwöhnt.
Im Herbst 1943 übersiedelte ich von Oberlangenau nach Breslau und wohnte dort bei Tante Martha in der Weißenburger Strasse. Für ein paar Monate ging ich auch in Breslau zur Schule. Genau so gern besuchte ich aber auch den Onkel und die Tante meiner Mutter, die "Zwieners". Sie hatten im Hauptbahnhof ein Süßwarengeschäft. Diese Beziehung war im Jahr 1943 schon etwas tolles. Oft war ich auch bei Tante Ida und ihren erst ein paar Monate alten Sohn Horst. So gab es viel Spaß. Nur das Weihnachtsfest 1943 war sehr traurig Ich hatte großes Heimweh und auch Tante Ida war sehr traurig, denn sie hatte lange nichts von ihrem Mann, Onkel Gerhard, gehört. Nun standen wir beide am Fenster und weinten bitterlich. (Onkel Gerhard ist am 19.11.1944 in Russland gefallen. ) Die Ostfront rückte langsam näher. So bin ich im Januar 1944 wieder zurück nach Oberlangenau gegangen und wohnte dort bei meinen Verwandten.
Zerstörung der Stadt
Doch zurück in die Gegenwart. In einer Breslauer Buchhandlung sah ich ein Buch über Breslau vor der Zerstörung, nach der Zerstörung und mit Bildern nach dem Wiederaufbau. Da packte mich eine richtige Wut über den Führerbefehl, der Breslau in den letzten Kriegsmonaten zur Festung erklären ließ.
Eine Stadt, in der noch viele Zivilpersonen lebten, dazu gehörten auch meine Tanten. Gauleiter Hanke versäumte es, die Bevölkerung rechtzeitig zu evakuieren. Erst am 28.1. 1945, als die sowjetischen Truppen immer näher rückten ordnete er an, dass Frauen, Kinder und alte Menschen sofort die Stadt zu verlassen hätten. Bei zwanzig Grad Kälte starben auf den Strassen viele Kleinkinder und alte Leute. Am 28.1 1945 ließ der Gauleiter den zweiten Bürgermeister von Breslau, Dr. Spielhagen, erschießen. Er hatte sich dem Befehl wiedersetzt und wollte , um die Menschen und die Stadt zu retten, Breslau zur "Offenen Stadt" erklären lassen Mitte Februar war die Stadt vollkommen eingekesselt. Aber noch immer lebten in der Stadt viele, viele Zivilisten. Soldaten und Volkssturm verteidigten die Stadt bis zur Kapitulation am 6.5. 1945. Viele Zivilisten und 6000 Soldaten starben in der Stadt.
Überwältig vom Wiederaufbau
Jetzt nach 59 Jahren gehe ich wieder über den Ring und bin überwältigt vom Wiederaufbau. Der Ring ist größer, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Jede Seite des Ringes hat ja seinen eigenen Namen.
- Im Süden ist die Goldene-Becher-Seite, benannt nach einem goldenen Becher am Giebel eines Hauses.
- Im Westen ist die Kurfürsten-Seite. Hier stiegen früher immer die feinen Besucher ab.
- Nordseite 1930 Nordseite 2003
- Im Norden ist die Naschmarktseite. Dort wurden immer Süßwaren verkauft
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Im Osten ist die Grüne-Röhr-Seite. Nach einem grünfarbenen Röhrenbrunnen benannt. Sie ist auch die berühmteste Seite, und der Ostgiebel des Rathauses ist das unverwechselbare Wahrzeichen der Stadt. Er stammt aus der Zeit der Gotik und wurde um 1500 vollendet. Die fast 50 Meter lange Südfassade ist ein Werk der Spätgotik und mit reichen Ornamenten versehen. In der Mitte der Südfassade ist der Eingang zum berühmten Schweidnitzer Keller. Das bekannte Schweidnitzer Bier, das dem Keller seinen Namen gab, gibt es leider nicht mehr und auch Onkel Karl bedient nicht mehr die Gäste. Am Gang in die Kellergewölbe ist der Spruch zu lesen:
Wenn mancher Mann wüsste, wer mancher Mann wär,
tät mancher Mann manchem Mann manchmal mehr Ehr!
