15 Jahre Breslau
15 Jahre Wroclaw

Reisebericht vom 13 - 18. Mai 2008

15 Jahre lang - von 1930 - 1945 habe ich als Kind in Breslau gelebt. In diesem Jahr 2008 beginnt das 15. Jahr in welchem ich regelmäßig nach Wroclaw zurückfahre. Damit schließt sich ein Kreis wunderschöner Jahre mit phantastischen Erlebnissen - im Rückblick betrachten - sehr positiv. 

1. Tag - zwei mal "Kawe Late"

Am 13 Mai ging es gegen Mittag in Mainz los, mit der S - Bahn zum Frankfurter Flughafen, wo mich leider niemand vom Hilfsdienst abholte, da der Zug auf einem anderen Bahnhof hielt. Mit einigen Schwierigkeiten, ungewollten Umwegen, traf ich an einem Infostand der Lufthansa einen hilfreichen Mitarbeiter, der sofort seine Kolleginnen informierte und dann wurde ich von einer Helferin zur nächsten mit dem Rollwagen über den Anmeldeschalter , der Check -In Kontrolle bis zum richtigen Warteraum weitergeleitet. Etwa 50 Minuten später sollte der Flieger starten, doch wir wurden nicht aufgerufen. Mit ca. 15 Minuten Verspätung kam dann der Zubringerbus, die Eurowings-Maschine stand bereit. Der Andrang war groß, die Maschine voll besetzt. Wir rollten langsam zur Startbahn und standen dort ca. 40 Minuten. Keine Mitteilung warum es nicht weiter ging, also wieder warten. Als die Maschine dann endlich startete, waren wir alle froh. Der Steward verteilte Brötchen, da ich sie nicht beißen kann, sagte ich ihm, das ich nur einen Schokoriegel möchte, davon hatte er einige dabei. Als er alle Fluggäste versorgt hatte brachte er mir noch eine Tüte voller Schokoriegel zum Mitnehmen. Das war der Anfang der vielen Geschenke die ich in der ganzen Woche bekam.

In Wroclaw landeten wir mit einer halben Stunde Verspätung, das Auschecken und die Gepäckkontrolle waren schnell erledigt. Draußen wartete schon Malgorzata mit einem riesengroßen Rosenstrauß auf mich. Sie hatte auch schon das Taxi bestellt ( und bezahlt ) und wir fuhren zum Hotel. An der Rezeption sprach die Pani nur Polnisch, Malgorzata erledigte alles, kam mit auf das Zimmer, zeigte mir die verschiedenen Einrichtungen. Wie gewohnt ein breites Bett, kleiner runder Tisch, Schreibtisch, Fernseher und Telefon und diesmal Toilette und Bad getrennt in 2 Räumen. Wir gingen beide noch runter ins Kaffee und verabredeten einen Termin für den nächsten Nachmittag, da wollten wir uns mit Malgorzatas ganzer Familie in der Stadt treffen. 

Anschließend habe ich dann den Koffer ausgepackt, ein halbes Stündchen geschlafen, und dann endlich der erste Rundgang am Rynek bei herrlichem Sonnenschein.Ich musste auch zum Kantor, von der letzten Reise waren nicht mehr viel Sloty übrig. Irgendwie im Unterbewusstsein muss ich geahnt haben wie oft ich in den nächsten Tagen eingeladen werde und wechselte nur einen kleinen Euro - Betrag. Dann noch im Lieblingsrestaurant meinen Zurek, 2 mal Kawe Late und zurück ins Hotel. Im TV war als vernünftiger deutscher Sender 3 Sat eingespeist, so dass ich um 19.00 und 20.00 Uhr die Nachrichten sehen konnte. Danach habe ich noch im TV Wroclaw den Wetterbericht gesehen und wusste am ersten Abend das ich wohl die ganze Woche Sonnenschein genießen werde. Wie sich später zeigte, nicht nur am Himmel sondern auch im Herzen.

2. Tag - Vom Interview zum Terrassenkaffee am Rynek

Am ersten Morgen dann zum Frühstück ins Hotel-Cafe " TET A TET. Das reichliche Büfett interessiert mich ja nicht, aber die nette Pani hatte schnell verstanden, das ich zum Müsli und dem Kaffee einen kleinen Krug warmer Milch brauche. Das klappte dann auch an den nächsten Tagen. Um 10.00 Uhr wollte Grzegorz Sobel anrufen, Der neue e-mail Bekannte wollte sich mit mir treffen. Ich hatte ihm seit einigen Monaten über alte Breslauer Restaurant, Kneipen , Konditoreien berichtet, da er ein Buch darüber schreiben will. Da ich im Zimmer die Telefongespräche schlecht verstand, ging ich zur Rezeption. Da wartete schon ein junger, netter Mann, es war Grzegorz. Wir gingen zusammen in ein kleines Cafe und unterhielten uns 2 Stunden. Er sprach sehr leise, ich verstand ihn kaum. Da schrieb er mir seine Fragen auf einen Zettel und ich antwortete dann ausführlich, alles natürlich auf deutsch. Er war an meinen Schilderungen aus der Kindheit in allen Bereichen damals interessiert und auch an meinen Erlebnissen jetzt in Wroclaw. Nach 2 Stunden musste er wieder zum Dienst zurück, er arbeitet in der Bibliothek- Ich habe wieder einen neuen, jungen Freund gefunden.

