Heimfahrt im 13. Jahr nach Breslau-Wroclaw!
Die 13 ist meine Glückszahl!
Geplant hatte ich eine kleine Frühlingsreise in die alte Heimat, denn in den 13 Jahren war ich mindestens schon 30 Mal in Breslau-Wroclaw und im Riesengebirge.
Doch es kam alles anders: Meine junge Freundin Malgorszata hatte einer Journalistin von mir und meinen Aktivitäten erzählt und ihr meine Email Adresse gegeben. Vor etwa 4 Wochen schrieb sie mich an, sie ist 28 Jahre alt und arbeitet auch für den deutschen TV - Sender RBB. Kinga, ihr Vorname, fragte ob sie mit mir ein Interview machen könnte. Ich sagte zu und verwies auf meine Kindergeschichte in dieser Homepage. Sie las sie sofort und war sehr interessiert.
Nach dieser kleinen Einleitung nun mein "Tagebuch" vom 5. - 12. Mai 2007.
Am Samstag, dem 5. Mai fuhr ich in Mainz um 16.00 Uhr Richtung Ffm ab. Dort holte mich der Bahnhofsdienst ab. Ich bin gehbehindert und der Zug nach Berlin fuhr etwa 10 Gehminuten entfernt auf dem letzten Gleis ab. Hier wurde schon eine Verspätung von 4 Min. angezeigt, doch das beunruhigte mich nicht. Mein reservierter Sitzplatz war am Fenster und die bekannte Landschaft durch die Rhön war mir vertraut. Der Zug hielt immer wieder unvermutet auf freier Strecke, nach Braunschweig wurden schon 12 Minuten Verspätung angesagt. In Berlin hatte ich nur 14 Minuten Zeit, um in den Zug nach Wroclaw umzusteigen. Ich quälte immer wieder die Zugbegleiterin mit meinen Fragen, denn was sollte ich machen wenn mein Anschlusszug weg war und wann fuhr überhaupt eine Bahn nach Wroclaw. - Schließlich beruhigt sie mich: "Ihr Zug wird wohl warten, denn wir haben sehr viele Passagiere für diesen Zug." Er fuhr über Wroclaw nach Krakow und Katowice. Es klappte auch, der Bahnhofsdienst brachte mich zum reservierten Liegewagenplatz und ich konnte mich ausstrecken. Es war sehr voll, aber der polnische Nachbar im Abteil sprach gut deutsch und wir unterhielten uns ein bisschen. Auch hier hielt der Zug einige Male auf der Strecke, so dass wir mit etwa 30 Minuten Verspätung in Wroclaw ankamen. Dort auf dem Bahnsteig wusste ich nicht weiter. Wo war der Ausgang, wo der Taxistand?
Um 5.00 Uhr morgens kaum ein Mensch auf dem Bahnsteig. Dann kam ein junger Mann, nur mit Aktenkoffer, ich fragte in meinem unbeholfenen Polnisch um Rat. Er antwortete deutsch: kommen Sie, ich helfe Ihnen! Er war Deutscher, wohnte und arbeitete in Wroclaw. Bis zum Taxifahrer half er mir, dann fuhr dieser mich ins Hotel. Ein junger Mann hatte Nachtdienst - sprach nur polnisch, doch mit Hilfe meines Passes konnte er das Anmeldeformular ausfüllen. Er brachte mich mit dem Gepäck auf mein Zimmer, und nach 14 langen Stunden war ich zu Hause angekommen. Nun aber keine großen Packereien mehr, ein bisschen frisch gemacht und ins Bett. Ein verspätetes Frühstück. Als ich ins Zimmer hochgehen wollte bekam ich einen wunderschönen Rosenstrauß mit meiner 2. Tasse Kaffee dazu. Malgorszata hatte im Dwor Polski Nachdienst gehabt und die Rosen früh morgens bei mir abgegeben. Koffer ausgepackt und dann ging es los zu einem kleinen Rundgang am Ring (Rynek). Ich musste unbedingt Geld wechseln, denn die wenigen Zloty -Reste vom letzten Besuch würden nicht lange reichen. Doch leider: alle Wechselstuben (Kantor) waren geschlossen, auch im Informationsbüro und bei der Reiseleitung. Da