Da mancher Mann nicht weiß, wer mancher Mann ist,
so mancher Mann manchen Mann manchmal vergisst.
Der Sage nach habe ein Kaiser hier in Bürgergewändern die Meinung des Volkes zu erfahren versucht. Als Worte der Kritik an seiner Amtsführung aufgekommen sein sollen, habe er diesen Spruch hinterlassen.
Berühmte Breslau und Schlesier im Rathaus
Am Eingang hängt eine Gedenktafel mit Namen berühmter Gäste z. B. Johann Wolfgang von Goethe, Ephraim Lessing, Frederic Chopin. Vielleicht steht auch bald der Name Margot Marquardt auf dieser Tafel!!!
Im Erdgeschoss des Rathauses sind die Büsten berühmter Breslauer und Schlesier aufgestellt, so zum Beispiel:
Langhans, Carl Gotthard - 1733 geboren und 1808 gestorben Er war Architekt und Baumeister und von 1788 an auch Baudirektor in Berlin. Er errichtete in Breslau das Hatzfeld Palais, das Tauentzien-Denkmal, die Bürgerwerder Kasernen und zahlreiche andere Bauten. Sein bekanntestes Werk ist aber in Berlin das Brandenburger Tor.
Langhans, Carl Ferdinand - 1781 in Breslau geboren und 1869 in Berlin gestorben. Er baute in Breslau zum Beispiel die Alte Börse und die Elftausend-Jungfrauen-Kirche
Lasalle, Ferdinand - geboren 1825 in Breslau und 1864 in Genf gestorben. Er war Mitbegründer der Deutschen Arbeiter Partei. Lasalle starb bei einem Duell in Genf und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Breslau begraben. Sein Grab wird auch heute noch gepflegt.
Borsig, August - geboren 1804 in Breslau und 1854 in Berlin gestorben. Er gründete in Berlin die erste Lokomotivfabrik.
Hauptmann, Gerhart - Dichter und Schriftsteller, geboren 1862 in Obersalzbunn und gestorben in Agnetendorf im Riesengebirge. Zu seinen bekanntesten Werken zählen u.a.: Vor Sonnenaufgang, die Weber, der Biberpelz die Ratten. Gerhart Hauptmann ist zum Symbol der schlesischen Menschen geworden, weil er das Schicksal der Vertreibung in den Jahren 1945/46 schwer krank erleben musste. Er starb in Agnetendorf und wurde nach seinem Tod nach Hiddensee überführt.
Im Erdgeschoss des Rathauses befinden sich die Gerichtslaube, die Ratsstube, der Grüne Saal und die Bürgermeisterstube. Eine breite Treppe führt in den ersten Stock. Der Treppenlift im Erdgeschoss wurde extra für Papst Johannes Paul II eingebaut. Der große Saal (Remter) ist dreischiffig und hat ein herrliches Netzgewölbe.
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Durch ein schönes Portal kommt man in den Fürstensaal. Hier huldigten 1741 die Breslauer ihrem neuen König Friedrich II.
Eine lustige Bildhauerarbeit ist über dem Eingang zum Schweidnitzer Keller zu sehen. Ein Angetrunkener wankt mit einem Bierkrug nach Haus und wird dort von seiner Frau mit erhobenen Pantoffel erwartet.
An der Westseite des Ringes wurde 1860/63 das Neue Rathaus angebaut. Im Keller dieses Rathauses ist das Restaurant Spiz untergebracht. Früher war hier der Ratskeller. Während im Schweidnitzer Keller Studenten, Handwerker und die einfachen Leute abstiegen, war der Ratskeller etwas für besser Betuchte.
Auf der Ostseite befindet sich der 1985 original rekonstruierte mittelalterliche Pranger, auch Staupsäule genannt. Obendrauf steht eine kleine Rolandsfigur, die Schwert und eine Rute in den Händen hält. Allerlei Gesindel, aber auch Bäcker die zu leichte Brote verkauften, Pferdediebe und untreue Frauen wurdenam Pranger dem Gespött der Bürger ausgeliefert.
Auf dem Platz vor dem Neuen Rathaus steht seit 2002 ein Brunnen.

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Die modernen Glaselemente reizten die Verantwortlichen des Denkmalschutzes. Der Streit mit der Stadtverwaltung dauerte fünf Jahre, dann einigte man sich auf einen einjährigen Probebetrieb, der nun wohl jedes Jahr stillschweigend verlängert wird.