Die nächsten Stunden habe ich dann mit einem Stadtbummel verbracht: Einkauf im Kaufhaus Fenix, ein Spaziergang auf der Swidnica, ein Kaffee am Place Solny, dabei trifft man auch deutsche Touristen, denen ich viel von der Stadt erklären konnte .Ein kurzes Gespräch mit der Blumenhändlerin. Sie erzählte mir in gebrochenem deutsch, das ihre Tochter in Frankfurt arbeitet. Dann gab es die kleine Ruhepause, denn um 17.00 Uhr kam Malgorzata mit ihrer ganzen Familie zu mir ins Hotel. Sie waren pünktlich da, Malgorzata, ihr Mann Andrzej, die beiden Jungen Konrad und Filip und die Oma. Sie hatten alle eine große rote Rose für mich in der Hand und Oma Maria noch eine Tüte mit Kuchen und Süßigkeiten ( damit war ich für die ganze Woche versorgt.) Wir gingen in ein Terrassenkaffee am Rynek, die jungen aßen Eis mit Früchten und alle Erwachsenen tranken Kaffee und suchten sich ihren Kuchen aus. Die Jungen tobten überall herum, Andrzej machte Fotos von uns , ich kenne Malgorzata schon 10 Jahre. Damals als sie noch nicht verheiratet war, war sie auch mal einige Tage bei mir in Mainz. Um 20.00 Uhr gingen sie dann alle nach Hause und Malgorzata lud mich noch zum Mittagessen für den nächsten Tag bei sich ein. Ich ging zurück zum Hotel, das übliche Abendprogramm: TV, ein bisschen lesen und um 23.00 ins Bett.

3. Tag - Einblick in das normale Leben in Schlesien und Wroclaw

Den nächsten Vormittag wieder im Sonnenschein verbummelt. Ich hatte mir ein Taxi bestellt und war pünktlich zum Mittagessen bei Malgorzata. Die Kinder waren noch in der Schule und wir konnten uns über unseren Alltag hier und in Wroclaw ausführlich unterhalten. Nach etwa 2 Stunden musste Malgorzata die Jungens von der Schule abholen und ich fuhr mit dem Taxi zurück. Der Nachmittag und der nächste Morgen waren terminfrei .Durch die vielen Spaziergänge und Unternehmungen schlief ich abends immer sehr gut ein und träumte dann nachts von den schönen Begegnungen am vergangenen Tag. Als ich mal in den Spiegel schaute , fiel mir auf, dass ich schon einen braunen " Sommerteint " hatte. 

Donnerstag kam abends um 19.00 Uhr Sonja Stankowski aus Swidnica. Auch sie kenne ich gut 10 Jahre. Wir trafen uns mal bei einem Wochenendseminar in Ingelheim am Rhein. Damals studierte sie noch Slawistik in Leipzig. Wir trafen uns in großen Abständen bei deutsch-polnischen Veranstaltungen und hatten immer Kontakt. Vor 2 Jahren ist sie aus Leipzig weggezogen und hat sich in Schweidniz - Swidnica als Dolmetscherin selbständig gemacht. Sie gibt auch Deutschunterricht an 2 Gymnasien in Wroclaw, begleitet polnische Großkaufleute zu Konferenzen in Deutschland und hat damit ein vernünftiges Einkommen. Für mich ist es immer interessant von ihrem Alltag Neues zu hören, es gibt mir wieder Einblicke in das normale Leben in Schlesien und Wroclaw. Wir gingen zusammen Abendessen und haben uns dann fast 4 Stunden unterhalten, bis Sonja wieder nach Hause fuhr.

4. Tag - Von der Viktoriaschule  zum Ostrow Tumski 

Um 11.00 Uhr war ich bei der Direktorin meiner alten Viktoriaschule eingeladen. Dabei war auch eine Deutschlehrerin, so dass wir ein ausgiebiges Gespräch führen konnten. Nicht nur über alte und jetzige Schulzeiten sondern sie wollte viel von meinen heutigen Aktivitäten wissen .Als ich erzählte, dass ich im September wiederkomme, sagte sie: Bitte schreiben Sie mir rechtzeitig in welcher Woche Sie da sind, Wir haben eine Klasse die nächstes Jahr ihr Abitur auf deutsch machen wird. Bitte kommen Sie dann zu uns und erzählen auf deutsch den Schülern was Sie bisher alles gemacht haben. Also schon der 1. Termin für September, prima. 