hat sich Vieles geändert, Noch vor einigen Jahren waren diese Ämter sonntags geöffnet und viele Geschäfte für einige Stunden. In meinem Lieblingscafe dem Mona Liza war eine Reisegruppe angesagt, sodass ich auch dort nicht den Kawe Late (Milchkaffee) und meine Lieblingssuppe Zurek bekommen konnte. Den Kaffee bekam ich dann in einem anderen Cafe am Rynek. Dann musste ich zurück ins Hotel, um 16.00 Uhr wollten Kinga, die Journalistin und ich uns das erste Mal persönlich kennen lernen. Bisher hatten wir uns seit einigen Wochen nur per Email ausgetauscht. Pünktlich traf sie ein, wir waren uns gleich sehr symphatisch und erzählten von unserem bisherigen Leben. Sie von ihrem Beruf, sie ist in Wroclaw geboren und studierte auch dort. Ich berichtete von der Kinderzeit und meinen vielen schönen Erlebnissen in den letzten 13 Jahren in Wroclaw. Da ich schon viele Termine für die nächsten Tage ausgemacht hatte, planten wie den Donnerstag und Freitag für Ihre Vorhaben mit dem Fernsehteam ein, Sie wollte mir die einzelnen Tagesabläufe noch präzise mitteilen. Gegen 20.00 Uhr verabschiedeten wir uns, denn ich musste mich noch für die Treffen am nächsten Tag vorbereiten. Eine herzliche Umarmung zum Abschied.
Am nächsten Morgen klappte dann so ziemlich Alles. Gleich nach dem Frühstück ging ich zum Ring. Die Wechselstuben öffnen meistens um 10.00 Uhr, deshalb sah ich mir noch einige Geschäfte an. Dann hatte ich auch meine nötigen Zloty im richtigen Portemonai. Ich habe 2 davon: eins mit Euro (das kam jetzt in den Safe im Hotel) und ein aktuelles mit Zloty. Ein paar Einkäufe, eine Kawe Late und zurück zur Mittagspause, denn um 14.00 wollte Sonja Stankowski aus Schweidnitz kommen. Dort wohnt und arbeitet sie jetzt. Als ich, meinen Zimmerschlüssel abholte sagte ich beiläufig: jetzt lege ich mich mal ein bisschen hin. Sonja kam unerwartet eine Stunde früher, und als Sie sich im Hotel meldete, sagte man ihr: Sie müssen später kommen, Pani Karla schläft jetzt! Also umrundete sie erst einmal die Uni, in der sie auch schon Kurse oder Vorträge gehört hatte. Ich ging dann 10 Minuten früher zum Empfang und Sonja war schon da. Wir kennen uns schon viele Jahre, sie hatte in Leipzig Slawistik studiert. Es war zwar kalt, aber kein Regen, sodass wir in der Nähe in ein Cafe neben der Uni gingen und uns über unsere Erlebnisse und Erfahrungen des letzten halben Jahres austauschten. Das letzte Mal hatten wir uns im Oktober 2006 getroffen, auch in Wroclaw. Die Zeit verging schnell, da wir beide im Herzen richtige Schlesier sind haben wir viele Gemeinsamkeiten trotz des Altersunterschiedes von über 40 Jahren. Dann hieß es auch schon wieder Abschied nehmen, denn um 18.00 Uhr erwartete ich meinen jungen polnischen Freund Marek Moson. Er arbeitet in Poznan und kam erst an diesem Tag wieder nach Wroclaw. Ich wusste, dass er dann am Dienstag- und Mittwochvormittag für mich Zeit haben würde und mich überall an meine Lieblingsplätze fährt. Auch er kam mit einem großen Rosenstrauß an. Wir setzten uns in den Kaffee - Raum des Hotels und besprachen unsere Pläne für den nächsten Tag und den Mittwochvormittag. Am Dienstag hatte ich schon einen festen Termin im Willy Brandt Zentrum, wo der Direktor, Dr. Ruchniewiec auf mich wartete. Er hatte nur zu diesem Zeitpunkt etwas Zeit für ein kleines Gespräch.