Spaziergang durch das alte Breslau
Südwestlich vom Ring liegt der Salzmarkt (früher Blücherplatz). Auf dem Platz wurde im 15 Jh. mit Salz gehandelt, heute ist der Platz ein einziges Blumenmeer. Die schönen Patrizierhäuser stammen aus dem 18.Jh. Sie wurden im Krieg zerstört und nach alten Bauplänen wieder aufgebaut. Auf dem Platz befindet sich in einem ehemalige Bunker das "eleganteste Wc" der Stadt. Viele Cafes rund um den Platz laden mit leckeren Torten zum Verweilen ein.
Zwei weitere Hauptakzente, die der Altstadt ihre Höhepunkte geben ist die Dom- und Sandinsel und die barocke Oderfront der Universität.
Das Hauptgebäude der Universität ist der größte barocke Bau in Breslau. Der Musiksaal i m Erdgeschoss ist nach der Kriegszerstörung restauriert worden. Im Musiksaal der Universität haben auch schon Franz Liszt und Johannes Brahms Konzerte gegeben. Durch eine reich verzierte Tür gelangt man in die Aula Leopoldina. Die Aula ist neben ihrer beeindruckenden Ausstattung bekannt für ihre gute Akustik. Hier finden seit Gründung der Universität viele Feierlichkeiten statt.
Vor der Universität steht der bekannte Fechterbrunnen. Zur Einweihung gab es starke Proteste aus der Bevölkerung, weil man durch den nur mit einem Säbel bekleideten Fechter die öffentliche Moral bedroht sah. Heute ist der Brunnen ein beliebter Treffpunkt für die Studenten.
Vorbei am schönen Portal der Universität und durch den Torbogen mit den beiden Altaristenhäusern, im Volksmund auch Hänsel und Gretel genannt, führt der Weg direkt zur Elisabethkirche. Sie war die erste evangelische Kirche der Stadt. Die Kirche hat den 2. Weltkrieg fast ohne Zerstörungen überstanden. Sie verlor aber nach einem Brand 1977 die gesamte Inneneinrichtung.
Vor der Kirche steht ein Denkmal für Dietrich Bonhoeffer. Auf den in das Straßenpflaster eingelassenen Tafeln ist in deutsch und polnisch zu lesen:
"Dieter Bonhoeffer wurde am 4.2.1906 in Breslau geboren. Evangelischer Pastor und Theologe. Mitglied des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, Vorkämpfer der Ökumene und Märtyrer für den christlichen Glauben. Ermordet am 9.4.1945 in Flossenbürg.
Bei dem Denkmal handelt es sich um eine Kopie. Das Original steht in Berlin vor der Zionskirche, der Wirkungsstätte Dietrich Bonhoeffers.
Nicht weit von der Universität entfernt steht die Matthias-Gymnasial-Kirche. Sie gehört zu den kleinsten und ältesten gotischen Kirchen in Breslau. In dieser Kirche wurden am 12.7.1928 meine Eltern getraut.
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Weiter geht der Spaziergang zur Sand- und Dominsel, obwohl es gar keine Inseln mehr sind. Sie verloren ihren Inselcharakter durch die Zuschüttung des östlichen Oderarmes bereits im 19.Jh.Beide Inseln wurden im Krieg zu 70% zerstört. Auf der Sandinsel steht die Kirche Maria auf dem Sande, kurz Sandkirche genannt. Die gotische Kirche wurde 1343 bis 1425 gebaut, im Krieg fast vollständig zerstört und in ihrer ursprünglichen Form als gotische Hallenkirche mit Sternengewölbe wieder aufgebaut; die nachträglich Barockausstattung ließ man weg. In dem barocken Anbau ist die Universitätsbibliothek untergebracht. Im Frühjahr 1945 hatte die Militärführung der Festung Breslau in den Kellergewölben ihre Kommandostelle eingerichtet, die nach der Zerstörung in die Kellergewölbe der Liebichhöhe verlegt wurde.