Die Mittagspause war wieder sehr lang. Ich lief hinunter zur Odra, an der Uni vorbei und setzte mich in der Nähe der Hala Targowa - Markthalle - auf eine Bank am Oderufer. Über den Flussarm hinweg konnte man schon die Dominsel erkennen, mit den beiden Türmen des Doms. In der Hala Targowa wieder viel Betrieb an den Blumenständen, doch ich muss immer gleich hoch an die Decke schauen. Es ist ein freitragender Kuppelbau wie die Jahrhunderthalle, nur nicht so mächtig.

Um 5 Uhr nachmittags wollte mich Bozena abholen, sie kam auch pünktlich zum Hotel. Sie hatte eine ältere deutsche Dame dabei, die zur Kur in Cieplice - Bad Warmbrunn - war und Bozena an diesem Tag in Wroclaw besuchte. Die alte Dame ging mit 2 Krücken, konnte noch schlechter laufen als ich. Bozena fuhr mit uns zum Ostrow Tumski, damit wir den Dom von innen besichtigen können. Dort angekommen fing es auf einmal heftig an zu regnen, wir gingen also nur in ein Kaffee. Wie immer wurden wir beiden Deutschen eingeladen. Dann fuhren wir zum Busbahnhof, denn die Dame - sie kam aus der Nähe von Heidelberg - musste mit dem Bus zurück in ihren Kurort.

Jetzt waren die Strassen wieder total verstopft, es dauerte sehr lange bis wir dort waren, doch der Bus war noch da. Wir verabschiedeten uns,  Bozena fuhr mit mir zu sich nach Hause. Dort wartete Jurek schon auf uns und wollte mir sofort das Abendessen servieren. Langsam wissen alle, das ich nur wenig esse und so durfte ich mir aus dem großen Angebot eine kleine Portion Reis mit einer Geflügelroulade aussuchen. Als ich dann mit Bozena darüber sprach, dass ich immer eingeladen werde, auch im Restaurant, wohin ich meine Freunde einladen wollte, erklärte sie mir, dass es für einen Polen einfach unmöglich sei, sich von Gästen einladen zu lassen, das müsste man selber tun. Da habe ich wieder etwas Neues von der Mentalität erfahren. Wenn ich mich mit deutschen Touristen über die Stadt unterhielt , sagten sie alle: das Schönste ist die Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft der Menschen hier ( denn so ist es in Deutschland leider nicht ) Gegen 20.00 Uhr fuhr mich Jurek zum Hotel. Als wir zur Haustür herausgingen um ins Auto einzusteigen, kam eine Kollegin von Bozena. Sie begrüßte mich in sehr gutem deutsch und erzählte davon wie viel sie schon von mir gehört und gelesen hat. Ich schlug ihr vor, das wir uns im September auch mal treffen sollten, um uns in Ruhe zu unterhalten.

Mit Marek unterwegs



Foto 2008


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5. Tag  - Besuch des Botanischen Gartens und einer Studentenkneipe

Das war nun der vorletzte Abend im Hotel, Ich holte schon mal den Koffer hervor und packte alle dreckige Wäsche und die vielen Geschenke ein. Eigentlich blieben nur die Sachen für den Samstag und dann die Heimfahrt am Sonntag übrig. Mit Marek war ich morgens um 10.00 verabredet, er kam auch schon früher. Das Wetter war wieder sehr warm uns sonnig und wir fuhren zur Jahrhunderthalle.. Ungewöhnlich, dass ich meinen Lieblingsplatz erst am letzten Tag aufsuchte. Dort war es auch recht leer, aber die Bäume und Sträucher um die Arkaden blühten in vielen Rottönen. .Das ist der Vorteil im Mai; in Mainz beginnen die Frühjahrsblumen langsam zu welken und in Wroclaw zeigen sie sich in voller Pracht .Der gewohnte Rundgang und dann ein kleines Mittagessen auf der Terrasse. Marek machte sehr viele Fotos von mir, einige hat er mir schon per e-mail geschickt. Dann ging es noch zum Botanischen Garten- Ogrod Botaniczne - da war ein Riesenandrang, keine Möglichkeit um noch einen Kawe Late zu trinken. Im dichten Verkehr fuhr mich Marek zurück zum Uni - Cafe, er musste sich leider verabschieden weil ein anderer Besucher auf ihn wartete. Unser Treffen war dieses Mal leider sehr kurz.