Doch vorher fuhren wir noch zur Galeria Dominikanska, ein riesengroßes Zentrum in der Stadtmitte mit vielen Etagen voller kleiner Spezialläden, Restaurants aller Nationen, von chinesisch, italienisch, deutsch und … und … und. Ich verlaufe mich jedes Mal und weiß nicht mehr in welchem Stockwerk nun der Laden war, wo ich eine deutsche Zeitung bekomme.
Pünktlich um 14.00 Uhr waren wir im WBZ, Krzyzstof kam auch gleich. Wir kennen uns seit 9 Jahren, damals war er - noch als Historiker - zu einem Kongress hier in Ingelheim. Auch Kinga die oft mit Krzysztof zusammen arbeitet, wollte von unserem Treffen Aufnahmen machen, doch ihr Kameramann stand nicht zur Verfügung. Im September wird im Breslauer Rathaus eine Ausstellung der Warschauer Kulturabteilung eröffnet. Das Thema ist:
Menschen einer Stadt! Breslauer und Wroclawer!
Vor einem halben Jahr hatte ich dazu ein Vidio- Interview, das auf der Ausstellung gezeigt wird. Falls Dr. Ruchniewiec da ist, wird er die Ausstellung eröffnen und ich werde dabei sein. Leider war seine Zeit recht knapp und nach ca. 40 Minuten mussten wir uns verabschieden. Dann fuhr mich Marek weiter zum Botanischen Garten. Er ist herrlich erholsam, wenn man nicht selbst fährt und alle vertrauten Gebäude, Brücken und Kirchen in Ruhe betrachten und genießen kann. Wir fuhren zu meinem geliebten Ogrod Botanieczne, dem Botanischen Garten. Wieder fiel mir ein, dass wir in der Schule gelernt hatten, dieser Botanische Garten und der in Leipzig sind die beiden Ersten die nördlich der Alpen angelegt wurden. Es ist eben auch wunderschön, dass er nicht am Rande der Stadt liegt, sondern auf der Dominsel, neben dem Dom - praktisch im ehemaligen Zentrum der entstehenden Stadt. Leider fing es ein bisschen an zu nieseln, doch Marek wollte unbedingt ein Foto von mir machen mitten in dieser schönen Anlage. Auf dem Rückweg gab es noch eine kleine Kaffeepause, dann verabredeten wir uns für Mittwoch, um noch einige Stunden zusammen zu erleben.
An diesem Tag rief auch mein amerikanischer Email-Freund aus Prag an. Wir kennen uns schon etwa 2 Jahre, haben regen Gedankenaustausch, hatten uns aber noch nie gesehen. Jetzt wollten wir uns in Wroclaw treffen. Leider musste er aus beruflichen Gründen absagen. Ich war sehr traurig, andererseits auch fast fassungslos über seine deutsche Sprache, ohne jeden Akzent. Er hatte in Deutschland studiert und hier auch einige Zeit gearbeitet. Jedenfalls war es auch wider ein ungeahntes Erlebnis endlich mal miteinander gesprochen zu haben. Am Mittwochvormittag hatte Marek wieder ein paar Stunden Zeit. Wie immer war morgens herrlicher Sonnenschein, doch als wir losfuhren zogen die ersten Wolken auf. Es ging zur Jahrhunderthalle, um noch einmal in den herrlichen grünen Arkaden einen Rundgang zu machen. Wir umrundeten auch den Teich, freuten uns über die kleinen Enten und die vielen Vögel die in großen Schwärmen darüber hinweg flatterten. Ich bekam Hunger, das Restaurant war geöffnet, allerdings wenig Gäste. Meinen geliebten Zurek gab es auch hier nicht. Ich aß deshalb eine kleine Portion Barszcz (Roterübensuppe). Das ist nicht so mein Lieblingsgericht, aber doch etwas Warmes. Am liebsten mag ich Gyrosz - ein Sauerkrautgerich - Golamki - Kohlrouladen mit Reis und Fleischstückchen gefüllt - und Zurek.