Vor der Kreuzkirche steht eine große St. Nepomuksäule. Johannes Nepomuk war der Beichtvater der böhmischen Königin. Ein Relief erzählt seine Leidensgeschichte: Ein Engel hält den Finger auf den Lippen, ein Zeichen für Nepomuks Verschwiegenheit. Auch unter der Folter gab er kein Auskünfte. Man sieht, wie er in einem Sack verschnürt von der Prager Karlsbrücke in die Moldau geworfen wird.
Hinter der Dombrücke beginnt die Dominsel. An der Dombrücke stehen zwei Sandsteinfiguren. Auf der linken Seite die Heilige Hedwig, Schutzpatronin der Schlesier. Auf der rechten Seite Johannes der Täufer, der auch dem Dom seinen Namen gab. Beiderseits der Domstrasse stehen Kanonikerhäuser aus dem 16. N 17.Jh. Eins der Häuser ist jetzt ein Alterssitz für Priester. In weiteren Häusern ist die Caritas und ein Waisenhaus untergebracht.
In einem der Häuser verfasste Staatsrat Hippel 1813 den Aufruf an mein Volk, den König Friedrich Wilhelm III. im Breslauer Schloss unterschrieb. Das Schloss war einst die Residenz Friedrich des Großen und seit 1813 auch von König Friedrich Wilhelm III. Breslau war somit ein Mittelpunkt des Aufstandes gegen Napoleon. Hier stiftete der König auch das Eiserne Kreuz als neue Kriegsauszeichnung für Tapferkeit, ohne Rücksicht auf militärische Ränge.
Bis vor wenigen Jahren war die Dominsel noch ein ruhiges Fleckchen. Aber heute gehen selbst die Pfarrer kaum noch zu Fuß. Fast jeder besitzt inzwischen ein Auto.
Im Südschiff des Domes ist das Grab von Adolph Bertram zu sehen. Er war von 1914 bis 1945 der letzte deutsche Kardinal der Erzdiözese Breslau. Nach seinem Tod wurde er zunächst im Schloss Johannisberg in Mähren begraben. Am 9.11.1991 fand er seine letzte Ruhestätte im Dom.
Aber nicht alles ist erwähnungswert. So wurde der dritte große Platz in Breslau, der Neumarkt, vollständig zerstört und mit eintönigen Nachkriegsbauten bebaut. Die schönen alten Häuser, der bekannte Gabeljürge ( Neptunbrunnen) sind verschwunden.
Auf dem Rückweg besichtigte ich die Maria-Magdalenen-Kirche. Sie hat ein wunderschönes romanisches Portal. Im Krieg wurde sie nur leicht beschädig und erst nach Beendigung des Krieges zerstört. Ein russischer Soldat warf eine Handgranate in das als Munitionslager genutzte Gotteshaus und zerstörte es. Im Jahr 2000 wurde die Rekonstruktion der Brück zwischen den beiden Kirchtürmen vollendet.
Wer kennt nicht das Gedicht von Wilhelm Müller:
Der Glockenguss zu Breslau
War einst ein Glockengießer zu Breslau in der Stadt,
ein ehrenwerter Meister, gewandt in Rat und Tat.
Er hatte schon gegossen viel Glocken, gelb und weiß,
für Kirchen und Kapellen, zu Gottes Lob und Preis.
Und seine Glocken klangen, so voll, so hell, so rein;
Er goss auch Lieb´ und Glauben mit in die Form hinein.
Doch aller Glocken Krone, die er gegossen hat,
das ist die Sünderglocke zu Breslau in der Stadt;
im Magdalenentürme, da hängt das Meisterstück,
rief schon manch starres Herze zu seinem Gott zurück.
Breslauer Wohnorte in Weißenburger Straße und in Carlowitz

Mein Wiedersehen mit der Weißenburger Strasse war schon etwas wehmütig.
Sie ist eine alte und für das frühere Breslau typische Strasse. Bis auf wenige inzwischen abgerissenen Häuser stehen die anderen noch so, wie sie zu meiner Zeit und früher gestanden haben. Zum Teil sind noch Bombentreffer und Einschüsse zu sehen. Im Haus Nummer 2 wohnte Tante Martha und Onkel Herbert und vom Herbst 1943 bis Januar 1944 war es auch mein zu Hause. Traurig schaute ich zum Balkon und zu den Fenstern hoch und dachte an alle meine Breslauer, die nicht mehr leben. Nach meiner Reise habe ich erfahren, dass Horst, der 1943 in Breslau geborene Sohn von Tante Ida, im Juni 2003 durch einen Autounfall ums Leben gekommen ist.
