Erste Rückkehr nach Breslau-Wilhelmsruh 1991

Reisebericht von Brigitte Lange Spouse, 2008 veröffentlicht

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Am 04. Mai 1991 näherten mein Mann und ich uns, von einer britisch-polnischen Juristentagung in Lodz kommend, Breslau von Osten her. Ich hatte im Sommer 1944 im Alter von 4 Jahren mit Mutter und Bruder Breslau verlassen, um am Glatzer Schneeberg an einem für Kriegswitwen und -waisen organisierten Erholungslager teilzunehmen. Seitdem hatte ich meine Geburtsstadt nicht wiedergesehen. Aus 'Erholung' wurde damals ein endgültiger Abschied von Breslau und monatelange Flucht.

Nun sehe ich sowohl Breslau wie Glatz auf dem Straßenschild angezeigt. Es ist ein scheußlicher Tag, aber was macht's? Breslau ist nur noch wenige Kilometer entfernt, und das Gefühl der Spannung wird nahezu unerträglich. Wo werden wir in die Stadt einfahren? Werde ich überhaupt etwas wiedererkennen als Wegweiser 'nach Hause'? Moment mal: ich betrachte Breslau doch schon lange nicht mehr als 'zu Hause'….! Das war nach der Flucht jahrelang der Geburtsort meiner Mutter im Bergischen Land, und nun seit 25 Jahren unser Wohnort in Cornwall, England.

Aber jetzt, da wir in die Außenbezirke von Breslau kommen, empfinde ich tatsächlich die Nervosität einer 'Heimkehr'. Hier wurde ich geboren. Hier hatten mein schlesischer Vater und meine bergische Mutter sich ihr zu Hause aufgebaut in einer kurzen glücklichen Ehe. Hier hatte ich doch einmal so hartnäckig meine Wurzeln, dass ich mich als Schulanfänger weigerte, das 'Bergische Heimatlied' mitzusingen, das von 'wogender Wupper' und 'Wiege im Schatten der Eiche' sang.

Ich gehörte an die Oder!! Die hatte mein Vater als Junge in Neusalz, von Eisscholle zu Eisscholle springend, waghalsig überquert! Werden wir heute über die Oder kommen? Oder vielleicht über den Flutkanal, der Wilhelmsruh gegen Osten abschloss?


Der damalige Karl-Partsch-Weg am Kanal entlang

Da sehe ich Wasser, doch die Oder ist das wohl nicht! Aber:…das ist doch die Nakonzbrücke, unter deren Streben wir gerade hindurchfahren! Das muss sie sein…!! Genau so habe ich sie in Erinnerung. Hier sind wir doch immer 'rübergegangen zum 'Acker', wo meine Mutter als akademische Hausfrau nun notgedrungen auch noch Möhren, Kartoffeln und Salat zog. Und hier flog mir mein Sommerhut, von der Rader Oma handgemacht, über das Geländer auf Nimmerwiedersehn ins Wasser.


Ehemalige Nakonzbrücke - 1991

"Jetzt rechts abbiegen!!" ich schreie fast vor Aufregung….."hier sind wir richtig, hier muss es irgendwo sein! Ich weiss das ganz genau!!" Mein Mann biegt rechts ab. Hier war früher die Gegend der germanischen Götter: der Wotanweg…., wenn ich doch bloss die Namen lesen könnte….! Wieder nach rechts ging es in den Donarweg…Was steht da? Ludwika Krzywickiego? "Fahr da mal durch! Das muss der Donarweg sein! Hier wohnten Hillmann, Kollege meines Vaters und Freunde meiner Eltern…"

1991 1991
Ehemaliger Donarweg - 1991

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Donarweg 1941- Kinderschar bei Hillmanns vor der Haustür

Jetzt muss bald die Rechtskurve kommen, die ich seit Kindheit vor Augen habe und die uns in den Ägirweg führt. Diese Biegung am Ende der Straße erkenne ich sofort wieder! Hier durften wir als Kinder schon allein unterwegs sein, zwischen unserm und Hillmanns Haus.

1991 1991

1941 1941

Ehe wir an die Biegung kommen, sehe ich im Geist 'unser' Haus schon, bereite meinen Mann auf den Anblick vor, den ich selber seit 47 Jahren nicht mehr gesehen habe und den ich nun mit größter Spannung erwarte.