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Jahrhunderthalle |
Botanischer Garten |
Botanischer Garten |
Als wir gehen wollten begann es heftig an zu regnen, ein echtes Gewitter zog auf mit Blitz und Donner - und das Anfang Mai. Also noch eine halbe Stunde gewartet und dann zurück zum Hotel. Marek musste nach Hause um sich auf die Fahrt nach Poznan vorzubereiten und ich brauchte eine kleine Pause, denn um 15.00 Uhr wollte ich mich mit Malgorzata am Ring treffen Sie wartete schon auf mich, denn sie wusste, dass ich nur 1 1/2 Stunden Zeit hatte bis zum nächsten Treffen. Wie immer erzählte sie mir, was in der Familie und in ihrem Beruf in dem letzten halben Jahr los war. Ihre beiden Jungen, 6 und 4 Jahre alt würden gerne öfter mit der Mutti zusammen sein, doch Malgorszata arbeitet wieder (Teilzeit) im Hotel Dwor Polski. Die Kinder werden dann nach der Schule und dem Kindergarten von ihrer Oma betreut. Durch ihren Job im Hotel hat sie auch oft Kontakt mit ausländischen Gästen oder bekannten Leuten aus Wroclaw. Sie ist beinahe so etwas wie eine Kontaktperson für mich geworden und hatte auch das Treffen mit der Journalistin angestoßen. Als wir uns dann verabschieden mussten, wussten wir beide, dass wir auch beim nächsten Mal wieder gemeinsam Kaffee trinken würden.
Gegenüber diesem Cafe - vor dem Schweidnitzer Keller - stand auch schon Bozena, die Deutschlehrerin, die auch mit ihren Schülern bei mir in Mainz war. Sie ist sehr engagiert, organisiert Partnerschaften mit Schulen in anderen Ländern. Dieses Jahr war sie schon in Lettland und Griechenland. Ich bin ganz begeistert von diesen Projekten, die unter dem Motto stehen: Abbau der Fremdenfeindlichkeit. Gegen 20.00 Uhr trennten wir uns dann auch wieder. Am nächsten Tag stand dann das Projekt mit der Journalistin, ihrem Kameramann und Assistenten vom polnischen TV auf dem Plan.
Kinga war um 10.00 Uhr bei mir im Hotel, 10 Minuten später kam dann auch der Kleinbus vom TV - Wroclaw mit den Spezialisten und den üblichen Filmaufnahmegeräten. Zuerst fuhren wir zum Hauptbahnhof. Ich sollte meine Ankunft demonstrieren: Ich kam aus dem Hauptausgang mit meinem Koffer, ging ein paar Schritte zur Straßenkante, hob die Arme, guckte lächelnd auf die Häuser rundherum, hob die Arme und sagte: "Mein Wroclaw!" 5-mal musste ich das üben bis der Kameramann zufrieden war (wie bei richtigen Filmaufnahmen) Dann fuhren wir weiter ins Schwimmbad, mein geliebtes Halla. Auch hier hatte Kinga den Direktor informiert. Wir wurden in einem großen Konferenzraum empfangen und der Direktor wollte gleich wissen, warum ich so gerne in das Bad komme. Ich erzählte, dass ich schon mit 4 oder 5 Jahren mit meiner Mutti hierher kam. Mutti saß im Schwitzraum und ich planschte im Wasser. Mit 7 Jahren machte ich die Freiprobe und wir gingen im Sommer im Strandbad in Carlowitz und im Winter ins Halla schwimmen. Als ich 12 Jahre alt war, trat ich in den alten Schwimmverein ASV - Breslau ein. Bald gehörte ich zur Jugendmeistermannschaft und trainierte jeden Nachmittag. Im Sommer in Leerbeutel - heute Mors oko - und im Winter im Halla. 1944 wurde ich schlesische Jugendmeisterin im 100 Meter Brustschwimmen. Der Direktor schenkte mir eine große Badetasche mit einem Handtuch, einer Schwimmbrille und Badekappe, alles mit dem heutigen Emblem des Bades und eine Diskette vom Hallenbad. Leider konnte ich sie mir noch nicht ansehen, dazu brauche ich noch fachmännische Hilfe.