Die zwei Halbinseln, die Vorderbleiche und die Hinterbleiche ragen weit in die Oder hinein. Auf der Vorderbleiche wohnten Onkel Karl, Tante Emmi mit ihrer Tochter Inge. Onkel Karl leitete dort ein Studentenheim. Heute sind die Inseln Grünanlagen.
Auf der Vorderbleiche, an der Holteihöhe, am Lehmdamm, dem Lessingplatz, am Schloss, auf der Dominsel und noch an vielen anderen Stellen standen schwere Geschütze und waren somit ein beliebtes Ziel der Bomber. Kein Haus auf den Inseln hat den Krieg überstanden. Nur das Haus am Anfang der Vorderbleiche ist stehen geblieben.
In Carlowitz wohnten meine Eltern von 1928 bis zu ihrem Umzug .
Carlowitz war ein gut bürgerlicher Vorort im Norden von Breslau und eine Beamten und Garnisonstadt mit vielen schönen Häusern und Villen. Sie wurde im Krieg nur wenig zerstört In den Kasernen sind heute polnische Soldaten untergebracht.
Spaziergang von der Jahrhunderthalle zum Stadtgraben
Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Taxi zur Jahrhunderthalle und zum Japanischen Garten.
Ursprünglich wurde der Garten 1913 als Bestandteil einer Gartenausstellung eröffnet. Die Grundform mit Teich, Hügeln und Wasserläufen blieb bis heute erhalten. Japanische Spezialisten halfen in den neunziger Jahren den Garten exakt nach fernöstlichen Grundsätzen zu gestalten. Nur zwei Monate nach den Eröffnung im Jahr 1997 überflutete das Oderhochwasser den Garten und richtete erhebliche Schäden an. Inzwischen sind sie wieder behoben.


Die Jahrhunderthalle wurde 1913 aus Anlass des 100. Jahrestages des Beginns der Befreiungskriege gegen Napoleon eröffnet. Die Kuppel hat eine Spannweite von 67 Metern, die lichte Höhe beträgt 42 Meter. Sie hat 2400 Fenster aus Messing und Mahagoni. Die Halle ist für 10 000 Besucher angelegt und hat 5000 Sitzplätze. An der Nordseite stand einst die größte Orgel der Welt, heute befindet sie sich im Breslauer Dom und ist jetzt nur noch die größte Orgel Polens.
Vor der Jahrhunderthalle ist ein künstlicher Teich angelegt. Nur wenig beschädigt wurde die Halle 1948 wieder in Betrieb genommen. Aus diesem Anlass wurde vor dem Eingang "Iglicia", eine 86 Meter hohe stählerne Nadel errichtet. An der Spitze befand sich ein Spiegelsystem, in das am Eröffnungstag der Blitz einschlug. Zwei Alpinisten benötigten 24 Stunden um die reflektierenden Teile abzumontieren.
Da für Fremde das Straßenbahnfahren etwas schwierig ist, ging ich zu Fuß zu unserem Hotel zurück. Ich überquerte die Passbrücke und wanderte immer an der Oder entlang bis zur Kaiserbrücke.
Sie wurde 1907 bis 1910 als Hängebrücke gebaut, ist 122 Meter lang und 18 Meter breit. Die Brücke mündet in die Kaiserstrasse, jene Strasse, auf der Gauleiter Hanke im Februar 1945 "seinen Flugplatz" anlegen ließ. Die Häuser wurden dafür gesprengt und eingeebnet.
Mein Spaziergang endete erst einmal an der Lessingbrücke. Am Lessingplatz nahe der Kaiserbrücke steht heute das Woiwodschaftsamt. Das Gebäude wurde 1937/38 als Sitz der damaligen Regierung in typischer NS-Bauweise gebaut. Im Krieg schwer zerstört wurde es wieder aufgebaut.


