Eine Geschichte aus dem Jahr 1945 erzählt für Caroline

Neben der Barockkirche in Bad Warmbrunn standen zwei große, freistehende Wohnhäuser in identischem Baustil, nur durch kleine Gärten voneinander getrennt: Das Pfarrhaus und das Kantorshaus. Beide Wohnungen waren schon vor Kriegsende von den Amtsinhabern verlassen worden. Seitdem wohnte und arbeitete im Pfarrhaus, über den Büroräumen, Lic. Werner Schmauch und seine Familie. Vorher hatten sie in der Nähe von Breslau als Pfarrersleute gelebt. Und im Kantorshaus, über der Küsterswohnung und dem Probenlokal für den Chor, überließ man dem KMD Gerhard Zeggert und uns, seiner Familie, die eingerichtete Dienstwohnung. Schränke und Kommoden waren allerdings verschlossen.

Alle Räume und Vorräume gruppierten sich um eine große Diele. In deren hinterem Bereich wohnte in zwei Zimmern ein vornehmer alter Herr. Er machte sich mit uns bekannt als Pastor B., den die Ereignisse des Kriegsendes vor einigen Monaten auch hierher verschlagen hatten. Er lebte sehr zurückgezogen.

Wenn ich von meinen Streifzügen und Bettelgängen zum Haus zurückkam, betrachtete ich manchmal die Fensterfronten und überlegte, welche Zimmer sich jeweils dahinter befanden. Dabei konnte ich eines der Fenster aber keinem der Zimmer zuordnen.

Eines Morgens kam Pastor B. aus seiner Tür. Er wirkte sehr verstört und bat meine Mutti um Hilfe. Sie ging mit ihm durch seine kleine Wohnküche in seinen Arbeits- und Schlafraum und sah, dass er dort einen Schrank beiseite geschoben hatte. Dadurch war die Tür in ein weiteres Zimmer zu sehen. In diesem Zimmer hatte sich in der Nacht seine Tochter das Leben genommen. Er sagte, sie sei beim Einmarsch der russischen Soldaten mehrfach vergewaltigt worden. Seitdem habe sie ihren Lebensmut verloren und sich versteckt.

Meine Mutti hörte ihm zu und stand ihm bei. Ich war noch ein Kind, aber ich ahnte doch etwas von der Verzweiflung einer jungen Frau hinter jenem Fenster, das ich keinem Zimmer hatte zuordnen können.

Wenig später wurde das ganze Haus von der polnischen Miliz durchsucht. Dabei stießen die Männer mit ihren Gewehrkolben gegen alle Wände, um mögliche Hohlräume und Verstecke zu finden.

Im April 1946 begannen die Polen mit dem organisierten Abtransport der schlesischen Bevölkerung. Als auch wir gehen mussten, schenkte Pastor B. meiner Mutti zur Erinnerung ein Schmuckstück seiner Tochter: ein handgeschnitztes Kreuz aus Elfenbein an einer Kette von geschnitzten Rosen. Diese seltene Kostbarkeit rettete sie danach durch mehrere Plünderungen hindurch; sie hatte sie ins Futter ihres Mantels eingenäht.

Kreuz und Rosen
Ute Kopf-Zeggert mit Tochter Henrike, Aufnahme 1959

Seit meiner Konfirmation war die Kette in meinem Besitz. Ich trug sie zu den Tauffesten meiner drei Töchter. Im Jahr 1987 schenkte ich sie Dir, meiner Enkelin Caroline, zu deiner Taufe.

Lörrach, im Jahr 2003
Deine Großmutti

 

Empfehlung
  279.000 0nline
  Adreßbuch 1941
  Stadtplan 45
  Heimatbote Dez.11-Jan.12
  Christophoribote Dez.-Feb.12

Stammtische
  Berlin
  Düsseldorf
  Halle

Breslau-Land
  Information
  Orte
  Forum

  Gästebuch
  Forum
  Newsletter
  Eigene Suche