Dann gingen wir schwimmen. Man hatte ein kleines Becken extra geschlossen und das Wasser auf 32 Grad erwärmt. Ich zog mich um, die Kameraleute hatten sich aufgestellt und ich stieg ins Wasser. Ein paar kleine Hüpfbewegungen um mich einzuspielen, dann schwamm ich 4 Bahnen, einmal Brustschwimmen, dann Kraulen, einmal Rückenschwimmen und einmal auf der Seite. Die Journalistin, die Kameraleute, der Bademeister und der Rettungsschwimmer waren sehr zufrieden und meinten, jetzt wäre Schluss. Ich ging aber zurück zu den Startblöcken, stieg auf einen und sprang noch einmal mit einem gelungenen Starsprung ins Wasser. Alle riefen ganz erstaunt: Hurra, Hurra und klatschten. Wenn ich ehrlich bin, ich war auch ein bisschen stolz auf mich.
Dann stand wieder der Botanische Garten auf dem Programm. Kinga hatte auch für dieses Meeting die Direktorin bestellt. Sie sprach sehr gut deutsch, denn sie hat Kontakte mit den Kindern und Enkeln des ehemaligen Direktors dieser Anlage. Nach dem Krieg hatte sie ihn suchen lassen um von ihm etwas aus der Vergangenheit zu erfahren. Er lebte dann wohl nicht mehr lange aber die Kontakte mit der Familie verstärkten sich. Öfter fährt sie nach Stuttgart oder die jüngeren Leute kommen nach Wroclaw. Auch das erzählte sie mir vor der Kamera. (immer wieder aufs Neue geübt) Es gibt so viele interessante Begegnungen zwischen den Menschen aus beiden Ländern. Manchmal aus beruflichen Interessen, dann wieder auf kultureller Ebene, beim Sport oder einfach weil man sich gegenseitig sehr symphatisch findet, gerne vom eigenen Leben erzählt und beide Seiten bei diesen Unterhaltungen viel Neues lernen oder auch Denkanstösse für bislang unbekannte Gebiete erhält. Die Tage in dieser Stadt sind etwas ganz Anderes als ein Strandurlaub auf Mallorca. "Viel, viel mehr - und sehr viel wichtiger."
Jetzt hätte ich gerne eine kleine Pause gemacht, doch sie war nicht eingeplant und es ging weiter zur Jahrhunderthalle. Da der Stippbesuch einen Tag vorher mit Marek mit Blitz und Donner endete, war mir recht mulmig zu Mute. Es war aber wärmer und trotz vieler Wolken trocken, so dass ich mich recht gut gelaunt auf den Weg machte. Dieses Mal nur ein kleiner Spaziergang unter den Arkaden. Dann ging es rüber zur Halle, dem einzigartigen Kuppelbau, kein Mensch zusehen! Doch da kam wieder- von mir unvermutet - Malgorzata angeschlendert, Wir rannten auf uns zu und umarmten uns, denn mit einem nochmaligen Treffen hatte ich nicht gerechnet. (Kinga hatte es heimlich organisiert, um echte Freude aufnehmen zu können.) Das ist ihr auch gelungen. Wir unterhielten uns eifrig über unsere Treffen in den letzten 10 Jahren, so richtig entspannt und glücklich vor der Kamera und dem Mikrofon. Das war wohl der Plan des TV - Teams gewesen, denn nach einer knappen Stunde ging es zurück zum TV - Bus.
Dann folgte nochmals eine Fahrt quer durch die Stadt. Wir hielten in der Nähe der Junkernstrasse, dort wo vor 95 Jahren meine Oma ihren Modesalon eröffnete. Das Haus ist sehr gut erhalten, frisch gestrichen und ich zeigte allen, wo Oma ihrer adligen Landkundschaft, die neuesten Kleider, figurengerecht schneiderte. Sie filmten das natürlich auch. Lustig ist, dass im Erdgeschoss jetzt ein Modeladen ist. Dann brachte mich das Team zurück zum Hotel und wir verabredeten uns für den nächsten Morgen. - Ich war total kaputt und wollte mich nur gleich hinlegen. -Dann wollte ich aber noch das Fernsehen einschalten um auf 3 SAT die Tagesschau zu sehen. Da funktionierte die Fernbedienung nicht. - Ich ging zur Rezeption, um die Englisch sprechende Pani um Hilfe zu bitten. Sie kontrollierte die Batterien, und sie waren leer. In ihrer Schublade war kein Ersatz und sie sagte, erst am nächsten Abend bekäme sie neue. Ich stand hilflos, auch ärgerlich dort und merkte auf einmal, dass 4 ältere Männer hinter mir standen. Einer klopfte mir auf die Schulter und meinte, wir wohnen zwar nicht hier, aber wir sind Deutsche, können wir ihnen helfen? Ich versuchte kurz zu erklären worum es ging, da holte ein anderer Mann sein Handy aus der Tasche, entnahm ihm die Batterien und legte sie in meine Fernbedienung. Das Schönste meiner Wroclaw- Breslau-Woche - waren die vielen netten, hilfsbereiten Leute, überall!!