Da fällt mein Blick auf das Schild mit dem Straßennamen!

Straßenschild heute

Unser Ägirweg!!

Für meine Mutter, die leider diese Reise nicht mitmachen konnte (und auch nicht mehr mitmachen wollte) war dies die Adresse einer glücklichen Zeit, der nur allzu schnell 64 Jahre Witwendasein folgten. Das Leben im Ägirweg blieb jedoch in ihrer -und damit auch in unserer- Erinnerung immer hell und belebt von der Gegenwart meines Vaters, der schon vor meinem zweiten Geburtstag gefallen war.

Als wir die Biegung des Donarwegs hinter uns haben, liegt der Ägirweg vor uns. Diesmal nicht sonnig und hell, sondern irgendwie dunkel und verhärmt, belastet, so scheint es mir, von 47 jährigem Gebrauch ohne Pflege und Fürsorge. Und obendrein ist heute wirklich ein trüber Tag.

Aber: da ist es! 'Unser' Haus! Mein Geburtshaus. Haargenau und, wie es scheint, unverändert. Unverkennbar, schon aus der Entfernung! Wir fahren ganz langsam darauf zu. Zum Glück haben wir ein Auto mit polnischem Nummernschild und fallen deshalb nicht unangenehm auf in dieser stillen Straße, in der uns hier und da jemand aus einem anliegenden Grundstück aufmerksam beobachtet. Nur um 'unser' Haus ist keinerlei Leben festzustellen, so dass wir es, ohne aufdringlich zu erscheinen, genauer in Augenschein nehmen können.

Drei Familien lebten damals in diesem Haus: im ersten Stock war unsere Etage; im Erdgeschoss, das jetzt vergitterte Fenster hat, wohnte das Ehepaar (Dipl. Ing.) Franz und Clarissa Alwes, das zeitlebens gute Freundschaft mit meiner Mutter gehalten hat. Und dann noch die Familie Karrasch mit den Kindern Eva und Ulli.

1991 1991

1941 1941
Das Haus selbst gehörte dem Ehepaar Emil Schulz. Mit Eva und Ulli bei der Teppichstange

Ein Blick in den Garten rechts vom Haus (auf schwarz-weiß reduziert) bringt sofort Erinnerungen an die so sorgfältig erhaltenen Fotos, die meine Mutter auf die Flucht mitnahm. Wie hat sie die gehütet!

Am eindrucksvollsten ist für mich jedoch der Anblick des Gartentors und ganz besonders daran die Nummer 9. Die ist mir noch so vertraut! In knapp 50 Jahren hat sich nichts verändert, ist nur erheblich vom 'Zahn der Zeit' angegriffen! Ich steige aus dem Auto, stehe wie gebannt vor diesem Eingang .

1991 1941

Wir wissen nicht recht, wie wir uns verhalten sollen….! Schellen oder anklopfen will ich jedenfalls nicht! Und so steige ich wieder ins Auto. Wir fahren den Ägirweg entlang und biegen rechts in den ehemaligen Baldurweg. Das Eckgrundstück erweckt meine Aufmerksamkeit. Da steht doch tatsächlich noch immer mitten im Gebüsch des Gartens das altvertraute 'Schusterhäuschen'; so hieß das Gebäude bei uns (inzwischen ist es einem Neubau gewichen). Ich muss wieder aussteigen! Nur aus dem Auto gesehen kommt mir alles viel zu unwirklich vor. Vom Baldurweg aus, durch diesen Garten hindurch, konnte man früher die Rückseite unseres Hauses sehen: den Balkon mit Sonnenschirm vor dem Esszimmer …., meine Mutter, die nach uns Ausschau hielt…., die Teppich- oder Turnstange im Garten…..! Damals passte ich mit ausgestreckten Armen genau in den Zwischenraum der unteren und oberen Stange, eine kühne 'Turnübung', an die ich mich sehr genau erinnere, weil der Stolz, das ganz allein zu wagen, mir noch in den Knochen steckt! Ist das Haus etwa auch von hinten unverändert geblieben? Auf das Gartentor des 'Schusterhäuschens' zugehend, sehe ich eine Frau, die mich mit ziemlicher Zurückhaltung mustert. Jetzt kann ich mich nicht einfach davonmachen. "Do you speak English?" frage ich wie immer zuerst. Als die Frau mit Achselzucken reagiert, versuche ich es auf Deutsch. Daraufhin holt sie einen Mann herbei, der sehr gut deutsch spricht. Ich erkläre ihm, dass wir nicht etwa neugierig in ihren Garten gucken, sondern dass ich die Rückansicht des Hauses nebenan sehen wollte.