Ich hatte jetzt im Uni-Cafe noch reichlich Zeit, denn Kinga wollte mich erst um 17.00 Uhr treffen. Da hatte ich aber mit den Terminen etwas falsch verstanden, sie war schon um 13.00 da. War mehrmals wiedergekommen, hatte Marek dann per Handy erreicht, als ich schon alleine im Cafe saß. Statt eines vollen Nachmittags blieben uns jetzt nur ein paar Abendstunden. Die Treffen mit Kinga sind für mich aufschlussreich da sie als Journalistin mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun hat. In dieser Woche war sie wieder mal in Warszawa, hatte auch ein kurzes Seminar besucht, denn in der folgenden Woche sollte sie einen Journalisten- Aspiranten aus Deutschland betreuen, der noch kein Wort polnisch sprach. Ich bin gespannt was sie darüber berichten wird.

Wir gingen dann in eine Studentenkneipe wo es alles sehr, sehr billig ist was es zu Essen und zu Trinken gab. An einer Kasse bestellt man nach einem ausgehängten Speise und Getränkeplan die einzelnen Produkte, bezahlt dort und auf dem Bon sind alle bezahlten Dinge aufgeführt, die man an der Theke abholen kann. Kinga hat das für uns beide erledigt, alles zusammen habe ich ca 7 Sloty bezahlt, das sind knapp 2.50 Euro.

Unsere Unterhaltung dauerte dann bis 22.00 Uhr, Kinga wollte noch mit dem Aspiranten telefonieren und ich packte im Hotel meinen Koffer fertig. 

Abreisetag

Am nächsten Morgen hatte ich reichlich Zeit, deshalb das Frühstück etwas später. Die anderen Gäste waren schon weg und ich unterhielt mich - auf deutsch - mit der netten Pani an der Theke. Sie war ganz erstaunt als ich von meiner Kindheit in Breslau und meinen jetzigen Aufenthalten erzählte. Dann bezahlte ich die Hotelrechnung, das Teuerste der ganzen Reise, selbst der Flug war nur halb so teuer.

Mein Koffer ging kaum zu schließen, ich musste noch als Handgepäck eine Tragetasche dazu nehmen, wegen der vielen Geschenke. Kinga hatte mir ein deutsches Buch geschenkt: "die Farben der Erde" von Myra Mclarey. Das sollte meine Reiselektüre sein. Um 11.30 Uhr holten mich Bozena und Jurek ab, zum Lotport ist es ein weiter weg. Beide begleiteten mich noch zum Flugschalter und zur Gepäckkontrolle, dann verabschiedeten wir uns. Im Warteraum war der Flug nach Frankfurt schon angezeigt, es gab auch eine kleine Theke , ich holte mir noch einen Kaffee .Etwa eine halbe Stunde später wurde bekannt gegeben, das der Flieger ca 20 Minuten Verspätung hat. Um diese Zeit landete er auch, aber ehe das Gepäck ein und ausgeladen ist dauert es wieder lange, wir standen mit dem Zubringerbus schon neben der Maschine, doch die Wartung für den Rückflug war noch nicht abgeschlossen. Als wir dann eingestiegen waren - jetzt war der Flieger nicht voll besetzt - rollte er auch langsam zur Startbahn und mit ca. 40 Minuten Verspätung hoben wir ab.

In Frankfurt kamen wir dann mit 20 Minuten Verspätung an. Mit dem Hilfsdienst klappte es wieder nicht, ich nehme an, das Reisebüro hier in Mainz hat das verschlampt. Nach einigem Umherirren fragte ich einen Polizisten ob er mir helfen könnte. Er rief den Flughafendienst an und ein Mann brachte mich dann zur Gepäckausgabe wo mein Koffer schon ewig rumgerollt war. Dann fuhren wir mit seinem Rollwagen zur S - Bahn Station. Der nächste Zug nach nach Mainz kam eine halbe Stunde später. Am Mainzer Hauptbahnhof half mir ein Fussball-Fan zum Taxistand. Am Bahnhof eine riesige Menge Fans, viel Polizei, es hatte gerade ein Spiel Mainz gegen Kaiserslautern stattgefunden. Das Taxi war dann um 17.00 Uhr in Mombach, der Fahrer brachte mir das Gepäck in die Wohnung, Meine Reise war beendet.

Es waren nur 5 Tage, doch die vielen unterschiedlichen Erinnerungen gehen mir auch heute noch durch den Kopf. Ich habe immer Schwierigkeiten mich hier wieder an den Alltag zu gewöhnen. Aber in 4 Monaten - im September geht es wieder in die Heimat.

Karla Postrach-Rast, Mai 2008
e-mail: kapora@web.de

 

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