Ich überlegte, ob ich schon mit dem Packen anfangen sollte, doch dafür hatte ich bestimmt am nächsten Tag noch viel Zeit. Denn da stand jetzt nur noch der Besuch in der Viktoriaschule und zum Schluss das Treffen mit Pani Alicija auf dem Programm. Eigentlich hätte ich am Vortag ja lernen müssen, das Kinga für diese beiden Aktionen auch wieder viele Vorbereitungen getroffen hat: Der TV Wagen fuhr auf den Schulhof - offensichtlich dürfen sie überall parken, auch auf Plätzen wo sonst Parkverbot ist.
Wir gingen in die Eingangshalle, da kam uns auch schon eine junge Frau entgegen - ich denke es war die Sekretärin - und führte uns in das Vorzimmer der Direktorin. Wieder standen einige junge Frauen (Damen?) erwartungsvoll bereit. Einige auch mit Fotoapparat! Sie wurden mir alle vorgestellt mit Namen und ihrer Funktion an der Schule, alles auf Polnisch, so dass ich wenig verstand und mir die Namen auch nicht einprägen konnten. Wir saßen dann in gemütlicher Runde zusammen, die Kamera war eingeschaltet und Kinga übersetzte. Ich erzählte von meinen knapp 5 Jahre an dieser Schule, von Ostern 1940 bis Ende 1944, den damaligen Schulfächern, dem Ablauf der einzelnen Unterrichtstunden und den straffen Sitten. Meine Vorliebe für Sport und Mathe, und dass ich den Direktor gut kannte, weil ich oft bei ihm war, um an einem Samstag frei zubekommen, wenn wir mit dem Schwimmverein zu Wettkämpfen und Trainingslagern fuhren Dann berichtete ich, dass Direktor Fleck mir nach dem Krieg handschriftlich bestätigte, dass ich die Viktoriaschule besuchte und seine Unterschrift ist vom Bürgermeister seiner damaligen Stadt beglaubigt. Die Direktorin bat sofort um eine Kopie dieses Schreibens, die ich ihr auch schon zu geschickt habe.
Dann wurde ich in einen großen Klassenraum geführt, ein Sessel auf dem Pult stand für mich bereit und die Kamera war schon eingeschaltet. Dann kamen ca. 20 Schüler, viele Jungen, setzten sich in die Reihen und warteten. Ich begrüßte sie auf polnisch in meiner "alten Schule", sagte, dass ich vor 65 Jahren hier Unterricht hatte, Sie sollten mir einfach ihre Fragen stellen. Da kamen dann die üblichen Fragen: die Unterrichtsfächer, die Schulnoten, meine Lieblingsfächer, Hausaufgaben, das Verhalten der Lehrer und so weiter. Nach einer knappen Stunde gab es dann ein Abschiedsfoto und alle Schüler dankten mit Handschlag und einer kleinen Verbeugung.