"Was interessiert Sie am Haus nebenan?" fragt er verständlicherweise. Und nun muss es heraus, dass das mein Geburtshaus ist. Er sieht mich aufmerksam an. Und dann seine Frage: "Wollen Sie das Haus sehen?" - Höre ich richtig? Erwartet hatte ich diese Frage bestimmt nicht! "Nein, nein", sage ich, "wir wollen niemanden stören!" "Sie stören nicht!" kommt die Antwort zurück…. "Kommen Sie mit!" Hinter ihm her biegen wir wieder in den Ägirweg. Jetzt schaut ein Mann oben aus 'unserm' Küchenfenster. R. spricht mit ihm, - - und Z. kommt herunter! Begrüßt uns fast wie alte Freunde! Bittet uns in den Garten!

Hinterm Haus steht tatsächlich am alten Platz die alte Teppichstange, unser Turngerät! Ich zeige Z. die Fotos, die ich bei mir habe. Er will wissen wie alt ich war, als wir weggegangen sind und erzählt, dass er 1946 im Alter von drei Jahren in diese Wohnung einzog und seither hier lebt.

Dass wir wirklich in diesem Haus gewohnt haben, beweist das Foto mit der 'Familien-Pyramide'. Z. macht mich darauf aufmerksam, dass der Umriss des 'Schusterhäuschens' im Hintergrund völlig unverändert ist, eine erstaunliche Tatsache, die dem alten Foto einen Hauch von Gegenwart gibt. Auf eigenartige Weise verbindet die Erinnerung mich, das damals knapp zweijährige Kind, mit dem fast gleichaltrigen Z., der nach uns in diesem Garten gespielt und an dieser auf dem Foto noch sichtbaren Teppichstange geturnt hat. Wir teilen, als uns völlig Fremde, das Empfinden, hier zu Hause zu sein.

"Wollen Sie die Wohnung sehen?" fragt er unmittelbar. Ich zögere. Ich zögere wirklich! - Kann ich diesen Gefallen akzeptieren? Kann ich die 'Heimkehr' so intensiv überhaupt ertragen? Schon jetzt muss ich mit Emotionen kämpfen, die ich mir nicht vorgestellt hatte. Das Familienfoto mit meinem Vater, so lange her und doch so gegenwärtig, hat sie verursacht. Soll ich wirklich oben unser ehemaliges Heim betreten, wo mein Vater auch abwesend so nahe war, dass meine Mutter nach seinem frühen Tod schreiben konnte:

"… brauch ich Kraft und Trost, du bist mir nah,
treu und herzlich, so als wärst du da!"

Jetzt verstehe ich auch, warum meine Mutter diese 'Heimkehr' nicht mehr mitmachen wollte.

Aber schon gehen Z. und R. voraus, und wir machen unsern Weg durchs Treppenhaus nach oben. Das Geländer gleitet durch meine Hand wie - so scheint es - vor unzähligen Jahren. Oben im Flur nehme ich nur Umrisse wahr. Ich will gar nicht alles genau sehen, nur erspüren, wie es damals war. Wir werden ins Wohnzimmer, unser damaliges Esszimmer, gebeten. Die Schiebetür zum Nebenraum bleibt geschlossen (dort war einmal das sogenannte 'Herrenzimmer'). Mein Blick fällt auf die Balkontür, und ich sehe - in meiner Vorstellung - rechts und links von der Tür die Möbel meiner Eltern stehen, Anrichte, Vitrine, und mitten im Zimmer den Tisch. Um etwas zu sagen…, ganz einfach um meiner Gefühle Herr zu werden, sage ich: "Wir hatten unsern Esstisch hier. Einmal marschierten mein Bruder und ich, mit Messern bewaffnet, singend um den Tisch herum und schlugen im Takt mit den Messerschneiden Kerben in die Tischkante, bis meine entsetzte Mutter unserm Singspiel ein Ende machte….".