Eine kurze Pause machte ich im Hotel Tumski. Das Hotel liegt am Anfang der Vorderbleiche. Dort bewirtschaftete doch mein Onkel ein Studentenheim. Das Hotel Tumski wurde 2000 eröffnet und befindet sich in einem aufwendig sanierten Wohnhaus aus dem späten 19.Jh.. Es hat einen großen Sommergarten mit Blick auf die Oder und man konnte dort so richtig seine Seele baumeln lassen. Ich war wieder in meiner Jugendzeit und besuchte in Gedanken meine Tante und meinen Onkel in ihrem Studentenheim.
Dann machte ich einen Bummel zur Schweidnitzer Strasse. Ich besichtigte die Dorotheen-Kirche und die Taufkirche meines Bruders, die Corpus-Christi-Kirche.
Die Dorotheen-Kirche ist eine gotische dreischiffige Hallenkirche. Im Krieg zerstört und wieder aufgebaut. Sie hat eine Länge von 80 Metern. Als seltenes Meisterwerk des Rokokos gilt das Grabmal für den Freiherrn Gottfried von Spaetgen, das 1752/53 geschaffen wurde. Von den Töchtern des Freiherrn hat König Friedrich II das Spaetgenpalais gekauft und zu seiner Residenz gemacht. Wie schon erwähnt unterschrieb König Wilhelm III im Jahr 1813 den Aufruf an mein Volk und stiftete das Eiserne Kreuz. Das Schloss wurde im Krieg zerstört und wird nur teilweise wieder aufgebaut. Nach seiner Fertigstellung wird es als Museum genutzt.

Die Corpus-Christi-Kirche wurde gleich zu Beginn der Belagerung zerstört und 1958 wieder aufgebaut Leider ist von der prachtvollen Innenausstattung nichts mehr vorhanden. Einige Kunstwerke, u.a. der Altar, sind im Nationalmuseum zu sehen..
Nach ein paar besinnlichen Minuten in der Kirche machte ich einen Spaziergang immer am Stadtgraben (Podwale) entlang, mit einem Abstecher zur Hofkirche. Im Jahr 1750 fand in dieser Kirche der erste Gottesdienst statt.
Immer am Stadtgraben entlang kam ich zum deutschen Generalkonsulat. Es hat seinen Sitz in einer Villa. Die Villa wurde von 1898 bi 1902 vom Berliner Architekten Otto March in einer Mischung von Jugendstil mit neogotischen Elementen erbaut. In den 1940er Jahren hatte dort die Hitlerjugend ihren Sitz. Im Garten gibt es noch ein Massengrab für die während der Festungszeit sinnlos getöteten Jugendlichen.
Schon 1957 war die Vertretung der DDR in das Gebäude eingezogen. Mit der Wiedervereinigung fiel das Gebäude an die Bundesrepublik zurück und beherbergt jetzt das größte der vier Generalkonsulate in Polen. Eine schwarz-rot-goldene Fahne weist auf die heutige Bestimmung des Baues hin.


Weiter führte mich mein Spaziergang zur Liebichhöhe. Bis 1807 befand sich hier ein Teil der städtischen Befestigungsanlage. Der Kaufmann Adolf Liebich ließ hier 1866/67 zum Andenken an seinen verstorbenen Bruder auf dem Hügel ein Belvedere mit halbkreisförmigen Säulengang, Springbrunnen, Aussichtsturm und einem Restaurant errichten. In den unterirdischen Räumen der Bastion war bis Kriegsende die militärische Führung der Festung Breslau untergebracht. Turm und Pavillon wurden während der Kämpfe zerstört und nach dem Krieg wieder aufgebaut.
Heimfahrt
Aber wie schnell vergingen die vier Tage. Ich kann gar nicht alles aufschreiben, so hat mich das Wiedersehen und das wieder aufgebaute Breslau begeistert. Es waren Tage der Freude und Trauer. Wenn am Himmel viele kleine Wölkchen zu sehen waren glaubte ich, auf diesen Wölkchen sitzen: Tante Martha, Onkel Herbert, Tante Ida, Onkel Gerhard, Tante Anni, Onkel Max, Tante Emmi, Onkel Karl und Inge. Aber auf der größten Wolke sitzt mein Vater und alle freuen sich, dass ich nach Breslau gekommen bin.
Als uns unser Bus für die Heimfahrt abholte und aus Breslau herausfuhr wusste ich: Ich komme wieder.........