Die TV - Crew hatte ihre Geräte schon verstaut, denn jetzt ging es zur letzten Station nach Carlowitz (Karlowice). Gegenüber unserem alten Haus gibt es einen sehr kleinen Parkplatz. Der Bus hielt hier und ich sagte dem Kameramann, dass er sein Gerät schon aufbauen sollte. Ich ging über die Strasse, zeigte auf das große Nummernschild an der Gartentür "48", drehte mich um und sagte auf Polnisch: "Tutaj jestem w domu." (Hier bin ich zu Hause.) Wir gingen in den Garten, unter den großen Lindenbäumen entlang zur Haustür. Ich klingelte und Pani Alicjia öffnete sofort. Oben in der großen Diele standen alle Zimmertüren offen, Domonika saß am Laptop und kam sofort angelaufen: wir umarmten uns, tanzten im Kreise. 3 Mal mussten wir das üben, bis die TV - Leute zufrieden waren. - Dann musste sie leider wieder weg. Wir besichtigten die ganze Wohnung, Ich zeigte auch mein früheres Kinderzimmer, in dem Dominika später wohnte. Jetzt hat sie eine eigene Wohnung in der Stadt. Dann lief alles ab wie in den letzten 13 Jahren. Wir saßen in der gemütlichen Ecke mit dem dunkelbraunen Sessel und Ledersofa. An der Wand dahinter eine kleine Ahnengalerie der Familie Kawala. Es gab Kaffee und Kuchen und wir erzählten beide von unseren vielen Treffen in den letzten Jahren, Pani Alicjia auf Polnisch und ich auf Deutsch. Dann musste ich noch in das Arbeitszimmer gehen und auf dem Laptop meine Geschichte von diesem Besuch anfangen zu schreiben. Das war schwierig weil ich mit der polnischen Tastatur nicht zu Recht kam, der Kameramann stand hinter mir da er meine ersten Zeilen aufnehmen wollte. Wir machten uns für die Abfahrt bereit, eine herzliche Umarmung:
"Do nastepnegu razu!"
(Bis zum nächsten Mal!)
Dann fuhren wir noch zum Freiburger Bahnhof. Darauf war ich nicht vorbereitet. Der Bahnhof existiert nicht mehr, es ist jetzt ein großes Einkaufszentrum. Doch die letzten ca. 200 Meter des Gebäudes stehen noch mit einigen alten Gleisen und Waggons Sofort wusste ich, was jetzt kommen würde: Ich ging auf dem Schleichweg durch das hintere Tor um in den Wagen einzusteigen, mit dem wir am 19. Januar 1945 in Richtung Hirschberg aus Breslau flüchteten.
Der Kreis hat sich geschlossen!!!
Dann fuhren wir zurück ins Hotel, Kinga wollte mich am nächsten Morgen zum Bahnhof bringen Es war noch nicht spät, so dass ich das Kofferpacken geruhsam erledigen konnte.
Am nächsten Morgen ging mein Zug 15 Minuten vor 12.00 Uhr vom Hauptbahnhof ab. Ich konnte in Ruhe frühstücken, die letzten Kleinigkeiten verstauen und meine Hotelrechnung bezahlen. Dann bedankte ich mich noch bei den hilfsbereiten Panis im Restaurant und an der Rezeption.
Kinga war wieder überpünktlich da, 10 Minuten später kam das Taxi. Wenn ich jetzt nicht Kingas Hilfe gehabt hätte, wäre ich am Bahnhof ganz schön ins Schwitzen gekommen. Sie brachte mich auf den richtigen Bahnsteig zu der Stelle wo der Wagen mit dem reservierten Sitzplatz einlaufen würde, brachte mein Gepäck bis dahin und musste schnell aussteigen. Aber der Zug fuhr bereits an, sie kam nicht mehr raus. Der nächste Halt sollte erst in Liegnitz sein. Mir war das sehr peinlich, jetzt musste sie so viel Zeit opfern. Doch dann hielt der Zug doch noch kurz an einem Bahnhof am Stadtrand. Kinga sprang heraus und winkte mir vom Bahnsteig aus zu. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Die Anschlüsse in Berlin und Ffm klappten trotz kleiner Verspätungen, der Bahnhofsdienst half mir immer und nach langer, langer Nachtfahrt kam ich dann kurz nach Mitternacht in Mainz an. Eine nette Mitfahrerin, die auch hier ausstieg, half mir mit dem Gepäck zum Taxistand und kurz nach 1/2 1.00 Uhr morgens war ich dann in meiner Wohnung. Das Gepäck hatte mir der Taxifahrer auch hereingebracht, so dass ich nur noch den Waschlappen rausholte, mich ein bissl abrubbelte und im Bett versank. Einschlafen konnte ich dann allerdings nicht.
Nach dieser interessanten Woche im 13 Jahr in Breslau- Wroclaw
Karla Postrach- Rast, Mai 2007