"Wollen Sie den Tisch sehen?" fragt Z. "Die Möbel stehen oben in der Mansarde". Das geht mir nun wirklich unter die Haut! Es ist überwältigend, ein wertvolles Erbstück zu betasten oder die antiken Säulen im alten Ephesus zu streicheln, aber mit den Fingerspitzen diese Kerben in dem jetzt so ramponierten Tisch zu spüren, sie tatsächlich rundherum deutlich zu sehen, das ist unvergleichlich erstaunlicher! Anrichte und Glasvitrine sind auch noch da. "Stell dir vor", sage ich zu meinem Mann, "das hat tatsächlich meinen Eltern einmal gehört!" Z. und R. freuen sich, dass ich diese Dinge wiedererkenne: "Hier oben wohnte eine alte deutsche Frau, als wir einzogen," sagt Z. "Sie hieß Bender, oder so ähnlich… Wir dachten, das hätte ihr gehört." Mir ist Frau Bender nicht bekannt. Aber es tut irgendwie gut, zu wissen, dass 1946 jemand in unseren Sachen Zuflucht und Unterkunft gefunden hatte.

Wir bleiben nicht viel länger. "Wenn Sie wiederkommen, dann laden wir Sie zu Kaffee und Kuchen ein…" versichern Z. und R. "…und dann bringen Sie ihre Mutter mit!"

1991
Vor der vertrauten " 9 " verabschieden wir uns.

"Die Kinder von damals", möchte ich das Foto nennen. Wo kam Z. wohl her, als er mit drei Jahren in unsere Wohnung einzog? Ich habe ihn nicht gefragt, vermute aber, dass er, wie ich, 'umgesiedelt' wurde und in einer neuen Heimat Wurzeln schlug. Jedenfalls gab es zwischen uns keine 'zu bewältigende' Vergangenheit.

Ehe wir ins Zentrum von Breslau fahren, machen wir noch einmal eine kleine Runde und biegen zuerst erneut in den ehemaligen Baldurweg. Hier wohnte ein anderer Kollege meines Vaters, Lutz Beier, dessen Familie mit unserer befreundet war. Ich erinnere mich an ein Radrennen in dieser Straße, welches ich, auf dem Gepäckträger von Eva Beier sitzend, haushoch gewann. Gegen wen wir angetreten waren, oder was es als Siegerpreis gab, weiß ich nicht mehr…,es könnte ein Löffel voll Honig gewesen sein.

1991 1991
Ehemaliger Baldurweg 1991

Von dort führt uns der Weg noch einmal zur Nakonzbrücke und dann den Karl-Partsch-Weg am Kanal entlang. Bei uns hieß dieser Weg nur der 'Damm'. Als Kinder beobachteten wir vom Küchenfenster aus alles, was auf dem 'Damm' vor sich ging, und ich erinnere mich an gespenstische 'Visionen', die aber vielleicht alle nur in meiner Einbildung existierten.

Dort wandern wir nun entlang unter hochgewachsenen Bäumen und sehen noch einmal auf 'unser' Haus zurück, das mit dem Küchenfenster zu uns herüberblickt. Keine Vision hätte die Wirklichkeit vorausschauen können, die uns Breslauern bevorstand und in alle Welt verschlagen hat. Es scheint mir wie ein Wunder, daß nach so langer Zeit ein Zusammentreffen mit der Kindheit - und mit dem was man auch 'Heimat' nennt - doch wieder möglich geworden ist.

Zurück in Cornwall hole ich mein altes Schlesien-Buch hervor, in das meine Neusalzer Grosmutter mir folgende Widmung schrieb:

Brief

Wo Dir Gottes Sonne zuerst schien,
wo Dir die Sterne des Himmels zuerst leuchteten,
da ist Deine Liebe, da ist Dein Vaterland.

Wo das erste Menschenauge
sich liebevoll über Deine Wiege neigte,
wo Deine Mutter Dich zuerst mit Freude auf dem Schoße trug,
wo Dein Vater Dir die Lehre der Weisheit ins Herz gab,
da ist Deine Liebe, da ist Dein Heimatland.

 

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